SWP sieht Emirate als Störfaktor in Afrikas Konflikten

Sudan, Libyen, Somalia, Äthiopien: Eine neue SWP-Analyse beschreibt die Vereinigten Arabischen Emirate als Störfaktor in Afrikas Konflikten und stellt Deutschlands strategische Partnerschaft mit Abu Dhabi infrage.

Die Stiftung Wissenschaft und Politik verschärft ihre Kritik an der Rolle der Vereinigten Arabischen Emirate in afrikanischen Konflikten. Die Analyse erschien am 13. Mai. Im Zentrum stehen Sudan, Libyen, Somalia und Äthiopien sowie der Vorwurf, Abu Dhabi unterstütze bewaffnete Akteure mit Geld, Waffen, Logistik und politischen Netzwerken. Für Deutschland und Europa berührt die Entwicklung Handelsrouten, Fluchtbewegungen, Sanktionen und die Glaubwürdigkeit internationaler Konfliktlösung.

Sudan steht im Zentrum der Vorwürfe

Im Sudan richtet sich der schwerste Vorwurf gegen die Unterstützung der Rapid Support Forces. Die paramilitärische Truppe unter Mohamed Hamdan Dagalo, genannt Hemedti, kämpft seit 2023 gegen die sudanesischen Streitkräfte. Der Krieg hat die größte humanitäre Krise der Welt ausgelöst.

Nach der Einnahme von El-Fasher in Nord-Darfur durch die RSF im Oktober 2025 kam es zu Massakern mit mutmaßlich zehntausenden Toten. Die RSF wird für gezielte Gewalt gegen Zivilisten verantwortlich gemacht, darunter sexualisierte Gewalt, Geiselnahmen, Plünderungen, Vertreibungen, Angriffe auf medizinische Einrichtungen und Massentötungen. Besonders betroffen sind nichtarabische Bevölkerungsgruppen wie die Masalit in West-Darfur und die Zaghawa in Nord-Darfur.

Die Emirate bestreiten eine direkte militärische Unterstützung für Konfliktparteien im Sudan. Abu Dhabi verweist auf humanitäre Zusagen und fordert ein Waffenembargo für das gesamte Land. Derzeit gilt ein UN-Embargo nur für Darfur.

Netzwerke über Libyen, Tschad und Somalia

Die mutmaßliche Unterstützung für die RSF läuft über ein Netz aus Lufttransporten, Militärstützpunkten, lokalen Partnern und Transitstaaten. Lieferungen wurden über von Khalifa Haftars Libyan Arab Armed Forces kontrollierte Gebiete in Libyen, über N’Djamena und Amdjarass im Tschad sowie über Stopps in Kenia, Uganda und Ruanda abgewickelt.

Bosaso in Puntland diente als Knotenpunkt für Waffen aus Jemen und für den Transport kolumbianischer Söldner in Richtung Sudan. Seit Herbst 2025 soll es zudem ein Ausbildungslager für die RSF in Benishangul-Gumuz im Westen Äthiopiens geben. Teile der militärischen Ausrüstung sollen über Berbera in Somaliland und über Einrichtungen der äthiopischen Streitkräfte weitergeleitet worden sein.

Zwischen Oktober 2024 und Ende 2025 wurden 458 Flüge schwerer Transportmaschinen von Militärflughäfen in den Emiraten oder vom emiratischen Umschlagplatz Bosaso nach Ostlibyen registriert. 239 dieser Flüge gingen nach Kufra, einem wichtigen Knotenpunkt für Lieferungen an die RSF. Solche Transporte können die UN-Waffenembargos gegen Libyen und Darfur berühren.

Lokale Partner mit eigener Machtbasis

Das emiratische Vorgehen folgt in mehreren Konflikten einem ähnlichen Muster. Abu Dhabi setzt selten eigene Bodentruppen ein, sondern stützt lokale Akteure mit eigener Machtbasis. Dazu zählen Haftars Truppen in Libyen, die RSF im Sudan, die Puntland Maritime Police Force sowie Polizei- und Militäreinheiten in Somaliland.

In Äthiopien wich das Muster teilweise ab. Während des Krieges im Norden des Landes unterstützten die Emirate die Regierung von Abiy Ahmed gegen die Tigray Defense Forces. Drohnen aus den Emiraten spielten dabei eine Rolle.

