Bundestag will mehr Entwicklungshilfe – 10 Milliarden Euro im Gespräch

Erst übergeben Hilfsorganisationen 100.000 Unterschriften, einen Tag später werden ihre Warnungen im Bundestag zitiert. Nun wackelt die geplante Kürzung des Entwicklungsetats – doch Bundesrechnungshof und AfD stellen zugleich die Verwendung der Milliarden grundsätzlich infrage.

Im Bundestag wächst der Druck, die geplante Kürzung des Entwicklungsetats zurückzunehmen und den Haushalt des Bundesentwicklungsministeriums wieder in Richtung zehn Milliarden Euro anzuheben. Am 9. September 2026 beriet das Parlament den Etat für das kommende Jahr. Vor allem in der SPD wird der Regierungsentwurf inzwischen offen infrage gestellt, Grüne und Linke verlangen deutlich mehr Geld, während die Union auf Sparzwang, stärkere Kontrolle und klarere deutsche Interessen pocht. Gleichzeitig erhöht ein breites Bündnis aus Hilfsorganisationen den politischen Druck – und trifft damit auf einen Bundesrechnungshof, der ausgerechnet bei Wirksamkeit, Kontrolle und Transparenz erhebliche Defizite sieht. 

Der Regierungsentwurf sieht 9,47 Milliarden Euro für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung vor. Das wären rund 587 Millionen Euro weniger als 2026 und 5,8 Prozent weniger als im laufenden Haushalt. Würde das Parlament diese Kürzung vollständig zurücknehmen, läge der Etat wieder bei gut zehn Milliarden Euro. Eine formale Einigung der Koalition auf diese Summe gibt es bislang nicht. Doch dass der Regierungsentwurf im parlamentarischen Verfahren noch einmal aufgeschnürt wird, machte die Debatte ungewöhnlich deutlich. 

Kürzungen werden angezweifelt

Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan selbst verteidigte die Kürzungen nur zurückhaltend. Die Spielräume würden kleiner, sagte die SPD-Politikerin, die Regierung habe „schmerzhafte Entscheidungen“ treffen müssen. Zugleich warb sie für eine starke Entwicklungspolitik und setzte ausdrücklich auf die weiteren Beratungen im Parlament. 

Deutlicher wurde ihr Parteikollege Felix Döring. Als er den Regierungsentwurf gesehen habe, habe er „schwer schlucken“ müssen, sagte der SPD-Abgeordnete. Der Koalitionsvertrag sehe zwar eine angemessene Absenkung der deutschen Entwicklungsausgaben vor. Eine niedrigere Quote ließe sich bei wachsender Wirtschaft jedoch selbst mit einem stabilen Etat erreichen. Über das Wort „angemessen“ müsse deshalb noch gesprochen werden. „Genau dieser Ball liegt jetzt bei uns“, sagte Döring mit Blick auf das Parlament. 

Damit liegt eine Rückkehr in die Größenordnung des diesjährigen Budgets politisch auf dem Tisch, auch wenn sich die Regierungsfraktionen über den Umfang nicht einig sind.

100.000 Unterschriften – einen Tag später landen NGO-Sätze im Plenum

Der Druck auf die Abgeordneten kommt nicht nur aus den eigenen Fraktionen. Einen Tag vor der Bundestagsdebatte übergaben 16 Hilfs- und Entwicklungsorganisationen rund 100.000 Unterschriften gegen weitere Kürzungen an SPD-Fraktionschef Matthias Miersch und den stellvertretenden Unionsfraktionsvorsitzenden Klaus Mack.

Zu dem Bündnis gehören unter anderem Brot für die Welt, CARE Deutschland, Misereor, Oxfam, Welthungerhilfe, das International Rescue Committee, ONE Deutschland, Terre des Hommes und Aktion gegen den Hunger. Sie fordern nicht nur eine Rücknahme der Einschnitte. Der Dachverband VENRO verlangt für das Entwicklungsministerium mindestens 11,2 Milliarden Euro und für die humanitäre Hilfe des Auswärtigen Amts mindestens 2,8 Milliarden Euro. 

Wie unmittelbar diese Kampagne inzwischen in der parlamentarischen Debatte angekommen ist, zeigte sich am Rednerpult.

