Afrikanische Union fordert offene Grenzen – Deutschland unterstützt neue Initiative in Abidjan

Afrikas Grenzen sollen Handel und Mobilität erleichtern, ohne die Sicherheit zu gefährden. Beim Abidjan Border Forum fordert die Afrikanische Union die Umsetzung lange ausstehender Abkommen.

Die Afrikanische Union (AU) fordert ihre Mitgliedstaaten auf, zentrale Abkommen zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und zur Freizügigkeit endlich zu ratifizieren und umzusetzen. Den Appell richtete AU-Kommissionspräsident Mahmoud Ali Youssouf am Dienstag, 20. Oktober 2026, beim dritten Abidjan Border Forum in der Côte d’Ivoire an die afrikanischen Regierungen. Die Organisation will den Handel zwischen Nachbarstaaten erleichtern, die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung stärken und gleichzeitig Terrorismus und grenzüberschreitende Kriminalität bekämpfen. Deutschland unterstützt diesen Ansatz und sieht in einer gemeinsamen Grenzverwaltung eine Voraussetzung für mehr Sicherheit und regionale Integration.

AU-Kommissionspräsident verlangt Umsetzung bestehender Abkommen

Mahmoud Ali Youssouf forderte die afrikanischen Staaten auf, zwei zentrale Vereinbarungen der Afrikanischen Union zügig zu ratifizieren.

Dabei handelt es sich um die Niamey-Konvention von 2014 über die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und das Protokoll von 2018 über die Freizügigkeit, das Aufenthaltsrecht und das Recht auf wirtschaftliche Niederlassung.

Beide Instrumente sollen die Zusammenarbeit zwischen afrikanischen Staaten erleichtern und rechtliche Hindernisse für die Mobilität von Menschen und Unternehmen verringern.

Die Umsetzung bleibt jedoch hinter den politischen Zielen der Afrikanischen Union zurück.

Youssouf erinnerte daran, dass die afrikanischen Staaten seit 1964 grundsätzlich die Grenzen respektieren, die sie bei ihrer Unabhängigkeit von den europäischen Kolonialmächten übernommen haben.

Dieses Prinzip solle weiterhin die territoriale Integrität der Staaten schützen. Es dürfe aber nicht verhindern, dass Menschen auf beiden Seiten einer Grenze wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell miteinander verbunden bleiben.

„Wenn wir der Afrikanischen Kontinentalen Freihandelszone einen wirklichen Sinn geben wollen, müssen wir die Hindernisse für den freien Verkehr von Waren und Personen beseitigen“, erklärte Youssouf.

Er sprach sich für modernisierte Grenzübergänge, einfachere Verwaltungsverfahren und den Ausbau gemeinsamer Wirtschafts- und Verkehrskorridore aus.

Freihandelszone braucht funktionierende Grenzübergänge

Die Afrikanische Kontinentale Freihandelszone (AfCFTA) soll den Handel zwischen afrikanischen Staaten erleichtern und einen stärker integrierten Binnenmarkt schaffen.

Zölle und andere Handelshemmnisse sollen schrittweise reduziert werden. Unternehmen könnten dadurch größere Absatzmärkte erschließen und grenzüberschreitende Lieferketten aufbauen.

In vielen Regionen erschweren allerdings weiterhin unterschiedliche Zollvorschriften, aufwendige Kontrollen und unzureichende Verkehrsinfrastruktur den Warenverkehr.

Besonders kleine Händler, Transportunternehmen und Bewohner grenznaher Regionen sind von diesen Hindernissen betroffen.

Die AU-Kommission will deshalb die bestehenden regionalen Abkommen stärker mit den praktischen Anforderungen des grenzüberschreitenden Handels verbinden.

Neben einheitlicheren Verfahren geht es um eine bessere Abstimmung zwischen Zollbehörden, Grenzpolizei und lokalen Verwaltungen.

Auch Gemeinschaften, die durch Staatsgrenzen voneinander getrennt wurden, sollen stärker an politischen Entscheidungen beteiligt werden.

Terrorismus und Schmuggel erhöhen Sicherheitsdruck

Die Forderung nach mehr Freizügigkeit erfolgt vor dem Hintergrund wachsender Sicherheitsprobleme in mehreren afrikanischen Grenzregionen.

Bewaffnete Gruppen nutzen schwer kontrollierbare Gebiete für den Transport von Waffen, illegale Handelsaktivitäten und grenzüberschreitende Operationen.

Besonders in Teilen Westafrikas stehen staatliche Behörden vor der Aufgabe, den legalen Personen- und Warenverkehr zu ermöglichen und zugleich Bewegungen terroristischer Gruppen zu unterbinden.

Youssouf forderte deshalb eine engere Zusammenarbeit benachbarter Staaten bei der Grenzsicherung.

Er betonte, dass Grenzpolitik nicht allein aus Polizeikontrollen bestehen dürfe. Gemeinden in den betroffenen Regionen müssten an Sicherheitsmaßnahmen und wirtschaftlichen Entwicklungsprogrammen beteiligt werden.

Der ivorische Premierminister Robert Beugré Mambé unterstützte diesen Ansatz bei der Eröffnung des Forums.

„Grenzen müssen Räume der Annäherung, der Zusammenarbeit und der gemeinsamen Entwicklung sein und nicht Faktoren der Isolation“, erklärte er.

Dauerhafte Sicherheit könne nicht allein durch Kontrollen gewährleistet werden. Ebenso wichtig seien die Lebensbedingungen der Bevölkerung und ihre Beteiligung an staatlichen Entscheidungen.

