Das US-Afrika-Kommando stuft Afrika als Zentrum des globalen Terrorismus ein und fordert gezielte Investitionen in Aufklärung, Partnerschaften und Krisenreaktion. In Anhörungen im US-Kongress und dem Senat legte Africom-Kommandeur General Anderson die Sicherheitslage auf dem Kontinent dar. Er verwies auf wachsende Aktivitäten von ISIS, Al-Qaida-nahen Gruppen im Sahel sowie auf den Einfluss Chinas und Russlands. Zugleich stellte das US-Verteidigungsministerium seine Afrika-Politik stärker auf Handel, Investitionen und Kooperation mit ausgewählten Partnerstaaten um.
Washington sieht Afrika als Sicherheits- und Wirtschaftsraum
General Anderson beschrieb Afrika vor dem Kongress als Raum, in dem globale Sicherheitsinteressen, Handelswege und Rohstofffragen zusammenlaufen. Der Kontinent verbinde strategische Zonen zwischen Atlantik und Indopazifik, liefere kritische Mineralien für moderne Verteidigungssysteme und beherberge zwölf der 20 am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt.
Bis 2050 werde Afrika ein Drittel der weltweiten Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter stellen, sagte Anderson. Die US-Sicht auf den Kontinent geht damit über militärische Einsätze hinaus. Sicherheit, Rohstoffe, Handelswege und demografisches Wachstum werden in Washington zunehmend gemeinsam betrachtet.
Der zuständige Abteilungsleiter im US-Verteidigungsministerium, Dan Zimmerman, sprach von einem Kurswechsel in der Afrika-Politik. Die Vereinigten Staaten wollten das Verhältnis zum Kontinent von einem stärker hilfsorientierten Ansatz hin zu Handel und Investitionen verschieben. Dabei setze Washington auf Staaten, die als fähige und verlässliche Partner gemeinsame Interessen verfolgen.
ISIS und Al-Qaida rücken in den Mittelpunkt
Anderson sagte vor dem Kongress: „Heute liegt das Zentrum des globalen Terrorismus in Afrika.“ Die Führung des sogenannten Islamischen Staates sei afrikanisch geprägt, Al-Qaidas wirtschaftlicher Motor liege auf dem Kontinent. Beide Netzwerke hätten nach seiner Darstellung den Willen und die Absicht, die Vereinigten Staaten anzugreifen.
Besonders deutlich verwies Anderson auf die Lage in Westafrika. Die Al-Qaida-nahe Gruppe JNIM habe im Sahel ihre Fähigkeit ausgebaut, wichtige Gebiete zu kontrollieren. Sie könne Treibstofflieferungen um Bevölkerungszentren unterbrechen und damit Druck auf Staaten ausüben. Die Einnahme einer Hauptstadt würde einer solchen Gruppe staatenähnliche Mittel verschaffen, um internationalen Terrorismus zu unterstützen.
Auch Somalia bleibt Teil der amerikanischen Bedrohungsanalyse. Das US-Afrika-Kommando sieht dort Fortschritte gegen ISIS-Führungsstrukturen. Nach Andersons Darstellung haben amerikanische Fähigkeiten in Aufklärung, Zielerfassung und Präzisionsschlägen dazu beigetragen, die Führung des Netzwerks in Somalia unter Druck zu setzen.
US-Einsatz in Nigeria als Beispiel neuer Afrika-Strategie
Zimmerman verwies auf einen gemeinsamen Einsatz mit Nigeria im Nordosten des Landes. US-Kräfte hätten dort zusammen mit nigerianischen Partnern Abu Balal al-Muniki getötet, den er als globalen Operationsdirektor des sogenannten Islamischen Staates bezeichnete. Auch Mitglieder seines inneren Kreises seien bei der Operation getötet worden.
Anderson beschrieb al-Muniki als Finanz- und Organisationskopf des Netzwerks. Sein Tod störe ISIS-Aktivitäten weltweit, ersetze aber nicht den dauerhaften Druck auf die Organisation. Das US-Afrika-Kommando setzt dabei auf Partnerstaaten, die nach amerikanischer Einschätzung willens und in der Lage sind, militärisch mit Washington zusammenzuarbeiten.
Der Ansatz passt zur neuen Linie des US-Verteidigungsministeriums. Afrikanische und andere Partner sollen größere Verantwortung übernehmen, während die Vereinigten Staaten Fähigkeiten bereitstellen, die nur sie in dieser Form anbieten können. Dazu zählen Aufklärung, Zielerfassung, Präzisionsschläge und Krisenreaktion.
