Guterres letzte Rede vor der Weltbühne: “Aus Rissen sind Schluchten geworden”

Zwei der höchsten Vertreter der Vereinten Nationen erhöhen den Druck für eine Reform des Sicherheitsrates. Guterres nennt das Fehlen einer permanenten afrikanischen Vertretung „ungerecht und nicht zu rechtfertigen“, Rahman stellt die Glaubwürdigkeit der UN infrage.

UN-Generalsekretär António Guterres und der Präsident der UN-Generalversammlung, Khalilur Rahman, haben zum Auftakt der 81. Generaldebatte eine permanente afrikanische Vertretung im Sicherheitsrat gefordert und die bestehende Machtordnung der Vereinten Nationen grundsätzlich infrage gestellt. Die Reden wurden am Dienstag, 22. September 2026, in New York gehalten. Guterres bezeichnete einen Sicherheitsrat des 21. Jahrhunderts ohne ständige afrikanische Vertretung als „ungerecht und nicht zu rechtfertigen“. Rahman verband die Reformfrage direkt mit der Glaubwürdigkeit der Vereinten Nationen.

Rahman: Afrika muss mit am Tisch sitzen

Der neue Präsident der Generalversammlung stellte die Reform des Sicherheitsrates ins Zentrum seiner Forderung nach einer Erneuerung der UN. Nach acht Jahrzehnten ohne permanente afrikanische Vertretung müsse die Staatengemeinschaft handeln.

„Afrika muss mit am Tisch sitzen, statt auf der Speisekarte zu stehen“, sagte Rahman. Dabei gehe es um Fairness, Gerechtigkeit und die Glaubwürdigkeit der Organisation.

Rahman stellte die Forderung in einen größeren Zusammenhang. Die Vereinten Nationen seien seit ihrer Gründung von 50 auf heute 193 Mitgliedstaaten gewachsen. Ihr Fortbestehen allein könne jedoch nicht als Erfolg gelten.

„Außerhalb dieser Mauern fragen die Menschen nicht, ob die Vereinten Nationen noch existieren. Sie fragen, ob sie funktionieren“, sagte der Diplomat aus Bangladesch.

Die UN müsse deshalb eigene Defizite offen anerkennen, tiefgreifende strukturelle Reformen vorantreiben und stärker Akteure außerhalb der Regierungen einbeziehen. Rahman nannte Unternehmen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, insbesondere bei der Regulierung künstlicher Intelligenz.

Guterres sieht globale Machtordnung im Umbruch

Auch Guterres stellte die Frage politischer Macht ins Zentrum seiner Rede. Der Generalsekretär sprach von vier großen Belastungsproben für die internationale Ordnung: Krieg und Frieden, Ungleichheit, Klimawandel und künstliche Intelligenz.

„Die Bruchlinien in unserer Welt werden breiter. Aus Rissen sind Schluchten geworden“, sagte Guterres.

Aus seiner Sicht verändern drei Entwicklungen die globale Machtverteilung gleichzeitig. Neue staatliche Machtzentren gewinnen wirtschaftlich, politisch und technologisch an Gewicht. Zugleich verschiebt sich Einfluss von Regierungen zu großen Unternehmen und einzelnen privaten Akteuren. Mit künstlicher Intelligenz werde schließlich auch Entscheidungsmacht vom Menschen auf Maschinen übertragen.

Die internationalen Institutionen spiegelten dagegen weiterhin weitgehend die Machtverhältnisse einer vergangenen Epoche wider.

Guterres warb deshalb für eine stärker vernetzte multipolare Ordnung auf Grundlage internationaler Regeln. Eine Aufspaltung der Welt in konkurrierende Wirtschafts- und Sicherheitsblöcke würde die bestehenden Konflikte weiter verschärfen.

Sicherheitsrat soll heutige Machtverhältnisse widerspiegeln

Die Forderung nach einer Reform des Sicherheitsrates verbindet damit zwei Debatten: die geografische Repräsentation innerhalb der Vereinten Nationen und die Frage, wie eine zunehmend multipolare Welt institutionell abgebildet werden kann.

Der Sicherheitsrat besteht aus 15 Mitgliedern. Entscheidungen zu Krieg, Frieden und internationalen Sanktionen werden maßgeblich von den fünf ständigen Mitgliedern geprägt. Afrika verfügt trotz seiner zahlreichen UN-Mitgliedstaaten bislang über keine permanente Vertretung in diesem Kreis.

