Wadephul in Algerien: Deutschlands Werteanspruch trifft auf strategische Interessen

Gaslieferant, Rüstungskunde und enger Militärpartner Russlands: Außenminister Wadephul nennt Algerien einen strategischen Partner Deutschlands. Die Beziehungen zeigen, wie stark außenpolitische Werte und strategische Interessen inzwischen nebeneinanderstehen.

Deutschland will seine strategische Partnerschaft mit Algerien in Energie und Sicherheit weiter vertiefen, obwohl Algier zugleich eng mit Russland militärisch verflochten ist und wegen des Umgangs mit Kritikern und Journalisten in der Kritik steht. Außenminister Johann Wadephul reist am 31. August mit einer Wirtschaftsdelegation nach Algerien. Dort sind Gespräche mit Außenminister Ahmed Attaf, Wirtschaftsvertretern und Präsident Abdelmadjid Tebboune geplant.

Wadephul bezeichnet Algerien als „strategischen Partner in der Energie- und auch in der Sicherheitspolitik“. Erst im Juli hatten Bundeskanzler Friedrich Merz und Tebboune eine strategische Agenda vereinbart, die mehr Gaslieferungen, den südlichen Wasserstoffkorridor und eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit vorsieht. Gleichzeitig bekennen sich beide Regierungen darin ausdrücklich zum Schutz der Menschenrechte und zu einer internationalen Ordnung auf Grundlage des Völkerrechts.

Berlin setzt auf Algerien als Energiepartner

Die Bundesregierung sieht Algerien inzwischen als wichtigen Baustein ihrer Energiepolitik. Wadephul verwies vor seiner Reise auf die Rolle des Landes als einer der wichtigsten Gaslieferanten der Europäischen Union und auf dessen Potenzial für grünen Wasserstoff.

Die Zusammenarbeit hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verdichtet. Am 2. Juli lieferte der staatliche Energiekonzern Sonatrach erstmals verflüssigtes Erdgas direkt nach Deutschland. Die Ladung erreichte das LNG-Terminal Wilhelmshaven 1. Sonatrach kündigte an, seine Lieferungen in den deutschen Markt ausweiten zu wollen.

Beim Besuch Tebbounes in Berlin am 16. Juli erklärten beide Regierungen weitere Gaslieferungen ausdrücklich zum gemeinsamen Interesse. Zugleich soll der südliche Wasserstoffkorridor langfristig Algerien über Italien und Österreich mit Deutschland verbinden. Einen Tag später vereinbarten beide Staaten zusätzlich eine engere Zusammenarbeit bei der Reduzierung von Methanemissionen aus der algerischen Öl- und Gasindustrie.

Damit erhält ausgerechnet ein Staat größere Bedeutung für die deutsche Energieversorgung, dessen außen- und sicherheitspolitische Orientierung sich in zentralen Bereichen deutlich von jener Deutschlands unterscheidet.

Algeriens Armee bleibt eng mit Russland verbunden

Besonders sichtbar wird dieser Gegensatz in der Verteidigungspolitik. Algeriens Streitkräfte sind seit Jahrzehnten eng mit russischen Waffensystemen verbunden.

Nach Daten des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI kamen zwischen 2020 und 2024 rund 48 Prozent der algerischen Importe größerer Waffensysteme aus Russland. Deutschland lag mit 14 Prozent an dritter Stelle hinter Russland und China. Russland blieb damit trotz eines starken Rückgangs seiner Lieferungen der wichtigste Rüstungslieferant Algeriens.

Das International Institute for Strategic Studies verweist zudem auf Algeriens umfangreiche Investitionen in moderne russische Waffensysteme. Zuletzt wurden erstmals russische Kampfflugzeuge vom Typ Su-57 in Algerien gesichtet. Das IISS weist darauf hin, dass die Beschaffung in den USA bereits Diskussionen über mögliche Sanktionen nach dem amerikanischen CAATSA-Gesetz ausgelöst hat.

Nur einen Tag vor Wadephuls Reise demonstrierte Algerien seine militärische Handlungsfähigkeit im Sahel. Auf Anweisung Tebbounes wurden vier russisch gebaute Su-30-Kampfflugzeuge nach Niger entsandt, um die dortigen Streitkräfte nach dem Putschversuch in Niamey zu unterstützen. Die Maschinen landeten am 30. August in der nigrischen Hauptstadt.

Zur gleichen Zeit unterstützte das russische Africa Corps die nigrischen Sicherheitskräfte bei der Niederschlagung der Erhebung. Eine gemeinsame russisch-algerische Operation ist nicht belegt. Beide Staaten unterstützten jedoch nahezu zeitgleich die Militärführung von Abdourahamane Tiani.

EU sanktioniert Unterstützer der russischen Rüstungsindustrie

Eine militärische Zusammenarbeit mit Russland führt allerdings nicht automatisch zu europäischen Sanktionen. Die EU richtet ihre Maßnahmen gegen Unternehmen, Personen und Organisationen, die Russlands Krieg gegen die Ukraine, dessen militärisch-industriellen Komplex oder die Umgehung bestehender Sanktionen konkret unterstützen.

Mit dem jüngsten Sanktionspaket nahm die EU unter anderem 27 Unternehmen aus Drittstaaten wegen ihrer Unterstützung der russischen Rüstungsindustrie oder der Umgehung von Exportbeschränkungen ins Visier. Betroffen sind Unternehmen unter anderem aus China, der Türkei, Indien, Kasachstan und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Algerische Institutionen finden sich in dieser Gruppe nicht.

