Die Vereinigten Arabischen Emirate haben die Diplomatin Lana Nusseibeh als Kandidatin für die Nachfolge von UN-Generalsekretär António Guterres nominiert. Die offizielle Bewerbung wurde am Mittwoch, dem 21. Oktober 2026, bekannt gegeben. Ihr Einstieg folgt auf sechs ergebnislose Testabstimmungen im UN-Sicherheitsrat, bei denen keiner der bisherigen Bewerber die Zustimmung aller fünf Vetomächte erreichen konnte. Zugleich rückt die umstrittene Rolle der Emirate im Sudan-Krieg in den Auswahlprozess, während Nusseibeh eine unabhängigere und handlungsfähigere Führung der Vereinten Nationen verspricht.
Präsident Mohammed bin Zayed Al Nahyan übermittelte die Nominierung in einem Schreiben an die Präsidenten der UN-Generalversammlung und des Sicherheitsrats. Die amtierende emiratische Staatsministerin und ehemalige UN-Botschafterin hat ihre Regierungsaufgaben vorübergehend niedergelegt, um sich auf ihre Kandidatur zu konzentrieren.
Nusseibeh will die Vereinten Nationen stärker auf Konfliktprävention, praktische diplomatische Vereinbarungen und messbare Ergebnisse ausrichten. In ihrem achtseitigen Reformprogramm fordert sie eine Organisation, die früher in Krisen eingreift, Entscheidungen schneller umsetzt und gegenüber ihren Mitgliedstaaten transparenter über Kosten und Leistungen berichtet.
Neue Kandidatur nach Blockade im Sicherheitsrat
Die Bewerbung erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem die Suche nach einem Nachfolger für António Guterres ins Stocken geraten ist. Dessen zweite Amtszeit endet am 31. Dezember 2026.
Bei der sechsten informellen Abstimmung am 16. Oktober erhielten alle drei führenden Kandidaten jeweils zwei ablehnende Stimmen von ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats. Damit bleibt offen, wer die erforderliche Unterstützung der Vereinigten Staaten, Chinas, Russlands, Frankreichs und Großbritanniens gewinnen kann.
Auch der frühere ugandische UN-Diplomat Olara Otunnu kandidiert. Der ehemalige senegalesische Präsident Macky Sall zog seine Kandidatur dagegen im Oktober zurück.
Die Vereinten Nationen haben bislang ausschließlich männliche Generalsekretäre gehabt. Gleichzeitig bestand für die aktuelle Nachfolge die informelle Erwartung, dass die Position nach bisherigen regionalen Rotationsmustern an eine Persönlichkeit aus Lateinamerika oder der Karibik gehen könnte.
Mit Nusseibeh tritt nun eine weitere Frau aus einer anderen Weltregion in das Auswahlverfahren ein.
Langjährige UN-Botschafterin mit Erfahrung im Sicherheitsrat
Lana Nusseibeh gehört seit mehr als einem Jahrzehnt zu den führenden diplomatischen Vertreterinnen der Vereinigten Arabischen Emirate.
Von 2013 bis 2024 war sie Ständige Vertreterin ihres Landes bei den Vereinten Nationen in New York. Während der nichtständigen Mitgliedschaft der Emirate im Sicherheitsrat von 2022 bis 2023 übernahm sie zweimal dessen turnusmäßigen Vorsitz.

Darüber hinaus war sie Vizepräsidentin der UN-Generalversammlung und Vorsitzende des Exekutivrats der UN-Frauenorganisation UN Women. Sie beschäftigte sich mit der Reform der Generalversammlung und des Sicherheitsrats sowie mit Fragen der internationalen Sicherheit, humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit.
Zuletzt war sie als Staatsministerin im Außenministerium der Emirate und Sondergesandte für die Vereinten Nationen und die Europäische Union tätig.
Ihre Bewerbung verbindet sie mit dem Anspruch, das Vertrauen in internationale Diplomatie wiederherzustellen. „Wenn die Entfernung zwischen dem, was wir versprechen, und dem, was wir tatsächlich leisten, wächst, schwindet das Vertrauen und damit auch unsere Handlungsfähigkeit“, erklärte Nusseibeh bei der Bekanntgabe ihrer Kandidatur.
Reformprogramm setzt auf frühzeitige Diplomatie und konkrete Ergebnisse
Nusseibeh stellt Friedensvermittlung und Konfliktprävention an den Anfang ihres politischen Programms. Die Vereinten Nationen sollten sich stärker auf erreichbare Vereinbarungen konzentrieren, statt ausschließlich umfassende Friedenslösungen anzustreben.