Die Grünen-Abgeordnete Schahina Gambir machte die Botschaften der Organisationen selbst zum Inhalt ihrer Rede. Sie zitierte ONE mit dem Satz „Die Welt brennt und Deutschland spart bei der Feuerwehr“, VENRO mit der Warnung, der Haushalt werde „Menschenleben kosten“, und die Kirchen mit der Formel: „Die Kürzungen von heute sind die Krisen von morgen.“

Der Lobbydruck der Hilfsorganisationen bleibt damit nicht vor den Türen des Bundestages. Ihre Argumente und Formulierungen werden im Plenum von Abgeordneten aufgegriffen und weitergetragen.

Die Kampagne trifft dabei auf einen politischen Resonanzraum, der über die Grünen hinausreicht. Sanae Abdi von der SPD forderte, zivile Ukraine-Hilfen ebenso wie militärische Unterstützung unter die Ausnahmeregelung der Schuldenbremse zu fassen. Das Entwicklungsministerium müsse dann nicht mehr, wie sie es formulierte, zwischen Heizkraftwerken für die Ukraine und der Bekämpfung von Ebola im Kongo entscheiden. 

Auch Claudia Roth verlangte ausdrücklich, die Kürzungen zurückzunehmen. Sie verwies auf den weitgehenden Rückzug der USA aus der internationalen Entwicklungsfinanzierung und warnte davor, dass Deutschland parallel seine eigenen Beiträge reduziert. 

Die Union hält dagegen – und wird selbst von den NGOs bearbeitet

Gerade bei der CDU und CSU stößt die Forderung nach zusätzlichem Geld jedoch auf Widerstand.

Nicolas Zippelius verteidigte den Sparkurs. Fast 9,5 Milliarden Euro seien weiterhin erhebliche Mittel. Weniger Geld bedeute nicht automatisch weniger Wirkung. Die Entwicklungszusammenarbeit müsse stärker priorisieren und ihre Strukturen überprüfen.

Eine Ausweitung der Ausnahmen von der Schuldenbremse auf Entwicklungszusammenarbeit lehnt Zippelius ab. Wer im gesamten Bundeshaushalt Einsparungen verlange, könne den eigenen Politikbereich davon nicht ausnehmen. 

Das macht die Übergabe der NGO-Petition auch politisch interessant. Klaus Mack gehörte zu den beiden führenden Koalitionspolitikern, die am Vortag die rund 100.000 Unterschriften entgegengenommen hatten. Im Bundestag verteidigte der CDU-Abgeordnete anschließend zwar grundsätzlich die Entwicklungszusammenarbeit, verband sie aber mit einer klaren Forderung nach Umbau.

Programme müssten messbare Ergebnisse liefern. Projekte, die ihre Ziele nicht erreichten, müssten beendet werden. Entwicklungspolitik solle außerdem stärker deutschen und europäischen Wirtschaftsinteressen dienen, Rohstoffpartnerschaften ausbauen und Unternehmen neue Märkte erschließen. 

Thomas Rachel schlug einen ähnlichen Ton an. Die Frage, ob im Ausland zu viel Geld mit zu wenig Nutzen ausgegeben werde, müsse ernst genommen werden. Entwicklungspolitik bleibe notwendig, doch Akzeptanz entstehe nur, wenn Projekte nachvollziehbaren Nutzen hätten und in das Gesamtbild eines angespannten Bundeshaushalts passten. Über den endgültigen Etat wolle die Union in den kommenden Beratungen weiter verhandeln. 

Damit ist die Tür für Veränderungen nicht geschlossen. Die Union verbindet zusätzliche Spielräume aber wesentlich stärker mit Effizienz, wirtschaftlichem Nutzen und politischen Prioritäten als SPD, Grüne oder Linke.

Bundesrechnungshof liefert den Kritikern Munition

Genau in diese Auseinandersetzung fällt ein Bericht des Bundesrechnungshofs an den Haushaltsausschuss. Während Hilfsorganisationen und Teile des Bundestages über mehr Geld sprechen, stellt die oberste Finanzkontrolle des Bundes die Frage, wie zuverlässig Milliarden im bestehenden System gesteuert und kontrolliert werden.

