88 Prozent mehr Anerkennungsanträge: Ägyptische Fachkräfte drängen auf deutschen Arbeitsmarkt

Deutschland und Ägypten bauen ihre Zusammenarbeit bei der Fachkräftegewinnung aus. Die Bundesagentur für Arbeit schließt eine neue Vereinbarung, Siemens Healthineers verstärkt die medizinische Ausbildung. Gleichzeitig steigen die Anerkennungsanträge für ägyptische Berufsabschlüsse um 88 Prozent.

Deutschland und Ägypten haben eine neue Vereinbarung zur gezielten Vermittlung und Qualifizierung ägyptischer Fachkräfte für den deutschen Arbeitsmarkt geschlossen. Die Unterzeichnung erfolgte während des Arbeitsmobilitätsforums „Terminal Europe“ vom 26. bis 28. Oktober 2026 in Kairo. Gleichzeitig verzeichnet Deutschland einen deutlichen Anstieg der Anträge auf Anerkennung ägyptischer Berufsabschlüsse. Auch der deutsche Medizintechnikkonzern Siemens Healthineers erweitert seine Zusammenarbeit mit Ägypten bei der Ausbildung medizinischer Fachkräfte.

Bundesagentur für Arbeit vereinbart engere Zusammenarbeit mit Ägypten

Die Bundesagentur für Arbeit und das ägyptische Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, internationale Zusammenarbeit und Auslandsägypter unterzeichneten eine Absichtserklärung, um die reguläre Arbeitsmigration zwischen beiden Ländern gezielter zu organisieren.

Im Mittelpunkt stehen die Vermittlung qualifizierter Arbeitskräfte, der Austausch zwischen den zuständigen Behörden und die Verbesserung der beruflichen Ausbildung. Dabei sollen ägyptische Qualifikationen stärker auf die Anforderungen deutscher Arbeitgeber abgestimmt werden.

Deutschland leidet in zahlreichen Branchen unter einem strukturellen Fachkräftemangel. Besonders betroffen sind nach Angaben der deutschen Botschaft in Kairo das Gastgewerbe und verschiedene Handwerksberufe.

Gleichzeitig verfügt Ägypten über eine junge Bevölkerung, deren Zugang zu internationalen Arbeitsmärkten durch Ausbildung, Sprachkenntnisse und die Anerkennung beruflicher Abschlüsse verbessert werden soll.

Der stellvertretende ägyptische Außenminister Nabil Habashi betonte während des Forums die Bedeutung sicherer und regulärer Migrationswege. Er verwies auf die Notwendigkeit, berufliche, sprachliche und kulturelle Vorbereitung stärker miteinander zu verbinden.

An der Veranstaltung nahmen neben dem deutschen Botschafter Jürgen Schulz auch die EU-Botschafterin in Ägypten, Angelina Eichhorst, sowie Vertreter von 26 deutschen und europäischen Institutionen teil.

Die Vereinbarung bildet einen Rahmen für die Zusammenarbeit. Konkrete Vermittlungszahlen, neue Einreisekontingente oder verbindliche Beschäftigungszusagen wurden nicht bekannt gegeben.

Rund 3.000 Anerkennungsanträge für ägyptische Berufsabschlüsse

Wie stark das Interesse an einer beruflichen Tätigkeit in Deutschland gestiegen ist, zeigen aktuelle Zahlen zur Anerkennung ausländischer Qualifikationen.

Nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) wurden 2025 rund 3.000 Anträge auf Anerkennung von in Ägypten erworbenen Berufsabschlüssen in Berufen nach Bundesrecht gestellt. Das entspricht einem Anstieg um 88 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Ägypten erreichte damit den sechsten Platz unter den häufigsten Ausbildungsstaaten in der deutschen Anerkennungsstatistik.

Christian Grün, Leiter der Abteilung für Entwicklung und Zusammenarbeit an der deutschen Botschaft in Kairo, sieht darin zusätzliche Möglichkeiten für die Zusammenarbeit bei Ausbildung und Fachkräftegewinnung.

Die Anerkennung beruflicher Qualifikationen ist insbesondere in reglementierten Berufen eine wesentliche Voraussetzung für die Beschäftigung in Deutschland. Geprüft wird, inwieweit ein im Ausland erworbener Abschluss mit der entsprechenden deutschen Qualifikation vergleichbar ist.

