Ibrahim Traoré hat in Ouahigouya zu nationaler Geschlossenheit, Disziplin und einer stärkeren Rückbesinnung auf die afrikanische Geschichte aufgerufen. Die Rede hielt Burkina Fasos Staatschef am Donnerstag. Er verband seinen Appell mit Warnungen vor innerer Spaltung und schweren, nicht belegten Vorwürfen gegen ausländische Akteure, Medien und Hilfsorganisationen. Wirtschaftliche Eigenständigkeit und die Kontrolle über die Rohstoffe des Landes stellte er als Teil des Kampfes um Sicherheit und Souveränität dar.
Traoré sprach vor Vertretern gesellschaftlicher Gruppen aus der Region Yaadga. Zu Beginn ließ er den burkinischen Sicherheitskräften und den Freiwilligen zur Verteidigung des Vaterlandes applaudieren, die nördlich von Ouahigouya im Einsatz seien. Verwundeten wünschte er Genesung, zugleich erinnerte er an einen getöteten Kämpfer.
Geschlossenheit als Teil des Sicherheitskampfes
Der Staatschef erklärte, die Sicherheitslage rund um mehrere Städte im Norden des Landes habe sich seit 2022 verändert. Damals seien wichtige Straßen und zeitweise auch der Flugplatz von Ouahigouya nicht erreichbar gewesen. Inzwischen würden die burkinischen Kräfte ihre Einsätze bis in die Grenzregionen ausweiten.
„Der Feind kann uns nicht besiegen, wenn wir eine Nation sind“, sagte Traoré. Eine Nation benötige Disziplin, Opferbereitschaft und ein gemeinsames Ziel. Ohne ein solches Ziel wisse ein Land nicht, wohin es sich bewege.
Burkina Faso kämpft seit mehr als einem Jahrzehnt gegen bewaffnete Gruppen. Traoré stellte den Konflikt in seiner Rede erneut als Auseinandersetzung um das Staatsgebiet und die natürlichen Ressourcen des Landes dar. Die Angreifer hätten es auf den Boden, die Rohstoffe und die Kontrolle über das Land abgesehen, behauptete er.
Afrikanische Geschichte als politischer Orientierungspunkt
Traoré forderte die Menschen in Burkina Faso und auf dem gesamten Kontinent auf, sich intensiver mit der afrikanischen Geschichte auseinanderzusetzen. Wer seine Herkunft nicht kenne, verliere die Orientierung und könne die Fehler der Vergangenheit wiederholen.
„Um Orientierungspunkte zu haben, müssen wir zurückgehen und die Geschichte befragen“, sagte er. Bestimmte Abschnitte der afrikanischen Geschichte dürften nicht ausgeblendet werden.
Den Begriff „Stockholm-Syndrom“ nutzte Traoré als politische Metapher. Er warf Teilen der afrikanischen Bevölkerung vor, ehemalige Unterdrücker zu bewundern, zu verteidigen und den eigenen Fähigkeiten weniger zu vertrauen. Kolonialismus und unterschiedliche Formen der Versklavung hätten ein Verhältnis geschaffen, in dem die Opfer die Perspektiven ihrer früheren Aggressoren übernähmen.
Afrikanische Gesellschaften müssten sich fragen, welches Wissen und welche technischen Fähigkeiten im Laufe der Geschichte verloren gegangen seien. Traoré verwies dabei auf die Metallverarbeitung früherer Generationen und stellte die Frage, weshalb viele afrikanische Staaten ihre Rohstoffe bis heute nicht selbst verarbeiten.
Traoré weist Gerüchte über ein zweites Machtzentrum zurück
Neben dem Appell an die Bevölkerung richtete Traoré eine deutliche Warnung an Regierungsmitglieder, Unternehmer und weitere Personen aus seinem politischen Umfeld. Niemand solle einzelne Funktionsträger als besonders mächtige Vermittler oder als zweites Entscheidungszentrum behandeln.

„Es gibt nicht zwei Kapitäne in einem Boot“, erklärte er. Ebenso gebe es innerhalb seiner Führung keine „Nummer eins“ und „Nummer zwei“. Alle Personen, die mit ihm arbeiteten, hätten sich einer gemeinsamen Mission unterzuordnen.
Traoré kündigte an, Minister und andere Verantwortliche härter zu bestrafen, wenn ihnen ein von ihm als „antirevolutionär“ bezeichnetes Verhalten nachgewiesen werde. Geschäftsleute forderte er auf, nicht nach vermeintlich einflussreichen Personen in seinem Umfeld zu suchen, um Entscheidungen auszuhandeln.