Ein besonders auffälliger Fall ist der sogenannte Power-to-X-Entwicklungsfonds. Das Entwicklungsministerium zahlte bereits 2022 insgesamt 270 Millionen Euro ein, um Projekte für grünen Wasserstoff in Entwicklungs- und Schwellenländern zu fördern.

Mehr als drei Jahre später hatte der Fonds noch keinen einzigen Zuschuss an ein Förderprojekt ausgezahlt. Nach der Hälfte der vorgesehenen Laufzeit waren lediglich 6,4 Millionen Euro unter anderem für Dienstleistungen und Verwaltung angefallen. Der Bundesrechnungshof bezeichnet den Fonds in seiner derzeitigen Form als „ineffizient und ungeeignet“, das angestrebte Ziel zu erreichen. 

Das Ministerium argumentiert, die frühe Bereitstellung der 270 Millionen Euro habe ein Signal an den entstehenden Wasserstoffmarkt senden sollen. Der Bundesrechnungshof hält dagegen, ein solches Signal hätte auch mit einer verbindlichen Finanzierungszusage erreicht werden können, ohne das Geld bereits vollständig aus dem Bundeshaushalt abfließen zu lassen. Weitere optional vorgesehene 80 Millionen Euro sollten nach seiner Empfehlung nicht ausgezahlt werden, bevor der Fonds neu ausgerichtet ist. 

Auch bei Projekten der finanziellen Zusammenarbeit fand die Rechnungsprüfung Probleme. In einer Stichprobe von 30 Vergabeverfahren in 18 Ländern stellte sie vergaberechtliche Verstöße und Dokumentationsmängel fest, besonders bei Aufträgen ohne Wettbewerb und Direktvergaben. Das Ministerium hat zugesagt, gemeinsam mit der KfW die Verfahren besser zu dokumentieren und die Empfehlungen umzusetzen. 

Diese Feststellungen stützen nicht die pauschale Behauptung, Entwicklungsgelder seien insgesamt unwirksam. Sie zeigen aber, dass die Debatte über zusätzliche Milliarden gleichzeitig eine Debatte über Kontrolle, Auswahl und Folgekosten der Projekte ist.

Weniger Geld – aber zugleich weniger Informationen für den Bundestag

Noch schärfer ist die Kritik des Bundesrechnungshofs bei der Transparenz.

Das Entwicklungsministerium will mehrere bisher getrennte Programme in einer neuen Titelgruppe zusammenführen. Sie soll 2027 ein Volumen von rund 1,1 Milliarden Euro haben. Gleichzeitig sollen bisherige Berichtspflichten entfallen.

Der Bundesrechnungshof warnt, dass Abgeordnete dadurch künftig deutlich weniger Informationen erhalten könnten. Weil das Ministerium innerhalb dieser Titelgruppe unterschiedliche Instrumente, Partner und Finanzierungsformen einsetzen kann, sei gerade dort eine nachvollziehbare Berichterstattung erforderlich. 

Hinzu kommt ein ungewöhnlicher Konflikt zwischen BMZ und Rechnungsprüfung. Bis zu den Haushaltsberatungen für 2023 nahm der zuständige Bereich des Bundesrechnungshofs regelmäßig an Gesprächen zwischen Finanzministerium und Entwicklungsministerium zur Haushaltsaufstellung teil. Seit dem Haushalt 2024 finden diese Gespräche nach Darstellung des Rechnungshofs ohne ihn statt.

Der Rechnungshof spricht von einem möglichen Informationsdefizit, das auch seine Beratung des Parlaments beeinträchtigen könne. Zugleich werde die Möglichkeit vertan, Prüfungserfahrungen bereits während der Aufstellung des Haushalts einzubringen. 

Genau diesen Punkt griff AfD-Abgeordneter Mirco Hanker im Plenum auf. Wenn selbst der Bundesrechnungshof ein Transparenzproblem sehe, hätten auch die Abgeordneten eines, argumentierte er. Das Ministerium sei in Teilen eine „Blackbox für Steuergelder“. 

