Russischer Spion dringt in Residenz des AU-Chefs ein – Überwachungsvideo veröffentlicht

Ein Mann gelangt durch ein offenes Tor in die diplomatische Residenz des AU-Kommissionschefs in Addis Abeba und verschwindet für vier Minuten im Gebäude. The Insider identifiziert ihn als mutmaßlichen russischen Geheimdienstoffizier – wenige Tage vor dem Russland-Afrika-Gipfel in Moskau.

Ein mutmaßlicher Offizier des russischen Militärgeheimdienstes GRU soll sich unbefugt Zugang zur Residenz des Vorsitzenden der Kommission der Afrikanischen Union, Mahmoud Ali Youssouf, in Äthiopien verschafft haben. Die Recherche des russischen Exilmediums The Insider wurde am 23. Oktober 2026 veröffentlicht und betrifft einen Vorfall vom 28. April 2025. Überwachungsvideos zeigen demnach, wie ein Mann eine diplomatische Wohnanlage in Addis Abeba betritt und wenige Minuten später wieder verlässt. Die Enthüllungen erscheinen unmittelbar vor dem Russland-Afrika-Gipfel in Moskau, bei dem Präsident Wladimir Putin seine Beziehungen zu afrikanischen Staats- und Regierungschefs vertiefen will.

Die Investigativjournalisten Michael Weiss und Roman Dobrochotow identifizierten den mutmaßlichen Eindringling als Alexander Dubikow, einen Major, der offiziell als Assistent des russischen Militärattachés in Äthiopien tätig ist. Nach ihren Recherchen gehört er zugleich dem russischen Militärgeheimdienst GRU an.

Welche Handlungen der Mann innerhalb des Gebäudes tatsächlich vornahm, ist bislang ungeklärt. Sicherheitskreise vermuten einen Versuch, elektronische Überwachungstechnik zu installieren oder an vertrauliche Informationen des AU-Kommissionsvorsitzenden zu gelangen.

Vier Minuten im Gebäude – Sicherheitskräfte ließen den Mann gehen

Der Vorfall ereignete sich im Stadtviertel Bole Atlas in Addis Abeba, wo sich eine diplomatische Residenz der Afrikanischen Union befindet.

Das Gebäude dient offiziell als Wohnsitz der stellvertretenden AU-Kommissionsvorsitzenden Selma Malika Haddadi. Ende April 2025 wurde es jedoch vorübergehend von Mahmoud Ali Youssouf und seiner Familie genutzt. Der frühere Außenminister Dschibutis hatte erst wenige Wochen zuvor die Führung der AU-Kommission übernommen.

Nach den von The Insider veröffentlichten Recherchen fuhr am 28. April gegen 15.32 Uhr ein Fahrzeug mit diplomatischen Kennzeichen vor das Anwesen.

Ein Mann in Hemd und Krawatte wartete, bis sich das Sicherheitstor für ein Fahrzeug öffnete, das Youssoufs Tochter auf das Gelände brachte. Anschließend gelangte er zu Fuß durch das noch offene Tor in die Anlage.

Im Gebäude begab sich der Unbekannte nach Darstellung des Investigativmediums unmittelbar in Richtung des privaten Schlafzimmers des Kommissionsvorsitzenden. Insgesamt hielt er sich vier Minuten und 24 Sekunden im Haus auf.

Währenddessen soll er Youssoufs Tochter begegnet sein.

Als der Mann das Gebäude gegen 15.37 Uhr wieder verließ, versuchten Sicherheitskräfte, ihn zu befragen. Offenbar bestand jedoch Unsicherheit darüber, ob es sich um einen hochrangigen diplomatischen Besucher handelte, der ohne die vorgesehenen Kontrollen eingelassen worden war.

Der Mann konnte das Gelände gegen 15.38 Uhr mit seinem Fahrzeug verlassen.

Die veröffentlichten Überwachungsaufnahmen dokumentieren die äußeren Bewegungen des Mannes. Was er innerhalb der Privaträume tat, lässt sich daraus nicht unmittelbar feststellen.

Ermittler identifizieren Mitarbeiter des russischen Militärattachés

The Insider will den Mann mithilfe einer Gesichtserkennungssoftware als Alexander Dubikow identifiziert haben.

Der 36-Jährige arbeitet demnach offiziell als Assistent von Nikita Sajaz, dem russischen Militärattaché in Äthiopien.

Die Journalisten stützen ihre Zuordnung zum GRU auf weitere personenbezogene Unterlagen. So soll Dubikow an der Militärakademie der russischen strategischen Raketentruppen ausgebildet worden sein und später Verbindungen zur Ausbildungsstruktur des Militärgeheimdienstes unterhalten haben.

Auch eine frühere Registrierung an einer Adresse in Moskau, die mit der GRU-Akademie in Verbindung gebracht wird, gehört zu den angeführten Belegen.

Der russische Militärattaché Sajaz war nach Angaben des Investigativmediums 2022 aus Portugal ausgewiesen worden. Hintergrund sollen Verbindungen zum russischen Militärgeheimdienst gewesen sein.

Eine unabhängige Bestätigung der Identifizierung Dubikows und seiner mutmaßlichen Geheimdienstzugehörigkeit liegt bislang nicht vor.

Verbindungen zu russischer Hackergruppe Sandworm

Besonders weitreichend sind die Angaben über Dubikows Kontakte innerhalb des russischen Sicherheitsapparats.

Die Journalisten untersuchten nach eigenen Angaben Telefondaten des Verdächtigen und identifizierten mehrere Rufnummern, die Angehörigen des GRU zugeordnet werden.

Eine besonders häufig kontaktierte Person soll Wladislaw Popow sein. The Insider bringt ihn mit der russischen Hackergruppe Sandworm in Verbindung.

