Machtkampf am Roten Meer erhöht Afrikas strategischen Wert – und das Risiko neuer Bruchlinien

Häfen in Dschibuti, Somaliland und Sudan werden zu geopolitischen Schlüsselpunkten. Der Machtkampf am Roten Meer verschiebt Einfluss nach Afrika – und bringt Investitionen, Sicherheitsabkommen und neue politische Abhängigkeiten enger zusammen.

Die wachsende Rivalität zwischen Golfstaaten und anderen Regionalmächten verlagert geopolitischen Druck zunehmend an Afrikas Küsten am Roten Meer und macht Häfen, Flugplätze sowie Sicherheitskooperationen am Horn von Afrika zu strategischen Verhandlungswerten. Das Institute for Security Studies (ISS) veröffentlichte seine Analyse am 18. September. Staaten wie Dschibuti, Somalia, Äthiopien, Sudan und Ägypten könnten daraus zusätzlichen politischen und wirtschaftlichen Spielraum gewinnen, zugleich aber stärker in konkurrierende Sicherheitsblöcke hineingezogen werden. Die jüngsten militärischen Entwicklungen im Jemen haben diese Verschiebung nochmals beschleunigt. 

Aus Sicht des ISS entsteht entlang des Roten Meeres ein zusammenhängendes Konfliktsystem, in dem sich mehrere Krisen überlagern. Dazu gehören der Konflikt zwischen Iran, Israel und den USA, neue Angriffe der Huthi auf Schifffahrtswege, die Konkurrenz zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie afrikanische Konflikte um Grenzen, staatliche Souveränität und regionalen Einfluss. 

Damit gewinnen afrikanische Staaten an beiden Seiten des Roten Meeres strategisches Gewicht. Externe Akteure benötigen Häfen und logistische Infrastruktur, Zugang zu Flugplätzen, Informationen über regionale Sicherheitslagen und Partner für militärische sowie maritime Operationen.

Huthi-Vormarsch verändert die Lage am Bab al-Mandab

Zusätzlichen Druck erzeugt der jüngste Vormarsch der Huthi im Jemen. Die Gruppe hat die strategisch gelegene Hafenstadt Mocha eingenommen und ihre Position entlang der Küste am Bab al-Mandab ausgebaut. Chatham House bezeichnet dies als die bedeutendste Veränderung der territorialen Kontrolle im Jemen seit Jahren. 

Der Bab al-Mandab verbindet den Golf von Aden mit dem Roten Meer und damit über den Suezkanal mit dem Mittelmeer. Die neue Position der Huthi erhöht ihre Möglichkeiten, Einfluss auf den Schiffsverkehr durch diese Meerenge auszuüben. Gleichzeitig bleibt auch die Straße von Hormus vom Konflikt mit Iran betroffen. Damit geraten zwei zentrale Engstellen des internationalen Seehandels gleichzeitig unter erheblichen sicherheitspolitischen Druck. 

Für Afrika reichen die Folgen weit über den Jemen hinaus. Dschibuti liegt nur rund 20 Kilometer von der Insel Perim entfernt, die nach Berichten inzwischen von den Huthi kontrolliert wird. In Dschibuti befinden sich Militärstützpunkte unter anderem der USA, Chinas, Frankreichs, Italiens und Japans. Auch die Europäische Union nutzt das Land als Partner ihrer maritimen Sicherheitsoperationen. 

Saudi-Arabien und Emirate verfolgen unterschiedliche Modelle

Das ISS sieht die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten als einen weiteren Faktor für die Neuordnung am Roten Meer.

Abu Dhabi hat seine Position über Investitionen in Häfen und Infrastruktur sowie über Beziehungen zu politischen und bewaffneten Akteuren in mehreren Ländern ausgebaut. Besonders sichtbar ist diese Strategie am Horn von Afrika, wo der emiratische Logistikkonzern DP World unter anderem den Hafen Berbera im international nicht anerkannten Somaliland entwickelt hat. Auch Infrastruktur und ein Verkehrskorridor in Richtung Äthiopien gehören zu diesem Engagement. 