AfD will nicht mehr, sondern deutlich weniger Entwicklungshilfe

Während SPD, Grüne und Linke darüber streiten, wie stark der Etat wieder angehoben werden soll, lehnt die AfD bereits die geplanten 9,47 Milliarden Euro ab.

Matthias Rentzsch sprach von einer Entwicklungspolitik, die durch „Intransparenz, ideologische Verblendung und Verschwendung“ geprägt sei. Die Bundesregierung wolle auch 2027 „knapp 10 Milliarden Euro“ ausgeben, kritisierte er, und stellte besonders Programme zu Geschlechterpolitik und zivilgesellschaftlicher Förderung infrage. 

Der AfD-Abgeordnete Julian Schmidt formulierte den Maßstab noch grundsätzlicher: Entwicklungszusammenarbeit sei nur legitim, wenn sie deutschen Interessen diene und Handel ermögliche. Bei einem Bundeshaushalt mit hohen neuen Schulden und steigenden Zinslasten müsse zunächst die eigene finanzielle Leistungsfähigkeit berücksichtigt werden. 

Die Grünen hielten dieser Argumentation im Plenum unmittelbar entgegen. Als aus der AfD von „gesellschaftspolitischen Fantasieprojekten“ die Rede war, rief Schahina Gambir dazwischen und verwies auf Aids- und Tuberkulosebekämpfung, Gesundheitsversorgung für Schwangere und den Schutz von Kleinkindern. 

Der Streit dreht sich damit längst nicht mehr nur um 587 Millionen Euro. Die Fraktionen verhandeln grundsätzlich darüber, wofür deutsche Entwicklungspolitik stehen soll: humanitäre Verantwortung, Krisenprävention und globale öffentliche Güter, strategische Partnerschaften und Rohstoffzugang oder eine eng auf unmittelbare deutsche Interessen begrenzte Hilfe.

Grüne und Linke wollen deutlich über zehn Milliarden hinaus

Grüne und Linke halten selbst eine Rückkehr auf das Niveau von 2026 für zu wenig.

Jamila Schäfer kritisierte, dass der Entwicklungsetat auf 9,4 Milliarden Euro und damit ungefähr auf das Niveau von 2018 zurückfallen solle. Gleichzeitig erreichten die Verteidigungsausgaben Rekordhöhen. Wer militärische Sicherheit stärke, aber Mittel für internationale Stabilisierung kürze, habe einen „blinden Fleck in der Sicherheitspolitik“, sagte die Grünen-Abgeordnete. 

Sie verwies außerdem auf eine Studie der Universität Göttingen, wonach ein Euro Entwicklungszusammenarbeit mit 2,50 Euro zusätzlichen deutschen Exporten verbunden sei. Genau diese Untersuchung wurde später von der AfD als Gefälligkeitsgutachten kritisiert, während Abgeordnete von Union, SPD und Grünen die wissenschaftliche Arbeit verteidigten. 

Die Linke geht ebenfalls weit über eine bloße Rücknahme der Kürzungen hinaus. Sascha Wagner verwies darauf, dass besonders bei Krisenbewältigung und Wiederaufbau gekürzt werden soll. Dort sinkt der Ansatz von rund 711 Millionen Euro auf 435 Millionen Euro, ein Minus von rund 39 Prozent. Er bezeichnete den erwarteten Rückgang der deutschen Entwicklungsquote auf etwa 0,39 Prozent der Wirtschaftsleistung als „politische Bankrotterklärung“. 

Auch VENRO fordert einen deutlich stärkeren Kurswechsel als die derzeit diskutierte Rückkehr auf rund zehn Milliarden Euro. Neben mindestens 11,2 Milliarden Euro für das BMZ verlangt der Verband unter anderem 1,5 Milliarden Euro für Krisenbewältigung und Wiederaufbau statt der im Entwurf vorgesehenen rund 435 Millionen. Für die humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt fordert er mindestens 2,8 Milliarden Euro. 

Von 11,2 auf 9,5 Milliarden in drei Jahren

Der Sparkurs im Entwicklungsministerium läuft bereits seit mehreren Haushalten. 2024 standen noch rund 11,2 Milliarden Euro zur Verfügung. 2025 sank der Ansatz auf 10,3 Milliarden, 2026 auf gut 10,1 Milliarden. Für 2027 sieht der Regierungsentwurf nur noch rund 9,5 Milliarden Euro vor. Der Anteil des BMZ am regulären Bundeshaushalt fällt damit von 1,9 auf 1,7 Prozent. 

