Chatham House drängt neuen Premierminister Andy Burnham zu einem Neustart mit Afrika

52 Prozent weniger bilaterale Mittel, aber höhere wirtschaftliche Ambitionen: Chatham House fordert Andy Burnham auf, Großbritanniens Afrika-Politik neu zu ordnen und Handel, Diplomatie und Finanzierung enger zu verbinden.

Der britische Premierminister Andy Burnham soll Afrikas wachsende wirtschaftliche und geopolitische Bedeutung stärker in den Mittelpunkt der britischen Außenpolitik rücken. Die Empfehlungen veröffentlichte Chatham House am 22. Juli 2026. Das Londoner Institut fordert eine engere Verzahnung von Handel, Entwicklungsfinanzierung, Diplomatie und Sicherheitspolitik. Zugleich muss die neue Regierung mit deutlich weniger Mitteln auskommen, nachdem Großbritannien seine bilaterale Finanzierung afrikanischer Staaten zugunsten höherer Verteidigungsausgaben gekürzt hat.

Chatham House sieht dennoch Spielraum für eine sichtbare Neuausrichtung. Vergleichsweise begrenzte finanzielle Mittel könnten größere politische und wirtschaftliche Wirkung entfalten, wenn London seine Instrumente besser koordiniere und klare Schwerpunkte setze.

Die britische Regierung hatte Ende 2025 einen neuen Ansatz für Afrika vorgestellt. Er sollte das Verhältnis zu afrikanischen Staaten stärker auf Investitionen, Handel, wirtschaftliches Wachstum und gemeinsame Interessen ausrichten. Die damalige Entwicklungs- und Afrikaministerin Jenny Chapman erklärte, Großbritannien wolle sich nicht länger vor allem als Geber verstehen, sondern als Partner, Investor und Unterstützer von Reformen. 

Entwicklungshilfe verliert an Gewicht

Der neue Rahmen entstand noch unter dem damaligen Außenminister David Lammy nach Konsultationen mit Regierungen, Unternehmen, Hochschulen, Diaspora-Organisationen und zivilgesellschaftlichen Gruppen. Mehr als 600 Organisationen beteiligten sich nach Angaben der britischen Regierung an dem fünfmonatigen Verfahren.

Die daraus entwickelte Afrika-Politik setzt auf sieben Arbeitsfelder. Dazu gehören Handel und Investitionen, Migration, Klima und Energie, Frieden und Sicherheit, Gesundheit und Bildung, eine stärkere afrikanische Vertretung in internationalen Institutionen sowie Zusammenarbeit in Forschung, Technologie und Kultur.

Chatham House bezeichnet diesen Ansatz als pragmatische Grundlage, sieht darin aber noch keinen umfassenden Neustart der britisch-afrikanischen Beziehungen. Die einzelnen Vorhaben müssten stärker miteinander verbunden und auf konkrete Länder und Wirtschaftsbereiche zugeschnitten werden.

Diese Aufgabe fällt in eine Phase wachsender Haushaltszwänge. Nach Berechnungen des Instituts soll die regionale bilaterale Unterstützung für Afrika innerhalb von drei Jahren um 52 Prozent sinken. Die Kürzungen sind Teil der Entscheidung, mehr öffentliche Mittel für Verteidigung bereitzustellen.

Langfristige Programme könnten dadurch erheblich eingeschränkt werden. Chatham House warnt zugleich vor einem Vertrauensverlust bei afrikanischen Partnern, wenn politische Ankündigungen nicht durch sichtbare Umsetzung und eine ausreichende diplomatische Präsenz begleitet werden.

Deutschland dient als Beispiel für mehr Koordination

Als Orientierung verweist Chatham House auf die stärker handels- und investitionsbezogene deutsche Afrikapolitik. Deutschland habe Entwicklungsfinanzierung, industrielle Interessen und die Mobilisierung privaten Kapitals enger miteinander verbunden.

Besonders erwähnt wird der frühere „Marshallplan mit Afrika“. Dabei handelte es sich nicht um ein einzelnes Förderprogramm, sondern um einen politischen Rahmen, aus dem Reformpartnerschaften mit ausgewählten afrikanischen Staaten hervorgingen. Finanzielle Unterstützung wurde dabei mit politischen und wirtschaftlichen Reformen verbunden, die das Investitionsklima verbessern und privates Kapital anziehen sollten.

Großbritannien solle dieses Modell nicht kopieren, könne aber dessen Grundprinzipien übernehmen. Dazu zählt Chatham House klarere Prioritäten, eine bessere Abstimmung zwischen Ministerien und ein verständliches Angebot an britische Unternehmen und afrikanische Partner.

London verfügt bereits über mehrere öffentliche Finanzierungsinstrumente. UK Export Finance sichert britische Exportgeschäfte und Investitionen ab. British International Investment finanziert Unternehmen und Projekte in Entwicklungs- und Schwellenländern. Hinzu kommen die Finanzmärkte und Vermögensverwalter der City of London.

