Bewaffnete Gruppen in Westafrika und im Sahel setzen zunehmend Drohnen, moderne Kommunikationstechnik und Kryptowährungen ein und weiten ihre Aktivitäten in Richtung der Küstenstaaten aus. Der UN-Sicherheitsrat beriet darüber am 14. Juli in New York. UN-Sondergesandter Leonardo Santos Simão warnte vor engeren Verbindungen zwischen Terrorismus, organisiertem Verbrechen und Drogenhandel. Zugleich berichtete er von neuen diplomatischen Kontakten zwischen den Staaten der Region.
Terroristische Gruppen passen ihre Strategie an
Terroristische und andere bewaffnete Gruppen versuchen nach Einschätzung der Vereinten Nationen, nicht mehr nur Anschläge zu verüben. Sie wollen Gebiete, Handelswege und wirtschaftliche Aktivitäten kontrollieren und zugleich das Vertrauen der Bevölkerung in staatliche Institutionen schwächen.
Besonders betroffen bleiben der zentrale Sahel und der Norden Nigerias. Gleichzeitig wächst der Druck auf die Staaten am Golf von Guinea. Grenzregionen in Benin, Togo, Côte d’Ivoire und weiteren Küstenstaaten gelten als zunehmend gefährdet.
Die Gruppen nutzen dabei nach Angaben von Simão Drohnen, technisch anspruchsvolle Kommunikationssysteme und Kryptowährungen. Ihre Aktivitäten überschneiden sich immer stärker mit grenzüberschreitender Kriminalität, Schmuggel und Drogenhandel.
Der Leiter des UN-Büros für Westafrika und den Sahel UNOWAS sprach von schweren Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die bewaffneten Gruppen versuchten, „territoriale und wirtschaftliche Kontrolle“ zu festigen und die staatliche Autorität auszuhöhlen.
Mali bleibt Zentrum der Gewalt
Besonders angespannt ist die Lage in Mali. Die mit Al-Qaida verbundene Gruppe Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin, kurz JNIM, und Kämpfer der Azawad-Befreiungsfront FLA griffen in den vergangenen Monaten zahlreiche militärische und staatliche Ziele an.
Ende April wurden Angriffe unter anderem aus Bamako, Kati, Kidal, Gao und Mopti gemeldet. Im Juli kam es erneut zu koordinierten Attacken auf mehrere Orte und Militärstellungen. Besonders umkämpft war Anéfis zwischen Gao und Kidal.
Auch Burkina Faso, Niger und Nigeria verzeichneten zahlreiche Angriffe, Entführungen und hohe zivile Opferzahlen. In Niger attackierte JNIM am 18. Juni den internationalen Flughafen von Niamey. Dabei wurden nach Angaben der nigrischen Behörden elf Angehörige der Sicherheitskräfte und zwei Zivilisten getötet.
In Burkina Faso setzen bewaffnete Gruppen zunehmend Drohnen bei ihren Operationen ein. Nigeria kämpft zugleich gegen dschihadistische Gruppen, Entführungsnetzwerke und kommunale Gewalt im Norden und im sogenannten Middle Belt.
Millionen Menschen auf der Flucht
„Die menschlichen Kosten der Gewalt sind verheerend“, sagte Simão vor dem Sicherheitsrat. Ende Februar waren in Westafrika und im Sahel rund 6,8 Millionen Menschen innerhalb ihrer Länder vertrieben. Weitere 1,28 Millionen Menschen lebten als Flüchtlinge oder Asylsuchende außerhalb ihrer Herkunftsregionen.
Auch die Küstenstaaten spüren die Folgen. Liberia verzeichnet seit 2025 einen starken Anstieg der Zahl von Menschen aus Burkina Faso. Die Aufnahmegemeinden stehen dadurch unter zusätzlichem Druck. Betroffen sind unter anderem die Versorgung mit Wasser, Land, Unterkünften und grundlegenden sozialen Dienstleistungen.
Gleichzeitig bleibt der Zugang für Hilfsorganisationen in vielen Konfliktgebieten eingeschränkt. Unsicherheit, administrative Auflagen und die Schließung von Nichtregierungsorganisationen erschweren die Versorgung. Nach Angaben Griechenlands waren zum Zeitpunkt der Sitzung erst 14 Prozent der benötigten Mittel für die humanitäre Hilfe im Jahr 2026 eingegangen.
Frauen, Kinder und junge Menschen tragen nach Einschätzung der Vereinten Nationen einen besonders großen Teil der Folgen. Neben Vertreibung und fehlender Versorgung dokumentieren die UN schwere Menschenrechtsverletzungen sowie sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt.
