UN-Generalsekretär António Guterres will die automatische Rückgabe nicht eingezogener Mitgliedsbeiträge stoppen, um einen drohenden Liquiditätskollaps der Vereinten Nationen abzuwenden. Der Vorschlag wird im Juni 2026 im Haushaltsausschuss der UN-Generalversammlung verhandelt. Nach internen Berechnungen könnte die Organisation 2027 rund 1,3 Milliarden US-Dollar als Gutschriften verbuchen müssen, obwohl ein Teil dieses Geldes nie bei den Vereinten Nationen eingegangen ist. Besonders die ausstehenden Beiträge der USA verschärfen die Finanzkrise.
Die Vereinten Nationen kürzen bereits Programme, reduzieren Personal und begrenzen laufende Ausgaben. Guterres hatte die Mitgliedstaaten gewarnt, dass der Organisation im Sommer das verfügbare Geld ausgehen könnte. Einen festen Zeitpunkt für diesen Fall gibt es nach Angaben seines Sprechers Stéphane Dujarric jedoch nicht.
UN schreibt selbst nie gezahltes Geld gut
Im Zentrum des Konflikts steht eine seit den 1960er-Jahren geltende Finanzregel. Danach werden nicht verwendete Haushaltsmittel und nicht eingezogene Mitgliedsbeiträge den Staaten als Gutschriften auf ihre künftigen Zahlungsverpflichtungen angerechnet.
Damit werden auch Beiträge zurückerstattet, die säumige Staaten zuvor gar nicht überwiesen haben. Der Einnahmeansatz des folgenden Haushalts sinkt entsprechend, während die von der Generalversammlung beschlossenen Aufgaben bestehen bleiben.
Andere internationale Organisationen wie die NATO oder die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erstatten dagegen nur tatsächlich vorhandene Überschüsse.
Guterres schlägt deshalb vor, das Gutschriftensystem entweder grundlegend zu reformieren oder vorübergehend auszusetzen. Nicht gezahlte Beiträge sollen nicht mehr automatisch zu einer Verringerung des nächsten Haushalts führen.
„Ohne Maßnahmen wird die Organisation gezwungen sein, Millionen aus dem regulären Haushalt und den Friedensmissionen zurückzugeben, die sie nicht ausgeben konnte, weil sie das Geld nicht erhalten hat“, erklärte Dujarric gegenüber dem auf die Vereinten Nationen spezialisierten Medium PassBlue.
Milliardenbeiträge bleiben aus
Zum 30. April beliefen sich die ausstehenden Beiträge zum regulären UN-Haushalt auf rund 2,8 Milliarden US-Dollar. Bei den Friedensmissionen waren etwa 3,5 Milliarden US-Dollar offen.
Nur 55 der 193 Mitgliedstaaten hatten ihren regulären Jahresbeitrag bis zum Ablauf der Zahlungsfrist am 8. Februar vollständig überwiesen. Das entspricht 28,5 Prozent der Mitglieder. Mitte Juni hatten 79 Staaten ihre Beiträge für 2026 noch nicht gezahlt.
Die Vereinten Nationen begannen das Jahr zugleich ohne verfügbare Bargeldreserven. Nach Angaben der für Managementstrategie zuständigen Untergeneralsekretärin Catherine Pollard waren sowohl der Betriebsmittelfonds als auch das Sonderkonto zur Überbrückung kurzfristiger Engpässe bereits ausgeschöpft.
Die Rückstände aus dem Jahr 2025 lagen internen Abrechnungen zufolge bei mehr als 1,5 Milliarden US-Dollar. Der für 2026 beschlossene reguläre Haushalt umfasst 3,238 Milliarden US-Dollar und liegt rund 15 Prozent unter dem Vorjahresniveau.
Trotz der Kürzungen musste die UN im laufenden Jahr Gutschriften in Höhe von 9,3 Prozent des regulären Haushalts von 2025 an die Mitgliedstaaten weiterreichen. Bei unveränderten Zahlungsproblemen könnte dieser Anteil 2027 auf etwa 13 Prozent steigen.
USA nutzen Beiträge als politisches Druckmittel
Die USA tragen nach dem von allen Mitgliedstaaten beschlossenen Verteilungsschlüssel 22 Prozent des regulären UN-Haushalts. Washington hat seine Beiträge seit 2024 jedoch nicht mehr vollständig entrichtet.