Sandworm wird der GRU-Einheit 74455 zugerechnet. Die Gruppe ist unter anderem mit schweren Cyberangriffen auf staatliche Einrichtungen und Unternehmen in Verbindung gebracht worden.

Zu den bekanntesten Angriffen gehört die Schadsoftware NotPetya, die 2017 zunächst Computersysteme in der Ukraine traf und sich anschließend international ausbreitete. Betroffen waren unter anderem der dänische Logistikkonzern Maersk und der amerikanische Pharmakonzern Merck. Die weltweiten wirtschaftlichen Schäden werden auf mehr als zehn Milliarden US-Dollar geschätzt.

Die mutmaßlichen Telefonkontakte belegen allerdings weder eine Beteiligung Dubikows an diesen Cyberangriffen noch eine konkrete digitale Operation gegen die Afrikanische Union.

Afrikanische Union soll Sicherheitsmaßnahmen verschärft haben

Der mutmaßliche Vorfall betrifft den Leiter der Kommission der Afrikanischen Union, des Exekutivorgans der Organisation mit 55 Mitgliedstaaten.

Mahmoud Ali Youssouf stammt aus Dschibuti und übernahm sein Amt im März 2025. Die AU-Kommission koordiniert unter anderem diplomatische Initiativen, politische Programme und die Zusammenarbeit zwischen afrikanischen Staaten.

Damit besitzt ihr Vorsitzender Zugang zu vertraulichen politischen Informationen und internationalen Kontakten.

Eine mit dem Vorfall vertraute Quelle erklärte gegenüber The Insider, dass die Sicherheitsdirektion der Afrikanischen Union nach dem Eindringen die Schutzmaßnahmen rund um die Residenz verstärkt habe.

Die Quelle äußerte den Verdacht, Dubikow könnte versucht haben, Dateien oder elektronische Geräte zu entwenden oder Überwachungstechnik zu installieren.

Belege für einen tatsächlichen Datendiebstahl oder den Fund entsprechender Geräte wurden nicht veröffentlicht.

Unklar ist ebenfalls, ob die äthiopischen Behörden oder die Leitung der Afrikanischen Union den mutmaßlichen russischen Geheimdienstoffizier seinerzeit identifiziert hatten.

Ein Sprecher Youssoufs reagierte nach Angaben von The Insider nicht auf eine Anfrage des Mediums. Eine offizielle Stellungnahme der russischen Regierung zu den Anschuldigungen wurde in der Recherche nicht wiedergegeben.

Äthiopien als Standort russischer Geheimdienstaktivitäten

Die Recherchen richten den Blick auch auf die Rolle Äthiopiens innerhalb russischer Aktivitäten am Horn von Afrika.

Addis Abeba ist Sitz der Afrikanischen Union und beherbergt diplomatische Vertretungen aus zahlreichen Staaten. Die äthiopische Hauptstadt ist dadurch ein wichtiger Standort für internationale Verhandlungen und politische Kontakte auf dem Kontinent.

Der nigerianische Investigativjournalist und Russland-Experte Philip Obaji erklärte gegenüber The Insider, Äthiopien diene dem russischen Geheimdienst seit Langem als wichtiger Ausgangspunkt für Aktivitäten in Ostafrika.

Nach seinen Angaben waren dort unter anderem die hochrangigen GRU-Angehörigen Anton Papschew und Juri Michejew stationiert, denen er eine koordinierende Rolle bei russischen Geheimdienstaktivitäten in Afrika zuschreibt.

Russland hat seine militärische und sicherheitspolitische Präsenz auf dem Kontinent in den vergangenen Jahren ausgebaut.

Nach dem Tod des Wagner-Gründers Jewgeni Prigoschin im August 2023 wurden große Teile des russischen paramilitärischen Engagements in Afrika unter staatliche Kontrolle gestellt.

Eine wichtige Rolle spielt dabei das sogenannte Africa Corps, das aus früheren Wagner-Strukturen hervorgegangen ist. Russische Militärkräfte sind unter anderem in Mali und der Zentralafrikanischen Republik präsent.

Parallel unterhält Moskau diplomatische, wirtschaftliche und militärische Beziehungen zu zahlreichen afrikanischen Regierungen.

Enthüllung wenige Tage vor Russland-Afrika-Gipfel

Die Veröffentlichung erfolgt unmittelbar vor dem dritten Russland-Afrika-Gipfel, der am 28. und 29. Oktober in Moskau stattfinden soll.

Russland erwartet dazu zahlreiche afrikanische Delegationen und Vertreter internationaler Organisationen. Präsident Wladimir Putin will Gespräche mit afrikanischen Staats- und Regierungschefs führen.

Nach Angaben des russischen Außenministeriums wird Putin die Plenarsitzung am 29. Oktober gemeinsam mit Burundis Präsident Évariste Ndayishimiye leiten, der derzeit den turnusmäßigen Vorsitz der Afrikanischen Union innehat.

Bereits am 28. Oktober soll Außenminister Sergej Lawrow mit afrikanischen Amtskollegen zusammentreffen.

Auf der Agenda des Gipfels stehen wirtschaftliche Zusammenarbeit, Handel, Investitionen, Sicherheit und Bildung. Russland veranstaltete entsprechende Gipfeltreffen zuvor 2019 in Sotschi und 2023 in St. Petersburg.

Die Vorwürfe gegen den mutmaßlichen GRU-Offizier betreffen dagegen die unmittelbare Sicherheit eines führenden Repräsentanten jener Organisation, mit der Moskau beim Gipfel auf höchster Ebene zusammenarbeiten will.

Verwandte Beiträge
Total
0
Share