Die Vereinten Nationen stellen die Reform des Sicherheitsrats wieder ins Zentrum der internationalen Sicherheitsdebatte. Am 26. Mai 2026 beriet der Rat in New York auf Ministerebene über die UN-Charta und die Zukunft des multilateralen Systems. UN-Generalsekretär António Guterres warnte vor einer gefährlichen Erosion des Völkerrechts und forderte eine ständige Vertretung Afrikas im Sicherheitsrat. Mehrere Staaten unterstützten die Forderung, während die Großmächte ihre Gegensätze über Krieg, Souveränität und internationale Ordnung offen austrugen.
Guterres warnt vor Bruchstellen der UN-Ordnung
Guterres beschrieb die UN-Charta als Grundlage für Frieden, Recht und internationale Zusammenarbeit. „Die Charta der Vereinten Nationen ist ein Überlebensleitfaden für die Menschheit“, sagte er vor dem Sicherheitsrat.
Der Generalsekretär nannte sieben akute Belastungen für die internationale Ordnung. Dazu gehören die Missachtung des Völkerrechts, wachsende geopolitische Spaltungen, mehr und intensivere Konflikte, eine beschleunigte Aufrüstung, Angriffe auf Menschenrechte, der Druck auf Entwicklung und die Klimakrise.
Die Welt stehe vor der höchsten Zahl an Konflikten seit Gründung der Vereinten Nationen, sagte Guterres. Gewalt nehme an Umfang und Komplexität zu, unter anderem im Nahen Osten, in Sudan, in der Ukraine und darüber hinaus. Zugleich würden Waffen wie Drohnen immer häufiger gegen Zivilisten und zivile Einrichtungen eingesetzt.
Afrikas fehlende Vertretung als Glaubwürdigkeitsproblem
Die Reform des Sicherheitsrats verband Guterres direkt mit der Glaubwürdigkeit der Vereinten Nationen. Globale Institutionen müssten die politischen Realitäten der Gegenwart widerspiegeln, nicht jene von 1945.
„Die Abwesenheit einer ständigen Vertretung Afrikas ist eine historische Ungerechtigkeit“, sagte Guterres. Sie untergrabe die Glaubwürdigkeit des Sicherheitsrats und schwäche seine Wirksamkeit.
Afrika steht regelmäßig auf der Tagesordnung des Sicherheitsrats. Viele UN-Friedensmissionen, Sanktionsdebatten und Konfliktlagen betreffen afrikanische Staaten. Zugleich verfügt der Kontinent über keinen ständigen Sitz und bleibt auch bei nichtständigen Sitzen begrenzt vertreten.
Deutschland unterstützt Reform mit Afrika-Komponente
Deutschland stellte sich in der Debatte hinter eine Reform, die Afrikas Rolle stärker abbildet. Gunther Krichbaum, Staatsminister für Europa, begrüßte die Reformbemühungen der afrikanischen Staatengruppe und verwies auf den Zukunftspakt der Vereinten Nationen.

Ziel sei eine Reform, die heutige geopolitische Realitäten widerspiegele, die historische Ungerechtigkeit gegenüber Afrika korrigiere und unterrepräsentierte Regionen im Sicherheitsrat besser vertrete, sagte Krichbaum. Dadurch könnten Legitimität und Handlungsfähigkeit des Rates gestärkt werden.
Auch das Vereinigte Königreich sprach sich für eine ständige Vertretung Afrikas aus. London unterstützt zudem ständige Sitze für Brasilien, Deutschland, Indien und Japan. Somalia forderte zwei ständige Sitze für Afrika und verwies auf den Anteil des Kontinents an der UN-Mitgliedschaft.
Afrikanische Staaten fordern Korrektur der Ordnung von 1945
Simbabwe verband die Reformfrage mit der Sicherheitslage auf dem Kontinent. Außenminister Amon Murwira sagte, Afrika trage eine unverhältnismäßig hohe Last von Konflikten und Unsicherheit, obwohl der Kontinent am wenigsten zu vielen strukturellen Ursachen globaler Instabilität beitrage.
Die Legitimität und Wirksamkeit des Sicherheitsrats verlangten eine umfassende Reform, die Afrikas Ausschluss von ständiger Mitgliedschaft beende und die Unterrepräsentation bei nichtständigen Sitzen korrigiere.
Simbabwe verwies auch auf die Zusammenarbeit zwischen Sicherheitsrat und Afrikanischer Union. Murwira forderte eine vollständige und ausgewogene Umsetzung der Resolution 2719 von 2023, die die Finanzierung afrikanisch geführter Friedenseinsätze durch die Vereinten Nationen betrifft.
Großmächte bleiben bei zentralen Fragen gespalten
Die Debatte zeigte die politischen Bruchlinien im Sicherheitsrat. China leitete die Sitzung und rief dazu auf, die UN-Charta zu stärken. Außenminister Wang Yi warnte vor einer Rückkehr des „Rechts des Dschungels“ und kritisierte einseitige militärische Aktionen, die am Sicherheitsrat vorbei erfolgen.

Die Vereinigten Staaten betonten dagegen Effizienz, Reformdruck und staatliche Souveränität. Michael George DeSombre, Staatssekretär im US-Außenministerium, sagte, Washington wolle die Vereinten Nationen stärker auf ihre Kernaufgabe konzentrieren: die Wahrung von Frieden und Sicherheit. Dabei gehe es nicht um eine Ablehnung des Multilateralismus, sondern um Ergebnisse statt Ineffizienz.
Russland wies westliche Kritik zurück und warf westlichen Staaten vor, eine von ihnen entworfene „regelbasierte Ordnung“ als universell auszugeben. Frankreich und Lettland kritisierten Moskau scharf wegen des Kriegs gegen die Ukraine und verwiesen auf Verstöße gegen die UN-Charta.
Kleinere Staaten verlangen Grenzen für Großmachtpolitik
Mehrere kleinere und mittlere Staaten betonten die Schutzfunktion der UN-Charta. Liberia erinnerte daran, dass das Land zu den vier ursprünglichen afrikanischen Unterzeichnern der Charta gehörte. Außenministerin Sara Beysolow Nyanti sagte, kein Staat, so mächtig er auch sei, habe das Recht, die Welt einseitig unsicher zu machen.
Kolumbien forderte mehr Transparenz im Sicherheitsrat. Die Mitgliedstaaten dürften das Gremium nicht umgehen, wenn nationale Interessen Vorrang hätten. Kirgisistan erklärte, der Sicherheitsrat sei kein geschlossener Club und kein Raum, der nur den Mächtigeren vorbehalten sei.
Die Debatte zeigte breite Unterstützung für die zentrale Rolle der Vereinten Nationen. Zugleich blieben die Gegensätze über Krieg, Machtpolitik, Souveränität und Reformen sichtbar. Afrikas Anspruch auf dauerhafte Vertretung wurde dabei zu einem der Punkte, an denen die Glaubwürdigkeit des Sicherheitsrats gemessen wird.

