Außenminister Wadephul: “Können deutsche Wirtschaftsinteressen nicht unbegrenzt absichern”

Deutschlands Diplomatie bekommt einen klareren Wirtschaftsauftrag: Johann Wadephul will deutsche und europäische Unternehmensinteressen im Ausland stärker unterstützen. Gleichzeitig warnt er vor Abhängigkeiten, politisch umkämpften Märkten und der schwindenden Verlässlichkeit der Weltwirtschaft.

Außenminister Johann Wadephul will die deutsche Diplomatie stärker auf die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands und Europas ausrichten und Unternehmen im Ausland offensiver unterstützen. Am 8. September 2026 stellte er diesen Kurs beim Wirtschaftstag der deutschen Botschafterkonferenz in Berlin vor. Hintergrund sind schwächere Geschäfte mit den USA und China, geopolitische Konflikte und die Sorge vor neuen wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Wadephul bezeichnete die Europäische Union dabei als „Sicherheitsnetz“, „Anker“ und eigentlichen Wachstumsmotor Deutschlands.

„Mein Ministerium hat einen klaren Auftrag: deutsche und europäische Wirtschaftsinteressen zu priorisieren und Ihre Projekte im Ausland maximal zu unterstützen“, sagte Wadephul vor Vertretern deutscher Unternehmen und den Leiterinnen und Leitern der deutschen Auslandsvertretungen.

Damit erhält die Außenwirtschaftspolitik einen noch sichtbareren Platz in der deutschen Diplomatie. Wadephul kündigte an, auf Auslandsreisen verstärkt Wirtschaftsdelegationen mitzunehmen. Er wolle dort „nicht derjenige sein, der Vorträge hält“, sondern Partnerschaften stärken.

Diplomatie soll Unternehmen stärker den Rücken freihalten

Wadephul beschrieb eine Weltwirtschaft, in der politische Konflikte immer stärker über Märkte, Rohstoffe, Energieversorgung und Lieferketten ausgetragen werden. Unternehmen könnten nicht mehr davon ausgehen, in einem dauerhaft vorhersehbaren und regelgebundenen Umfeld zu arbeiten.

„Wir leben in einer Ära fragmentierter Handelsbeziehungen“, sagte der Außenminister. Unternehmen liefen zunehmend Gefahr, von ausländischen Staaten politisch instrumentalisiert zu werden.

Das Auswärtige Amt zieht daraus auch organisatorische Konsequenzen. Wadephul erklärte, das Ministerium sei „grundlegend reformiert“ worden. Geökonomie und Europapolitik seien in einer neuen Abteilung zusammengeführt worden, damit Deutschland schneller auf internationale wirtschaftliche Veränderungen reagieren könne.

Gleichzeitig muss das Ministerium sparen. Im Zuge der Haushaltsanpassungen sollen acht Prozent des Personals wegfallen. Wadephul verband die Kürzungen mit dem Ziel einer kleineren und beweglicheren Organisation.

Warnung vor Abhängigkeiten von China

Besonders deutlich sprach Wadephul über China. Die wirtschaftlichen Beziehungen seien zunehmend unausgewogen. Nicht marktwirtschaftliche Maßnahmen und eine aus seiner Sicht unterbewertete chinesische Währung drohten die europäische Industriebasis auszuhöhlen und wirtschaftliche Abhängigkeiten in strategische Schwächen zu verwandeln.

Europa müsse deshalb Risiken gezielt reduzieren. „Wir müssen verhindern, dass unsere Verwundbarkeiten als Waffe eingesetzt werden“, sagte Wadephul.

Dazu zählt er den Schutz kritischer Infrastruktur und wichtiger Komponenten sowie den Abbau strategischer Abhängigkeiten. Die deutsche und europäische Wirtschaftspolitik müsse sich stärker darauf einstellen, dass wirtschaftliche Beziehungen selbst Bestandteil geopolitischer Auseinandersetzungen werden.

Auch Unternehmen nahm Wadephul dabei in die Pflicht. Politische Risiken und mögliche künftige Abhängigkeiten müssten stärker in unternehmerische Entscheidungen einfließen. Der Staat könne wirtschaftliche Interessen nicht unbegrenzt absichern.