„Ich habe meine Jugend nicht geopfert, um mit meiner Mission zu spielen“, sagte Traoré. Sein Tagesablauf und die ständige Bewachung ließen ihm kein gewöhnliches Privatleben mehr. Er habe einen „Traum“ für Burkina Faso, den er verwirklichen wolle.
Schwere Vorwürfe gegen ausländische Akteure
In seiner mehr als einstündigen Rede erhob Traoré zudem Vorwürfe gegen Angehörige eines nicht genannten westlichen Nachrichtendienstes. Diese hätten Burkina Faso vier Substanzen angeboten, die Lebensmitteln, Getränken und Tabakprodukten in von bewaffneten Gruppen kontrollierten Gebieten beigemischt werden sollten.
Die Mittel sollten nach seiner Darstellung die Denkfähigkeit und körperliche Leistungsfähigkeit der Betroffenen beeinträchtigen sowie Müdigkeit verursachen. Traoré erklärte, seine Gesprächspartner hätten behauptet, vergleichbare Substanzen bereits in Afrika und Asien eingesetzt zu haben.
Der Staatschef nannte weder das betreffende Land noch die angeblichen Produkte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bezog er sich jedoch auf Frankreich. Burkina Faso hatte die diplomatischen Beziehungen zu Paris am 26. Juni 2026 abgebrochen und Frankreich unter anderem die Unterstützung „subversiver Netzwerke“ vorgeworfen. Traoré verwies in seiner Rede selbst auf Reaktionen, die unmittelbar nach dieser Entscheidung erfolgt seien.
Traoré beschuldigte außerdem ausländische Akteure, religiöse und ethnische Spannungen in Burkina Faso zu fördern. Ein früherer Mitarbeiter einer Botschaft und weitere Personen hätten Kontakte in die Kultur-, Medien- und Religionslandschaft aufgebaut. Ihr Ziel sei es nach seiner Darstellung, spätestens im August gegen die von ihm geführte „Revolution“ vorzugehen. Auch für diese Behauptung führte Traoré keine öffentlich überprüfbaren Nachweise an.
Religion soll nicht über der Nation stehen
Der Staatschef wandte sich zugleich gegen religiösen Extremismus. Eine neue Regelung verbiete nicht das Gebet am Arbeitsplatz oder im öffentlichen Raum, erklärte er. Vorgeschrieben seien lediglich Genehmigungen, wenn Straßen oder öffentliche Flächen für größere Zusammenkünfte genutzt würden.
Traoré warf einem Imam vor, die Regelung bewusst falsch dargestellt und behauptet zu haben, die Regierung wolle das Beten verbieten. Die Mehrheit der Imame vertrete einen gemäßigten Islam, betonte der Staatschef. Radikale Minderheiten dürften Religion nicht gegen den Staat einsetzen.
Bei der Einreise in ein anderes Land werde zuerst nach Pass und Staatsangehörigkeit gefragt, nicht nach der Religion, sagte Traoré. Patriotismus und gesellschaftlicher Zusammenhalt müssten daher über religiösen oder ethnischen Interessen stehen.
Lokale Produktion statt wirtschaftlicher Abhängigkeit
Traoré verknüpfte seine politischen Aussagen mit dem Ziel einer stärkeren wirtschaftlichen Eigenständigkeit. Burkina Faso müsse mehr von dem konsumieren, was im Land produziert werde. Als Beispiel nannte er die Einschränkung von Reisimporten, nachdem die einheimische Produktion gestiegen sei.
Importierende Unternehmer hätten die Maßnahme abgelehnt, weil sie weiterhin ausländischen Reis verkaufen wollten. Damit profitierten Bauern in anderen Weltregionen, während burkinische Produzenten keinen gesicherten Absatz erhielten.
Auch beim Goldabbau kündigte Traoré eine stärkere Kontrolle des Staates an. Ungeordnete Förderung zerstöre die Umwelt und führe dazu, dass Einnahmen für importierte Fahrzeuge und Konsumgüter ausgegeben würden, während Straßen, Wasserversorgung und andere öffentliche Infrastruktur fehlten.
Humanitäre Organisationen kritisierte er, wenn ihre Arbeit staatliche Strukturen umgehe oder neue Abhängigkeiten schaffe. Hilfe, die andere politische oder wirtschaftliche Absichten verfolge, werde Burkina Faso nicht akzeptieren. Die Ressourcen des Landes müssten stattdessen dazu beitragen, die Bevölkerung mit Wasser, Nahrung und Infrastruktur zu versorgen.
Für die Regionen kündigte Traoré eigene Straßenbaubrigaden an. Gouverneure und lokale Verantwortliche sollen festlegen, welche Verkehrswege zuerst ausgebaut werden. Bis zum Jahresende sollen auch die neu geschaffenen Regionen über entsprechende Ausrüstung und Einheiten verfügen.

