Deutschland fördert – China soll Namibias Wasserstoff-Megaprojekt bauen

Milliardenprojekt auf historisch belastetem Nama-Gebiet: Berlin stellte Hyphen ein Unterstützungsschreiben aus, ohne zuvor die Umwelt- und Menschenrechtsrisiken vertieft zu prüfen.

Die Bundesregierung hat dem milliardenschweren Hyphen-Wasserstoffprojekt in Namibia ein Unterstützungsschreiben ausgestellt, ohne zuvor die Umwelt-, Sozial- und Menschenrechtsrisiken vertieft zu prüfen. Das räumt sie in einer am 23. Juli 2026 veröffentlichten Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion ein. Eine genaue Auflistung ihrer Gespräche mit Vertretern der betroffenen Nama legt sie ebenfalls nicht vor. Zugleich fließen deutsche Fördermittel in die Vorbereitung des Projekts und den Aufbau der namibischen Wasserstoffwirtschaft.

Hyphen soll im Tsau-IlKhaeb-Nationalpark nahe Lüderitz entstehen. Das Investitionsvolumen wird auf rund zehn Milliarden Euro geschätzt. Hinter dem Projekt steht unter anderem das deutsche Energieunternehmen Enertrag, das nach eigenen Angaben die kontrollierende Beteiligung an Hyphen Hydrogen Energy hält.

Unterstützungsschreiben kam vor vertiefter Prüfung

Das damalige Bundeswirtschaftsministerium übergab Enertrag im März 2024 einen sogenannten qualifizierten Letter of Interest. Mit diesem unverbindlichen Schreiben signalisierte die Bundesregierung ihre Unterstützung und die grundsätzliche Eignung des Vorhabens als strategisches Auslandsprojekt.

Vorher nahm sie lediglich eine vorläufige Einschätzung anhand ihrer Kriterien für internationale Großprojekte vor. Eine vertiefte projektbezogene Prüfung von Umwelt-, Sozial- und Menschenrechtsfragen fand nicht statt.

Solche Unterlagen lägen in einer frühen Projektphase regelmäßig noch nicht vor, begründet die Bundesregierung ihr Vorgehen. Die umfassende Prüfung solle erst im Rahmen eines späteren Antragsverfahrens erfolgen. Ein Antrag auf Einordnung des Hyphen-Projekts als strategisches Auslandsprojekt liegt dem Bundeswirtschaftsministerium bislang nicht vor. 

Damit erhielt Hyphen politische Unterstützung aus Berlin, bevor mögliche Folgen für die Nama, die biologische Vielfalt und historisch bedeutsame Orte im Projektgebiet eingehend untersucht worden waren.

Gespräche mit den Nama bleiben ohne genaue Angaben

Die Bundesregierung erklärt, sie stehe auf verschiedenen Ebenen mit der namibischen Regierung, der Zivilgesellschaft und betroffenen Gemeinschaften in Verbindung. Dazu gehörten auch Vertreter der Nama sowie Gespräche über Wasserstoffproduktion und die Aufarbeitung deutscher Kolonialverbrechen.

Wer mit wem gesprochen hat, wann die Treffen stattfanden und welche Fragen dabei behandelt wurden, bleibt offen. Eine Einzelauflistung sei „in der Kürze der Zeit nicht möglich“, heißt es in der Antwort.

Auch die Frage, ob die freie, vorherige und informierte Zustimmung der Nama zur Bedingung deutscher Unterstützung gemacht oder von deutschen Stellen überprüft wurde, beantwortet die Bundesregierung nicht konkret.

Sie verweist stattdessen auf die Verantwortung der beteiligten Unternehmen. Rechtsverstöße seien ihr nicht bekannt. Hyphen habe zugesichert, sich bei seinen Umwelt- und Sozialprüfungen an den Standards der International Finance Corporation zu orientieren. Zu diesen gehört das Prinzip der freien, vorherigen und informierten Zustimmung indigener Gemeinschaften, international als FPIC bezeichnet.

Ob eine solche Zustimmung bereits vorliegt, geht aus der Regierungsantwort nicht hervor.

Projekt berührt kolonial belastetes Gebiet

Das geplante Industriegebiet liegt im angestammten Gebiet der !Aman-Nama. Der heutige Nationalpark wurde während der deutschen Kolonialherrschaft zum Sperrgebiet für die Diamantenförderung erklärt. Die koloniale Nutzung war mit Vertreibungen, Enteignungen und erheblichen Eingriffen in die Landschaft verbunden.

In der Region befinden sich zudem Erinnerungsorte an den Krieg des Deutschen Kaiserreichs gegen die Nama und Ovaherero zwischen 1904 und 1908. Dazu gehört Shark Island bei Lüderitz, wo deutsche Kolonialtruppen ein Lager errichteten, in dem zahlreiche Gefangene starben.

