Die Niederlande erhöhen den Druck auf Sierra Leone wegen des international gesuchten Drogenhändlers Jos Leijdekkers, während die Europäische Union eine Zahlung von 18 Millionen Euro an das westafrikanische Land zurückhält. Der Streit verschärfte sich Anfang Oktober 2026. Amsterdam wirft der Regierung in Freetown vor, den in Europa verurteilten Kokainhändler zu schützen und seine Auslieferung zu verhindern. Gleichzeitig deuten internationale Ermittlungen auf weitreichende Verbindungen zwischen kriminellen Netzwerken, staatlichen Institutionen und dem Kokainhandel in mehreren westafrikanischen Staaten hin.
Niederlande wollen Sierra Leone mit finanziellen Maßnahmen unter Druck setzen
Ausgangspunkt des diplomatischen Konflikts ist der niederländische Staatsangehörige Jos Leijdekkers, bekannt als „Bolle Jos“. Er wurde in den Niederlanden und Belgien wegen schwerer Drogendelikte zu langjährigen Haftstrafen verurteilt und soll sich seit mehreren Jahren in Sierra Leone aufhalten.
Die niederländische Regierung fordert seine Auslieferung. Justizminister David van Weel wirft den Behörden in Freetown vor, die Strafverfolgung nicht ausreichend zu unterstützen.
Besondere Bedeutung erhält der Konflikt durch die Entscheidung der Europäischen Kommission, eine für 2026 vorgesehene Budgethilfe von 18 Millionen Euro vorerst nicht auszuzahlen.
Van Weel begrüßte den Schritt ausdrücklich als Druckmittel gegen Sierra Leone. Die niederländische Regierung setzt sich darüber hinaus für weitere europäische Maßnahmen ein, darunter mögliche Sanktionen gegen Personen, die international gesuchte Drogenkriminelle unterstützen.
Die Europäische Kommission widerspricht allerdings der Darstellung, die zurückgehaltenen Gelder seien eine Strafmaßnahme im Fall Leijdekkers. Sie verweist auf technische und administrative Gründe.
Auch Sierra Leones Regierung weist einen Zusammenhang zurück. In einer Erklärung vom 1. Oktober teilte das Informationsministerium mit, die Entscheidung sei bereits im Juli wegen notwendiger Änderungen an einem Finanzierungsabkommen getroffen worden. Die betreffenden Auszahlungen sollten auf 2027 und 2028 verschoben werden.
Die Regierung bezeichnete den Zahlungsaufschub als Rückschlag, betonte aber, die umfassende Zusammenarbeit mit der Europäischen Union bleibe bestehen.
Für die Niederlande ist die finanzielle Entscheidung dennoch Teil einer größeren Auseinandersetzung über internationale Strafverfolgung und die Verantwortung staatlicher Behörden.
Ermittlungen werfen Fragen zum Einfluss krimineller Netzwerke auf den Staat auf
Die Vorwürfe gegen Sierra Leone reichen inzwischen über die verweigerte Auslieferung hinaus.
Eine am 14. Oktober veröffentlichte Untersuchung der britischen Zeitung The Guardian beschreibt ein weitreichendes Kokainnetzwerk, das von Sierra Leone aus operieren und Verbindungen zu hochrangigen Sicherheitsbeamten und politischen Entscheidungsträgern unterhalten soll.
Im Zentrum steht Leijdekkers, der nach den Recherchen mit einer Tochter von Präsident Julius Maada Bio verheiratet ist. Die Zeitung stützt sich auf Aussagen von Ermittlern und Geheimdienstvertretern, die von mutmaßlicher Korruption, politischer Einflussnahme und Behinderungen polizeilicher Ermittlungen berichten.
„Es handelt sich um die Übernahme staatlicher Strukturen durch ein kriminelles Netzwerk in einem bislang nicht gekannten Ausmaß“, erklärte ein westlicher Regierungsvertreter gegenüber dem Guardian.
Die Zeitung berichtet außerdem über mutmaßliche Entführungen und Tötungen im Umfeld des Drogenhandels sowie über den Verdacht, dass Sicherheitskräfte kriminelle Aktivitäten geschützt hätten.
Leijdekkers’ Anwalt weist die Anschuldigungen als politisch motiviert zurück. Auch einzelne Vertreter staatlicher Einrichtungen bestreiten die gegen sie erhobenen Vorwürfe. Eine persönliche Beteiligung von Präsident Bio an den mutmaßlichen Straftaten ist nicht nachgewiesen.
