Marokko äußert sich erstmals zur Ceuta-Krise: Soziale Medien verursachten 40.000 Versuche und elf Tote

Nach tagelangem Schweigen legt Marokko erstmals eine eigene Bilanz zur Ceuta-Krise vor: 40.000 Übertrittsversuche und elf bestätigte Tote. Spanien zählt mindestens 72 Opfer.

Marokkos Innenministerium hat nach tagelangem Schweigen erstmals einen eigenen Zwischenstand zur Migrationskrise an den Grenzen zu Ceuta und Melilla veröffentlicht. Die Erklärung erschien am Sonntag Abend, dem 2. August, mehrere Tage nach Beginn der massenhaften Grenzübertritte. Rund 40.000 Menschen hätten versucht, nach Ceuta zu gelangen, weitere 1.135 nach Melilla. Während Rabat bislang elf Todesfälle bestätigt, nennen spanische Behörden mindestens 72 Tote.

Das marokkanische Innenministerium führt die massenhaften Übertrittsversuche auf Falschinformationen im Internet, Aktivitäten von Menschenhändlern und eine irreführende Auslegung spanischer Gerichtsentscheidungen zurück. Die Ereignisse seien weder spontan noch allein durch kurzfristige Umstände ausgelöst worden.

Bis zu dieser Erklärung hatten marokkanische Behörden keine ausführlichen Angaben zum Ausmaß der Krise gemacht. Medien im Land stützten sich überwiegend auf Zahlen spanischer Institutionen. Zugleich wuchs die Kritik an der fehlenden öffentlichen Kommunikation Rabats.

Rabat bestätigt elf Todesfälle

Nach der Bilanz des Innenministeriums starb ein Mensch nach einem Sturz in einem felsigen Küstenabschnitt nahe Ceuta. Zehn weitere Menschen ertranken bei dem Versuch, die spanische Stadt schwimmend zu erreichen.

Spanische Behörden beziffern die Zahl der Todesopfer im Zusammenhang mit den Grenzübertritten inzwischen auf mindestens 72. Rabat erklärte, gemeinsam mit Madrid weitere gemeldete Todesfälle in Ceuta zu überprüfen. Dabei sollen die tatsächliche Zahl der Opfer sowie ihre Identitäten und Staatsangehörigkeiten festgestellt werden.

Ob und in welchem Umfang sich die marokkanischen und spanischen Angaben überschneiden, blieb zunächst offen. Beide Seiten erfassen die Ereignisse zudem auf unterschiedliche Weise. Marokko beruft sich auf Überwachungsdaten an den Ausgangspunkten der Übertrittsversuche, während Spanien vor allem die in Ceuta angekommenen Menschen und die dort geborgenen Opfer zählt.

40.000 Versuche in Richtung Ceuta

Die marokkanischen Behörden registrierten nach eigenen Angaben rund 40.000 Menschen, die sich in Richtung Ceuta bewegten. Weitere 1.135 Personen versuchten demnach, Melilla zu erreichen. Alle Menschen, denen der Übertritt nach Melilla gelungen sei, seien unmittelbar zurückgebracht worden.

Das Ministerium bezeichnete seine Zahlen als Ergebnis technischer Überwachung und Beobachtungen vor Ort. Andere kursierende Angaben beruhten aus Sicht der Behörde nicht auf verlässlichen Erhebungen.

Spanische Stellen gingen zeitweise von 50.000 bis 60.000 Menschen aus, die Ceuta über Land oder auf dem Seeweg erreichten oder dies versuchten. Die autonome Stadt zählt selbst nur rund 85.000 Einwohner. Die große Zahl der Ankommenden überforderte zeitweise Grenzschutz, medizinische Versorgung und Unterbringungsmöglichkeiten.

Viele Menschen kehrten anschließend freiwillig nach Marokko zurück. Einige erklärten, in Ceuta weder eine Unterkunft noch ausreichend Lebensmittel gefunden zu haben. Eine Weiterreise auf das spanische Festland war für irregulär Eingereiste nicht möglich, da zwischen Ceuta und dem europäischen Teil Spaniens zusätzliche Personen- und Dokumentenkontrollen gelten.

Gerichtsurteil löste falsche Erwartungen aus

Als einen zentralen Auslöser nennt das marokkanische Innenministerium jüngste Entscheidungen der spanischen Justiz. Diese schränkten die Möglichkeit ein, bestimmte auf See aufgegriffene Migranten ohne individuelles Verfahren unmittelbar zurückzuweisen.

Nach Darstellung Rabats verbreitete sich daraufhin die falsche Annahme, eine Einreise nach Ceuta auf dem Seeweg schütze grundsätzlich vor einer sofortigen Rückführung. Menschenhändler und Beiträge in sozialen Netzwerken hätten diesen Eindruck verstärkt.

Dadurch entwickelte sich ein neuer Schwerpunkt der Übertrittsversuche. Zahlreiche Menschen versuchten, die Grenze schwimmend zu umgehen. Die Entfernung beträgt an einigen Stellen weniger als 70 Meter, die Wassertiefe teilweise nur wenig mehr als zwei Meter. Das habe bei vielen Beteiligten den Eindruck erweckt, die Strecke sei leicht zu bewältigen, erklärte das Ministerium.

Auf Instagram und anderen Plattformen verbreiteten sich Videos bereits erfolgreicher Übertritte. Ein 16-jähriger Marokkaner berichtete, er sei gemeinsam mit seinem Cousin nach Ceuta aufgebrochen, nachdem beide entsprechende Aufnahmen gesehen hatten.

Innenministerium verteidigt Vorgehen der Sicherheitskräfte

Das Innenministerium erklärte, Polizei, Küstenwache und örtliche Behörden hätten ihre Einsatzbereitschaft frühzeitig erhöht. Die Überwachung an Land und auf See sei verstärkt worden, um Menschenleben zu schützen, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten und die Grenzen zu sichern.

Die Einsatzkräfte hätten sich an gesetzliche Vorgaben und den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gehalten. Unabhängig überprüfen ließ sich diese Darstellung zunächst nicht. In Fnideq auf der marokkanischen Seite der Grenze kam es während der Krise zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Menschen, die nach Ceuta gelangen wollten.

Die zuständige Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen zu den Ereignissen ein. Sie soll mögliche Straftaten untersuchen, Verantwortliche ermitteln und insbesondere die Rolle von Schleuser- und Menschenhandelsnetzwerken prüfen.

Marokko und Spanien öffneten zugleich Grenzübergänge für Menschen, die freiwillig aus Ceuta zurückkehren wollten. Nach Angaben des Innenministeriums trug dies dazu bei, die Lage in der Grenzregion schrittweise zu beruhigen.

Ceuta und Melilla sind autonome spanische Städte an der nordafrikanischen Küste. Sie bilden die einzigen Landgrenzen zwischen der Europäischen Union und Afrika. Marokko erkennt die spanische Souveränität über beide Gebiete nicht an.

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