Deutschland sieht offene Grenzverwaltung als Beitrag zur Sicherheit

Auch Deutschland beteiligte sich an den Beratungen in Abidjan.

Der deutsche Botschafter in der Côte d’Ivoire, Matthias Veltin, unterstützte das Konzept einer integrierten Grenzverwaltung.

„Die integrierte Verwaltung offener Grenzen steht für Sicherheit und Integration“, erklärte Veltin nach Angaben der ivorischen Nachrichtenagentur AIP.

Er stellte den Zusammenhang zur Agenda 2063 der Afrikanischen Union her. Mit diesem langfristigen Entwicklungsprogramm verfolgt die AU das Ziel eines geeinten, friedlichen und wirtschaftlich erfolgreichen Kontinents.

Der deutsche Beitrag fügt sich in eine breitere internationale Zusammenarbeit bei Grenzmanagement, regionaler Integration und Sicherheitsfragen ein.

Auch die Schweiz engagiert sich in der Côte d’Ivoire.

Botschafter Dominique Favre verwies auf die Fortsetzung der schweizerischen Unterstützung für das Grenzmanagement. Sein Land hat die Finanzierung einer dritten Projektphase ermöglicht, die gemeinsam mit dem ivorischen Innenministerium und dem International Centre for Migration Policy Development (ICMPD) umgesetzt wird.

Côte d’Ivoire setzt auf gemeinsame Grenzprojekte

Die Côte d’Ivoire hat bereits eigene Maßnahmen zur stärkeren Zusammenarbeit mit ihren Nachbarstaaten eingeführt.

Am 12. Juni 2024 verabschiedete die Regierung eine nationale Politik für integriertes Grenzmanagement.

Sie verbindet Sicherheitsmaßnahmen mit wirtschaftlicher Entwicklung, Infrastrukturprojekten und der Beteiligung lokaler Gemeinschaften.

Besonders in den nördlichen Grenzregionen sollen Programme für Jugendliche und wirtschaftlich benachteiligte Bevölkerungsgruppen die Beschäftigungsmöglichkeiten verbessern.

Die nationale Grenzkommission arbeitet außerdem mit entsprechenden Institutionen der Nachbarstaaten zusammen.

Ihr Exekutivsekretär Diakalidia Konaté erklärte, sichere Grenzen und die Freizügigkeit von Menschen seien keine Gegensätze.

Legaler Handel und geregelte Grenzübertritte könnten vielmehr zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen und den Sicherheitsbehörden helfen, illegale Aktivitäten besser zu erkennen.

Zu den Maßnahmen gehören gemeinsame Patrouillen, die Zusammenarbeit lokaler Verwaltungen und grenzüberschreitende Projekte landwirtschaftlicher Genossenschaften.

Frauen und Jugendliche sollen dabei stärker an der wirtschaftlichen Entwicklung der Grenzregionen beteiligt werden.

Grenzgemeinschaften zwischen Burkina Faso, Ghana und Côte d’Ivoire

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Bevölkerungsgruppen, deren traditionelle Siedlungs- und Wirtschaftsräume über mehrere Staatsgrenzen reichen.

Konaté nannte die Lobi-Gemeinschaften im Grenzgebiet zwischen Côte d’Ivoire, Burkina Faso und Ghana als Beispiel.

Die Menschen in dieser Region sind durch gemeinsame kulturelle Traditionen und wirtschaftliche Beziehungen miteinander verbunden.

Auch im Nimba-Gebiet zwischen Côte d’Ivoire, Guinea und Liberia sollen bestehende soziale und wirtschaftliche Verbindungen stärker genutzt werden.

Weitere grenzüberschreitende Entwicklungsräume bestehen zwischen Côte d’Ivoire, Burkina Faso und Mali, insbesondere in Gebieten, in denen Angehörige der Sénoufo leben.

Die ivorische Grenzkommission will solche Verbindungen durch gemeinsame Projekte, lokalen Handel und die Einbindung traditioneller Autoritäten stärken.

Die staatlichen Grenzen und die Souveränität der jeweiligen Länder sollen dabei unangetastet bleiben.

Mehr als 2.000 Teilnehmer beraten über Afrikas Grenzpolitik

Das dritte Abidjan Border Forum findet vom 20. bis 22. Oktober 2026 im Ausstellungszentrum der ivorischen Wirtschaftsmetropole statt.

Die Afrikanische Union und die Côte d’Ivoire organisieren die Veranstaltung gemeinsam.

Nach Angaben der AU-Kommission werden mehr als 2.000 Vertreter aus Regierungen, Grenzbehörden, regionalen Organisationen, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft erwartet.

Unter dem Thema „Grenzgemeinschaften: Kultur, Integration und Sicherheit“ beraten sie über praktische Maßnahmen zur Verbesserung der Grenzverwaltung.

Die erste Ausgabe des Forums fand 2022 statt und konzentrierte sich auf kollektive Sicherheit und diplomatische Konfliktlösung.

Im Jahr 2024 standen Umweltfragen, gemeinsame natürliche Ressourcen und grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Vordergrund.

Die dritte Ausgabe legt einen Schwerpunkt auf die Beteiligung der Bevölkerung an Grenzpolitik und regionaler Entwicklung.

Zum Abschluss am 22. Oktober ist ein Konzert des ivorischen Reggae-Musikers Alpha Blondy vorgesehen, der als Botschafter der Veranstaltung auftritt.

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