China, Russland und der Kampf um Einfluss
Die amerikanische Debatte über Afrika wird zunehmend von der Konkurrenz mit China und Russland geprägt. Anderson sagte, China betrachte Afrika als „zweiten Kontinent“ und sichere sich Kontrolle über kritische Mineralien und Infrastruktur. Dadurch könnten die Vereinigten Staaten von Ressourcen ausgeschlossen werden, die ihre industrielle Basis antreiben.
Russland nutze Instabilität, um Rohstoffe und auch Menschenleben für seine Kriegsführung auszubeuten, sagte Anderson. In einer weiteren Kongressanhörung verwiesen US-Senatoren auf die Ausweitung des russischen Africa Corps und auf chinesische Investitionen in Häfen, Infrastruktur und politische Beziehungen auf dem Kontinent.
Die Kritik an einem Rückzug westlicher Präsenz zog sich durch beide Anhörungen. Senator Jack Reed warnte, eine Schwächung oder Zusammenlegung des Afrika-Kommandos würde Verbündeten und Gegnern signalisieren, dass Afrika für die Vereinigten Staaten keine Priorität habe. Er verband dies mit dem Abbau von Hilfsstrukturen und sprach von Lücken, die Russland und China nutzten.
Weniger Präsenz, weniger Informationen
Anderson machte vor allem eine schrumpfende amerikanische Präsenz als Problem aus. Die regionale Aufstellung der Vereinigten Staaten sei in den vergangenen zehn Jahren um 75 Prozent reduziert worden. Zugleich hätten auch Verbündete ihre Präsenz verringert. Dadurch entstehe eine „Geheimdienstlücke“, die es erschwere, Gefahren früh zu erkennen.

Ohne ausreichende Hinweise und Warnsignale könnten die Vereinigten Staaten blind gegenüber wachsenden Bedrohungen in der Region werden, sagte Anderson. Auch die Fähigkeit zur Krisenreaktion sei eingeschränkt. „In einer Krise kann man Kräfte verlegen, aber Vertrauen kann man nicht verlegen“, sagte der Africom-Kommandeur.
Das Kommando fordert deshalb gezielte Investitionen in nicht-traditionelle Aufklärung, besseren Schutz eigener Kräfte, Programme für Partnerstaaten, Experimente mit neuen Technologien und die Fähigkeit, in Krisen schnell zu reagieren. Anderson verwies zugleich darauf, dass Africom mit weniger als einem Zehntel von einem Prozent des Verteidigungshaushalts arbeite.
Marokko wird nach African Lion ausdrücklich erwähnt
Anderson würdigte in seiner Erklärung auch Marokko. Er erinnerte an den Tod von First Lieutenant Kendrick Lamont Key Jr. und Specialist Mariah Collington, die bei einem Unfall während der Militärübung African Lion ums Leben kamen. Dabei dankte er ausdrücklich den Partnern und nannte Marokko als Land, das in diesem Moment Unterstützung geleistet habe.
U.S. Africa Command confirms the recovery of our second Soldier, Spc. Mariyah Collington. We mourn her loss and stand with her family and the 10th AAMDC community in this moment of grief.https://t.co/lYjoEY7HTh pic.twitter.com/49HJEcKcYF
— U.S. Africa Command (AFRICOM) (@USAfricaCommand) May 13, 2026
African Lion gehört zu den wichtigsten US-geführten Militärübungen auf dem afrikanischen Kontinent. In der amerikanischen Darstellung steht sie zugleich für einen breiteren Ansatz: Übungen mit afrikanischen Partnern sollen nicht nur militärische Zusammenarbeit stärken, sondern auch neue Technologien testen und gemeinsame Reaktionsfähigkeit verbessern.
Africom bleibt Teil der US-Sicherheitsarchitektur
Die Anhörungen zeigten parteiübergreifende Sorge um die strategische Rolle Afrikas. Republikanische und demokratische Abgeordnete setzten unterschiedliche Akzente, beschrieben den Kontinent aber gleichermaßen als Raum wachsender Konkurrenz, zunehmender terroristischer Aktivität und sicherheitspolitischer Unsicherheit.
Der Vorsitzende des Senatsausschusses Roger Wicker bezeichnete ein eigenes Afrika-Kommando als unverzichtbar. Reed warnte vor einem falschen Signal an Partner und Gegner, falls Africom geschwächt oder in andere Kommandostrukturen eingegliedert werde. Zimmerman ordnete die Afrika-Politik in eine amerikanische Sicherheitsstrategie ein, die den Schutz des eigenen Landes, Abschreckung gegenüber China, stärkere Verantwortung der Partner und den Ausbau der Verteidigungsindustrie verbindet.

