EU richtet Entwicklungspolitik stärker auf Krisenregionen aus

Die EU stellt ihre Entwicklungspolitik neu auf: mehr Fokus auf fragile Staaten, Sahel und Subsahara-Afrika, während die weltweite Entwicklungshilfe deutlich sinkt.

Die Europäische Union will ihre Entwicklungspolitik stärker auf fragile Staaten und Regionen ausrichten und dabei Sicherheit, wirtschaftliche Stabilität und nachhaltige Entwicklung enger verbinden. Am 18. Mai 2026 berieten die EU-Entwicklungsminister in Brüssel über diese Linie. Unter dem Vorsitz der Hohen Vertreterin Kaja Kallas beschlossen sie Schlussfolgerungen für einen kohärenteren Umgang mit Fragilität. Besonders genannt werden Subsahara-Afrika, der Sahel, kleine Inselstaaten und Binnenentwicklungsländer.

Entwicklungspolitik wird stärker mit EU-Außenpolitik verzahnt

Die Minister stellten die künftige Ausrichtung der europäischen Entwicklungszusammenarbeit in einen geopolitischen Rahmen. Die EU will ihre außenpolitischen Instrumente sichtbarer, besser abgestimmt und stärker auf konkrete Wirkungen ausrichten. Entwicklungspolitik bleibt dabei ein zentraler Bestandteil der Außenbeziehungen, soll aber enger mit wirtschaftlichen und außenpolitischen Interessen der Union verbunden werden.

Der Rat beschreibt Fragilität als wachsende globale Herausforderung. Konflikte, Armut, Klimafolgen, Vertreibung, irreguläre Migration und schwache Institutionen greifen demnach zunehmend ineinander. Die EU will deshalb humanitäre Hilfe, Entwicklungspolitik und Friedensförderung stärker zusammenführen. Dieser Ansatz wird in Brüssel als Humanitarian-Development-Peace-Nexus bezeichnet.

In fragilen Staaten sollen EU-Programme künftig stärker auf Prävention, Widerstandsfähigkeit, soziale Grundversorgung und lokale wirtschaftliche Perspektiven ausgerichtet werden. Genannt werden unter anderem Wasser, Ernährung, Wohnen, Bildung, Gesundheitsversorgung, Justiz und verlässliche Institutionen.

Sahel und Subsahara-Afrika bleiben im Fokus

Der Rat fordert ein langfristiges Engagement in Ländern und Regionen mit hoher oder extremer Fragilität. Subsahara-Afrika und der Sahel werden dabei ausdrücklich genannt. Hinzu kommen kleine Inselentwicklungsländer, Binnenentwicklungsländer sowie die östliche und südliche Nachbarschaft der EU.

Für diese Regionen will die EU flexiblere Finanzierungsinstrumente einsetzen. Dazu gehören Mechanismen, mit denen private Investitionen abgesichert und Mittel für lokale Unternehmen, kleine und mittlere Betriebe sowie Beschäftigung mobilisiert werden sollen. Zugleich verweist der Rat auf Schuldentragfähigkeit und Transparenz in Partnerländern.

Die EU setzt dabei weiter auf den Team-Europe-Ansatz. Er bündelt Beiträge der EU-Institutionen, der Mitgliedstaaten, europäischer Entwicklungsbanken und weiterer Akteure. Lokale Behörden, Zivilgesellschaft, unabhängige Medien und der private Sektor sollen stärker einbezogen werden.

Global Gateway soll in fragilen Staaten vorsichtiger eingesetzt werden

Die Entwicklungsminister befassten sich auch mit der Rolle der Global-Gateway-Strategie. Das Programm wurde 2021 gestartet und soll öffentliche und private Mittel für nachhaltige Investitionen weltweit mobilisieren. Im Rat wurde Global Gateway als Instrument beschrieben, mit dem die EU außenpolitische Prioritäten über Partnerschaften und konkrete Projekte umsetzen kann.

In fragilen Staaten soll Global Gateway nach den Schlussfolgerungen konfliktbewusst eingesetzt werden. Investitionen sollen andere EU-Instrumente ergänzen und keine bestehenden Spannungen verschärfen. Brüssel verbindet damit die Erwartung, dass Infrastruktur- und Investitionsprojekte Arbeitsmöglichkeiten schaffen und Stabilität fördern können.

Die Minister sprachen zugleich über bessere Steuerung, engere Koordination und strategischere Kommunikation. EU-Delegationen und Mitgliedstaaten sollen in Partnerländern abgestimmter auftreten.

Sinkende Entwicklungshilfe erhöht den Druck

Die Debatte fand vor dem Hintergrund rückläufiger Entwicklungshilfe statt. Die EU und ihre Mitgliedstaaten blieben 2025 mit 82,5 Milliarden Euro der weltweit größte Geber öffentlicher Entwicklungshilfe. Das entsprach 48 Prozent der globalen ODA-Mittel.

Gleichzeitig sank die europäische Entwicklungshilfe von 89,5 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 82,5 Milliarden Euro im Jahr 2025. Der Anteil am Bruttonationaleinkommen der EU ging von 0,50 auf 0,44 Prozent zurück. Die EU liegt damit weiter unter dem gemeinsamen Ziel von 0,7 Prozent.

Auch die Mittel für die am wenigsten entwickelten Länder bleiben hinter dem EU-Ziel zurück. 2024 flossen 14,5 Milliarden Euro in diese Ländergruppe. Das entsprach 0,08 Prozent des EU-Bruttonationaleinkommens. Angestrebt sind 0,2 Prozent bis 2030.

Der Rat verweist zugleich auf einen historischen Rückgang der weltweiten Entwicklungshilfe. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung meldete für 2025 einen Rückgang der ODA-Leistungen der DAC-Geber um 23,1 Prozent gegenüber 2024.

Iran-Konflikt belastet Energie, Transport und Ernährung

Auf der Tagesordnung stand auch der Iran-Konflikt. Die Minister sprachen über Folgen für Energie- und Transportwege, Risiken für Ernährungssicherheit und mögliche Engpässe bei Düngemitteln. Betroffen sind vor allem Länder, die stark von Importen, hohen Transportkosten oder anfälligen Lieferketten abhängen.

Die EU will ihre Entwicklungszusammenarbeit bilateral und in internationalen Foren einsetzen, um besonders belastete Partnerländer zu unterstützen. Im Rat wurden zudem mögliche Auswirkungen auf Migration, das multilaterale System und die regelbasierte internationale Ordnung angesprochen.

Hungerbekämpfung in Subsahara-Afrika bleibt Teil der EU-Agenda

Der Rat griff auch einen Sonderbericht des Europäischen Rechnungshofs zur Unterstützung der EU im Kampf gegen Hunger in Subsahara-Afrika auf. Zwischen 2014 und 2024 schloss die EU über verschiedene Instrumente Verträge über rund 23,2 Milliarden Euro für hungerbezogene Vorhaben ab. Knapp die Hälfte dieser Summe war für Subsahara-Afrika bestimmt.

Brüssel will humanitäre Hilfe stärker mit längerfristiger Entwicklung verbinden. Dazu zählen widerstandsfähige Agrar- und Ernährungssysteme, bessere Zielgenauigkeit der Programme und eine genauere Messung der Ergebnisse. Die EU sieht Ernährungssicherheit, Wasserversorgung und Fragilität als eng miteinander verbunden.

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