Präsident Tebboune in Berlin – Algerien will Deutschland mehr Gas verkaufen

Algerien liefert erstmals Flüssigerdgas direkt nach Deutschland. Wenige Tage später reist Präsident Tebboune mit einer großen Wirtschaftsdelegation nach Berlin.

Bundeskanzler Friedrich Merz empfängt Algeriens Präsident Abdelmadjid Tebboune in Berlin zu Gesprächen über Energie, Handel und die bilateralen Beziehungen. Das Treffen ist für Donnerstag, den 16. Juli 2026, um 14.30 Uhr im Bundeskanzleramt angesetzt. Der Besuch fällt in eine Phase wachsender algerischer Energieexporte nach Deutschland und wird von hohen Erwartungen der Wirtschaft begleitet.

Nach Angaben des deutschen Botschafters in Algerien, Georg Felsheim, soll Tebboune von einer Delegation aus 100 bis 150 Wirtschaftsvertretern begleitet werden. Parallel zum politischen Treffen ist in Berlin ein Wirtschaftsforum geplant, auf dem konkrete Kooperationsvorhaben vorgestellt werden sollen.

Energie und Wirtschaft bestimmen die Gespräche

Die Bundesregierung nannte neben den bilateralen Beziehungen vor allem energie- und wirtschaftspolitische Fragen als Themen des Gesprächs zwischen Merz und Tebboune. Weitere Angaben zum Programm oder zu möglichen Vereinbarungen machte sie zunächst nicht.

Die Reise des algerischen Präsidenten erhält zusätzliches Gewicht durch eine neue Entwicklung im Energiehandel. Der staatliche Energiekonzern Sonatrach hat erstmals eine Ladung Flüssigerdgas direkt nach Deutschland geliefert. Das Gas erreichte am 2. Juli das schwimmende Importterminal Wilhelmshaven 1.

Die Ladung war im algerischen Flüssiggaswerk GL2Z in Bethioua bei Oran auf den Sonatrach-Tanker „Tessala“ verladen worden. Der Konzern bezeichnete Deutschland als strategischen Markt und kündigte an, seine Lieferungen dorthin weiterentwickeln zu wollen.

Seit dem Rückgang russischer Gaslieferungen sucht Deutschland zusätzliche Bezugsquellen. Algerien verfügt über umfangreiche Erdgasreserven und gehört zu den wichtigsten Energielieferanten Europas. Bisher gelangte algerisches Gas vor allem über Pipelines nach Italien und Spanien sowie als Flüssigerdgas auf weitere europäische Märkte.

Berlin setzt auch auf Wasserstoff aus Algerien

Neben Erdgas soll die Zusammenarbeit bei erneuerbaren Energien und klimafreundlichem Wasserstoff ausgebaut werden. Deutschland und Algerien beteiligen sich am geplanten südlichen Wasserstoffkorridor. Über die Verbindung soll Wasserstoff aus Nordafrika künftig über Italien und Österreich nach Süddeutschland transportiert werden.

Algerien verbindet damit das Ziel, seine Energieexporte langfristig über Öl und Gas hinaus zu erweitern. Das Land verfügt über große Flächen und eine hohe Sonneneinstrahlung, der Ausbau der Solarenergie ist bislang jedoch stark von staatlichen Projekten und Finanzierungsmöglichkeiten abhängig. Germany Trade & Invest sieht in den laufenden Ausschreibungen zugleich neue Geschäftsmöglichkeiten, weist aber auf den starken Wettbewerb durch chinesische Unternehmen hin.

Ein weiteres Feld ist die Verringerung von Methanemissionen in der algerischen Öl- und Gasindustrie. Deutschland unterstützt entsprechende Vorhaben über die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Die Kooperation soll technische Voraussetzungen für emissionsärmere Energielieferungen schaffen.