Die steigende Zahl der Anträge bedeutet allerdings nicht, dass im gleichen Umfang neue Fachkräfte nach Deutschland eingewandert sind oder eine Anerkennung erhalten haben. Erfasst werden zunächst eingeleitete Anerkennungsverfahren.

Deutschland unterstützt die Vorbereitung ägyptischer Fachkräfte unter anderem über das Programm THAMM Plus, das vom Bundesentwicklungsministerium und der Europäischen Union finanziert wird.

Das Programm soll Anerkennungsverfahren, berufliche Qualifizierung und Beratung bereits vor einer möglichen Ausreise miteinander verbinden. Dadurch können Bewerber frühzeitig feststellen, welche Voraussetzungen sie für eine Beschäftigung in Deutschland erfüllen müssen.

Siemens Healthineers erweitert Ausbildung im Gesundheitswesen

Parallel zur Vereinbarung mit der Bundesagentur für Arbeit unterzeichnete das ägyptische Außenministerium eine Absichtserklärung mit Siemens Healthineers.

Der deutsche Medizintechnikkonzern will die Ausbildung ägyptischer Fachkräfte in der Radiologie und medizinischen Bildgebung ausbauen. Im Mittelpunkt stehen insbesondere Computertomografie und Magnetresonanztomografie.

Die Zusammenarbeit erfolgt unter Beteiligung des ägyptischen Gesundheitsministeriums und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Bereits während des Forums wurde die erste Ausbildungsgruppe mit 47 Radiologiefachkräften verabschiedet. Die Teilnehmenden hatten ein spezialisiertes Qualifizierungsprogramm absolviert, das ihre technischen und praktischen Kenntnisse im Umgang mit moderner medizinischer Bildgebung verbessern soll.

Die Ausbildung dient sowohl der Stärkung des ägyptischen Gesundheitssystems als auch der Vorbereitung auf mögliche internationale Beschäftigungsmöglichkeiten.

Damit verbindet die Kooperation die Fachkräftegewinnung für Deutschland mit dem Aufbau beruflicher Kompetenzen in Ägypten.

Beide Länder bauen gemeinsame Berufsausbildung aus

Die neuen Vereinbarungen knüpfen an eine bereits länger bestehende Zusammenarbeit in der beruflichen Bildung an.

Im Juli 2026 verständigten sich Deutschland und Ägypten darauf, ägyptisch-deutsche technische Schulen weiterzuentwickeln. Vorgesehen sind praxisorientierte Lehrpläne, eine engere Zusammenarbeit mit Unternehmen, die Weiterbildung von Lehrkräften und die Modernisierung von Ausbildungsstätten.

Im September folgte eine Absichtserklärung mit dem Freistaat Sachsen, um zusätzliche Wege für reguläre Fachkräftemigration zu erschließen.

Die deutsche Wirtschaft ist auch vor Ort ein wichtiger Partner. Nach Angaben der deutschen Botschaft sind mehr als 1.500 deutsche Unternehmen in Ägypten tätig. Ihre Investitionen werden auf rund zwei Milliarden Euro geschätzt.

Für Ägypten soll die Zusammenarbeit neben Beschäftigungsmöglichkeiten im Ausland auch zusätzliche Qualifikationen und den Wissenstransfer stärken. Die deutsche Botschaft verweist dabei auf das Konzept der zirkulären Migration, bei dem Fachkräfte nach einem Auslandsaufenthalt mit neu erworbenen beruflichen Erfahrungen in ihr Herkunftsland zurückkehren können.

Das Forum „Terminal Europe“ brachte ägyptische Bewerber unmittelbar mit Arbeitgebern, Bildungseinrichtungen und Beratungsstellen zusammen. Angeboten wurden Informationen zu Arbeitsmöglichkeiten, Visa, Anerkennungsverfahren und fairen Bedingungen bei der internationalen Personalvermittlung.

Die Veranstaltung wurde vom ägyptisch-deutschen Zentrum für Beschäftigung, Migration und Reintegration gemeinsam mit der GIZ, den ägyptischen Behörden und europäischen Partnern organisiert.

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