Carolyn Rodrigues Birkett aus Guyana hat im Rennen um die Nachfolge von UN-Generalsekretär António Guterres die Führung übernommen. In der zweiten geheimen Probeabstimmung des UN-Sicherheitsrats am 21. August erhielt sie acht unterstützende Stimmen und verdrängte Rebeca Grynspan aus Costa Rica von Platz eins. Unter den beiden afrikanischen Kandidaten verbesserte sich Ugandas Olara Otunnu deutlich, während Senegals ehemaliger Präsident Macky Sall bei sechs Unterstützern blieb. Keiner der acht Kandidaten erreichte bislang die für eine formelle Empfehlung erforderlichen neun Stimmen.
Die Ergebnisse der sogenannten Straw Polls werden vom Sicherheitsrat nicht offiziell veröffentlicht. Das auf die Vereinten Nationen spezialisierte Medium PassBlue veröffentlichte die Abstimmungszahlen unter Berufung auf Informationen aus dem Verfahren.
Rodrigues Birkett zieht an Grynspan vorbei
Rodrigues Birkett erhielt acht „Encourage“-Stimmen, mit denen Mitglieder des Sicherheitsrats ihre Unterstützung signalisieren. Drei Mitglieder sprachen sich gegen sie aus, vier gaben keine Meinung ab.
Damit liegt die frühere Außenministerin Guyanas knapp vor Rebeca Grynspan. Die frühere Vizepräsidentin Costa Ricas und derzeitige Generalsekretärin der UN-Handels- und Entwicklungskonferenz UNCTAD kam auf sieben unterstützende Stimmen, vier Gegenstimmen und vier Enthaltungen beziehungsweise „No opinion“-Voten.
Für Grynspan bedeutet das einen deutlichen Rückgang. Bei der ersten Probeabstimmung am 30. Juli hatte sie noch zehn unterstützende Stimmen erhalten und das Feld angeführt. Damals standen einer Gegenstimme vier unentschiedene Stimmen gegenüber.
Auch Rafael Grossi aus Argentinien erhielt diesmal sieben unterstützende Stimmen. Gegen den Generaldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation stimmten jedoch sechs Ratsmitglieder. Nur zwei äußerten keine Meinung. Seine Unterstützung blieb damit gegenüber der ersten Runde stabil, während sich die Zahl seiner ablehnenden Stimmen von zwei auf sechs verdreifachte.
Macky Sall bleibt bei sechs Unterstützern
Der frühere senegalesische Präsident Macky Sall konnte seine Position in der zweiten Runde nicht verbessern. Er erhielt erneut sechs unterstützende Stimmen. Sieben Mitglieder des Sicherheitsrats sprachen sich gegen seine Kandidatur aus, zwei gaben keine Meinung ab.
Damit liegt Sall weiterhin hinter Rodrigues Birkett, Grynspan und Grossi. Anders als mehrere andere Bewerber konnte er zwischen den beiden Abstimmungen keine zusätzlichen Unterstützer gewinnen.
Die sechs „Encourage“-Stimmen reichen zudem nicht für die neun Stimmen, die bei einer späteren formellen Entscheidung des Sicherheitsrats mindestens erforderlich wären.
Dabei ist die reine Stimmenzahl nur ein Teil des Auswahlverfahrens. Für die endgültige Empfehlung dürfen die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats – China, Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA – keinen Kandidaten durch ein Veto blockieren.
Noch lässt sich aus den geheimen Probeabstimmungen nicht erkennen, von welchen Ratsmitgliedern Unterstützung oder Widerstand stammt.
Olara Otunnu macht größten Sprung
Deutlich verbessert hat sich dagegen der zweite afrikanische Kandidat, Olara Otunnu aus Uganda. Der frühere UN-Diplomat erhielt fünf unterstützende, fünf ablehnende und fünf unentschiedene Stimmen.
Bei der ersten Runde im Juli hatten lediglich zwei Mitglieder des Sicherheitsrats seine Kandidatur unterstützt. Damit hat Otunnu seine Zahl an Befürwortern mehr als verdoppelt.
