“Islamischer Staat Mosambik” töten 19 Menschen nahe Militärstützpunkt – Sicherheitskräfte reagieren kaum

Mindestens 19 Tote in zehn Tagen – nur wenige Kilometer von einem wichtigen Militärstützpunkt entfernt. Eine neue ACLED-Untersuchung zeigt, wie sich IS-Kämpfer in Mosambik nahezu ungehindert bewegen konnten, obwohl die EU seit Jahren bei der Ausbildung der Streitkräfte hilft.

Islamistische Kämpfer haben im Norden Mosambiks innerhalb von zehn Tagen mindestens 19 Menschen getötet und konnten trotz eines nahegelegenen Militärstützpunkts weitgehend unbehelligt operieren. Die Angriffe ereigneten sich zwischen dem 21. und 31. Oktober 2026 in der Provinz Cabo Delgado. Nach einer neuen Auswertung der Konfliktbeobachtungsorganisation ACLED waren 18 der Todesopfer Zivilisten, die ihren alltäglichen Tätigkeiten nachgingen. Die Anschlagsserie legt erneut Schwächen der mosambikanischen Streitkräfte offen, die seit Jahren mit Unterstützung der Europäischen Union und Ruandas gegen islamistische Gruppen kämpfen.

Die am 6. November veröffentlichte Untersuchung des Mozambique Conflict Monitor dokumentiert mindestens sieben angegriffene Ortschaften im Grenzgebiet der Distrikte Mueda und Muidumbe. Obwohl die Präsenz der Extremisten vor Ort bekannt war, gelang es den Sicherheitskräften nicht, die Gewaltserie zu unterbinden.

Islamisten operierten zehn Tage in unmittelbarer Nähe des Militärs

Besonders auffällig ist der Schauplatz der Angriffe. Mueda beherbergt das Hauptquartier der sogenannten Local Force, einer lokalen paramilitärischen Einheit, und einen bedeutenden Stützpunkt der mosambikanischen Streitkräfte (FADM).

Dennoch konnten sich Kämpfer der Gruppe Islamischer Staat Mosambik (ISM) über mehr als zehn Tage durch umliegende Dörfer bewegen und wiederholt Zivilisten angreifen.

Nach den Erkenntnissen von ACLED kam es während der gesamten Angriffsserie lediglich bei Ntuchi, rund zehn Kilometer von Mueda entfernt, zu einer direkten Auseinandersetzung mit staatlichen Sicherheitskräften.

Zu den Todesopfern gehörten zwei Cashewnusshändler, die unter einem Baum getötet wurden. Weitere Opfer waren junge Menschen, die ein traditionelles Getränk für den Verkauf herstellten.

Die Extremisten veröffentlichten anschließend Bekennerschreiben, in denen sie ihre Opfer als Christen bezeichneten. Die religiöse Zuschreibung stammt von der Terrorgruppe und ist nicht für alle Betroffenen unabhängig bestätigt.

Bereits Anfang November hatten lokale Medien über mindestens 14 Todesopfer berichtet. Die neue ACLED-Auswertung beziffert die Zahl für den Zeitraum vom 21. bis 31. Oktober auf mindestens 19.

Regierung bestätigt Morde und Entführungen

Die mosambikanische Regierung bestätigte die jüngsten Angriffe am 4. November.

Plácido Pereira, Staatssekretär der Provinz Cabo Delgado, erklärte in Pemba, in mehreren Dörfern des Distrikts Muidumbe seien Menschen entführt und ermordet worden.

Eine konkrete Opferzahl nannte der Regierungsvertreter nicht.

Pereira räumte ein, dass die Gewalt die landwirtschaftliche Produktion gefährde. Bewohner hätten ihre Dörfer verlassen müssen, wodurch bereits vorbereitete Anbauflächen nicht mehr bewirtschaftet werden könnten.

Die Regierung bemühe sich, betroffene Familien mit Lebensmitteln und weiterer Unterstützung zu versorgen. Gleichzeitig verwies Pereira auf Verbesserungen der allgemeinen Sicherheitslage gegenüber den Vorjahren.

Die jüngsten Angriffe betreffen eine Region, in der viele Menschen nach früheren Gewaltereignissen bereits mehrfach vertrieben worden waren.

EU-Militärkommandeur benennt drei Schwachstellen

Die unzureichende Reaktion der Streitkräfte war bereits vor Veröffentlichung der neuen Opferzahlen Gegenstand öffentlicher Kritik.

