Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat seine Wachstumsprognosen für Libyen und Marokko angesichts der wirtschaftlichen Folgen des Iran-Krieges gesenkt, während Ägypten und Tunesien besser abschneiden dürften als zunächst erwartet. Die neuen Zahlen veröffentlichte der IWF am Donnerstag, dem 22. Oktober 2026, in seinem regionalen Wirtschaftsausblick. Trotz steigender Energiepreise, gestörter Handelswege und wachsender Unsicherheit erwartet die Organisation für alle nordafrikanischen Staaten weiterhin ein Wirtschaftswachstum. Die Unterschiede zwischen den Ländern sind allerdings erheblich, insbesondere zwischen den Energieexporteuren und den stärker von Importen abhängigen Volkswirtschaften.
Für die Gesamtregion Nahost und Nordafrika erwartet der IWF 2026 einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um zwei Prozent. Diese Entwicklung wird allerdings vor allem durch die schweren Einbrüche bei den vom Krieg unmittelbar betroffenen Energieexporteuren des Nahen Ostens verursacht. Die nordafrikanischen Volkswirtschaften zeigen sich bislang deutlich widerstandsfähiger.
Libyen verliert deutlich an Wachstum, Algerien bleibt stabil
Besonders stark hat der IWF seine Erwartungen für Libyen korrigiert. Nach einem Wirtschaftswachstum von 15,9 Prozent im Jahr 2025 dürfte das Bruttoinlandsprodukt 2026 nur noch um 3,3 Prozent steigen. Im April hatte der Fonds noch mit 6,7 Prozent gerechnet.
Die Abwärtskorrektur um 3,4 Prozentpunkte zählt zu den größten unter den nordafrikanischen Volkswirtschaften. Libyens Wirtschaft ist stark von der Erdölförderung abhängig und damit besonders anfällig für Produktionsschwankungen, Handelsstörungen und politische Unsicherheit.
Für 2027 erwartet der IWF nur noch ein Wachstum von 2,9 Prozent. Auch diese Prognose wurde gegenüber April gesenkt.
Anders entwickelt sich Algerien. Für das Land rechnet der Fonds 2026 mit einem Wachstum von 3,8 Prozent, nahezu unverändert gegenüber den 3,9 Prozent des Vorjahres. Die Prognose entspricht der bereits im April veröffentlichten Erwartung.
Als Exporteur von Erdöl und Erdgas profitiert Algerien von höheren internationalen Energiepreisen. Der IWF erwartet deshalb eine Verbesserung seiner außenwirtschaftlichen Position. Gleichzeitig belasten höhere Importpreise und zunehmender Inflationsdruck die Binnenwirtschaft.
Ägypten wächst stärker als erwartet
Ägypten hebt sich mit einer verbesserten Wachstumsprognose von den meisten Ländern der Region ab. Der IWF erwartet 2026 eine Expansion um 5,1 Prozent, nachdem die Wirtschaft im Vorjahr um 4,4 Prozent gewachsen war.
Gegenüber seiner April-Prognose erhöhte der Fonds die Wachstumserwartung um 0,9 Prozentpunkte. Damit verzeichnet Ägypten unter den größeren nordafrikanischen Volkswirtschaften eine der stärksten positiven Korrekturen.
Nach Einschätzung der IWF-Ökonomen wird die Entwicklung durch robuste Überweisungen von im Ausland lebenden Ägyptern, die Binnennachfrage und wirtschaftspolitische Maßnahmen gestützt. Auch der Tourismus hat sich trotz des regionalen Konflikts bislang vergleichsweise stabil entwickelt.
Gleichzeitig bleibt Ägypten erheblichen wirtschaftlichen Belastungen ausgesetzt. Die Landeswährung verlor zwischen Februar und August nominal effektiv rund sechs Prozent an Wert. Dadurch verteuerten sich Importe zusätzlich.
Im August erreichte die jährliche Inflationsrate 14,5 Prozent. Höhere Lebensmittel- und Energiekosten verstärken den Preisdruck auf private Haushalte und Unternehmen.
Die geopolitische Lage betrifft außerdem den Suezkanal, eine wichtige Einnahmequelle Ägyptens. Störungen des internationalen Schiffsverkehrs im Roten Meer können die wirtschaftlichen Erträge der Handelsroute beeinträchtigen.
Marokko und Tunesien wachsen langsamer
Für Marokko rechnet der IWF 2026 mit einem Wirtschaftswachstum von 4,5 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr mit 4,9 Prozent bedeutet dies eine leichte Abschwächung. Die Prognose wurde seit April um 0,4 Prozentpunkte gesenkt.

Die marokkanische Wirtschaft wird weiterhin von Investitionen, der Binnennachfrage und einem stabilen Tourismussektor getragen. Besonders Infrastrukturinvestitionen sollen nach Einschätzung des IWF das Wachstum auch mittelfristig unterstützen.
Belastend wirken dagegen höhere Kosten für Energie und importierte Güter. Für Marokko als Nettoimporteur von Energie verschlechtern steigende Weltmarktpreise die Handelsbedingungen.