Saudi-Arabien setzt dem nach Darstellung des ISS stärker auf Beziehungen zu international anerkannten Zentralregierungen entgegen. Riad baut zugleich seine Zusammenarbeit mit Ägypten, der Türkei und Pakistan aus. Die Konkurrenz beider Golfstaaten reicht damit inzwischen von Jemen über Sudan bis an das Horn von Afrika. 

Für die afrikanischen Partner entstehen daraus Investitionsangebote und neue politische Optionen. Häfen und Infrastrukturprojekte können jedoch zunehmend mit militärischem Zugang, Geheimdienstkooperation und anderen Sicherheitsvereinbarungen verbunden werden.

Äthiopiens Suche nach einem Zugang zum Meer

Äthiopien nimmt in diesem Geflecht eine besondere Stellung ein. Das bevölkerungsreiche Binnenland ist beim Außenhandel stark von Dschibuti abhängig und sucht seit Jahren nach zusätzlichen Zugängen zum Meer.

Der 2024 vereinbarte Vorstoß mit Somaliland führte zu einer schweren Krise mit Somalia. Addis Abeba und Mogadischu einigten sich später in der von der Türkei vermittelten Ankara-Erklärung darauf, die territoriale Integrität Somalias anzuerkennen und über einen kommerziellen äthiopischen Zugang zum Meer unter somalischer Souveränität zu verhandeln. 

Die Konkurrenz externer Mächte ist damit jedoch nicht verschwunden. Die Türkei hat ihren Einfluss als Vermittler ausgebaut, während die Emirate weiterhin enge wirtschaftliche und politische Beziehungen sowohl zu Äthiopien als auch zu Somaliland unterhalten.

Zusätzliche Spannungen verursachen Berichte über angebliche, mit den Emiraten verbundene Ausbildungs- und Logistikstrukturen auf äthiopischem Gebiet zugunsten der sudanesischen Rapid Support Forces. Äthiopien und die Vereinigten Arabischen Emirate bestreiten diese Vorwürfe. 

Ägypten verbindet Nil, Suezkanal und Rotes Meer

Auch Ägyptens strategische Lage verändert die regionale Kräftebalance. Das Land kontrolliert den Suezkanal und verfügt über umfangreiche Marine- und Militärkapazitäten am nördlichen Ende des Roten Meeres.

Störungen am Bab al-Mandab treffen Ägypten unmittelbar, weil sie den Verkehr durch den Suezkanal und damit auch dessen Einnahmen beeinflussen. Gleichzeitig berühren die Konflikte in Sudan und Somalia ägyptische Sicherheitsinteressen. 

Hinzu kommt der langjährige Konflikt mit Äthiopien um den Nil und den Grand Ethiopian Renaissance Dam. Das ISS sieht Ägypten deshalb zunehmend in enger Abstimmung mit Saudi-Arabien und Eritrea, während Kairo äthiopische Forderungen nach einem eigenen Zugang zum Meer zurückweist. 

Damit überlagern sich zwei strategische Räume: Der Wettbewerb um Wasser und Einfluss im Nilbecken trifft auf den Kampf um Häfen und Seewege am Roten Meer.

Sudan wird Teil des regionalen Machtkampfs

Auch der Krieg im Sudan hat eine maritime Dimension. Port Sudan ist der wichtigste Zugang des Landes zum Roten Meer und zugleich ein zentraler Knoten für Waren, Nachschub und internationale Verbindungen.

Die Vereinigten Arabischen Emirate werden seit längerem beschuldigt, die paramilitärischen Rapid Support Forces zu unterstützen. Abu Dhabi weist diese Vorwürfe zurück. Ägypten und Saudi-Arabien unterhalten dagegen engere Beziehungen zu den sudanesischen Streitkräften und den mit ihnen verbundenen staatlichen Strukturen. 