Der portugiesische Brigadegeneral Sérgio Estrela, Kommandeur der EU-Militärunterstützungsmission in Mosambik (EUMAM MOZ), benannte am 27. Oktober drei grundlegende Schwierigkeiten der Streitkräfte.

Erstens erschwere die zentralisierte militärische Befehlsstruktur schnelle Entscheidungen vor Ort. Einheiten müssten häufig auf Anweisungen übergeordneter Kommandostellen warten, während sich die Islamisten in kleinen und mobilen Gruppen bewegten.

Zweitens bestünden Defizite bei der Aufklärung und Informationsbeschaffung über Bewegungen bewaffneter Gruppen.

Drittens behinderten logistische und finanzielle Probleme die Durchführung wirksamer Militäroperationen.

Die Kritik erhält durch die Vorgänge bei Mueda zusätzliches Gewicht. Dort war die Präsenz bewaffneter Kämpfer nach Darstellung von ACLED lokal bekannt, führte jedoch nicht zu einer ausreichenden Reaktion der Sicherheitskräfte.

Mehr als 150 islamistische Angriffe innerhalb von fünf Monaten

Die militärische Bedrohung beschränkt sich nicht auf die jüngsten Tötungen.

Bei einer sicherheitspolitischen Veranstaltung in Maputo stellte Estrela eine Bilanz von 154 Angriffen durch Aufständische zwischen Juni und Ende Oktober 2026 vor.

Die Gewalt betraf nach seinen Angaben insgesamt 120 Ortschaften in 16 Distrikten. Davon lagen 15 in Cabo Delgado und einer in der benachbarten Provinz Niassa.

Die Zahlen zeigen, wie weit sich die Aktivitäten der bewaffneten Gruppen geografisch erstrecken.

Allein im Oktober registrierte der Mozambique Conflict Monitor für Cabo Delgado 26 sicherheitsrelevante Ereignisse mit 32 gemeldeten Todesopfern. Das waren zehn Prozent weniger Ereignisse, aber rund ein Drittel mehr Tote als im Vormonat.

23 Ereignisse wurden dem Islamischen Staat Mosambik zugerechnet. Die Gruppe war im Oktober in neun Distrikten der Provinz aktiv.

Dabei setzt sie zunehmend auf Beweglichkeit und dezentrale Operationen. Kleine Gruppen überfallen Dörfer, greifen Verkehrswege an, beschaffen Lebensmittel und Ausrüstung oder entführen Menschen gegen Lösegeld.

Bis zu 100 IS-Kämpfer konnten sich nahezu ungehindert zurückziehen

Ein weiterer Vorgang verdeutlicht die Schwierigkeiten der mosambikanischen Sicherheitskräfte.

Seit Juli hatten sich bis zu 100 Kämpfer des Islamischen Staates Mosambik im Distrikt Montepuez aufgehalten. Besonders betroffen war die Region Nairoto.

Anfang Oktober erhielt die Gruppe nach Angaben von ACLED ein Lösegeld für eine Entführung in Höhe von umgerechnet rund 46.000 Euro.

Anschließend zogen sich die Kämpfer schrittweise in Richtung ihrer traditionellen Operationsgebiete im Distrikt Macomia zurück.

Sie nutzten gestohlene Motorräder, Fahrräder und Fußwege und bewegten sich über Montepuez und Meluco. Am 21. Oktober wurden Kämpfer in den Bergbaugebieten Matandane und Minhanha beobachtet.

Von dort teilten sie sich in drei Gruppen auf. Etwa am 26. Oktober hatten die letzten Kämpfer ihre Rückzugsbewegung abgeschlossen.

Nach Einschätzung von ACLED gelang ihnen dies weitgehend ohne Eingreifen der staatlichen Sicherheitskräfte.

Zuvor hatte die Armee die Extremisten in Montepuez zeitweise verfolgt. Diese Operationen wurden jedoch nicht konsequent fortgesetzt.

Ruandas Streitkräfte erzielen Erfolge entlang der Küste

Während die mosambikanischen Sicherheitskräfte im Landesinneren Schwierigkeiten haben, konnten sie gemeinsam mit ruandischen Einheiten entlang der Küste einzelne Erfolge erzielen.

Am 17. Oktober stellte die mosambikanische Marine nach einem von ACLED ausgewerteten Bericht ein Boot mit IS-Kämpfern. Drei Aufständische wurden dabei getötet, ein weiterer gefangen genommen und das Boot zerstört.

