Wasserstoff in Deutschland: Hohe Kosten, verzögerte Projekte und unsichere Importe

Deutschlands Wasserstoffstrategie kommt langsamer voran als geplant. Die Bundesregierung räumt hohe Produktionskosten und fehlende Nachfrage ein, während Milliardenhilfen den Markt ankurbeln sollen. Auch geplante Wasserstoffimporte aus Afrika stehen vor Finanzierungs- und Umsetzungsproblemen.

Der Aufbau der deutschen Wasserstoffwirtschaft verzögert sich erheblich, weil die Produktion teurer bleibt als erwartet und Unternehmen bislang nicht genügend Nachfrage entwickeln. Das räumt die Bundesregierung in einer am 27. Oktober 2026 übermittelten Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen ein. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche will mit milliardenschweren Förderprogrammen gegensteuern, während wichtige Industrieprojekte ins Stocken geraten und geplante Wasserstoffimporte aus dem Ausland unsicher bleiben. Auch in afrikanischen Partnerländern wie Namibia und Marokko zeigen sich Schwierigkeiten bei der Finanzierung und Umsetzung großer Produktionsvorhaben.

Die Bundesregierung hält Wasserstoff weiterhin für einen zentralen Bestandteil ihrer Energie- und Industriepolitik. Vor allem die Stahl- und Chemieindustrie sowie Teile des Verkehrs- und Energiesektors sollen damit ihre Treibhausgasemissionen reduzieren.

Allerdings haben sich die wirtschaftlichen Voraussetzungen weniger günstig entwickelt als ursprünglich angenommen. Die Bundesregierung bestätigt, dass die Herstellungskosten für erneuerbaren und kohlenstoffarmen Wasserstoff bislang nicht im erwarteten Umfang gesunken sind. In vielen Anwendungsbereichen liegen die Kosten weiterhin deutlich über den Preisen, die Unternehmen zu zahlen bereit sind.

Damit gerät der geplante Aufbau eines Wasserstoffmarktes unter Druck. Produzenten benötigen langfristige Abnahmeverträge, um Investitionen finanzieren zu können. Industrielle Abnehmer wiederum zögern, sich auf Wasserstoff festzulegen, solange dessen Verfügbarkeit und Preisentwicklung unsicher bleiben.

Bundesregierung rückt von starren Ausbauzielen ab

Angesichts der Schwierigkeiten will die Bundesregierung den Ausbau der heimischen Wasserstoffproduktion stärker an der tatsächlichen Nachfrage ausrichten.

In ihrer Antwort auf die Anfrage der Grünen-Fraktion erklärt sie, dass der Aufbau von Elektrolysekapazitäten künftig dem konkreten Bedarf folgen müsse. Damit verfolgt die Regierung einen flexibleren Ansatz als die bisherige Wasserstoffstrategie, die feste Ausbauziele vorsah.

Zunächst sollen Anwendungen gefördert werden, in denen Wasserstoff wirtschaftlich eingesetzt werden kann oder in denen alternative Technologien zur Verringerung von Emissionen nicht ausreichend verfügbar sind.

Insbesondere dort, wo eine direkte Nutzung von Strom technisch möglich und kostengünstiger ist, sieht die Bundesregierung keinen grundsätzlichen Vorrang für Wasserstoff.

Zusätzlich setzt Berlin auf eine Lockerung europäischer Vorschriften. Gemeinsam mit mehreren EU-Staaten fordert Deutschland Anpassungen an den Regeln für erneuerbaren Wasserstoff. Nach Einschätzung des Wirtschaftsministeriums erhöhen die derzeitigen Anforderungen die Produktionskosten und erschweren Investitionen.

Die Bundesregierung hatte sich bereits im März 2026 zusammen mit Spanien, den Niederlanden, Österreich und weiteren Staaten an die Europäische Kommission gewandt. Konkrete Verhandlungen über Änderungen der einschlägigen EU-Verordnung fanden zum Zeitpunkt der Bundestagsantwort allerdings nicht statt.

Mindestens 1,5 Milliarden Euro sollen die Nachfrage ankurbeln

Um die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu überwinden, hat das Bundeswirtschaftsministerium am 19. Oktober ein Maßnahmenpaket für den Wasserstoffmarkt vorgestellt.

Ein zentrales Element ist die geplante Förderung von Industrieunternehmen, die Wasserstoff zur Verringerung ihrer Emissionen einsetzen. Dafür sollen in der Gebotsrunde 2027 der sogenannten CO₂-Differenzverträge mindestens 1,5 Milliarden Euro reserviert werden.

Die Verträge sollen die Mehrkosten klimafreundlicher Produktionsverfahren gegenüber herkömmlichen Technologien über einen Zeitraum von 15 Jahren absichern. Steigen Unternehmen beispielsweise von Erdgas oder Kohle auf Wasserstoff um, kann der Staat einen Teil der entstehenden Kostendifferenz ausgleichen.

Für das gesamte Förderprogramm der CO₂-Differenzverträge sieht der Entwurf des Bundeshaushalts 2027 bis zu 8,7 Milliarden Euro vor. Die mindestens 1,5 Milliarden Euro für Wasserstoff sind Bestandteil dieses Gesamtvolumens und keine zusätzliche Finanzierung.