Diese Instrumente könnten gemeinsam eingesetzt werden, um Risiken zu senken, weitere Geldgeber zu gewinnen und Investitionen in Infrastruktur, Energie und industrielle Produktion zu ermöglichen.

Rohstoffe sollen stärker in Afrika verarbeitet werden

Besondere Möglichkeiten sieht Chatham House bei kritischen Rohstoffen. Länder wie die Demokratische Republik Kongo, Sambia und Namibia wollen ihre Rolle als reine Lieferanten unverarbeiteter Rohstoffe überwinden. Sie drängen auf mehr Verarbeitung, industrielle Produktion und Beschäftigung im eigenen Land.

Großbritannien wiederum benötigt Rohstoffe für erneuerbare Energien, Batterien und neue Technologien. Daraus könne eine Zusammenarbeit entstehen, die nicht allein den Zugang britischer Unternehmen zu Rohstoffen absichert. Investitionen müssten zugleich Infrastruktur, berufliche Qualifizierung und lokale Wertschöpfung fördern.

Als Beispiel nennt das Institut das Programm Simandou 2040 in Guinea. UK Export Finance unterstützt dort mit einer Garantie von 1,8 Milliarden Pfund ein Paket von Infrastrukturvorhaben im Zusammenhang mit dem Eisenerzprojekt Simandou. Die Finanzierung soll weitere Investitionen in Transport, Energie und die Modernisierung staatlicher Strukturen anstoßen.

London soll diplomatische Präsenz bewahren

Chatham House warnt davor, neben der Entwicklungsfinanzierung auch die diplomatische Präsenz weiter zu reduzieren. Botschaften und Hochkommissionen verfügten über politische Kontakte, Kenntnisse lokaler Märkte und Netzwerke zu Unternehmen und Regierungen. Weitere Einschnitte würden die Fähigkeit Großbritanniens schwächen, wirtschaftliche Chancen frühzeitig zu erkennen und verlässliche Beziehungen aufzubauen.

Das Institut schlägt zudem vor, die Zuständigkeit für Afrika organisatorisch stärker von der klassischen Entwicklungspolitik zu trennen. Ein eigener Afrika-Berater des Premierministers könne die Zusammenarbeit zwischen Ministerien verbessern und verdeutlichen, dass London afrikanische Staaten nicht ausschließlich aus entwicklungspolitischer Sicht betrachtet.

Großbritannien unterhält bereits strategische Partnerschaften mit Kenia, Nigeria und Südafrika. Mit Kenia will London den Handel in ausgewählten Bereichen bis 2030 verdoppeln. Mit Nigeria besteht eine erweiterte Handels- und Investitionspartnerschaft. Hinzu kommen Vereinbarungen mit Marokko über Infrastrukturprojekte im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2030 und eine vertiefte Wachstumspartnerschaft mit Südafrika. 

Britische G20-Präsidentschaft als diplomatischer Hebel

Neben Handel und Investitionen soll London afrikanische Forderungen nach Reformen internationaler Institutionen unterstützen. Dazu gehören eine stärkere Vertretung in multilateralen Gremien, Veränderungen bei Weltbank und Internationalem Währungsfonds sowie eine größere afrikanische Rolle innerhalb der G20.

Großbritannien übernimmt 2027 den Vorsitz der G20. Chatham House sieht darin eine Gelegenheit, afrikanische Positionen bei Schulden, Investitionsfinanzierung und globaler Wirtschaftsordnung stärker auf die Tagesordnung zu setzen.

Die britische Afrika-Politik von 2025 enthält bereits entsprechende Zusagen. London unterstützt einen zusätzlichen Sitz für Staaten südlich der Sahara im Exekutivdirektorium des Internationalen Währungsfonds und fordert mehr Stimmrechte für einkommensschwache Länder bei der Weltbank. Die britische Regierung verwies bei der Vorstellung ihrer Afrika-Politik darauf, dass rund 800 Millionen Menschen auf dem Kontinent in Staaten leben, die mehr für Zinsen als für ihre Gesundheitssysteme ausgeben. 

Chatham House nennt außerdem technische Zusammenarbeit bei Steuerverwaltung, öffentlichen Finanzen, digitaler Verwaltung und der Vorbereitung großer Investitionsprojekte. Solche Programme könnten staatliche Institutionen langfristig stärken, auch wenn sie finanziell weniger sichtbar seien als große Förderzusagen.

Großbritannien soll zugleich sein Engagement in Konflikten fortsetzen. Dazu gehören humanitäre Hilfe und diplomatische Bemühungen im Sudan sowie Maßnahmen zur Stabilisierung konfliktbetroffener Regionen. Die Regierung arbeitet außerdem mit der Afrikanischen Union und afrikanischen Staaten bei Friedensförderung, Grenzsicherheit und der Bekämpfung organisierter Schleusernetzwerke zusammen.

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