UN-Generalsekretär António Guterres sieht den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen durch die geopolitischen Konflikte der Großmächte weitgehend handlungsunfähig und fordert eine Neuordnung der internationalen Machtverhältnisse. In einem aktuellen Interview mit Financial Times-Auslandschef Alec Russell zog Guterres zum Ende seiner Amtszeit Bilanz über fast zehn Jahre an der Spitze der Vereinten Nationen. Zugleich bestätigte er massive Einschnitte bei Personal und Aktivitäten der UN infolge sinkender Finanzmittel. Afrika nannte er als eines der deutlichsten Beispiele für die überholte Machtverteilung im Sicherheitsrat.
„Der Sicherheitsrat ist in diesen zehn Jahren durch die geopolitischen Spaltungen praktisch gelähmt worden“, sagte Guterres. Als deutlichste Beispiele nannte er wiederholte russische Vetos im Zusammenhang mit dem Krieg gegen die Ukraine und Vetos der Vereinigten Staaten zu Israel und dem Nahen Osten.
In zahlreichen weiteren Konflikten habe das Gremium nicht die nötige Handlungsfähigkeit gezeigt. Dadurch sei der Einfluss der Vereinten Nationen auf Konfliktparteien erheblich zurückgegangen.
Nach Einschätzung des Generalsekretärs hat sich dadurch ein „Gefühl der Straflosigkeit“ entwickelt. Der UN fehle zunehmend die Möglichkeit, Konfliktparteien glaubhaft mit politischen Konsequenzen zu konfrontieren.
Guterres fordert neue Machtverteilung im Sicherheitsrat
Besonders deutlich kritisierte Guterres die Zusammensetzung des Sicherheitsrats. Die heutigen internationalen Institutionen müssten die Welt von heute widerspiegeln und nicht mehr die Machtverhältnisse von 1945.
Europa sei unter den fünf ständigen Mitgliedern mit Frankreich, Großbritannien und Russland vertreten. „Europa ist nicht drei Fünftel der Welt“, sagte Guterres.
Afrika verfügt dagegen weiterhin über keinen ständigen Sitz im Sicherheitsrat. Auch Lateinamerika ist nicht dauerhaft vertreten. Aus Asien gehört mit China ein Staat zu den fünf ständigen Mitgliedern.

Für Guterres ist eine Anpassung dieser Machtverteilung langfristig unvermeidbar. Nicht nur der Sicherheitsrat, sondern auch die internationale Finanzarchitektur müsse sich an das veränderte Gewicht der verschiedenen Regionen und Staaten anpassen.
Die eigentliche Reformfrage betreffe deshalb nicht allein effizientere Verwaltungsstrukturen innerhalb der Vereinten Nationen. Sie betreffe die Verteilung politischer Macht.
„Die Machtverhältnisse sind noch immer dysfunktional im Verhältnis zur heutigen Welt“, sagte Guterres. Darin liege ein Grund dafür, dass internationale Entscheidungen zunehmend blockiert würden.
UN streicht 22 Prozent der Stellen
Parallel zum politischen Druck müssen die Vereinten Nationen mit deutlich weniger Geld arbeiten. Guterres bestätigte, dass im UN-Haushalt für 2026 die Zahl der Stellen um 22 Prozent reduziert wurde.
Die Organisation habe sich bereits zwei Jahre zuvor auf einen starken Rückgang der verfügbaren Mittel vorbereitet. Guterres verwies dabei ausdrücklich auf die Erwartung eines Regierungswechsels in den Vereinigten Staaten.
Die UN habe daraufhin Arbeitsabläufe umgestellt und versucht, mit weniger Ressourcen einen möglichst großen Teil ihrer Aufgaben aufrechtzuerhalten.
Trotz Liquiditätsproblemen seien die Gehälter bislang jeden Monat gezahlt worden. Auch bis zum Ende des Jahres werde die Bezahlung der Beschäftigten gewährleistet sein, sagte Guterres.
Die Kürzungen betreffen jedoch nicht allein das UN-Sekretariat. Organisationen und Programme der Vereinten Nationen hätten ihr Personal und ihre Aktivitäten teilweise drastisch reduziert, nachdem die Mittel für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit eingebrochen seien.