Besonders stark sinkt die bilaterale staatliche Entwicklungszusammenarbeit. Dafür sind 2027 noch rund 3,9 Milliarden Euro vorgesehen, knapp 16 Prozent weniger als 2026. Die Förderung zivilgesellschaftlicher, kommunaler und wirtschaftlicher Akteure geht auf knapp 1,2 Milliarden Euro zurück. Multilaterale Beiträge an internationale Organisationen und Entwicklungsbanken bleiben mit knapp drei Milliarden Euro dagegen nahezu stabil. 

Das NGO-Bündnis verweist darauf, dass parallel auch die humanitäre Hilfe stark unter Druck geraten ist. Die deutschen Mittel dafür wurden gegenüber 2024 etwa halbiert und liegen 2026 bei rund einer Milliarde Euro. In einem gemeinsamen Dossier warnen die Organisationen unter anderem vor Folgen für Bildung, Gesundheit und Ernährung. Bis zu zwölf Millionen Frauen und Mädchen könnten nach den dort zusammengetragenen internationalen Schätzungen wichtige Gesundheits- und Schutzangebote verlieren, bis zu sechs Millionen Kinder den Zugang zu Bildung. 

Im Bundestag prallen diese Warnungen nun unmittelbar auf die Forderung nach Haushaltsdisziplin. Die SPD hat die Kürzung von 587 Millionen Euro nicht mehr geschlossen verteidigt. Die Union hält am Konsolidierungskurs fest, lässt die endgültige Höhe aber Gegenstand der Haushaltsberatungen bleiben. Grüne und Linke fordern mehr als eine Rückkehr auf zehn Milliarden. Die AfD will die Ausgaben dagegen wesentlich stärker beschneiden.

Verwandte Beiträge
Mehr lesen

Deutschland hält an Burkina Faso fest – Niels Annen reist zu Gesprächen mit Militärregierung

