AfD-Chefin Alice Weidel hat in einem Interview mit dem britischen Wirtschaftsmagazin The Economist weitreichende Forderungen zur deutschen Außen- und Migrationspolitik formuliert: Deutschland solle die Unterstützung der Ukraine beenden, wieder enger mit Russland zusammenarbeiten und Millionen Flüchtlinge in ihre Herkunftsländer zurückschicken. Im Oktober 2026 stellte sie sich dazu im Bundestag in Berlin den Fragen von Economist-Chefredakteurin Zanny Minton Beddoes. Besonders deutlich wurde Weidel bei der Rückkehr syrischer, afghanischer und ukrainischer Flüchtlinge sowie bei ihrer Ablehnung weiterer deutscher Hilfen für Kiew. Zugleich versuchte sie, die AfD gegenüber einem internationalen Publikum als wirtschaftsliberale, migrationskritische und außenpolitisch pragmatische Partei darzustellen.
Ukraine: Deutschland soll die Unterstützung beenden
In der Außenpolitik stellt Weidel einen Grundsatz über die bisherigen deutschen Verpflichtungen gegenüber der Ukraine: „Deutschland zuerst.“
Die AfD-Vorsitzende sprach sich gegen die Fortsetzung der umfangreichen finanziellen und militärischen Unterstützung für Kiew aus. Deutschland habe bereits mehr als 100 Milliarden Euro für die Ukraine aufgewendet, behauptete sie, und gefährde mit seiner Politik zunehmend die eigene Sicherheit.
„Es ist nicht unser Krieg“, sagte Weidel. Die deutsche Außenpolitik müsse ausschließlich daran gemessen werden, ob sie den nationalen Interessen diene.
Zwar verurteilte sie den russischen Angriff auf die Ukraine ausdrücklich und bezeichnete das Land als souveränen Staat. Zugleich erklärte sie den Krieg aus ukrainischer Sicht für nicht gewinnbar.
„Die Ukraine kann gegen Russland nicht gewinnen. Das ist unmöglich“, sagte Weidel.
Als Beddoes nachfragte, ob sie tatsächlich sämtliche deutsche Finanz- und Militärhilfen einstellen wolle, wich Weidel einer ausdrücklichen Ja-Nein-Antwort aus. Stattdessen verwies sie erneut auf die bisherigen Kosten und erklärte: „Ich stelle die Interessen meines Landes an erste Stelle. Deutschland zuerst.“
Die Economist-Chefredakteurin hielt dagegen, dass die Ukraine sich gegen einen russischen Angriff verteidige und ohne internationale Unterstützung ihre Unabhängigkeit kaum bewahren könne.
Weidel verlangte stattdessen einen stärkeren diplomatischen Druck auf die ukrainische Führung, um Verhandlungen zu erzwingen. Auch russische Sicherheitsinteressen müssten bei einer Friedensregelung berücksichtigt werden.
Russland: Sanktionen beenden und wieder Energie beziehen
Mit ihrer Haltung zum Ukrainekrieg verbindet Weidel eine grundsätzliche Änderung der Beziehungen zu Moskau.
Sie kritisierte die europäischen Sanktionen gegen Russland und sprach sich dafür aus, wieder russisches Öl und Gas zu beziehen.
Während US-Präsident Donald Trump mit Wladimir Putin über wirtschaftliche Beziehungen spreche, verzichte Deutschland auf vergleichbare Möglichkeiten, argumentierte sie.
„Wir wollen dasselbe für Deutschland, weil wir unsere Energiekosten senken müssen“, erklärte Weidel.
Auf die Frage, ob Russland auch für andere europäische Staaten eine militärische Bedrohung darstelle, gab sie keine direkte Einschätzung ab.
Stattdessen wiederholte sie, deutsche Außenpolitik müsse an nationalen Interessen ausgerichtet werden.
Als Beddoes auf russische Angriffe gegen ukrainische Städte und mögliche Gefahren für NATO-Mitglieder verwies, lenkte Weidel das Gespräch auf die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines und die historische Erweiterung des westlichen Militärbündnisses.
Sie bezeichnete die Zerstörung der Pipelines als terroristischen Angriff auf deutsche Infrastruktur und kritisierte, dass die Bundesregierung nach ihrer Darstellung andere Sicherheitsbedrohungen stärker gewichte.
Außerdem warf sie westlichen Staaten vor, russische Sicherheitsbedenken über viele Jahre nicht ausreichend berücksichtigt zu haben.