Rahman forderte einen repräsentativeren und transparenteren Sicherheitsrat. Das Gremium müsse handlungsfähig sein, wenn internationaler Frieden und Sicherheit bedroht seien.

Guterres verband die institutionelle Reform mit den Kriegen und Krisen in Gaza, Sudan, der Ukraine, Myanmar und weiteren Regionen. Die Durchsetzung des Völkerrechts und der Schutz von Zivilisten dürften nicht selektiv erfolgen.

Militärausgaben steigen, Entwicklungshilfe sinkt

Rahman verwies zugleich auf eine wachsende Schieflage bei den internationalen Ausgaben. Die weltweite Entwicklungshilfe sei innerhalb eines Jahres um 23 Prozent auf rund 175 Milliarden Dollar gefallen. Gleichzeitig näherten sich die globalen Militärausgaben der Marke von drei Billionen Dollar und seien inzwischen elf Jahre in Folge gestiegen.

Fortschritte bei den globalen Entwicklungszielen blieben in vielen Bereichen aus. Bei rund einem Drittel der Zielvorgaben der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele sei die Entwicklung ins Stocken geraten.

Rahman verwies allerdings auch auf messbare Fortschritte. Innerhalb eines Jahrzehnts hätten fast eine Milliarde Menschen Zugang zu sicherem Trinkwasser erhalten. Rund 92 Prozent der Weltbevölkerung verfügten inzwischen über Elektrizität, der Anteil der Menschen mit Internetzugang sei von 40 auf 74 Prozent gestiegen.

Guterres fordert Reform der internationalen Finanzordnung

Guterres nahm ebenfalls die wirtschaftliche Machtverteilung ins Visier. Trotz eines historisch hohen globalen Wohlstands fehle Milliarden Menschen weiterhin der ausreichende Zugang zu Nahrung, sauberem Wasser, Bildung und Gesundheitsversorgung.

Der Generalsekretär erneuerte deshalb seine Forderung nach einer Reform der internationalen Finanzarchitektur. Entwicklungsländer benötigten schnellere Schuldenerleichterungen, leistungsfähigere multilaterale Entwicklungsbanken und einen gerechteren Zugang zu den Sonderziehungsrechten des Internationalen Währungsfonds.

Ungleichheit sei nicht nur eine wirtschaftliche Frage, sondern betreffe den Zugang zu Chancen, Ressourcen und politischer Selbstbestimmung.

UN warnt vor unkontrollierter künstlicher Intelligenz

Besonders deutlich warnten beide UN-Spitzenvertreter vor einer unregulierten Entwicklung künstlicher Intelligenz.

Rahman erklärte, KI sei bereits in grundlegende Infrastrukturen eingebunden, darunter Wasserversorgung, Stromnetze, Gesundheitsdaten, Wirtschaftssysteme und Streitkräfte. Regierungen verfügten dabei weder allein über das notwendige Fachwissen noch über Kapital, Technologie und Innovationskraft.

„Wir dürfen nicht zulassen, dass uns ein Wettrüsten um die Kontrolle künstlicher Intelligenz über den Abgrund trägt“, sagte Rahman.

Guterres forderte einen multilateralen Rahmen zum Management von KI-Risiken mit unabhängiger Aufsicht. Die Gefahr liege nicht in der Technologie selbst, sondern in „Technologie ohne Rechenschaftspflicht“.

Besonders bei militärischen Anwendungen zog der Generalsekretär eine klare Grenze. Entscheidungen über Leben und Tod dürften nicht Maschinen überlassen werden. Autonome tödliche Waffensysteme hätten „keinen Platz in unserer Zukunft“.

Guterres geht in seine letzten 100 Tage

Für Guterres war die Rede zugleich eine seiner letzten großen Ansprachen vor der Generalversammlung als UN-Generalsekretär. Rund 100 Tage vor dem Ende seiner Amtszeit stellte er die Reform der Vereinten Nationen in einen Zusammenhang mit der grundlegenden Frage, wie politische, wirtschaftliche und technologische Macht künftig kontrolliert werden soll.

„Macht braucht Regeln“, sagte Guterres. Die Aufgabe der Vereinten Nationen bestehe darin, einen Ort zu schaffen, „an dem Macht sich Prinzipien unterordnen muss“.

Die Organisation benötige deshalb keine Schwächung, sondern Institutionen, die den veränderten globalen Machtverhältnissen Rechnung tragen und zugleich an der UN-Charta festhalten.

Verwandte Beiträge
Total
0
Share