Deutsche Unternehmen richten Blick auf Algerien

Der deutsche Botschafter Georg Felsheim bezeichnete die wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder als „vielversprechend“. Mehr als 50 deutsche Unternehmen seien bereits in Algerien tätig, unter anderem in der Energiebranche, der Landwirtschaft, der Pharmaindustrie und dem Maschinenbau. Sechs deutsche Unternehmen aus der Automobilbranche hätten Interesse am algerischen Markt bekundet.

Algerien bietet deutschen Unternehmen einen großen Absatzmarkt, vergleichsweise niedrige Energiekosten und die geografische Nähe zu Europa. Die Regierung in Algier verlangt bei neuen Investitionen zugleich zunehmend eine Produktion im Land, die Schaffung von Arbeitsplätzen und den Aufbau lokaler Lieferketten.

Germany Trade & Invest sieht Algerien auf dem Weg zu einer stärkeren Öffnung für ausländische Investoren. Das Wirtschaftsmodell bleibt jedoch stark von Öl- und Gaseinnahmen abhängig. Importauflagen, Verwaltungsverfahren und Beschränkungen beim Zugang zu Ersatzteilen und spezialisierten Dienstleistungen erschweren weiterhin den Markteintritt.

Felsheim erklärte, zusätzliche deutsche Investitionen seien möglich, wenn Algerien die Rahmenbedingungen weiter verbessere. Unternehmen benötigten insbesondere verlässliche Möglichkeiten, Ersatzteile, Maschinenkomponenten und technische Dienstleistungen einzuführen.

Als Beispiel für eine stärkere industrielle Zusammenarbeit nannte der Botschafter eine Vereinbarung zwischen dem deutschen Pharmakonzern Boehringer Ingelheim und dem algerischen Staatsunternehmen Saidal. Sie sieht die lokale Herstellung eines Medikaments zur Behandlung von Lungenerkrankungen vor.

Algerien meldet steigende Ausfuhren nach Deutschland

Die algerischen Exporte nach Deutschland erreichten nach Angaben des Botschafters zuletzt einen Wert von 3,5 Milliarden Euro. Zwischen 2024 und 2025 seien sie um 11,3 Prozent gestiegen. Neben Öl und Gas liefere Algerien zunehmend verarbeitete Erzeugnisse mit höherer Wertschöpfung.

Deutschland ist nach algerischen Angaben der sechstgrößte Warenlieferant des nordafrikanischen Landes. Deutsche Maschinen, Industrieanlagen, Fahrzeuge, chemische Erzeugnisse und pharmazeutische Produkte spielen im bilateralen Handel eine zentrale Rolle.

Die algerische Regierung versucht zugleich, ihre Wirtschaft unabhängiger von Energieexporten zu machen. Öffentliche Investitionen, Konsum und hohe Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor stützen derzeit die wirtschaftliche Entwicklung. Auch der Bergbau wird mit neuen Projekten für Eisen, Phosphat und Zink ausgebaut.

Algerien als politischer Gesprächspartner im Sahel

Neben den Wirtschaftsbeziehungen spielt Algeriens regionale Rolle eine wichtige Rolle im Verhältnis zu Deutschland. Felsheim bezeichnete das Land als „Stabilitätsfaktor in der Region“ und hob dessen Bedeutung im Sahel sowie im Libyen-Konflikt hervor.

Algerien verfügt über lange Grenzen zu Mali, Niger und Libyen und lehnt eine stärkere ausländische Militärpräsenz in der Region ab. Die Regierung setzt offiziell auf politische Vermittlung und regionale Lösungen. In Libyen beteiligt sie sich am internationalen Berliner Prozess, der unter Führung der Vereinten Nationen eine politische Beilegung des Konflikts erreichen soll.

Deutschland und Algerien betonen außerdem ihre Unterstützung für die Vereinten Nationen und eine internationale Ordnung auf Grundlage des Völkerrechts. Nach der Ratifizierung des bilateralen Kulturabkommens im Jahr 2025 soll auch das Goethe-Institut seine Arbeit in Algerien aufnehmen.

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