Hilfsorganisationen und Sachverständige haben im Bundestag vor den Folgen weiterer Kürzungen in der humanitären Hilfe gewarnt. Die öffentliche Anhörung fand am Mittwoch, 8. Juli 2026, im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe statt. Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden, Hilfswerken und Forschungseinrichtungen forderten eine bessere finanzielle Ausstattung, Reformen im internationalen Hilfssystem und mehr Einsatz für das humanitäre Völkerrecht. Anlass sind die für den Bundeshaushalt 2027 geplanten neuen Einschnitte.
Martin Frick, Direktor des Berliner Büros des UN-Welternährungsprogramms, beschrieb die Lage als außergewöhnlich angespannt. Das internationale humanitäre System stehe „unter nie dagewesenem Druck“. Krisen, steigende Kosten und Klimaextreme hätten sich zu einer „Poly- und Hungerkrise“ verdichtet.
Frick verwies auf Kürzungen der humanitären Hilfe in den USA und mehreren europäischen Staaten. Das Welternährungsprogramm habe in den vergangenen Jahren ein Drittel seiner Gelder verloren. Das treffe nicht nur die Organisation selbst, sondern das gesamte Hilfssystem, für das das WFP auch als logistisches Rückgrat arbeite.
Hilfswerke fordern mehr Geld und weniger Bürokratie
Mehrere Sachverständige verbanden die Forderung nach höheren Mitteln mit Kritik an den Strukturen der humanitären Hilfe. Anica Heinlein, Co-Vorstandsvorsitzende des Verbandes Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe deutscher Nichtregierungsorganisationen, sprach von einer Bewährungsprobe für das gesamte System.
Heinlein nannte die sinkenden Finanzmittel nur als einen Teil des Problems. Zugleich würden die Grundlagen humanitärer Hilfe angegriffen. Das humanitäre Völkerrecht werde missachtet, Zivilbevölkerung und Hilfspersonal gerieten immer häufiger selbst ins Visier. Zudem werde humanitäre Hilfe zunehmend politisiert. „Wer Hilfe erhält, hängt immer öfter nicht nur von Not ab, sondern von strategischen Interessen“, sagte sie.
Die Bundesregierung müsse humanitäre Hilfe strikt am Bedarf ausrichten. Heinlein forderte mehr direkte Finanzierung lokaler Organisationen, mehr Entscheidungsmacht vor Ort und weniger Bürokratie.
Thorsten Klose-Zuber, Generalsekretär der Organisation Help, griff diesen Punkt auf. Das humanitäre System sei erstaunlich schlecht darin, lokale Akteure zu identifizieren und zu unterstützen, die vor Ort am besten helfen könnten. Stattdessen arbeiteten häufig mehrere Organisationen der Vereinten Nationen und internationale Nichtregierungsorganisationen mit überlappenden Aufgaben in denselben Krisenregionen.
Lokale Organisationen rücken in den Mittelpunkt
Auch Marie von Manteuffel von Caritas international stellte lokale Partner in den Mittelpunkt. Die Mittel seien inzwischen so knapp, dass sich viele Hilfswerke nur noch die Zusammenarbeit mit Akteuren vor Ort leisten könnten. Lokalisierung sei deshalb keine Frage der Fairness mehr, sondern eine „strategische Investition in die Funktionsfähigkeit des gesamten Systems“.

Von Manteuffel forderte verlässliche mehrjährige Finanzierung und flexible Mittel. Lokale Organisationen kennen häufig die Konfliktlinien, Versorgungswege und sozialen Strukturen besser als internationale Akteure. Gleichzeitig bleiben sie im bestehenden System oft von internationaler Finanzierung abhängig und haben weniger Einfluss auf Entscheidungen.
Klose-Zuber sprach von einer „strukturellen Abhängigkeit lokaler Hilfssysteme von ineffizienten internationalen Strukturen“. Diese Abhängigkeit sei ein bislang unterschätzter Faktor für das aktuelle Ausmaß der Störung in der humanitären Hilfe.
Streit über staatlich finanzierte Hilfe
Einen grundsätzlichen Gegenakzent setzte Thorsten Polleit vom Vinson Centre der Buckingham University. Der Ökonom sprach sich gegen steuerfinanzierte staatliche Hilfe aus. Freiwillige private Hilfe sei staatlicher Hilfe ökonomisch und moralisch überlegen.
Polleit begründete seine Position mit dem Verweis auf Steuern als Zwangsabgabe. Der Staat nehme Bürgern gegen ihren Willen Geld ab, um damit Gutes zu tun. Eine mit „erpresstem Geld“ finanzierte Wohltat sei nicht ethisch, sagte er.
Die übrigen Sachverständigen stellten dagegen die Funktionsfähigkeit staatlich und international finanzierter Hilfssysteme in den Vordergrund. Christian Reuter, Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes, forderte eine Korrektur der im Bundeshaushalt vorgesehenen Kürzungen. Zugleich mahnte er eine Stärkung des humanitären Völkerrechts an.
Reuter verwies auf eine Initiative des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Daran beteiligten sich 130 Staaten. Im Dezember soll dazu in Amman eine Abschlusskonferenz stattfinden.
Deutschland unter Druck als humanitärer Geber
Ralf Südhoff, Direktor des Centre for Humanitarian Action, warnte besonders eindringlich vor einem Zusammenbruch der humanitären Hilfe. Die Krise sei so groß, dass das System in Gefahr sei, „nicht mehr zu überleben“. Deutschland gehöre zu den wichtigen Akteuren, um dies zu verhindern.
Südhoff kritisierte zugleich die deutsche Entwicklung. Er verwies auf die Auflösung der für humanitäre Hilfe zuständigen Abteilung im Auswärtigen Amt und auf eine stärkere Ausrichtung der Außenpolitik an nationalen Interessen. Deutschland bewege sich damit „auf den Spuren der USA“.
Der Sachverständige stellte auch die deutsche Selbstdarstellung als führender Geber infrage. Deutschland gebe mehr humanitäre Hilfe an die Ukraine als an Lateinamerika und Asien. Von arabischen Staaten wie Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten sei Deutschland nach seiner Darstellung inzwischen überholt worden.
Die Anhörung machte damit zwei Linien sichtbar. Hilfsorganisationen verlangen mehr Geld, um akute Krisen bewältigen zu können. Zugleich fordern sie ein System, das lokale Organisationen stärker finanziert, Entscheidungswege verkürzt und humanitäre Hilfe weniger stark von politischen Interessen abhängig macht.

