UN-Chefsuche: Die Schlacht um die Deutungshoheit auf Wikipedia

Drei Tage nach Macky Salls Einstieg ins Rennen um den Posten des UN-Generalsekretärs wurden kritische Passagen seiner Wikipedia-Biografie abgeschwächt. Wer hinter den Änderungen steht, ist nicht geklärt.

Der Wikipedia-Eintrag des früheren senegalesischen Präsidenten Macky Sall ist kurz nach seinem Einstieg in das Rennen um den Posten des UN-Generalsekretärs an mehreren politisch sensiblen Stellen abgeschwächt worden. Drei Tage nach Bekanntwerden seiner Kandidatur änderte ein anonymer Nutzer Formulierungen zur Kritik an Salls Präsidentschaft und ergänzte wenige Minuten später prominent dessen Bewerbung um das höchste Amt der Vereinten Nationen. Eine Untersuchung des UN-Fachmediums PassBlue veröffentlichte die Änderungen am 31. August. Eine Verbindung des Wikipedia-Nutzers zu Sall oder dessen Wahlkampf konnte dabei nicht nachgewiesen werden. 

PassBlue untersuchte die englischsprachigen Wikipedia-Seiten aller acht Kandidatinnen und Kandidaten, die bis zum 19. August für die Nachfolge von UN-Generalsekretär António Guterres angetreten waren. Zwischen Dezember 2024 und August 2026 identifizierte das Medium insgesamt 335 inhaltlich bedeutsame Änderungen. Routinekorrekturen, automatische Bearbeitungen und reine Formatänderungen wurden dabei nicht berücksichtigt.

Die Untersuchung zeigt bei mehreren Bewerbern Auseinandersetzungen darüber, wie politische Kontroversen, berufliche Leistungen und die laufenden Kandidaturen auf einer der meistgenutzten Informationsplattformen dargestellt werden.

Kritik an Salls Präsidentschaft wird abgeschwächt

Bis zum Morgen des 5. März enthielt die Einleitung von Macky Salls englischer Wikipedia-Biografie deutlich formulierte Hinweise auf Kritik an seiner Regierungszeit. Dort war von „undemokratischen Manövern“, der „Repression der Opposition“ und einem „versuchten Selbstputsch“ die Rede.

Der Wikipedia-Nutzer „Mamadoudiallo26“ ersetzte diese Formulierungen durch deutlich zurückhaltendere Begriffe. Aus den „undemokratischen Manövern“ wurden „Fragen der Regierungsführung“, die „Repression der Opposition“ wurde als „Spannungen“ mit der Opposition bezeichnet. Der Hinweis auf einen „versuchten Selbstputsch“ wich der Formulierung „Verfassungsdebatten“.

Vier Minuten später fügte derselbe Nutzer Salls Kandidatur für das Amt des UN-Generalsekretärs prominent in die Einleitung ein.

Wikipedia veröffentlicht die tatsächliche Identität seiner freiwilligen Nutzer nicht. Das betreffende Konto besteht seit 2020 und hat nach der Analyse von PassBlue besonders häufig Beiträge zur senegalesischen Politik und zu öffentlichen Institutionen auf der französischsprachigen Wikipedia bearbeitet.

Eine direkte Verbindung des Kontos zu Sall, dessen Umfeld oder seiner Kampagne ist nicht belegt. Salls Wahlkampfmanager reagierte nach Angaben von PassBlue nicht auf mehrere Anfragen.

Nutzer bearbeitete zuvor Projekte aus Salls Amtszeit

Das Konto war bereits vor der UN-Kandidatur mit Themen aus Salls Regierungszeit befasst. Im Januar 2025 erstellte es einen französischsprachigen Wikipedia-Artikel über den Hafen von Ndayane, eines der großen Infrastrukturprojekte, die während Salls Präsidentschaft auf den Weg gebracht wurden.

Später versuchte der Nutzer, auch einen englischsprachigen Beitrag über das Projekt anzulegen. Wikipedia lehnte den Entwurf ab und bemängelte, der Text entspreche nicht dem sachlichen Ton eines Enzyklopädieartikels. Zudem verwies die Plattform auf ihre Anforderungen an Neutralität und unabhängige Quellen.

Die öffentlichen Versionsgeschichten von Wikipedia ermöglichen es, solche Veränderungen auch dann nachzuvollziehen, wenn Passagen später überschrieben oder vollständig entfernt werden.

