Streit über Migration eskaliert im Bundestag – Abgeordnete liefern sich heftigen Schlagabtausch

Heftiger Schlagabtausch im Bundestag: Die AfD verlangt eine finanzielle Bilanz der Zuwanderung. CDU, SPD, Grüne und Linke widersprechen mit scharfen Vorwürfen. „Ich habe die Schnauze voll“, erklärt SPD-Abgeordnete Rasha Nasr. Grünen-Politiker Timon Dzienus fordert ein AfD-Verbot. Wegen seiner Wortwahl greift das Bundestagspräsidium ein.

Eine Debatte über Kosten und Nutzen der Zuwanderung hat im Bundestag zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen AfD, Union, SPD, Grünen und Linken geführt. Am Donnerstag, dem 15. Oktober 2026, stritten die Abgeordneten über die wirtschaftlichen Folgen der Migration, den Beitrag ausländischer Beschäftigter und den gesellschaftlichen Umgang mit Zugewanderten. Während die AfD eine umfassende finanzielle Bilanz der Zuwanderung verlangte, warfen ihr die anderen Fraktionen vor, Menschen auf ihren wirtschaftlichen Nutzen zu reduzieren. Die Auseinandersetzung weitete sich auf Vorwürfe des Rechtsextremismus, die Wohnungskrise und die politische Verantwortung der CDU aus.

AfD fordert Abrechnung über 400 Milliarden Euro

Die Debatte eröffnete der AfD-Abgeordnete Hans-Jürgen Goßner mit einer Abrechnung der bisherigen deutschen Migrationspolitik. Er bezog sich auf einen Beitrag der Tageszeitung Die Welt, der die Kosten der Migration zwischen 2016 und 2025 auf mindestens 400 Milliarden Euro beziffert habe.

Eine amtliche Gesamtrechnung über die finanziellen Auswirkungen der Zuwanderung fehle bislang, kritisierte Goßner. Die Bundesregierung müsse offenlegen, welche Migrantengruppen mehr in die Sozialversicherungssysteme einzahlen, als sie an Leistungen beziehen, und welche Gruppen die öffentlichen Haushalte belasten.

„Wer solche Summen bewegt, schuldet den Bürgern eine Abrechnung“, erklärte der AfD-Politiker.

Als Vorbilder nannte Goßner Dänemark und die Niederlande. Eine niederländische Untersuchung komme bei Arbeitsmigration auf einen durchschnittlichen positiven Nettobeitrag von 125.000 Euro, bei Asylmigration hingegen auf einen negativen Beitrag von 475.000 Euro, führte er aus.

Die genannten Beträge beziehen sich auf unterschiedliche Zuwanderungsgruppen und langfristige Berechnungen. Sie sind keine amtliche Bilanz der Migration in Deutschland.

Goßner forderte die übrigen Fraktionen auf, dem Antrag seiner Partei zuzustimmen. „Legen Sie die Bilanz auf den Tisch! Legen Sie Rechenschaft ab vor den Steuerzahlern!“

CDU wirft AfD Angstmache vor – und verteidigt Zuwanderung

Der CDU-Abgeordnete Detlef Seif reagierte mit scharfer Kritik. Die AfD verschweige systematisch die positiven Auswirkungen der Migration auf die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft.

„Das, was Sie gerade ausgeführt haben, ist wirklich die Spitze der Unverschämtheit“, sagte Seif.

Er erinnerte an den Beitrag ausländischer Arbeitskräfte zum wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands und verwies auf Zugewanderte in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, öffentlichen Verwaltungen und Unternehmen.

Allein in der Pflege arbeiteten mehr als 350.000 ausländische Beschäftigte, führte der Unionspolitiker aus.

„Ist es wirklich so schwer, einmal auch zu benennen, dass zumindest Teilaspekte der Migration positiv sind?“, fragte Seif in Richtung der AfD.

Zugleich grenzte er die Haltung der Union von einer uneingeschränkten Zustimmung zur Migration ab. Nicht jede Form der Zuwanderung sei vorteilhaft. Irreguläre Migration müsse begrenzt, Sozialleistungsmissbrauch bekämpft und die Rückführung ausreisepflichtiger Personen konsequent durchgesetzt werden.

„Wir wollen die Chancen gelungener Zuwanderung erkennen und nutzen, aber auch schädliche Zuwanderung verhindern“, erklärte Seif.