Dazu zählt sie lokale Waffenruhen, Gefangenenaustausche und sichere Korridore für humanitäre Hilfe. Solche Vereinbarungen müssten diplomatisch begleitet und ihre Umsetzung überprüft werden.
Regionale Organisationen und Vermittler, die von den Konfliktparteien akzeptiert werden, sollen dabei eine größere Rolle übernehmen. Die UN müsse nicht jeden Verhandlungsprozess selbst führen, solle aber überall dort präsent sein, wo sie einen konkreten Beitrag leisten könne.
Auch die Entwicklungszusammenarbeit will Nusseibeh verändern. Nationale Prioritäten und die Schaffung von Arbeitsplätzen sollen stärker berücksichtigt werden. Bei der Finanzierung setzt sie auf eine engere Zusammenarbeit mit Entwicklungsbanken, Unternehmen und privaten Stiftungen.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Verschuldung von Entwicklungsländern. Die Kandidatin will internationale Verständigungen über tragfähigere Schuldenlösungen fördern und Investitionshindernisse abbauen.
Innerhalb der Vereinten Nationen fordert sie eine stärkere Kontrolle der Ausgaben. Große Programme sollen künftig ausweisen, welche konkreten Ergebnisse sie mit den eingesetzten Mitteln erreicht haben. Doppelstrukturen zwischen UN-Einrichtungen sollen reduziert werden.
Zudem spricht sie sich für internationale Vereinbarungen zur Sicherheit künstlicher Intelligenz, einen breiteren Zugang zu neuen Technologien und eine konsequentere Anwendung internationaler Menschenrechtsstandards aus.
Sudan-Krieg bringt politische Kontroverse in die Kandidatur
Die Herkunft der Kandidatin dürfte auch die Diskussion über den Krieg im Sudan beeinflussen. Den Vereinigten Arabischen Emiraten wird seit Längerem vorgeworfen, die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) militärisch zu unterstützen.
UN-Experten und Menschenrechtsorganisationen haben Hinweise auf mutmaßliche Waffenlieferungen und andere Unterstützung für die RSF dokumentiert. Amnesty International berichtete 2025 über chinesische Waffen, die nach Erkenntnissen der Organisation über die Emirate an die Miliz gelangt sein sollen.
Abu Dhabi weist die Vorwürfe zurück und bestreitet, eine der sudanesischen Konfliktparteien mit Waffen oder militärischer Unterstützung zu versorgen.
Der Internationale Gerichtshof wies eine Klage Sudans gegen die Emirate wegen fehlender Zuständigkeit ab. Über die inhaltliche Berechtigung der Vorwürfe entschied das Gericht nicht.
Nathaniel Raymond, Leiter des Humanitarian Research Lab der Yale School of Public Health, äußerte gegenüber dem UN-Fachmedium PassBlue scharfe Kritik an der Kandidatur. Er sieht einen möglichen Interessenkonflikt zwischen dem Amt des UN-Generalsekretärs und der bisherigen Regierungszugehörigkeit Nusseibehs.
Seine Kritik richtet sich insbesondere auf die Vorwürfe gegen die Emirate im Zusammenhang mit den Gewalttaten in Darfur.
Nusseibeh selbst betont ihre Unabhängigkeit. Unter ausdrücklichem Verweis auf Artikel 100 der UN-Charta, der die internationale Unabhängigkeit des Generalsekretariats schützt, erklärte sie, ihre Regierungsfunktion für die Dauer der Kandidatur ruhen zu lassen.
Sie wolle „mit jeder Regierung offen sprechen und keiner verpflichtet sein“. Ausnahmen für befreundete Staaten werde es ebenso wenig geben wie eine Benachteiligung von Kritikern.
Entscheidung liegt bei den fünf Vetomächten
Über die Nachfolge von Guterres entscheidet zunächst der UN-Sicherheitsrat. Ein Kandidat benötigt dort mindestens neun Stimmen und darf kein Veto eines der fünf ständigen Mitglieder erhalten.
Erst danach spricht der Sicherheitsrat eine formelle Empfehlung an die Generalversammlung aus, die den neuen Generalsekretär ernennt.
Die bisherige Abstimmungsserie hat gezeigt, dass selbst Kandidaten mit breiter Unterstützung innerhalb des 15-köpfigen Sicherheitsrats an Vorbehalten einzelner Vetomächte scheitern können. Die ablehnenden Stimmen bei den informellen Abstimmungen sind allerdings noch keine förmlichen Vetos.
Mit der Kandidatur Nusseibehs erweitert sich das Bewerberfeld um eine Diplomatin, die über langjährige Erfahrung innerhalb der Vereinten Nationen verfügt und zugleich aus einem Staat stammt, dessen internationale Rolle insbesondere im Sudan-Konflikt kontrovers diskutiert wird.