Guterres wies die Befürchtung zurück, einzelne UN-Organisationen stünden unmittelbar vor dem Zusammenbruch. Die Präsenz vor Ort sei aufrechterhalten worden.
Die Folgen für die betroffenen Menschen seien dennoch spürbar. Die Vereinten Nationen könnten weniger leisten als zuvor, sagte der Generalsekretär. Er verwies auf zusätzliche Todesfälle durch Hunger und fehlende Impfstoffe infolge unzureichender humanitärer Finanzierung.
Zusammenarbeit mit den USA trotz politischer Differenzen
Guterres verwies dabei ausdrücklich auf mehrere Konflikte in Afrika.
Bei der Westsahara arbeiteten die Vereinten Nationen und die Vereinigten Staaten gleichzeitig an Vermittlungsbemühungen. Auch bei den Konflikten in Libyen und Sudan gebe es eine enge Zusammenarbeit mit Washington.
Zwischen öffentlicher Rhetorik und der tatsächlichen diplomatischen Zusammenarbeit bestehe teilweise ein erheblicher Unterschied, sagte Guterres. Trotz unterschiedlicher Positionen in zahlreichen Fragen habe es in mehreren Bereichen eine wirksame Kooperation mit den USA gegeben.
Auch im Sudan hält die UN an ihrer Position fest. Guterres erklärte, die Vereinten Nationen hätten beide Konfliktparteien ebenso wie die Einmischung ausländischer Mächte verurteilt.
Die Möglichkeiten internationaler Vermittlung seien jedoch geringer geworden. Neben den eigentlichen Kriegsparteien beteiligten sich inzwischen oftmals weitere Akteure, die politische Lösungen erschwerten.
Multipolare Welt verändert die Vereinten Nationen
Den zunehmenden Einfluss von Schwellen- und Mittelmächten bezeichnete Guterres grundsätzlich als positive Entwicklung. Die Welt bewege sich eindeutig in Richtung einer multipolaren Ordnung.
Entscheidend sei, ob diese neue Machtverteilung durch funktionierende internationale Institutionen begleitet werde.
Guterres warnte davor, dass eine ungeordnete Multipolarität zu stärkerem Wettbewerb und schließlich zu mehr Konfrontation führen könne. Als historisches Beispiel verwies er auf Europa vor dem Ersten Weltkrieg, das ebenfalls durch mehrere konkurrierende Machtzentren geprägt gewesen sei.
Gleichzeitig stellte er die traditionelle Trennung zwischen „Globalem Norden“ und „Globalem Süden“ infrage. Die wachsende Bedeutung von Schwellenländern und neue wirtschaftliche, technologische und politische Verbindungen machten diese Einteilung zunehmend ungeeignet.
„Es ist Zeit, dass die Supermächte die Grenzen ihrer Macht verstehen“, sagte Guterres. Das Gewicht einzelner Länder habe sich verändert. Großmächte könnten ihren Willen in internationalen Konflikten nicht mehr in gleicher Weise durchsetzen wie früher.
Reform statt Ende der Vereinten Nationen
Guterres widersprach zugleich Befürchtungen, die Vereinten Nationen könnten angesichts von Blockaden, finanziellen Problemen und neuen internationalen Machtzentren langfristig bedeutungslos werden.
Die Organisation habe trotz aller Schwierigkeiten eine zentrale Funktion erfüllt: Einen direkten Krieg zwischen Großmächten zu verhindern. Auch der Sicherheitsrat habe dazu beigetragen.
Diese Aufgabe bleibe bestehen. Guterres sieht deshalb nicht das Ende der Vereinten Nationen, sondern die Notwendigkeit einer reformierten Organisation.
Die weitergehende Frage der Machtverteilung können diese Verwaltungsreformen jedoch nicht lösen. Guterres sieht hier vor allem den Sicherheitsrat und die internationale Finanzordnung unter Anpassungsdruck.
Afrika bleibt dabei der größte nicht dauerhaft vertretene Kontinent im Machtzentrum der Vereinten Nationen.