Deutschland hält an Burkina Faso fest – Niels Annen reist zu Gesprächen mit Militärregierung Deutschland hält trotz der politischen Umbrüche und der schweren Sicherheitskrise an seiner Entwicklungszusammenarbeit mit Burkina Faso fest und schickt Staatssekretär Niels Annen zu politischen Gesprächen und Projektbesuchen in das westafrikanische Land. Die viertägige Reise beginnt am Dienstag, 29. September 2026. Im Zentrum steht die Frage, wie Entwicklungsprojekte zur Stabilisierung des Sahel beitragen können, ohne zur regulären staatlichen Zusammenarbeit mit der Militärregierung zurückzukehren. Deutsche Mittel fließen deshalb weiterhin vor allem über Kommunen, nachgeordnete Behörden, internationale Organisationen und die Zivilgesellschaft. Entwicklungspolitik soll Teil der Sicherheitsstrategie sein Das Bundesentwicklungsministerium beschreibt Burkina Faso und die gesamte Sahel-Region weiterhin als ein Zentrum des internationalen Terrorismus. Annen will deshalb vor Ort über einen „integrierten Sicherheitsansatz“ sprechen, der militärische und sicherheitspolitische Maßnahmen durch Entwicklungsprojekte ergänzt. Deutschland setzt dabei unter anderem auf Arbeitsplätze für junge Menschen, klimaangepasste Landwirtschaft und bessere Trinkwasserversorgung. Die Bundesregierung verbindet diese Maßnahmen mit dem Ziel, soziale und wirtschaftliche Krisenursachen zu mindern, die bewaffnete Gruppen für Rekrutierung und Einfluss nutzen können. Das BMZ verfolgt diesen Ansatz auch in anderen Staaten des zentralen Sahel. Burkina Faso gehört weiterhin zu den am stärksten von Gewalt und Vertreibung betroffenen Ländern der Region. Das BMZ spricht inzwischen von mehr als 2,5 Millionen Binnenvertriebenen. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks hat sich die Zahl der gewaltsam Vertriebenen in Burkina Faso, Mali und Niger seit 2020 nahezu verdoppelt und lag Ende Juli 2026 bei insgesamt 3,8 Millionen Menschen. Gespräche mit Regierung trotz regierungsferner Zusammenarbeit Annen wird sich mit Regierungsvertretern Burkina Fasos treffen. Außerdem sind Gespräche mit internationalen Gebern, der lokalen Zivilgesellschaft und Unternehmen vorgesehen. Die politischen Kontakte bedeuten jedoch keine Rückkehr zur früheren Form der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit. Nach den beiden Militärputschen im Jahr 2022 stellte Deutschland seine Kooperation um. Direkte Zusammenarbeit mit der Zentralregierung wurde beendet, Projekte werden seither regierungsfern organisiert. Finanzielle Mittel sollen damit nicht unmittelbar an die Militärregierung fließen. Deutschland arbeitet stattdessen unter anderem mit Kommunen, nachgeordneten staatlichen Stellen, Nichtregierungsorganisationen sowie internationalen Organisationen zusammen. Politische Gespräche finden dennoch statt. Das BMZ will dabei neben der Sicherheitslage und der Situation der Bevölkerung auch die Rückkehr zu Wahlen thematisieren. Annen besucht Projekte im Nordosten Burkina Fasos Ein Teil der Reise führt den Staatssekretär in den Nordosten des Landes. Dort will er Standorte der vom BMZ finanzierten Sahel-Resilienzpartnerschaft besuchen. Die Projekte werden vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, UNICEF und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit umgesetzt. Sie sollen die Lebensbedingungen besonders gefährdeter Gemeinden und Vertriebener verbessern. Gerade die nördlichen und östlichen Landesteile sind seit Jahren stark von Angriffen bewaffneter Gruppen und Vertreibung betroffen. Nach Einschätzung des BMZ hat die Regierung in großen Teilen des Landes nur eingeschränkte Kontrolle. Auch UNHCR verweist auf erhebliche Sicherheitsprobleme in mehreren Regionen im Norden und Osten. Deutschland bleibt trotz Militärherrschaft engagiert Deutschland arbeitet seit der Unabhängigkeit Burkina Fasos 1961 entwicklungspolitisch mit dem Land zusammen. Die beiden Militärputsche von 2022 veränderten jedoch die politischen Bedingungen grundlegend. Die Bundesregierung knüpft eine Rückkehr zur regulären bilateralen Zusammenarbeit weiterhin an Fortschritte in Richtung einer verfassungsmäßigen Ordnung und demokratischer Wahlen. Gleichzeitig hält das BMZ einen vollständigen Rückzug aus dem Sahel für falsch, weil sich dadurch die wirtschaftliche und soziale Lage der Bevölkerung weiter verschlechtern könnte. Die Region ist zugleich stärker von Klimafolgen betroffen. Dürren, unsichere Wasserversorgung und schwankende landwirtschaftliche Erträge verschärfen vielerorts Armut und Ernährungsunsicherheit. Deutschland konzentriert seine Projekte deshalb zunehmend auf Landwirtschaft, Wasser, Beschäftigung und die Unterstützung von Vertriebenen und aufnehmenden Gemeinden.
Mehr lesen