Das Ausmaß des internationalen Kokainhandels zeigt sich unter anderem an einer im Mai vor der marokkanischen Küste abgefangenen Schiffsladung. Spanische Ermittler stellten auf dem Frachter Arconian, der aus Sierra Leone gekommen war, nach Angaben des Guardian zwischen 30 und 45 Tonnen Kokain sicher.
Die Untersuchung führt den Transport auf ein Netzwerk um Leijdekkers zurück. Eine gerichtliche Feststellung seiner Verantwortung für diese Ladung liegt bislang nicht vor.
Drogennetzwerke geraten auch in Liberia und Ghana ins Visier
Die Ermittlungen reichen mittlerweile über Sierra Leone hinaus.
In Liberia beschlagnahmten Sicherheitskräfte im Juni und Juli 2026 bei zwei getrennten Einsätzen insgesamt mehr als vier Tonnen Kokain. Der größere Fund allein umfasste knapp vier Tonnen.
Die Ermittlungen führten zu Anklagen gegen internationale Tatverdächtige und ehemalige hochrangige liberianische Amtsträger, darunter die frühere Vizepräsidentin Jewel Howard-Taylor. Sie bestreitet die Anschuldigungen. Die strafrechtliche Verantwortung der Angeklagten ist nicht rechtskräftig festgestellt.

Während der Guardian Verbindungen zwischen Leijdekkers und dem großen Kokainfund in Liberia beschreibt, konnten liberianische Ermittler einen solchen Zusammenhang bislang nicht bestätigen. Auch die beiden dort untersuchten Schmuggelnetzwerke werden nach Angaben der Zeitung FrontPageAfrica vorläufig als getrennte Fälle behandelt.
In Ghana wiederum bemühen sich die Behörden gemeinsam mit europäischen Partnern um die Aufklärung internationaler Lieferketten. Im September wurden im französischen Hafen Dünkirchen nahezu 3,9 Tonnen Kokain in einem Container aus Ghana entdeckt.
Die Niederlande wollen ihre Zusammenarbeit mit westafrikanischen Sicherheitsbehörden ausbauen, um Transportwege und Finanzierungsstrukturen organisierter Drogenkriminalität zu unterbrechen.
Organisierte Kriminalität belastet internationale Beziehungen
Für die betroffenen Staaten entwickeln sich die Ermittlungen damit zunehmend zu einer außenpolitischen und wirtschaftlichen Angelegenheit.
Sierra Leone erhält umfangreiche Unterstützung internationaler Entwicklungspartner. Die Europäische Union hat für den Zeitraum von 2021 bis 2027 ein Hilfsprogramm über 352 Millionen Euro vorgesehen. Die derzeit zurückgehaltenen 18 Millionen Euro betreffen einen Teil dieser Zusammenarbeit, nicht das gesamte Programm.
Die Niederlande prüfen weitere diplomatische und finanzielle Schritte, falls die Auslieferung Leijdekkers’ weiterhin ausbleibt.
Gleichzeitig geraten staatliche Behörden in Westafrika unter verstärkte internationale Beobachtung. Gegenstand der Untersuchungen sind nicht nur einzelne Drogentransporte, sondern auch mögliche Bestechung, Geldwäsche, der Missbrauch öffentlicher Ämter und die Zusammenarbeit zwischen internationalen Kartellen und staatlichen Sicherheitsstrukturen.
Der liberianische Senator Amara Konneh warnte im Oktober bei einer Veranstaltung in Washington vor dem wachsenden Einfluss krimineller Netzwerke und wirtschaftlicher Interessengruppen auf staatliche Entscheidungen.
„Liberia ist noch kein von privaten Interessen vereinnahmter Staat“, erklärte Konneh. Das Land befinde sich jedoch an einem besonders gefährlichen Punkt seit dem Bürgerkrieg und der Ebola-Epidemie.
Der niederländische Justizminister Van Weel hält unterdessen an seiner Forderung fest, Sierra Leone müsse Leijdekkers ausliefern. In einem Schreiben an das niederländische Parlament vom 2. Oktober erklärte er, seine Regierung werde weiterhin mit europäischen Institutionen und internationalen Partnern zusammenarbeiten und zusätzliche Maßnahmen gegen Sierra Leone prüfen.