In Libyen griffen die Emirate früh zugunsten Haftars ein. Sein Angriff auf Tripolis im April 2019 mündete in einen länger andauernden Bürgerkrieg, der eine dauerhafte türkische und russische Militärpräsenz im Land begünstigte. Emiratische Luftabwehrsysteme und Logistik standen während des Krieges in enger Verbindung mit russischen Wagner-Strukturen.

Häfen, Rohstoffe und regionale Macht

Die Emirate haben in den vergangenen Jahren ihre wirtschaftliche Präsenz in Afrika stark ausgebaut. Staatliche Logistikkonzerne wie DP World und AD Ports betreiben oder entwickeln Häfen und dazugehörige Infrastruktur unter anderem in Somalia, Senegal, Tansania, Mosambik, Angola und Ägypten.

Diese Projekte schaffen Korridore für Mineralien, Agrargüter und Energierohstoffe zu internationalen Märkten. Sie sichern zugleich Handelswege zwischen Afrika, Asien und Europa. Militärische und politische Einflussnahme kann solche wirtschaftlichen Interessen absichern.

Neben wirtschaftlichen Motiven geht es um regionale Macht. Die Emirate konkurrieren mit Saudi-Arabien um Einfluss, Handelsrouten und strategische Drehscheiben. Die Spannungen zwischen beiden Golfstaaten haben sich in Jemen, Sudan und am Roten Meer verschärft. Saudi-Arabien, Ägypten und Somalia schlossen zeitweise ihren Luftraum für emiratische Versorgungsflüge in Richtung RSF.

Ideologische und familiäre Netzwerke

Die Außenpolitik Abu Dhabis wird auch durch die Gegnerschaft zur Muslimbruderschaft geprägt. Die Herrscherfamilie Al Nahyan bekämpft islamistische Bewegungen, die gesellschaftliche Mobilisierung und politische Beteiligung anstreben. In afrikanischen Konflikten unterstützt Abu Dhabi häufig Akteure, die sich ebenfalls gegen die Muslimbruderschaft oder ihr nahestehende Gruppen positionieren.

Persönliche Netzwerke in den Herrscherfamilien von Abu Dhabi und Dubai spielen ebenfalls eine Rolle. Handelsströme mit Gold und anderen Rohstoffen aus Konfliktgebieten schaffen Einnahmen für bewaffnete Akteure im Sudan, für reguläre Militärstrukturen und für Geschäftspartner in den Emiraten.

Folgen reichen bis nach Europa

Der Krieg im Sudan belastet vor allem Nachbarstaaten. Zugleich steigt die Zahl sudanesischer Schutzsuchender auf Mittelmeerrouten nach Europa. In Italien verdoppelte sich der Anteil sudanesischer Staatsangehöriger unter den Ankünften zwischen 2024 und 2025 von drei auf sechs Prozent. In Griechenland stellten Sudanesen 2025 bereits die zweitgrößte Gruppe und machten mehr als ein Fünftel der Ankünfte aus.

Die Konflikte berühren auch europäische Interessen an sicheren Handelsrouten, stabilen Nachbarregionen, funktionierenden Sanktionen und einer regelbasierten Ordnung. Ohne stärkeren politischen Druck bleibt die Einbindung der Emirate in diplomatische Formate begrenzt wirksam.

Berlin und Brüssel stehen vor heikler Interessenabwägung

Deutschland unterhält seit 2004 eine strategische Partnerschaft mit den Emiraten. Wirtschaft, Energie, Sicherheit, künstliche Intelligenz, die Kooperation mit Israel und der Wunsch, Abu Dhabi nicht weiter in Richtung China oder Russland zu treiben, prägen das Verhältnis.

Die SWP nennt fünf mögliche Schritte für Deutschland und Europa: deutlichere öffentliche Kritik an destabilisierenden Aktivitäten, konsequentere Finanzsanktionen, eine Überprüfung von Rüstungsexporten, strengere Regeln gegen Geldwäsche und eine Neubewertung der strategischen Partnerschaft. Eine solche Linie würde auch andere externe Akteure erfassen müssen, die Konfliktparteien im Sudan unterstützen, darunter Ägypten, Saudi-Arabien, Russland, die Türkei und Iran.

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