Der deutsche Umgang mit Algerien unterscheidet sich deshalb rechtlich von Sanktionen gegen Akteure, die unmittelbar zur russischen Kriegswirtschaft beitragen. Politisch treffen jedoch zwei unterschiedliche Linien aufeinander: Deutschland und die EU wollen Russlands militärische Handlungsfähigkeit und internationale Beschaffungsnetzwerke einschränken, während Berlin seine Sicherheitskooperation mit einem Staat vertieft, dessen Streitkräfte weiterhin wesentlich auf russischer Technologie beruhen.

Deutschland liefert selbst Rüstungsgüter nach Algerien

Hinzu kommt die eigene deutsche Rüstungszusammenarbeit mit Algerien. Im Jahr 2024 war das nordafrikanische Land nach der Ukraine und Singapur das drittgrößte Empfängerland deutscher Rüstungsexportgenehmigungen. Die Bundesregierung genehmigte Lieferungen im Wert von rund 559 Millionen Euro. Knapp 80 Prozent davon entfielen auf Teile für gepanzerte Fahrzeuge, weitere Lieferungen betrafen unter anderem Teile für Fregatten.

Zwischen Anfang 2011 und März 2025 genehmigte die Bundesregierung allein die Ausfuhr von Montagekits und Bausätzen für gepanzerte Fahrzeuge oder Panzer nach Algerien im Gesamtwert von rund zwei Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2025 kamen weitere Einzelgenehmigungen im Wert von 53,3 Millionen Euro hinzu.

Die Bundesregierung bezeichnet ihre Rüstungsexportpolitik zugleich als „restriktiv und wertegeleitet“. Menschenrechte im Empfängerland spielten bei Genehmigungsentscheidungen eine „hervorgehobene Rolle“, heißt es beim Bundeswirtschaftsministerium. Der aktuelle Rüstungsexportbericht beschreibt allerdings auch eine stärkere Ausrichtung der Exportpolitik an außen-, wirtschafts- und sicherheitspolitischen Interessen.

Algerien verbindet beide Dimensionen: Das Land ist sicherheitspolitischer Partner Deutschlands und zugleich langjähriger Kunde deutscher und russischer Rüstungsunternehmen.

Menschenrechte bleiben Konfliktpunkt

Auch beim Thema Menschenrechte ist das Verhältnis von Zusammenarbeit und politischen Grundsätzen sichtbar.

Der Fall des Schriftstellers Boualem Sansal belastete Algerien international über Monate. Sansal war im November 2024 festgenommen und im März 2025 wegen Vorwürfen im Zusammenhang mit der nationalen Einheit zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Der Autor hatte sich wiederholt kritisch über die algerische Führung geäußert.

Erst nach einer persönlichen Intervention von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begnadigte Präsident Tebboune den Schriftsteller im November 2025. Sansal konnte anschließend zur medizinischen Behandlung nach Deutschland ausreisen. Steinmeier bezeichnete die Entscheidung damals als humanitäre Geste und Ausdruck des Vertrauens zwischen beiden Staaten.

Der Fall zeigt zugleich, dass enge diplomatische Beziehungen politischen Handlungsspielraum schaffen können. Sansals Freilassung erfolgte gerade nach einem deutschen Vermittlungsversuch.

Anders liegt der Fall des französischen Journalisten Christophe Gleizes. Er war im Mai 2024 während Recherchen in der Kabylei festgenommen worden. Ein Gericht verurteilte ihn im Juni 2025 wegen Terrorismusvorwürfen zu sieben Jahren Haft, nachdem er im Zuge seiner journalistischen Arbeit Kontakte zu einem Funktionär gehabt hatte, dem Verbindungen zur in Algerien verbotenen Bewegung für die Selbstbestimmung der Kabylei vorgeworfen werden.

Ein Berufungsgericht bestätigte die siebenjährige Haftstrafe im Dezember 2025. Gleizes legte anschließend Beschwerde beim algerischen Kassationsgericht ein. Das Committee to Protect Journalists führt ihn weiterhin als in Algerien inhaftierten Journalisten und fordert seine Freilassung.

Deutschland und Algerien sprechen von „ausgezeichneten Beziehungen“

Diese politischen Unterschiede haben Berlin bislang nicht daran gehindert, die Beziehungen erheblich auszubauen. Beim Besuch Tebbounes im Juli bezeichneten beide Regierungen ihre Beziehungen offiziell als „langjährig und ausgezeichnet“. Sie vereinbarten einen regelmäßigen politischen Dialog, mehr wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie eine Vertiefung der Kooperation bei Energie, Migration und Sicherheit.

Deutschland ist für Algerien das sechstwichtigste Lieferland. Mehr als 450 Unternehmen und Institutionen gehören der Deutsch-Algerischen Industrie- und Handelskammer an. Deutschland importiert aus Algerien hauptsächlich Erdöl, Erdgas und petrochemische Produkte.

Wadephuls Reise setzt diesen Kurs fort. Der Außenminister wird von Wirtschaftsvertretern begleitet und will neben der Energiepolitik insbesondere über Sicherheit und die Lage im Sahel sprechen. Dort arbeitet Algerien mit Deutschland an Stabilitätsfragen, während seine Streitkräfte gleichzeitig russische Waffensysteme einsetzen und seine militärischen Beziehungen zu Moskau fortbestehen.

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