Nama-Vertretungen werfen den Projektverantwortlichen vor, ihre Rechte und ihre Forderung nach Beteiligung nicht ausreichend zu berücksichtigen. Sie befürchten Folgen für Kulturlandschaften, Gedenkorte sowie traditionell genutzte Flächen. Gegen das Vorhaben und die Beteiligung von Enertrag gab es Proteste in Namibia und Deutschland.

Die Bundesregierung betont, dass die Verantwortung für eine rechtskonforme Umsetzung bei den beteiligten Unternehmen liege. Völkerrechtliche und rechtsstaatliche Fragen behalte sie im Rahmen der Zusammenarbeit mit Namibia grundsätzlich im Blick.

Deutsche Mittel fließen in die Projektvorbereitung

Eine Exportkreditgarantie für Hyphen hat die Bundesregierung bislang weder bewilligt noch in Aussicht gestellt. Dennoch unterstützt Deutschland Teile der Projektvorbereitung und des wirtschaftlichen Umfelds.

Über eine gemeinsame Entwicklungsfazilität der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas wurden Hyphen 2024 rund 1,7 Millionen Euro für Umwelt- und Sozialverträglichkeitsstudien zugesagt. Ausgezahlt wurde das Geld bislang nicht.

Gemeinsam mit Enertrag förderte Deutschland außerdem den Aufbau eines Pools namibischer Dienstleister mit rund 299.410 Euro. Eine weitere Übersicht der Bundesregierung weist für 2026 eine Förderung von 300.000 Euro an Enertrag und Hyphen Hydrogen Energy aus. 

Daneben finanziert das Bundeswirtschaftsministerium den Aufbau staatlicher Strukturen für Namibias Wasserstoffwirtschaft. Mehr als 5,1 Millionen Euro gingen an Beratungs- und Finanzierungsleistungen für das Green Hydrogen Programme des Landes. Die deutsch-namibische Wasserstoffpartnerschaft erhielt 1,17 Millionen Euro. Weitere 540.000 Euro flossen in die Zusammenarbeit bei technischen Standards. 

Seit 2021 übernahm der Bund zudem für ein nicht näher genanntes Wasserstoffprojekt in Namibia eine Investitionsgarantie mit einer Kapitaldeckung von 30 Millionen Euro. Ob diese Garantie mit Hyphen verbunden ist, legt die Bundesregierung unter Verweis auf Geschäftsgeheimnisse nicht offen.

Hyphen sucht zugleich stärkere Anbindung an China

Während Berlin seine bisherige Unterstützung erläutert, baut Hyphen seine Verbindungen nach China aus. Namibias Präsidentin Netumbo Nandi-Ndaitwah traf am 10. Juli in Chengdu Vertreter von Hyphen und der China National Chemical Engineering Corporation.

Das chinesische Staatsunternehmen ist als Partner für Planung, Beschaffung und Bau des Hyphen-Projekts vorgesehen. Bei den Gesprächen ging es nach Angaben des namibischen Green Hydrogen Programme um eine stärkere Zusammenarbeit mit China im Wasserstoffsektor und bei der industriellen Entwicklung.

„Ich bin hier, um Ihnen zu helfen. Wenn Sie einen Geschäftspartner in China finden und dieser mich treffen möchte, werde ich hier sein“, sagte Nandi-Ndaitwah an namibische Unternehmen gerichtet.

Produktion von bis zu zwei Millionen Tonnen Ammoniak geplant

Hyphen soll jährlich bis zu 350.000 Tonnen grünen Wasserstoff produzieren. Dieser soll überwiegend zu rund zwei Millionen Tonnen Ammoniak weiterverarbeitet und unter anderem nach Europa exportiert werden.

Die namibische Regierung wählte Hyphen im November 2021 als bevorzugten Bieter aus. Im Mai 2023 unterzeichneten beide Seiten das maßgebliche Umsetzungsabkommen.

Bislang wird noch kein Wasserstoff produziert. Das Projekt befindet sich weiterhin in der Vorbereitungsphase. Frühere Planungen sahen den Beginn der kommerziellen Produktion für Ende 2026 oder im Verlauf des Jahres 2027 vor.

Die Bundesregierung geht bei einer Realisierung von erheblichen Beschäftigungs- und Wachstumseffekten aus. Hyphen plant eine lokale Wertschöpfungsquote von 30 Prozent. Belastbare Studien zu den tatsächlichen Auswirkungen auf Beschäftigung, Staatseinnahmen und lokale Lieferketten liegen nach Angaben der Bundesregierung bislang jedoch nicht vor.

Verwandte Beiträge
Total
0
Share