Diplomatische Kontakte nehmen wieder zu
Trotz der verschärften Sicherheitslage sieht UNOWAS Anzeichen für eine vorsichtige Entspannung zwischen einzelnen Staaten. Niger und Nigeria öffneten den Grenzübergang Kamba wieder und stellten damit eine wichtige Handelsverbindung her.
Auch zwischen Benin, Burkina Faso, Mali und Niger fanden neue Gespräche statt. Mali und Algerien nahmen ihre diplomatischen Beziehungen wieder auf, setzten ihre Botschafter erneut ein und öffneten ihre Lufträume.
Die Kontakte sind Teil eines breiteren Versuchs, die Beziehungen zwischen der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS und den Militärregierungen von Mali, Burkina Faso und Niger zu stabilisieren. Die drei Staaten hatten ECOWAS im Januar 2025 verlassen und ihre Zusammenarbeit innerhalb der Konföderation der Sahelstaaten vertieft.
ECOWAS arbeitet zugleich an einer regionalen Antiterroreinheit. Die Verteidigungschefs der Mitgliedstaaten befassten sich mit der geplanten Truppe und einer engeren Einbindung der Sahelstaaten. Finanzielle und politische Differenzen bremsen jedoch die Umsetzung.
Sicherheitsrat fordert mehr als militärische Einsätze
Mehrere Mitglieder des Sicherheitsrats betonten, dass militärische Operationen allein die terroristischen Gruppen nicht besiegen könnten. Liberia forderte im Namen der Demokratischen Republik Kongo und Somalias eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit, die der Reichweite der bewaffneten Netzwerke entspricht.

Côte d’Ivoire verlangte einen stärkeren Austausch von Geheimdienstinformationen, eine engere Sicherung der Grenzen und eine dauerhaft finanzierte afrikanische Sicherheitsarchitektur. Gleichzeitig müssten Regierungen in Prävention, staatliche Institutionen, Jugendliche und Frauen investieren.
Vertreter weiterer Staaten nannten Bildung, Arbeitsplätze, Ernährungssicherheit und soziale Programme als zentrale Bestandteile einer umfassenden Strategie. Terroristische Gruppen nutzen Armut, fehlende staatliche Dienstleistungen und Perspektivlosigkeit gezielt für Rekrutierung und lokale Einflussnahme.
Russland und Frankreich erheben gegenseitige Vorwürfe
Die Sitzung machte zugleich die geopolitischen Spannungen rund um den Sahel sichtbar. Russland warf westlichen Staaten vor, die Bemühungen der Sahelstaaten nicht ausreichend zu unterstützen.
Die stellvertretende russische UN-Botschafterin Anna Evstigneeva beschuldigte die ukrainische Regierung, bewaffnete Gruppen in der Region zu unterstützen. Frankreich erlaube zudem Mitgliedern der FLA öffentliche Auftritte auf französischem Territorium. Unabhängige Belege für diese Vorwürfe legte sie in der Sitzung nicht vor.
Frankreich warnte seinerseits vor einer unzureichenden internationalen Reaktion auf die Ausbreitung von JNIM und anderen Gruppen. Der französische UN-Botschafter Jérôme Bonnafont forderte stärkere staatliche Institutionen, verantwortliche Regierungsführung und den Schutz zivilgesellschaftlicher Freiräume.
Burkina Fasos Vertreter Saïdou Zongo verteidigte dagegen die Suspendierung und Auflösung mehrerer Vereinigungen in seinem Land. Die Maßnahmen dienten nach seiner Darstellung nicht der Einschränkung von Menschenrechten, sondern der Durchsetzung nationaler Gesetze und der Kontrolle der Arbeit von Nichtregierungsorganisationen.
Berlin und Brüssel suchen einen neuen Zugang
Die Entwicklung im Sahel besitzt auch für Deutschland und die Europäische Union eine hohe außen- und sicherheitspolitische Bedeutung. Fachleute der Stiftung Wissenschaft und Politik verweisen auf die Folgen für regionale Stabilität, Migration, wirtschaftliche Verbindungen und die Glaubwürdigkeit europäischer Partnerschaften.
Deutschland und die EU unterstützen ECOWAS weiterhin finanziell und politisch. Gleichzeitig bestehen innerhalb Europas unterschiedliche Positionen zum Umgang mit den Militärregierungen in Mali, Burkina Faso und Niger.
UNOWAS soll dabei weiterhin als Vermittler zwischen den regionalen Organisationen, den Küstenstaaten und den drei Sahelstaaten dienen. Der Sicherheitsrat hat das Mandat des UN-Büros bis zum 31. Januar 2029 verlängert.