Die endgültige Förderung steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung des Bundestages und der erforderlichen Genehmigung durch die Europäische Kommission.

Das eigentliche Gebotsverfahren soll im Mai 2027 beginnen. Die ersten Förderentscheidungen sind für die zweite Jahreshälfte vorgesehen.

ArcelorMittal stoppt Wasserstoffpläne in Deutschland

Die Schwierigkeiten zeigen sich bereits bei großen Industrievorhaben.

Der Stahlkonzern ArcelorMittal hatte 2025 entschieden, seine geplante wasserstoffbasierte Produktion in Deutschland vorerst nicht umzusetzen und auf die damit verbundene staatliche Förderung zu verzichten.

Die Bundesregierung bestätigt in ihrer Bundestagsantwort, dass ihr diese Entscheidung seit Sommer 2025 bekannt ist. Sie bezeichnet den Rückzug als unternehmerische Entscheidung des Konzerns.

Andere große Stahlunternehmen verfolgen ihre Projekte weiterhin. Die Bundesregierung unterstützt die Umstellung der Standorte von Salzgitter, Thyssenkrupp Steel Europe und Stahl-Holding-Saar mit Förderbescheiden über insgesamt rund sechs Milliarden Euro.

Diese Vorhaben sollen künftig Wasserstoff über das geplante Wasserstoffkernnetz beziehen. Ihr Erfolg hängt damit auch von einem rechtzeitigen Ausbau der Infrastruktur und einer ausreichenden Versorgung zu wirtschaftlich tragbaren Preisen ab.

Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums gingen 2025 bereits erste Wasserstoffleitungen mit einer Gesamtlänge von mehr als 500 Kilometern in Betrieb. Weitere rund 2.200 Kilometer befinden sich in der Realisierung.

Bund und Länder wollen den Ausbau des Wasserstoffkernnetzes in den kommenden Jahren mit insgesamt 4,2 Milliarden Euro öffentlicher Mittel unterstützen. Planung und Umsetzung liegen bei den privaten Fernleitungsnetzbetreibern.

Das Ministerium betont zugleich, dass der weitere Netzausbau bedarfsgerecht erfolgen soll. Damit wird die Entwicklung der Infrastruktur stärker davon abhängig, welche Produktions- und Abnahmeprojekte tatsächlich verwirklicht werden.

Deutschland bleibt von Wasserstoffimporten abhängig

Neben der heimischen Produktion setzt die Bundesregierung weiterhin auf umfangreiche Wasserstoffimporte.

Nach den bisherigen Planungen könnten langfristig zwischen 50 und 70 Prozent des deutschen Wasserstoffbedarfs durch Einfuhren gedeckt werden. In ihrer aktuellen Bundestagsantwort stellt die Regierung jedoch klar, dass diese Größenordnung keine verbindliche Zielvorgabe darstellt.

Die tatsächlich verfügbaren Importmengen hängen demnach von der Entwicklung internationaler Produktionskapazitäten, den Herstellungskosten, der Nachfrage und den Transportmöglichkeiten ab.

Voraussetzung seien ausländische Projekte, die Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen produzieren und zuverlässig nach Deutschland liefern können.

Berlin legt sich deshalb nicht auf bestimmte Importhäfen oder einzelne Lieferwege fest. Stattdessen unterstützt die Bundesregierung verschiedene europäische und internationale Projekte sowie Förderinstrumente wie H2Global.

Ein Beispiel ist die staatlich abgesicherte Lieferung von grünem Ammoniak aus Indien ab 2029, für die 587 Millionen Euro vorgesehen sind. Ammoniak lässt sich vergleichsweise gut per Schiff transportieren und kann als Wasserstoffderivat industriell genutzt werden.

Auch Afrika ist Bestandteil der deutschen Importstrategie. Die zweite Ausschreibungsrunde von H2Global sieht eigene regionale Lose vor, um Lieferketten aus verschiedenen Weltregionen aufzubauen und neue Abhängigkeiten zu vermeiden.

Namibia: Deutsches Vorzeigeprojekt verzögert sich bis Ende 2027

Welche Schwierigkeiten internationale Wasserstoffvorhaben bereiten können, zeigt das Hyphen-Projekt in Namibia.

Das im Tsau-//Khaeb-Nationalpark geplante Großprojekt soll grünen Wasserstoff und Ammoniak für den Export produzieren. Deutschland hatte das Vorhaben 2024 als strategisches Auslandsprojekt eingestuft. An der Entwicklung ist unter anderem das deutsche Energieunternehmen ENERTRAG beteiligt.

Die endgültige Investitionsentscheidung wurde inzwischen auf Ende 2027 verschoben. Damit verzögert sich eine zentrale Voraussetzung für den Bau der großangelegten Produktionsanlagen.

Die namibische Regierung hält einen Anteil von 24 Prozent an dem Projekt. Nach Angaben des staatlichen Wasserstoffprogramms wurden Fördermittel von 40 Millionen Euro eingeworben, aus denen unter anderem Namibias Anteil an den Projektentwicklungskosten bis zur Investitionsentscheidung finanziert wird.

