Russlands Außenminister Lawrow: Afrika hat erkannt, dass Europa es „getäuscht“ hat

„Natürlich“: Sergej Lawrow sagt, Afrika habe erkannt, dass Europa den Kontinent wirtschaftlich „getäuscht“ habe. Der russische Außenminister spricht von einem neokolonialen Rohstoffmodell und sieht Afrika als Teil einer neuen multipolaren Weltordnung.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow wirft Europa vor, Afrika über Jahrzehnte in einem neokolonialen Wirtschaftsmodell gehalten zu haben, und behauptet, afrikanische Staaten hätten diese Abhängigkeit inzwischen erkannt. In einem am 28. August veröffentlichten Interview mit dem russischen Fernsehsender RBC sprach Lawrow von tiefgreifenden Veränderungen auf dem Kontinent. Afrika beginne sich von einem Modell zu lösen, bei dem Rohstoffe auf dem Kontinent gewonnen, die Wertschöpfung aber in Europa erzielt werde. Die Entwicklung ordnete er in den Aufstieg einer multipolaren Welt mit China, Indien und Brasilien als wachsenden Wirtschaftsmächten ein.

„In Afrika finden grundlegende Veränderungen statt, da sich der Kontinent zunehmend von dem neokolonialen Modell distanziert, bei dem dort Rohstoffe gefördert und die Wertschöpfung in Europa vorgenommen wurde“, sagte Lawrow.

Auf die Frage des Interviewers, ob die Afrikaner erkannt hätten, dass sie getäuscht worden seien, antwortete der russische Außenminister: „Natürlich.“

Afrikanische Staaten hätten sich über ihre politische Freiheit und die politische Dekolonisierung gefreut, sagte Lawrow. Die wirtschaftliche Benachteiligung bestehe jedoch weiterhin.

Russland stellt Wirtschaftsbeziehungen zu Europa als Neokolonialismus dar

Lawrows Aussagen entsprechen einem Narrativ, das Moskau in seiner Afrikapolitik seit Jahren verwendet. Im aktuellen Interview stellte der Außenminister die Beziehungen zwischen Afrika und Europa als Fortsetzung kolonialer wirtschaftlicher Strukturen dar.

Im Zentrum seiner Argumentation steht die Rohstoffwirtschaft. Nach seiner Darstellung wurden afrikanische Rohstoffe über Jahrzehnte exportiert, während Verarbeitung und ein großer Teil der daraus entstehenden Wertschöpfung außerhalb des Kontinents stattfanden.

Lawrow bezeichnete diese Struktur ausdrücklich als „neokoloniales Modell“. Eine politische Dekolonisierung habe stattgefunden, eine entsprechende wirtschaftliche Emanzipation Afrikas nach seiner Darstellung dagegen nicht vollständig.

Die Aussagen sind eine politische Bewertung des russischen Außenministers. Im Interview legte Lawrow keine Daten oder Untersuchungen vor, mit denen er seine Einschätzung zur Haltung afrikanischer Staaten gegenüber Europa belegte.

Lawrow sieht multipolare Welt bereits als Realität

Die Aussagen zu Afrika waren Teil einer breiteren Darstellung der sich verändernden globalen Machtverhältnisse.

„Die Entstehung einer multipolaren Welt ist eine etablierte Realität“, sagte Lawrow. Als Beispiele nannte er insbesondere China, Indien und Brasilien.

China sei gemessen an der Kaufkraftparität inzwischen die größte Volkswirtschaft der Welt und wachse weiterhin in hohem Tempo. Lawrow verwies zugleich auf Diskussionen über mögliche Überkapazitäten der chinesischen Wirtschaft und Schwierigkeiten, ausreichend Absatzmärkte für chinesische Produkte zu finden. Dieses Problem werde jedoch gelöst werden, erklärte er.

Auch Indien und Brasilien würden ihre wirtschaftliche Position schnell stärken und ihren Platz in der Weltwirtschaft beanspruchen.

Afrikas politische und wirtschaftliche Veränderungen stellte Lawrow in denselben Zusammenhang. Der Kontinent ist damit in seiner Darstellung Teil einer Verschiebung wirtschaftlicher Macht weg von einer westlich dominierten internationalen Ordnung.

Lawrow weitet Vorwurf auf den gesamten Westen aus

Im weiteren Verlauf des Interviews beschränkte Lawrow seine Vorwürfe nicht auf die Beziehungen zwischen Europa und Afrika. Er griff die westlichen Staaten grundsätzlich an und erklärte, Täuschung liege „im Fundament westlicher Diplomatie“.

Als Belege führte er vor allem Russlands Verhältnis zur NATO, die europäische Sicherheitsordnung und den Krieg gegen die Ukraine an. Dabei wiederholte er die russische Darstellung, Moskau seien nach dem Ende des Kalten Krieges Zusagen über eine Begrenzung der NATO-Erweiterung gemacht worden.

Lawrow verband damit die Kritik an Europas Afrikapolitik mit der umfassenderen russischen These, die westlich geprägte internationale Ordnung verliere an wirtschaftlicher und politischer Dominanz.

China, Indien, Brasilien und die Veränderungen in Afrika seien Ausdruck einer neuen Machtverteilung, während die frühere unipolare Ordnung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus seiner Sicht nicht mehr bestehe.

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