Bundestag nimmt Südafrikas Rüstungsindustrie in den Blick

Bundestag nimmt Südafrikas Rüstungsindustrie in den Blick Eine Delegation des Haushaltsausschusses des Bundestages reist nach Südafrika und setzt dabei einen Schwerpunkt auf Verteidigungsindustrie, Sicherheitspolitik und bestehende industrielle Kooperationen. Die Reise ist vom 28. September bis 2. Oktober 2026 geplant. In Pretoria, Kapstadt und Stellenbosch sind Gespräche mit Regierung, Parlament, Militär und Wirtschaft sowie Besuche bei internationalen Rüstungsunternehmen vorgesehen. Südafrika ist zugleich Deutschlands wichtigster Handelspartner in Afrika und ein zentraler politischer Partner südlich der Sahara. Gespräche mit Finanz- und Verteidigungsministerium Die vierköpfige Delegation wird von Andreas Mattfeldt von der CDU/CSU geführt. Ihr gehören außerdem Thomas Ladzinski von der AfD, Andreas Schwarz von der SPD und Sebastian Schäfer von Bündnis 90/Die Grünen an. Erste Station ist Pretoria. Dort wollen die Abgeordneten mit Vertretern des südafrikanischen Finanz- und Verteidigungsministeriums über die wirtschaftliche und finanzpolitische Lage des Landes sowie aktuelle Sicherheits- und Verteidigungsfragen sprechen. Auch geldpolitische Themen stehen auf dem Programm. Damit verbindet die Reise die klassischen Aufgaben des Haushaltsausschusses mit Fragen der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit. Der Ausschuss ist im Bundestag für die Kontrolle der Einnahmen und Ausgaben des Bundes zuständig. Die Reise fällt zugleich in die laufenden Beratungen über den Bundeshaushalt 2027. Der Etat des Bundesverteidigungsministeriums soll am 8. Oktober im Haushaltsausschuss beraten werden. Unternehmen und Rüstungsindustrie auf der Agenda Einen auffälligen Schwerpunkt bildet die südafrikanische Verteidigungsindustrie. Die Bundestagsdelegation will sich bei mehreren Unternehmen über deren Strukturen und über bestehende industrielle und technologische Kooperationen informieren. Welche Firmen besucht werden, teilte der Bundestag zunächst nicht mit. In Kapstadt stehen Gespräche mit dem für Verteidigung und Militärangelegenheiten zuständigen Ausschuss des südafrikanischen Parlaments sowie Treffen mit Vertretern aus Politik, Militär und Wirtschaft auf dem Programm. Geplant sind außerdem Besuche bei internationalen Rüstungsunternehmen. In Stellenbosch informiert sich die Delegation an der Military Academy der Universität Stellenbosch über die sicherheits- und verteidigungspolitischen Strukturen Südafrikas. Die Reise dient damit nicht allein der parlamentarischen Haushaltskontrolle. Sie führt die Abgeordneten gezielt zu Akteuren der südafrikanischen Sicherheits- und Verteidigungsarchitektur sowie zu Unternehmen, die Teil industrieller Kooperationen sein können. Südafrika ist Deutschlands wichtigster Wirtschaftspartner in Afrika Die Gespräche finden vor dem Hintergrund enger Wirtschaftsbeziehungen statt. Deutschland bezeichnet Südafrika als seinen wichtigsten Partner in Afrika südlich der Sahara. Das bilaterale Handelsvolumen liegt bei mehr als 20 Milliarden Euro. Für Südafrika ist Deutschland der zweitwichtigste bilaterale Handelspartner. Mehr als 600 deutsche Unternehmen sind nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Südafrika aktiv. Die deutschen Direktinvestitionen lagen 2023 bei knapp acht Milliarden Euro. Deutsche Unternehmen beschäftigen dort rund 100.000 Menschen unmittelbar und schaffen nach Schätzung des Auswärtigen Amtes eine ähnlich große Zahl indirekter Arbeitsplätze. Beide Staaten verfügen zudem seit 1996 über eine Binationale Kommission als festen Rahmen ihrer Zusammenarbeit. Bei deren jüngster Sitzung im April 2026 berieten Außenminister Ronald Lamola und Johann Wadephul neben wirtschaftlichen Themen auch über Frieden und Sicherheit in Afrika, Europa und dem Nahen Osten. Sicherheitspolitik gewinnt in den Beziehungen an Gewicht Auch bei der deutschen Außenpolitik gegenüber Südafrika hat das Thema Sicherheit zuletzt an Bedeutung gewonnen. Außenminister Wadephul reiste im Juli nach Südafrika. Das Auswärtige Amt stellte die Reise in einen größeren Zusammenhang engerer europäisch-afrikanischer Zusammenarbeit in politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Fragen. Die Reise des Haushaltsausschusses vertieft diese Kontakte nun auf parlamentarischer Ebene. Neben der wirtschaftlichen Lage und der Finanzpolitik rücken insbesondere die Verteidigungsindustrie, militärische Strukturen und technologische Kooperationen in den Fokus der Gespräche zwischen deutschen und südafrikanischen Akteuren.
Total
0
Share