In Tunesien fällt das Wachstum schwächer aus. Nach 2,7 Prozent im Jahr 2025 erwartet der IWF für 2026 einen Zuwachs von 2,4 Prozent.
Damit liegt die neue Schätzung allerdings um 0,3 Prozentpunkte über der April-Prognose. Der Fonds verweist auf eine vergleichsweise stabile Entwicklung bei Überweisungen aus dem Ausland und im Tourismussektor.
Dennoch bleibt der wirtschaftliche Spielraum Tunesiens begrenzt. Die hohe Staatsverschuldung, steigende Importkosten und bestehende Finanzierungsprobleme erschweren die Reaktion auf externe Preisschocks.
Mauretanien, Sudan und Dschibuti mit unterschiedlichen Entwicklungen
Für Mauretanien prognostiziert der IWF ein Wachstum von 4,4 Prozent. Die Schätzung blieb gegenüber April unverändert und liegt über dem Wert von 3,6 Prozent aus dem Jahr 2025.
Die wirtschaftliche Entwicklung wird unter anderem durch den Rohstoffsektor gestützt. Gleichzeitig gehört Mauretanien zu den Ländern, die aufgrund ihrer Abhängigkeit von Lebensmittel- und Energieimporten besonders empfindlich auf steigende Weltmarktpreise reagieren.
Sudan könnte nach der schweren wirtschaftlichen Zerstörung durch den Bürgerkrieg 2026 wieder um sieben Prozent wachsen. Für 2027 erwartet der IWF sogar einen Zuwachs von 15 Prozent.
Diese Wachstumsraten beruhen jedoch auf einem stark geschrumpften wirtschaftlichen Ausgangsniveau. Die Prognose setzt unter anderem eine teilweise Erholung der Produktion und den Wiederaufbau wirtschaftlicher Aktivitäten voraus.
Dschibuti dürfte 2026 um 5,6 Prozent wachsen. Gegenüber April wurde die Prognose allerdings um 0,4 Prozentpunkte reduziert. Auch hier belasten höhere Lebensmittelpreise und Transportkosten die Wirtschaft.
Energiepreise und Inflation setzen Nordafrika unter Druck
Der Iran-Krieg hat die internationalen Energie- und Rohstoffmärkte seit Februar erheblich verändert. Der Ölpreis stieg von rund 65 US-Dollar je Barrel im Januar auf nahezu 118 Dollar Ende März. Nach einer zwischenzeitlichen Entspannung überschritt er im September erneut zeitweise die Marke von 100 Dollar.
Noch stärker verteuerten sich einige Erdölprodukte. Nach IWF-Berechnungen lagen die Preise für Flugzeugtreibstoff Mitte September rund 85 Prozent über dem Vorkriegsniveau, Diesel verteuerte sich um 68 Prozent und Benzin um 45 Prozent.
Hinzu kommen Preissteigerungen bei Lebensmitteln und Düngemitteln. Weizen und bestimmte phosphathaltige Düngemittel waren im September rund 25 Prozent teurer als Ende Februar.
Diese Entwicklung trifft die nordafrikanischen Staaten unterschiedlich. Algerien kann als Energieexporteur höhere Einnahmen erzielen. Marokko und Tunesien müssen dagegen mehr für Energieimporte ausgeben. In Ägypten verstärken Wechselkurseffekte den Preisdruck.
Der IWF warnt zudem vor wachsenden Belastungen für die öffentlichen Haushalte. Viele Regierungen haben mit Subventionen, Preisregulierungen und anderen Unterstützungsmaßnahmen versucht, die Auswirkungen steigender Kosten abzufedern.
Solche Maßnahmen schützen Haushalte kurzfristig vor höheren Preisen, erhöhen jedoch die staatlichen Ausgaben und können die Haushaltsdefizite vergrößern.
Erholung hängt vom weiteren Kriegsverlauf ab
Für 2027 erwartet der IWF weiterhin Wachstum in den nordafrikanischen Ländern. Ägypten soll um 4,7 Prozent wachsen, Marokko um 4,2 Prozent und Algerien um 3,2 Prozent. Für Tunesien prognostiziert der Fonds zwei Prozent, für Libyen 2,9 Prozent und für Mauretanien erneut 4,4 Prozent.
Die Erwartungen stehen allerdings unter erheblichen geopolitischen Vorbehalten. Das Basisszenario des IWF geht davon aus, dass die Kampfhandlungen im Nahen Osten nach dem ersten Quartal 2027 beendet werden und sich die Energieproduktion sowie der internationale Handel anschließend schrittweise normalisieren.
Sollte sich der Krieg verlängern, rechnen die Ökonomen mit zusätzlichen Belastungen. In einem alternativen Szenario könnte der durchschnittliche Ölpreis 2027 auf rund 130 US-Dollar je Barrel steigen, verglichen mit etwa 87 Dollar in der Basisprognose.
Für die energieimportierenden Staaten Nordafrikas würden dadurch die Kosten für Treibstoffe, Transport und Lebensmittel weiter steigen. Der IWF sieht besonders bei hoch verschuldeten Volkswirtschaften und Ländern mit begrenzten staatlichen Finanzreserven Risiken für Wachstum, Inflation und öffentliche Haushalte.