Die vorhandenen Daten der Bundesagentur für Arbeit, des Statistischen Bundesamtes und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge reichten aus, um die Entwicklungen zu untersuchen. Eine zusätzliche umfassende Datenerhebung lehnte der CDU-Politiker ab.

Streit über Wohnungsnot und Angst vor Ausländerfeindlichkeit

In einer anschließenden Kurzintervention verschärfte der AfD-Abgeordnete Ingo Hahn die Auseinandersetzung. Er stellte einen Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Wohnungsmangel her.

Deutschland fehlten rund 1,4 Millionen Wohnungen, behauptete Hahn. Eine Rückführung illegal aufhältiger Migranten könne die Situation auf dem Wohnungsmarkt wesentlich verbessern.

Seif widersprach dieser Darstellung. Die Wohnungskrise lasse sich nicht allein durch die Begrenzung der Zuwanderung lösen. Vielmehr müsse der Wohnungsbau gestärkt werden.

Der CDU-Abgeordnete berichtete außerdem von Gesprächen mit ausländischen Botschaftern, die sich besorgt über die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland gezeigt hätten.

„Die haben Ängste geäußert und gesagt: Was entwickelt sich in Deutschland? Dieser Hass gegen Ausländer, gegen Menschen von außen“, berichtete Seif.

Er warf der AfD vor, diese Befürchtungen durch ihre politische Darstellung der Migration weiter zu verstärken.

Grüne fordern AfD-Verbot – Bundestagspräsidium greift ein

Noch schärfer fiel die Rede des Grünen-Abgeordneten Timon Dzienus aus. Er warf der AfD vor, Menschen in wirtschaftlich nützliche und unnütze Gruppen einzuteilen.

„Das ist dermaßen widerlich und erinnert mich ehrlicherweise an ganz dunkle Zeiten deutscher Geschichte“, sagte Dzienus.

„Migration ist was Tolles. Migration bereichert dieses Land im Gegensatz zu Ihnen“, erklärte der Grünen-Politiker.

Seine Rede entwickelte sich anschließend zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der AfD und ihrem Verhältnis zur Demokratie. Dzienus warnte insbesondere die CDU davor, rechtsextreme Kräfte auf Landesebene zu unterstützen oder deren politische Verantwortung zu ermöglichen.

Mit Blick auf die politischen Vorgänge in Sachsen-Anhalt forderte er die Union auf, sich der AfD geschlossen entgegenzustellen.

„Faschisten entzaubern sich nicht. Faschisten bewaffnen sich“, sagte Dzienus. Er schloss seine Rede mit der Forderung: „Verbieten wir endlich die AfD.“

Seine Wortwahl rief das Bundestagspräsidium auf den Plan. Die Sitzungsleitung rügte insbesondere seine Äußerungen über angeblich geplante millionenfache Deportationen.

Der Begriff sei durch die systematische Ermordung von Jüdinnen und Juden während des Nationalsozialismus historisch besonders belastet. Gerade im Bundestag müsse auf eine präzise Sprache geachtet werden, mahnte die Sitzungsleitung.

SPD-Abgeordnete Nasr: Menschen haben Angst um ihre Zukunft in Deutschland

Für die SPD ergriff Rasha Nasr das Wort. Sie richtete ihre Kritik nicht nur an die AfD, sondern sprach auch über die Folgen solcher Debatten für Menschen mit Migrationsgeschichte.

„Ich habe die Schnauze voll. Ich habe es satt“, sagte Nasr.

Sie kritisierte, dass im Parlament wiederholt darüber diskutiert werde, welche Menschen vermeintlich zu viel kosteten oder aufgrund ihrer Herkunft nicht nach Deutschland gehörten.

Während die Abgeordneten über finanzielle Bilanzen stritten, hörten Menschen zu, die sich fragten, ob sie und ihre Kinder in Deutschland noch eine Zukunft hätten.

Nasr verwies auf die wirtschaftliche Bedeutung ausländischer Arbeitnehmer. Nach Feststellungen der Bundesagentur für Arbeit werde das Beschäftigungswachstum in Deutschland seit 2024 ausschließlich von ausländischen Beschäftigten getragen.

Sie stellte die Frage, welche Kosten der Wirtschaft entstünden, wenn Betriebe keine Fachkräfte finden, Stellen unbesetzt bleiben und weniger Beschäftigte in die Sozialversicherungen einzahlen.