Damit wird der sudanesische Krieg nach Einschätzung des ISS zunehmend Teil der breiteren Konkurrenz zwischen Regionalmächten. Investitionen, Häfen und Sicherheitsbeziehungen lassen sich dabei immer schwerer voneinander trennen.

Somalia trennt sich von den Emiraten – Regionen halten dagegen

Besonders sichtbar ist diese Fragmentierung in Somalia. Die Bundesregierung in Mogadischu brach im Januar 2026 ihre Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten ab. Somaliland, Puntland und Jubaland widersetzten sich diesem Kurs und unterhalten weiterhin eigene Beziehungen zu Abu Dhabi. 

Gleichzeitig haben die Türkei, Katar und Saudi-Arabien ihre Zusammenarbeit mit der somalischen Bundesregierung vertieft. Damit verlaufen außenpolitische Partnerschaften teilweise entlang innerstaatlicher Machtlinien.

Das schafft kurzfristige Finanzierungsmöglichkeiten und politische Unterstützung, kann aber bestehende Konflikte zwischen Zentralregierung und Regionen zusätzlich internationalisieren.

Europa setzt stärker auf maritime Sicherheitsstrukturen

Die Europäische Union verfolgt in der Region einen anderen Ansatz. Mit den Missionen EUNAVFOR ASPIDES und ATALANTA ist sie militärisch im Roten Meer, im Golf von Aden und im westlichen Indischen Ozean präsent.

Im Juli unterzeichneten die EU und Dschibuti ein Statusabkommen für ASPIDES. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bezeichnete Dschibuti dabei als einen zentralen Partner für die Sicherung der Seewege. Die Mission hatte bis dahin nach EU-Angaben mehr als 670 Handelsschiffe geschützt und 128 Seeleute gerettet. 

Parallel arbeitet die EU in Somalia am Aufbau von Küstenwachen, maritimer Strafverfolgung und staatlichen Sicherheitsstrukturen. Das unterscheidet sich von Partnerschaften, bei denen Hafeninvestitionen unmittelbar mit politischem oder militärischem Zugang verbunden werden.

Deutschland ist an dieser Sicherheitsarchitektur beteiligt. Der Bundestag verlängerte die deutsche Beteiligung an EUNAVFOR ASPIDES im Oktober 2025 bis Ende Oktober 2026. Das Mandat erlaubt den Einsatz von bis zu 350 deutschen Soldatinnen und Soldaten zum Schutz von Schiffen, für Aufklärung sowie für logistische und operative Zusammenarbeit mit Partnern. 

ISS sieht größeren Verhandlungsspielraum für afrikanische Staaten

Das ISS leitet aus der Konkurrenz einen wachsenden Verhandlungsspielraum afrikanischer Staaten ab. Häfen, Transportkorridore, Militärzugänge und strategische Infrastruktur werden für Golfstaaten, Europa und andere Akteure wertvoller. Damit könnten afrikanische Regierungen Investitionen und Partnerschaften stärker an eigene wirtschaftliche Ziele knüpfen. 

Der Thinktank verweist zugleich auf das Risiko, dass einzelne Staaten dauerhaft in konkurrierende regionale Sicherheitsordnungen eingebunden werden. Bilaterale Vereinbarungen können kurzfristig Kapital, politische Unterstützung oder militärische Hilfe bringen, gleichzeitig aber regionale Abstimmung erschweren.

Als möglichen Gegenansatz nennt die Analyse eine stärkere Rolle der Afrikanischen Union. Nord- und ostafrikanische Staaten könnten ihre Beziehungen zu den Mächten des Nahen Ostens stärker koordinieren und Investitionen in Häfen, Logistik und Energie mit gemeinsamen Entwicklungsinteressen verbinden.

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