Beddoes widersprach der Darstellung, dass vor allem die westliche Politik für die Fortdauer des Krieges verantwortlich sei. Sie verwies auf Russlands Angriff im Februar 2022 und die anhaltenden Bombardierungen ukrainischer Städte.
Migration: Alle Syrer sollen zurück – auch Ukrainer nach Kriegsende
Noch deutlicher als bei Russland formulierte Weidel ihre Vorstellungen zur Migrationspolitik.

„Remigration bedeutet für uns die konsequente Anwendung und Durchsetzung des geltenden Rechts“, sagte Weidel.
Menschen ohne Aufenthaltsrecht, abgelehnte Asylbewerber und ausländische Straftäter müssten Deutschland verlassen.
Beddoes fragte daraufhin nach den Forderungen anderer AfD-Politiker, Millionen Menschen zurückzuführen. Ob auch legal in Deutschland lebende Menschen betroffen wären, wollte die Journalistin wissen.
Weidel verwies auf den Wegfall von Fluchtgründen und wurde am Beispiel Syriens grundsätzlich:
„Hundert Prozent der syrischen Staatsbürger müssen in ihr Land zurückkehren, weil der Krieg in Syrien beendet ist.“
Auch für Menschen aus Afghanistan verlangte sie Rückführungen. Ukrainische Flüchtlinge müssten Deutschland verlassen, sobald der Krieg in ihrem Heimatland beendet sei.
Zusammengenommen sprach Weidel von „vier bis fünf Millionen“ Menschen, die Deutschland verlassen müssten.
Ob tatsächlich bei sämtlichen Betroffenen die rechtlichen Voraussetzungen für eine Aufenthaltsbeendigung vorliegen, erläuterte sie nicht. Nach deutschem Recht hängen Aufenthalts- und Schutzansprüche unter anderem vom jeweiligen Status und den individuellen Umständen ab. Ein Kriegsende führt nicht automatisch zum Wegfall sämtlicher Aufenthaltsrechte.
Weidels pauschale Forderung ging damit über ihre anfängliche Beschreibung der Remigration als bloße Durchsetzung bereits bestehender Ausreisepflichten hinaus.
Fachkräfte willkommen – aber was ist mit syrischen Ärzten?
Die Economist-Chefredakteurin konfrontierte Weidel anschließend mit einem Widerspruch: Deutschland benötige ausländische Fachkräfte, gerade auch im Gesundheitswesen. Syrische Ärzte seien bereits heute ein wichtiger Bestandteil der medizinischen Versorgung.
Warum sollten diese Menschen zurückgeschickt werden, wenn gleichzeitig Personal fehle?
Weidel unterschied daraufhin zwischen dem Asylsystem und der gezielten Einwanderung qualifizierter Arbeitskräfte.
„Jeder Ausländer ist in Deutschland willkommen“, sagte sie zunächst, bevor sie ihre Aussage einschränkte.
Willkommen seien Menschen, die arbeiten, Steuern zahlen, zur Gesellschaft beitragen und keine Straftaten begehen.
„Wir brauchen sie natürlich“, erklärte Weidel über ausländische Fachkräfte. Deutschland sei wegen seiner demografischen Entwicklung auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen.
Damit blieb offen, wie eine AfD-geführte Bundesregierung mit Menschen umgehen würde, die ursprünglich als Flüchtlinge eingereist sind, inzwischen aber arbeiten und dauerhaft in Deutschland leben.
Streit um muslimische Fachkräfte und kulturelle Zugehörigkeit
Beddoes griff auch eine Formulierung aus dem Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt auf. Darin wird eine Abhängigkeit Deutschlands von „kulturfremden Fachkräften“ abgelehnt.
Die Journalistin wollte wissen, ob Weidel diese Position teile.
Die AfD-Vorsitzende distanzierte sich nicht ausdrücklich von der Formulierung. Stattdessen verteidigte sie den dahinterstehenden Gedanken anhand vermeintlicher Integrationsprobleme.
Sie verwies auf Beispiele aus dem Polizeidienst, bei denen muslimische Männer weiblichen Kollegen aus religiösen Gründen nicht die Hand gegeben hätten.
Auch bei Ärzten sei entscheidend, dass sie Patientinnen respektierten und Frauen als gleichberechtigt anerkennten.
Auf die Nachfrage, ob Deutschland deshalb weniger Menschen muslimischer Herkunft aufnehmen solle, antwortete Weidel:
„Nein, das sage ich nicht.“
Entscheidend seien Integration und Verhalten, nicht die Religionszugehörigkeit.