Daniel Safran-Hon vom International Peace Institute misst diesen öffentlich zugänglichen Biografien im laufenden Auswahlverfahren erhebliches Gewicht bei. „Der biografische Datensatz zählt mindestens genauso viel wie sorgfältig inszeniertes Kampagnenmaterial“, sagte er PassBlue. Neben klassischen Internetrecherchen spielten inzwischen auch KI-Systeme bei der Informationssuche über Kandidaten eine Rolle.

Um Grynspans Wikipedia-Seite entbrennt Editierstreit

Besonders intensiv wurde der Wikipedia-Eintrag der costa-ricanischen Kandidatin Rebeca Grynspan bearbeitet. Ihre Seite verzeichnete innerhalb des untersuchten Zeitraums 44 Änderungen.

Im April fügte ein Nutzer einen Abschnitt mit der Überschrift „Kontroversen“ hinzu. Darin wurden unter anderem Vorwürfe über Ausgaben während Grynspans Amtszeit bei der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung aufgeführt.

In den folgenden zwei Wochen wurde der Abschnitt insgesamt 17-mal eingefügt und wieder gelöscht. Wikipedia schützte die Seite schließlich vor weiteren Bearbeitungen, nachdem die Plattform Hinweise auf den Einsatz mehrerer miteinander verbundener Konten festgestellt hatte.

Zwei Konten wurden nach einer Untersuchung dauerhaft gesperrt. Ein Wikipedia-Administrator bezeichnete die Überschneidungen als möglichen Fall nicht offengelegter bezahlter Bearbeitung. Zugleich stellte PassBlue fest, dass auch mehrere Konten, die besonders nachdrücklich auf die Entfernung der Kritik drängten, kaum Aktivitäten außerhalb der Grynspan-Seite aufwiesen.

Eine Verbindung dieser Nutzer zu Grynspan oder ihrer Kampagne ist ebenfalls nicht nachgewiesen. Ihr Wahlkampfteam beantwortete eine Anfrage von PassBlue nicht.

Wikipedia warnt bei Espinosa vor werblicher Sprache

Auch die Seite der ecuadorianischen Kandidatin María Fernanda Espinosa geriet unter Beobachtung. Wikipedia versah ihre Biografie am 15. Juli mit einem Warnhinweis, wonach der Artikel werbliche Inhalte enthalte und neutraler formuliert werden müsse.

Bereits zuvor hatten Nutzer lobende Formulierungen aus der Biografie entfernt. Nach ihrer Nominierung versuchte zudem ein Konto mit kaum vorhandener Bearbeitungshistorie, eine nicht belegte Auszeichnung aus dem Jahr 2026 hinzuzufügen.

Die betreffende Auszeichnung stammte von der Plattform Illuminem, die neben redaktionellen Angeboten auch kostenpflichtige Veröffentlichungs- und Sichtbarkeitspakete verkauft. Espinosas Team bestritt gegenüber PassBlue eine Geschäftsbeziehung zu Illuminem. Die Plattform erklärte ebenfalls, von Espinosa oder ihrem Team keine Zahlung erhalten zu haben.

Zwei afrikanische Kandidaten im Rennen

Neben Macky Sall kandidiert mit dem Ugander Olara Otunnu ein zweiter Bewerber aus Afrika. Seine Wikipedia-Biografie gehörte zu den deutlich weniger veränderten Profilen.

Im untersuchten Zeitraum registrierte PassBlue elf Änderungen, darunter vier automatisierte Bearbeitungen. Nach der Nominierung Otunnus durch Uganda wurden kleinere Textänderungen vorgenommen und die Beschreibung eines Wahlkampfplakats aus seiner erfolglosen ugandischen Präsidentschaftskandidatur von 2011 angepasst.

Otunnus Wahlkampfteam erklärte ausdrücklich, weder selbst Änderungen vorgenommen noch Wikipedia um Bearbeitungen gebeten zu haben. Kampagnensprecherin Linda Nabirye sagte, aktuelle Entwicklungen seien teilweise noch nicht in der Enzyklopädie erfasst. Das Team aktualisiere stattdessen Otunnus eigene Internetseite.

Insgesamt treten derzeit acht Bewerber um die Nachfolge von António Guterres an. Neben Sall und Otunnu sind dies Ivonne A-Baki aus Ecuador, Michelle Bachelet aus Chile, María Fernanda Espinosa aus Ecuador, Rafael Grossi aus Argentinien, Rebeca Grynspan aus Costa Rica und Carolyn Rodrigues Birkett aus Guyana.

Der UN-Sicherheitsrat hat bislang zwei geheime Probeabstimmungen durchgeführt. Grynspan lag bei der ersten Abstimmung Ende Juli vorn, bei der zweiten im August übernahm Rodrigues Birkett die Führung.

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