Doch auch unabhängig von solchen Berechnungen dürfe der Wert eines Menschen nicht an seinem wirtschaftlichen Beitrag gemessen werden.

Zum Abschluss wandte sich die SPD-Abgeordnete unmittelbar an Menschen, die wegen der politischen Auseinandersetzungen an ihrer Zugehörigkeit zu Deutschland zweifelten.

„Das ist auch Ihr Land, das ist auch Ihre Heimat, und niemand hat das Recht, Ihnen das abzusprechen“, erklärte Nasr.

Linke zieht Vergleich zur nationalsozialistischen Geschichte

Die Linken-Abgeordnete Clara Bünger griff die grundsätzliche Frage auf, ob Menschen nach ihrem finanziellen Beitrag zum Staat bewertet werden dürften.

„Niemand muss seine Nützlichkeit beweisen, um gleiche Rechte zu haben in diesem Land“, sagte sie.

Bünger kritisierte, dass eine ausschließlich finanzielle Betrachtung der Migration Menschen in Gewinner und Verlierer einteile. Nach dieser Logik müssten auch Kinder, Pflegebedürftige und Rentner danach beurteilt werden, ob sie mehr Leistungen bezögen, als sie selbst finanzierten.

Die Abgeordnete verwies auf die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung von Menschen mit Behinderungen. Damals seien ebenfalls wirtschaftliche Berechnungen verwendet worden, um die Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen zu rechtfertigen.

Sie stellte zugleich klar, dass die AfD-Abgeordneten nicht mit den damaligen Tätern gleichzusetzen seien. Ihre Kritik richte sich gegen die Bewertung von Menschen anhand vermeintlicher finanzieller Nützlichkeit.

Das Grundgesetz schütze die Würde jedes Menschen unabhängig von dessen Herkunft oder wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.

Union widerspricht Milliardenrechnung der AfD

Der CDU-Abgeordnete Markus Reichel brachte die Debatte anschließend zurück auf die wirtschaftlichen Berechnungen.

Er verwies auf Wissenschaftler, Unternehmer und Pflegekräfte aus dem Ausland, die in Deutschland forschen, investieren und arbeiten. Unter anderem nannte er internationale Fachkräfte in Dresden, ein von einem iranischstämmigen Unternehmer mitgegründetes Unternehmen in Leipzig und brasilianische Pflegekräfte in Sachsen.

„Das sind keine abstrakten Migrationszahlen. Das sind Menschen, die forschen, Kultur prägen, Unternehmen aufbauen, Patienten versorgen“, erklärte Reichel.

Eine wissenschaftliche Untersuchung der finanziellen Auswirkungen von Migration sei grundsätzlich sinnvoll. Die Behauptung, solche Forschung finde bislang nicht statt, wies er jedoch zurück.

Bereits seit 2025 beschäftige sich das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung mit den fiskalischen Effekten der Migration.

Besonders kritisierte Reichel eine Berechnung der AfD, wonach bestimmte Zuwanderungsgruppen den deutschen Staat jährlich 30 bis 35 Milliarden Euro netto kosten könnten. Diese Summe beruhe nicht auf einer deutschen Erhebung, sondern auf der Übertragung dänischer Daten.

Die zugrunde liegenden Zahlen stammten aus dem Jahr 2019. Das dänische Finanzministerium habe selbst darauf hingewiesen, dass eine Übertragung auf das Jahr 2026 problematisch sei.

„Aus einer Hochrechnung wird keine Tatsache, wenn man sie einfach nochmal hochrechnet“, sagte Reichel.

Bundestag setzt Beratungen im Sozialausschuss fort

Ausgangspunkt der einstündigen Debatte war ein Antrag der AfD-Fraktion zur finanziellen Bewertung der Zuwanderung.

Die Partei fordert eine regelmäßige wissenschaftliche Untersuchung der Auswirkungen auf die Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung. Dabei sollen unter anderem Herkunftsregionen, Beitragszahlungen, Sozialleistungen sowie direkte und indirekte staatliche Ausgaben berücksichtigt werden.

Die Bundesregierung soll nach dem Willen der AfD jährlich über die Ergebnisse berichten.

Eine Entscheidung über den Antrag traf der Bundestag nicht. Die Vorlage wurde nach der ersten Lesung an die zuständigen Ausschüsse überwiesen. Die Federführung übernimmt der Ausschuss für Arbeit und Soziales.

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