Er war erst im Juli von Uganda nominiert worden und stellte sich am 19. August den UN-Mitgliedstaaten in der Generalversammlung vor. Einen Tag später traf er gemeinsam mit der ebenfalls neu hinzugekommenen Kandidatin Ivonne A-Baki erstmals Mitglieder des Sicherheitsrats zu vertraulichen Gesprächen. Otunnu hatte sich dabei als Kandidat präsentiert, der seine Amtsführung eng an der UN-Charta ausrichten und die politische „Soft Power“ des Generalsekretärs nutzen will.
Daniel Forti von der International Crisis Group sieht die Verschiebungen auch als Zeichen dafür, dass die fünf Vetomächte ihre Präferenzen zunehmend erkennen lassen. Nach zwei Abstimmungen habe jedoch noch kein Kandidat eine klare Mehrheit hinter sich versammelt.
Bachelet verliert stark an Unterstützung
Zu den größten Verlierern der zweiten Runde gehört die frühere chilenische Präsidentin und ehemalige UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Michelle Bachelet.
Nur zwei Mitglieder des Sicherheitsrats unterstützten ihre Kandidatur. Sechs sprachen sich gegen sie aus, sieben enthielten sich einer Position. In der ersten Abstimmung hatte Bachelet noch sechs unterstützende Stimmen erhalten.
María Fernanda Espinosa aus Ecuador kam auf vier unterstützende Stimmen, drei Gegenstimmen und acht unentschiedene Voten.
Besonders schlecht schnitt Ivonne A-Baki ab. Die frühere ecuadorianische Diplomatin war erst nach der ersten Probeabstimmung von Tonga nominiert worden. Kein einziges Ratsmitglied stimmte dafür, ihre Kandidatur zu ermutigen. Acht votierten dagegen, sieben äußerten keine Meinung.
Damit umfasst das Rennen inzwischen acht Kandidaten.
Lateinamerika stellt sechs der acht Kandidaten
Sechs Bewerber stammen aus Lateinamerika und der Karibik. Neben Rodrigues Birkett, Grynspan, Grossi, Bachelet, Espinosa und A-Baki treten mit Sall und Otunnu zwei Afrikaner an.

Eine informelle Tradition innerhalb der Vereinten Nationen sieht eine regionale Rotation des höchsten UN-Amtes vor. Für die kommende Amtszeit gilt Lateinamerika und die Karibik vielfach als die Region, die an der Reihe wäre.
Gleichzeitig gibt es seit Jahren Forderungen, erstmals eine Frau an die Spitze der Vereinten Nationen zu wählen. Von den derzeit acht Kandidaten sind fünf Frauen und drei Männer.
Der Sicherheitsrat allein wählt den Generalsekretär nicht. Er empfiehlt der UN-Generalversammlung einen Kandidaten. Dort entscheiden schließlich die 193 Mitgliedstaaten über die Ernennung.
Vetomächte werden später sichtbar
Die Probeabstimmungen dienen zunächst dazu, die Unterstützung für die Kandidaten innerhalb des 15 Mitglieder umfassenden Sicherheitsrats auszuloten. Die Stimmzettel enthalten die Optionen „Encourage“, „Discourage“ und „No opinion“.
Später im Verfahren können farblich unterschiedliche Stimmzettel eingesetzt werden. Dadurch lässt sich erkennen, ob ein ablehnendes Votum von einem der fünf ständigen Mitglieder stammt und damit auf ein mögliches Veto hinweist.
Der Sicherheitsrat veröffentlicht die Ergebnisse der Probeabstimmungen nicht. Die Stimmzettel werden nach den Abstimmungen vernichtet. Dennoch gelangten die Ergebnisse auch in früheren Auswahlverfahren regelmäßig an Medien.
Die dänische UN-Botschafterin Christina Markus Lassen bestätigte als Präsidentin des Sicherheitsrats für August lediglich, dass die zweite Abstimmungsrunde stattgefunden habe. Die Kandidaten würden über die jeweiligen ständigen Vertretungen ihrer nominierenden Staaten informiert. Auch die Präsidentin der UN-Generalversammlung, Annalena Baerbock, werde über den Abschluss der Runde unterrichtet.
Einen Termin für die nächste Probeabstimmung nannte Lassen nicht. António Guterres’ zweite und laut UN-Regularien letzte Amtszeit endet am 31. Dezember 2026.