„Wir werden an eine Grenze dessen kommen, in welchem Umfang wir Ihre Interessen schützen können“, sagte er an die Adresse der Wirtschaftsvertreter.

USA und China verlieren an Zugkraft

Wadephul begründete den Kurswechsel auch mit der Entwicklung der wichtigsten Handelspartner. Die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten bezeichnete er als volatil und schwierig. Gleichzeitig sei das Geschäft mit China belastet.

Während Exporte in die beiden wichtigsten außereuropäischen Märkte deutlich zurückgegangen seien, habe der EU-Binnenmarkt das deutsche Wachstum in diesem Jahr maßgeblich gestützt.

Mehr als zwei Drittel des deutschen Wirtschaftswachstums seien aus dem Binnenmarkt gekommen, sagte der Minister. Von einer vollständigen Erholung könne zwar noch keine Rede sein, doch die Richtung sei erkennbar.

„Wenn globale Märkte wegbrechen und der Handel mit China und den USA schwächer wird, ist die EU unser Sicherheitsnetz“, sagte Wadephul. Sie sei zugleich „unser Anker und unser wirklicher Wachstumsmotor“.

Deutschland und Europa müssten deshalb den Binnenmarkt vertiefen, Investitionen erleichtern und kritische Lieferketten innerhalb Europas stärker absichern.

Mercosur soll neue Märkte und Rohstoffe öffnen

Europa allein reicht Wadephul allerdings nicht. Die EU müsse ihre Wirtschaftsbeziehungen zugleich stärker über die Welt verteilen.

Als Beispiel nannte er das Mercosur-Abkommen mit den südamerikanischen Staaten. Es eröffne europäischen Unternehmen zusätzliche Exportmärkte und könne zugleich helfen, Bezugsquellen etwa für kritische Mineralien zu diversifizieren.

Wadephul stellte den Ausbau von Handelspartnerschaften als Antwort auf die zunehmende Fragmentierung der Weltwirtschaft dar. Deutschland ist dabei in besonderem Maße vom Ausland abhängig. Rund jeder vierte Arbeitsplatz hängt nach seinen Angaben vom Export ab. In der Industrie betrifft dies fast jeden zweiten Arbeitsplatz.

Zugleich benötigt die deutsche Wirtschaft Energie, Rohstoffe und andere Vorprodukte aus dem Ausland. Offene Märkte und verlässliche Handelsregeln seien deshalb für Deutschland und Europa stärker von Bedeutung als für viele andere Wirtschaftsräume.

Außenpolitik und Wirtschaft sollen enger zusammenarbeiten

Die veränderte Lage verlange nach Wadephuls Darstellung auch ein anderes Verhältnis zwischen Staat und Unternehmen. „In einer Zeit politisch umkämpfter Märkte müssen Staat und Wirtschaft Hand in Hand arbeiten“, sagte er.

Beim Wirtschaftstag der Botschafterkonferenz treffen die Leiter der deutschen Auslandsvertretungen deshalb mit Unternehmensvertretern zusammen. An sogenannten Ländertischen sollen sie besprechen, wo deutsche Unternehmen Unterstützung benötigen und wie die Außenwirtschaftspolitik darauf reagieren kann. EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič nahm ebenfalls an den Beratungen teil.

Wadephul formulierte das Ziel breiter: Die Europäische Union müsse zu einer stärkeren „geökonomischen Macht“ werden. Wettbewerbsfähigkeit allein genüge nicht mehr. Europa müsse seine wirtschaftlichen Interessen auch entschlossener vertreten.

Dazu kommen neue Wachstumsfelder wie Künstliche Intelligenz und saubere Technologien. Bereits zum Auftakt der Botschafterkonferenz hatte das Auswärtige Amt den technologischen Wettbewerb mit den USA und China zu einem Schwerpunkt gemacht. Die deutsche Außenpolitik soll damit zugleich Handelsinteressen, technologische Wettbewerbsfähigkeit und sicherheitspolitische Risiken stärker miteinander verbinden. 

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