US-Außenminister Marco Rubio bezeichnete die Zahlungsverpflichtungen Anfang Juni vor dem Kongress als politisches Druckmittel. Die Vereinten Nationen benötigten weitere grundlegende Reformen, erklärte Rubio. Die US-Regierung werde die von der UN eingeforderten Beiträge nutzen, um solche Veränderungen durchzusetzen. Konkrete Reformforderungen nannte er nicht.
Guterres weist diese Verbindung zurück. Seine Reforminitiative UN80, mit der Strukturen und Arbeitsabläufe der Organisation gestrafft werden sollen, könne die Pflicht der Staaten zur vollständigen und fristgerechten Zahlung ihrer Beiträge nicht ersetzen.
Anders als Regierungen können die Vereinten Nationen weder Kredite aufnehmen noch eigenes Geld schaffen. Die Organisation muss ihre von der Generalversammlung beschlossenen Aufgaben deshalb mit den tatsächlich eingegangenen Beiträgen finanzieren.
Japan überwies zuletzt seinen Jahresbeitrag von knapp 222 Millionen US-Dollar. China zahlte zusätzlich 844 Millionen US-Dollar für den Friedenssicherungshaushalt der Jahre 2025 und 2026. Die Zahlungen verbesserten die Liquidität, deckten aber nicht die gesamten offenen Forderungen.
G77 und China schlagen dreijährigen Test vor
Unter den Mitgliedstaaten besteht grundsätzlich Zustimmung, das bisherige System zu verändern. Über Umfang und Dauer einer Reform gibt es jedoch unterschiedliche Positionen.
Die Gruppe der 77 und China schlägt eine dreijährige Testphase vor. Während dieses Zeitraums sollen Gutschriften, die ausschließlich durch nicht gezahlte Pflichtbeiträge entstanden sind, nicht an die Staaten zurückgegeben werden. Tatsächlich erwirtschaftete oder anderweitig entstandene Überschüsse würden weiterhin angerechnet.
Die USA plädieren für einen fünfjährigen Versuch. Anschließend soll der Generalsekretär bewerten, ob die Regel dauerhaft geändert werden sollte.
Mehrere Staaten warnen davor, dass eine vollständige Abschaffung des Systems fehlende Zahlungen normalisieren könnte. Länder, die ihre Beiträge vollständig leisten, betrachten die Gutschriften zudem als ihnen zustehende Rückzahlungen. Eine Aussetzung könnte aus ihrer Sicht pünktlich zahlende Staaten belasten, während säumige Mitglieder von zusätzlicher finanzieller Flexibilität profitieren.
Ronny Patz, UN-Experte am German Institute of Development and Sustainability, sieht dagegen einen sich selbst verstärkenden Mechanismus. Ohne die Gutschriften müsste die Organisation lediglich um den Betrag kürzen, den Staaten wie die USA nicht zahlen. Durch die zusätzliche Anrechnung nie eingegangener Beiträge werde die Finanzlücke jedoch immer größer.
Russland fordert Sanktionen gegen säumige Staaten
Russland hat im Rahmen der Verhandlungen unmittelbare Konsequenzen für Staaten mit hohen Rückständen vorgeschlagen. Die Vereinten Nationen sollen demnach weniger Staatsangehörige aus Ländern einstellen, deren Zahlungsrückstände mehr als eine Haushaltsperiode umfassen.
Zudem will Moskau Zahlungen an Unternehmen aus solchen Staaten einfrieren und die Vergabe neuer UN-Aufträge an dort registrierte Dienstleister begrenzen. Russland überwies seinen eigenen regulären Beitrag von rund 67 Millionen US-Dollar Ende März.
Auch zahlreiche Mitglieder des Sicherheitsrates erfüllten die Zahlungsfrist nicht. Nur vier der 15 Ratsmitglieder hatten ihre Beiträge bis zum 8. Februar vollständig überwiesen. China hat von seinem regulären Jahresbeitrag von mehr als 600 Millionen US-Dollar bislang rund 153 Millionen US-Dollar gezahlt.
Nigeria hat seinen Beitrag für 2026 ebenfalls noch nicht entrichtet, obwohl das Land den Vorsitz im Haushaltsausschuss der Generalversammlung übernimmt. Der Ausschuss verhandelt über den regulären Haushalt der Vereinten Nationen, die Finanzierung der Friedensmissionen und die geplante Änderung des Gutschriftensystems.