Auch die Hautfarbe dürfe keine Rolle spielen, betonte sie und verwies dabei auf ihre eigene Partnerin.
„Was zählt, ist Leistung. Wir brauchen ein leistungsorientiertes System“, sagte Weidel.
Europa: Reform der EU statt eindeutiger Austrittsforderung
Auch in der Europapolitik versuchte Weidel, die Position ihrer Partei gegenüber dem internationalen Publikum einzuordnen.
Beddoes erinnerte daran, dass die AfD in ihrem Bundestagswahlprogramm den Austritt Deutschlands aus dem Euro vorgesehen hatte.
Weidel widersprach der Darstellung, ihre Partei wolle grundsätzlich aus der Europäischen Union oder der Gemeinschaftswährung ausscheiden.
„Das ist falsch. Unser Programm besagt, dass wir zunächst die Europäische Union reformieren wollen“, erklärte sie.
Ihr Ziel sei eine Gemeinschaft souveräner Staaten mit einem gemeinsamen Freihandelsraum.
Die Kompetenzen müssten stärker auf die Mitgliedstaaten zurückverlagert werden. Weidel kritisierte insbesondere die Europäische Kommission, die ihrer Ansicht nach zu weitreichend in Wirtschaft und Gesellschaft eingreife.
Auf wiederholte Nachfragen, ob Deutschland den Euro tatsächlich verlassen solle, legte sie sich nicht eindeutig fest.
Stattdessen sprach sie über die Stabilität der Währung, die Schulden anderer Mitgliedstaaten und die Notwendigkeit verbindlicher finanzpolitischer Regeln.
Als Beispiel für den Umgang mit der EU verwies Weidel auf den früheren britischen Premierminister David Cameron, der Reformforderungen mit der Möglichkeit eines Austritts verbunden hatte.
Ein solcher Kurs führte in Großbritannien letztlich zum Brexit.
AfD und Rechtsextremismus: Weidel weist Vorwürfe zurück
Zum Ende des Interviews ging Beddoes auf rechtsextreme Positionen innerhalb der AfD ein.
Sie verwies unter anderem auf das Wahlprogramm der Partei in Sachsen-Anhalt und auf die Verurteilung des Thüringer AfD-Politikers Björn Höcke wegen der Verwendung einer nationalsozialistischen Parole.
Weidel bestritt, dass rechtsextreme Strömungen innerhalb ihrer Partei eine Rolle spielten.
„Wir haben keine Extremisten in unserer Partei. Wir sind keine extremistische Partei“, erklärte sie.
Den Vorwurf, Höcke habe eine nationalsozialistische Parole verwendet, stellte sie infrage. Die juristische Verurteilung Höckes wegen der Verwendung der verbotenen SA-Parole „Alles für Deutschland“ blieb davon unberührt.
Beddoes fragte mehrfach nach, ob die AfD-Vorsitzende tatsächlich ausschließen könne, dass es in ihrer Partei Politiker mit nationalsozialistischen oder faschistischen Überzeugungen gebe.
Weidel hielt die Anschuldigungen für unbegründet und warf Kritikern vor, die AfD durch Bezüge zur NS-Zeit politisch diskreditieren zu wollen.
Brandmauer zur CDU: Keine Kompromisse bei den Kernforderungen
Auch über die Möglichkeiten einer Regierungsbeteiligung wurde gesprochen.
Beddoes wollte wissen, ob Weidel zu politischen Kompromissen bereit wäre, sollte die CDU ihre bisherige Ablehnung einer Zusammenarbeit mit der AfD aufgeben.
Weidels Antwort fiel knapp aus:
„Warum sollten wir?“
Politik sei häufig eine Frage von Kompromissen, entgegnete die Journalistin.
Weidel erklärte daraufhin, dass bei den zentralen Positionen ihrer Partei keine Zugeständnisse vorgesehen seien.
„Bei unseren wichtigsten Punkten, die ich dargelegt habe, gibt es keine Kompromisse“, sagte sie.
Die CDU müsse sich zuerst bewegen. Sollte sie dies nicht bald tun, werde sie politisch weiter an Bedeutung verlieren, behauptete Weidel.
Damit verband die AfD-Vorsitzende ihre im Interview formulierten Forderungen zur Ukraine, Russland und Migration mit einer klaren Bedingung für eine mögliche Regierungszusammenarbeit: Nicht die AfD solle ihre wesentlichen Positionen ändern, sondern die Union ihre Haltung gegenüber der Partei.