Auch ruandische Soldaten griffen in die Bewegungen der Extremisten ein.

Am 18. Oktober überraschte eine ruandische Einheit im Küstengebiet von Macomia eine Gruppe von IS-Kämpfern, die in der Nähe von Marijirane Vorräte beschaffen wollte.

Nach Angaben einer lokalen Quelle wurden dabei mindestens sechs Kämpfer und ein Zivilist getötet.

Diese Einsätze richteten sich insbesondere gegen die Versorgung und Bewegungsfreiheit der Extremisten entlang der Küste.

ACLED dokumentierte zugleich Vorwürfe gegen mosambikanische Soldaten. In Mecuti bei Quissanga sollen Sicherheitskräfte am 14. Oktober Zivilisten geschlagen haben, nachdem diese einer Aufforderung zum Verlassen des Wohngebiets nicht nachgekommen waren.

EU hat bereits mehr als 1.600 Soldaten für schnelle Eingreifkräfte ausgebildet

Die Europäische Union unterstützt Mosambik seit mehreren Jahren beim Aufbau und bei der Ausbildung militärischer Einheiten.

Die aktuelle EU-Militärunterstützungsmission EUMAM MOZ wurde im September 2024 eingerichtet. Sie setzt die frühere europäische Ausbildungsmission fort und konzentriert sich insbesondere auf die Einsatzfähigkeit der schnellen Eingreifkräfte.

Nach Angaben des Missionskommandeurs wurden elf Kompanien mit insgesamt mehr als 1.600 Soldaten für schnelle Eingreifoperationen ausgebildet. Das Training umfasst unter anderem militärische Führung, Kommunikation, Zusammenarbeit mit Zivilisten, Menschenrechte und humanitäres Völkerrecht.

Nach Angaben des portugiesischen Generalstabs waren bis September 2026 insgesamt mehr als 1.900 mosambikanische Militärangehörige an über 70 Unterstützungsprogrammen der aktuellen EU-Mission beteiligt.

Für Ausbildung und nicht tödliche militärische Ausrüstung wurden nach Angaben des Sicherheitsforschers Borges Nhamirre vom Institute for Security Studies insgesamt rund 89 Millionen Euro an europäischen Mitteln eingesetzt.

Die fortgesetzten Angriffe zeigen allerdings, dass der Aufbau ausgebildeter Einheiten nicht automatisch zu einer flächendeckend wirksamen Terrorismusbekämpfung führt.

Der Schwerpunkt der EU-Mission liegt auf Ausbildung, Beratung und militärischer Unterstützung. Die grundlegenden Probleme der zentralisierten Befehlsstruktur und der operativen Entscheidungsprozesse können dadurch allein nicht behoben werden.

Der Rat der Europäischen Union hat das Mandat der Mission bis zum 31. Dezember 2026 verlängert.

IS versucht Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen zu verstärken

Neben den militärischen Folgen untersucht ACLED die gesellschaftlichen Auswirkungen der jüngsten Gewalttaten.

Die Terrorgruppe bezeichnete ihre Opfer wiederholt ausdrücklich als Christen. Die betroffenen Ortschaften liegen in einem Gebiet, das historisch stark von der Bevölkerungsgruppe der Makonde geprägt ist.

ACLED sieht darin einen möglichen Versuch, bestehende Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen und religiösen Gemeinschaften auszunutzen.

Besonders betroffen sind die Beziehungen zwischen Menschen mit Makonde- und Mwani-Hintergrund. In der Küstenstadt Mocímboa da Praia hatten islamistische Kämpfer bereits im August überwiegend von Makonde bewohnte Viertel angegriffen.

Damals flohen zahlreiche Menschen in Richtung Mueda.

Der bewaffnete Aufstand in Cabo Delgado begann im Oktober 2017. Seitdem wurden nach Angaben internationaler Organisationen mehr als 6.600 Menschen getötet. Rund 1,3 Millionen Menschen waren im Verlauf des Konflikts von Vertreibung betroffen.

Die Provinz verfügt zugleich über bedeutende Erdgasvorkommen. Internationale Energieunternehmen verfolgen dort große Förder- und Flüssiggasprojekte, während zahlreiche ländliche Gemeinden weiterhin unter bewaffneter Gewalt, eingeschränkter Bewegungsfreiheit und wiederholten Vertreibungen leiden.

Verwandte Beiträge
Total
0
Share