Die Verzögerungen haben in Namibia eine Debatte über die finanziellen Verpflichtungen des Staates ausgelöst.

Der Oppositionspolitiker Rodney Cloete verlangt einen Bericht an das Parlament über die bisher angefallenen Kosten, die Entwicklung des Zeitplans und möglichen zusätzlichen Finanzierungsbedarf.

Zudem stellte Cloete die Frage, ob für die geplante Ammoniakproduktion bereits verbindliche Abnahmeverträge bestehen. Solche Verträge gelten als wichtige Grundlage, um die Finanzierung großer Wasserstoffprojekte abzusichern.

Ursprünglich hatte die namibische Regierung im Zusammenhang mit Hyphen bis zu 15.000 Arbeitsplätze während der Bauphase und 3.000 dauerhafte Stellen in Aussicht gestellt.

Marokko: Große Wasserstoffpläne, aber noch keine industrielle Produktion

Auch Marokko gehört zu den Ländern, auf die Deutschland und Europa beim künftigen Aufbau internationaler Wasserstofflieferketten setzen.

Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung des German Institute of Development and Sustainability (IDOS) zeigt jedoch, dass sich die großen Wasserstoffvorhaben des Landes überwiegend noch in der Planungs- und frühen Entwicklungsphase befinden.

Die Studie des Wissenschaftlers Tobias Zumbraegel untersucht die Wasserstoffentwicklung in Marokko und Oman. Für beide Länder stellt sie fest, dass trotz umfangreicher staatlicher Strategien und internationaler Investitionsinteressen noch keine großtechnische Wasserstoffanlage kommerziell in Betrieb ist.

In Marokko werden acht größere Vorhaben für grünen Wasserstoff und daraus hergestellte Produkte verfolgt. Die Projekte sollen unter anderem Produktionskapazitäten und Exportmöglichkeiten schaffen. Langfristige wirtschaftliche Ergebnisse sind bislang jedoch nicht gesichert.

Hinzu kommen ökologische und regulatorische Herausforderungen. Die Produktion von grünem Wasserstoff benötigt große Mengen erneuerbaren Stroms sowie Wasser für die Elektrolyse.

In den trockenen Regionen Nordafrikas kann der erforderliche Wasserbedarf zusätzliche Belastungen verursachen. Die Nutzung entsalzten Meerwassers vermindert zwar den Bedarf an Süßwasser, schafft aber neue Anforderungen an Energieversorgung, Infrastruktur und Umweltschutz.

Die IDOS-Untersuchung verweist außerdem auf unvollständige wasserstoffspezifische Regelwerke und eine teilweise unklare Verteilung staatlicher Zuständigkeiten. Besonders bei umfangreichen Projekten in Südmarokko bestehen zusätzliche Fragen zu Landnutzung, Umweltverträglichkeit und Beteiligung betroffener Bevölkerungsgruppen.

Die Untersuchung beschreibt damit mögliche Risiken der geplanten Vorhaben. Da sich die Projekte überwiegend noch in einer frühen Entwicklungsphase befinden, sind ihre tatsächlichen langfristigen Auswirkungen bislang nicht abschließend feststellbar.

Neue Förderung für internationale Wasserstoffprojekte

Trotz der Schwierigkeiten beim internationalen Markthochlauf will die Bundesregierung zusätzliche Produktionsprojekte im Ausland unterstützen.

Das Bundeswirtschaftsministerium hat dafür einen dritten Förderaufruf für internationale Wasserstoffprojekte gestartet. Er richtet sich insbesondere an deutsche kleine und mittlere Unternehmen, die Technologien bereitstellen oder industrielle Projekte außerhalb Deutschlands entwickeln.

Gefördert werden sollen unter anderem Produktionsanlagen, technische Erprobungen und Machbarkeitsstudien. Eine Voraussetzung ist, dass durch die Projekte wirtschaftliche Wertschöpfung in Deutschland und Europa entsteht.

Für einzelne Vorhaben sind zwischen 2027 und 2030 Förderbeträge von bis zu 30 Millionen Euro vorgesehen. Die Finanzierung hängt allerdings noch von der Verabschiedung des Bundeshaushalts 2027 ab.

Bereits geförderte Projekte befinden sich unter anderem in Namibia, Chile, Saudi-Arabien, der Ukraine und Serbien. Weitere Aktivitäten sind in Nordafrika, im südlichen Afrika sowie in anderen Weltregionen vorgesehen.

Parallel soll ein gemeinsam mit der Europäischen Investitionsbank entwickelter Green Hydrogen Fund große Wasserstoffprojekte außerhalb der EU mit bis zu 459 Millionen Euro unterstützen.

Für die Bundesregierung bleibt der Aufbau internationaler Lieferketten damit ein fester Bestandteil ihrer Wasserstoffstrategie. Welche Mengen tatsächlich importiert werden können, hängt jedoch weiterhin von der Wirtschaftlichkeit und Umsetzung der Projekte sowie von verbindlichen Abnahmevereinbarungen mit industriellen Kunden ab.

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