Guterres nennt Afrikas Ausschluss aus ständiger UN-Vertretung „historische Ungerechtigkeit“

UN-Generalsekretär António Guterres hat in Addis Abeba eine stärkere Vertretung Afrikas im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und in den internationalen Finanzinstitutionen gefordert. Am 13. Mai 2026 traf er den Vorsitzenden der Kommission der Afrikanischen Union, Mahmoud Ali Youssouf, zur zehnten Jahreskonferenz zwischen UN und AU. Beide Seiten unterzeichneten eine Erklärung, mit der die Zusammenarbeit bei Frieden, Sicherheit, Entwicklung und Menschenrechten stärker verankert werden soll. Parallel berieten Guterres, Youssouf und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron über Folgen der Krise im Nahen Osten für afrikanische Staaten.

Afrika drängt auf Reformen im Sicherheitsrat

Guterres bezeichnete den Ausschluss Afrikas von ständiger Vertretung im Sicherheitsrat als „historische Ungerechtigkeit“. Der Sicherheitsrat müsse die heutige Welt stärker abbilden, sagte der UN-Generalsekretär nach dem Treffen in der äthiopischen Hauptstadt.

„Das ist keine Frage von Privilegien oder Symbolik“, sagte Guterres. Es gehe darum, dass der Sicherheitsrat mit Legitimität und Wirksamkeit handeln könne.

Die Afrikanische Union fordert seit Jahren eine Reform des Sicherheitsrats. Der Ezulwini-Konsens und die Erklärung von Syrte bilden dafür die gemeinsame afrikanische Grundlage. In Addis Abeba bekräftigten Guterres, Youssouf und Macron die Notwendigkeit einer repräsentativeren und inklusiveren internationalen Ordnung.

UN und AU wollen Zusammenarbeit institutionell absichern

Guterres und Youssouf unterzeichneten eine Erklärung zur weiteren Verankerung der gemeinsamen Arbeitsrahmen zwischen den Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union. Dazu zählen die Zusammenarbeit in Frieden und Sicherheit, die Umsetzung der Agenda 2063 der AU und der Agenda 2030 der Vereinten Nationen sowie der gemeinsame Rahmen zu Menschenrechten.

Die AU und die UN wollen ihre Abstimmung über bestehende Dialogformate ausbauen. Dazu gehören der hochrangige strategische Dialog und die regelmäßige Zusammenarbeit zwischen den Institutionen beider Organisationen. Das gemeinsame Kommuniqué nennt bewaffnete Konflikte, humanitäre Krisen, Armut, Ungleichheit, Klimawandel und Verstöße gegen internationales Recht als zentrale Herausforderungen.

Für Guterres war es voraussichtlich die letzte AU-UN-Jahreskonferenz als Generalsekretär. „Dies ist meine letzte AU-UN-Konferenz als Generalsekretär“, sagte er. „Aber die Verbindungen zwischen unseren Organisationen sind stärker denn je – und sie werden es bleiben.“

Finanzsystem benachteiligt afrikanische Staaten

Neben der Reform des Sicherheitsrats stellte Guterres die internationale Finanzordnung in den Fokus. Viele afrikanische Staaten zahlten beim Zugang zu Kapital deutlich höhere Zinssätze als andere Länder. Das entziehe öffentlichen Haushalten Mittel, die in Wasser, Sanitärversorgung, Gesundheit und Bildung fließen könnten.

„Die heutige globale Finanzarchitektur bietet Afrika weder ausreichende Unterstützung noch ausreichende Stimme und Beteiligung“, sagte Guterres. Afrikanische Länder müssten für Kredite häufig bis zum Dreifachen des Referenzzinses zahlen.

Der UN-Generalsekretär unterstützte afrikanische Reforminitiativen, darunter den Vorschlag der Afrikanischen Entwicklungsbank für eine neue afrikanische Finanzarchitektur. Auch die geplante Afrikanische Ratingagentur stellte er in den Zusammenhang einer breiteren Debatte über faire Kreditbedingungen und die Rolle internationaler Ratingagenturen.

Klima und Energie verschärfen den Druck

Guterres verband die Reformdebatte mit der Klimapolitik. Afrika trage am wenigsten zur Erderwärmung bei, sei aber besonders stark von Dürren, Überschwemmungen und wirtschaftlichen Folgeschäden betroffen. Eine zeitweilige Überschreitung der Marke von 1,5 Grad sei inzwischen unvermeidbar, aber nicht unumkehrbar.

Der UN-Generalsekretär verwies zugleich auf das Energiepotenzial des Kontinents. Bis 2040 könne Afrika zehnmal mehr Strom erzeugen, als es selbst benötige, vollständig aus erneuerbaren Energien. Gleichzeitig hätten rund 600 Millionen Menschen in Afrika weiterhin keinen Zugang zu Strom.

Nach Angaben von Guterres erhält Afrika derzeit nur zwei Prozent der weltweiten Investitionen in saubere Energie. Als Hürden nannte er fehlende Netze und Speicher, hohe Kapitalkosten und anfällige Lieferketten.

Friedensmissionen sollen verlässlicher finanziert werden

Frieden und Sicherheit standen im Zentrum der Gespräche zwischen UN und AU. Beide Seiten bekräftigten die Bedeutung politischer Lösungen und einer vorhersehbaren Finanzierung afrikanisch geführter Friedensmissionen. Grundlage dafür ist die Resolution 2719 des UN-Sicherheitsrats aus dem Jahr 2023.

Guterres nannte die Nichtanwendung dieser Resolution im Fall Somalia „völlig unverständlich“. Wenn ein Land diese Unterstützung brauche, sei es Somalia, sagte er.

Im gemeinsamen Kommuniqué führen AU und UN mehrere Konflikträume auf, darunter Sudan, Südsudan, die Demokratische Republik Kongo, die Region der Großen Seen, das Horn von Afrika, Libyen und den Sahel. Für Sudan verlangte Guterres ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen und eine Rückkehr der Konfliktparteien an den Verhandlungstisch. Im Sahel sprach er von einer verschlechterten Sicherheitslage mit wachsender Gewalt gegen Zivilisten, Vertreibungen und zunehmender Ernährungsunsicherheit.

Paris-Konferenz für den AU-Friedensfonds geplant

In einem gesonderten Gespräch mit Macron und Youssouf vereinbarten die drei Seiten, vor Ende 2026 in Paris eine internationale Konferenz zur Mobilisierung privater Mittel für den Friedensfonds der Afrikanischen Union vorzubereiten. Der Fonds soll afrikanische Friedens- und Sicherheitsanstrengungen stärker finanziell absichern.

Die drei Spitzenpolitiker sprachen auch über die wirtschaftlichen Folgen der Krise im Nahen Osten. Sie warnten vor Auswirkungen auf Energiepreise, Düngerlieferungen, Ernährungssicherheit, Inflation und die Haushalte afrikanischer Staaten. Frankreich kündigte an, das Thema bei den Beratungen zur Weltwirtschaftslage beim G7-Gipfel im Juni in Évian aufzugreifen.

Das gemeinsame AU-UN-Kommuniqué nennt außerdem die G20 und die G7 als Foren, in denen die Folgen der Krise für Afrika weiter behandelt werden sollen.

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