Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan hat im Bundestag vor zusätzlichen Hungerfolgen durch den Krieg am Persischen Golf und die Schließung der Straße von Hormus gewarnt. Am 6. Mai 2026 stellte sie sich in Berlin der Befragung der Bundesregierung. Das Welternährungsprogramm rechne allein durch die Blockade mit bis zu 45 Millionen zusätzlichen Menschen, die von Hunger bedroht seien. Die Ministerin verteidigte zugleich stabile Mittel für Entwicklungspolitik und verwies auf internationale Kriseninstrumente, Düngemittelproduktion im Globalen Süden und deutsche Programme in Afrika.
Weltbank soll bis zu 100 Milliarden Dollar bereitstellen
Alabali Radovan sagte, steigende Energie- und Lebensmittelpreise träfen Deutschland, aber besonders die ärmsten Länder der Welt. Die Bundesregierung arbeite mit internationalen Partnern an Instrumenten, um akute Folgen der Krise abzufedern und langfristige Lösungen zu unterstützen.
Bei der Frühjahrstagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank im April habe sie sich für eine gemeinsame Krisenreaktion der Weltbank eingesetzt. Die Weltbank werde in den nächsten 15 Monaten bis zu 100 Milliarden US-Dollar bereitstellen, um besonders betroffene Länder zu unterstützen.

Beim Treffen der G7-Entwicklungsministerinnen und -minister sei vereinbart worden, die Düngemittelproduktion in Ländern des Globalen Südens zu stärken. Damit sollen Staaten unabhängiger von Importen werden. Alabali Radovan verwies auf aktuelle Engpässe und Preissteigerungen bei Dünger, die Ernten eines ganzen Jahres gefährden könnten.
Ministerin verweist auf Äthiopien und Kenia
Als Beispiele für vorbeugende Entwicklungszusammenarbeit nannte Alabali Radovan Äthiopien und Kenia. Äthiopien sei weniger stark von Düngemittelausfällen betroffen, weil Deutschland dort Kleinbauern bei der Produktion organischer Düngemittel unterstütze.
Kenia sei durch den Ausbau erneuerbarer Energien weniger stark von der aktuellen Krise betroffen. Rund 90 Prozent des Stroms in Kenia stammten aus erneuerbaren Energien, sagte die Ministerin. Deutschland unterstütze das Land in diesem Bereich im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit.
„Wir dürfen keinen historischen Bruch der Entwicklungszusammenarbeit riskieren“, sagte Alabali Radovan. Deutschland müsse in Krisen verlässlicher Partner für Staaten im Globalen Süden bleiben.
Grüne kritisieren Kürzungen im Entwicklungsetat

In der Befragung geriet die Ministerin wegen Kürzungen im Entwicklungshaushalt unter Druck. Die Grünen-Abgeordnete Schahina Gambir fragte, welche Folgen deutsche Kürzungen angesichts der Ernährungskrise haben könnten. Alabali Radovan verwies darauf, dass der Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bereits in der vorherigen Legislaturperiode gekürzt worden sei.
Die Ministerin sagte, sie wolle mit der Reform des BMZ verhindern, dass Kürzungen diejenigen träfen, die Unterstützung am dringendsten benötigten. Mit aufstrebenden Volkswirtschaften wie Indien, Südafrika und Brasilien solle künftig stärker über Kredite gearbeitet werden. Dadurch sollten andere Instrumente stärker für die am wenigsten entwickelten Länder eingesetzt werden.
Zugleich verwies Alabali Radovan auf ein Schulernährungsprogramm, das bis 2030 mehr als 100 Millionen Kinder weltweit mit Schulnahrung erreichen solle. Für Hilfen im Libanon, in der Westbank und in Gaza nannte sie ein Paket von 177 Millionen Euro.
Wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Afrika soll stärker werden
Mehrere Fragen aus der CDU/CSU betrafen die Reform des BMZ und die stärkere Einbindung der Privatwirtschaft. Alabali Radovan sagte, wirtschaftliche Zusammenarbeit habe in ihrem Ministerium Priorität. Im Oktober 2025 sei ein Aktionsplan für wirtschaftliche Zusammenarbeit auf den Weg gebracht worden.
Als Beispiel nannte sie Regierungsverhandlungen mit Ghana und Kenia. Vor den Regierungsverhandlungen mit Kenia im Juni solle ein deutsch-kenianischer Wirtschaftstag stattfinden. Die Ministerin kündigte außerdem an, Vergabeverfahren so zu gestalten, dass mehr deutsche und europäische Unternehmen zum Zuge kommen können.
Kritik an US-Kurs bei globaler Gesundheit
Die Linken-Abgeordnete Maren Kaminski sprach die US-Gesundheitshilfe in Afrika an und warf Washington vor, HIV-Hilfe an bevorzugten Rohstoffzugang zu koppeln. Alabali Radovan sagte, sie sehe das Vorgehen der USA kritisch. „Gesundheit darf man nicht transaktional sehen“, sagte die Ministerin.
Deutschland bleibe im Bereich globale Gesundheit engagiert. Als Beispiel nannte sie den deutschen Beitrag zum Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria. Dieser bleibe in den kommenden drei Jahren bei 1 Milliarde Euro.
Die Ministerin kritisierte auch die sogenannte Global Gag Rule der USA, die Fördermittel für Organisationen einschränkt, die zu Schwangerschaftsabbrüchen beraten oder entsprechende Leistungen anbieten. Deutschland gehe diese Linie nicht mit, sagte Alabali Radovan.
Tansania bleibt Thema in der Entwicklungszusammenarbeit
Der CDU/CSU-Abgeordnete Johannes Volkmann fragte nach Konsequenzen aus der Lage in Tansania. Er verwies auf Gewalt gegen Oppositionsanhänger nach den Parlamentswahlen im Oktober und auf die Inhaftierung des Oppositionspolitikers Tundu Lissu.
Alabali Radovan sagte, sie sehe zunehmende Einschränkungen der Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit in Tansania mit Sorge. Die Bundesregierung fordere gemeinsam mit EU-Partnern die Untersuchung von Entführungsfällen und die Freilassung politischer Gefangener. Im direkten Austausch mit der tansanischen Regierung werde die Einhaltung rechtsstaatlicher und demokratischer Standards regelmäßig angesprochen.
Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit Tansania werde zielgerichtet fortgeführt, sagte die Ministerin. Deutschland unterstütze dort Vorhaben zur Stärkung der Rechtsstaatlichkeit, darunter den Zugang zu Recht, die Rechenschaftspflicht im staatlichen Finanzwesen und die Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt.
GIZ gerät wegen SAP-Umstellung unter Druck
Auch die Probleme bei der SAP-Umstellung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit kamen in der Befragung zur Sprache. Der AfD-Abgeordnete Rocco Kever verwies auf Kosten von mehr als 100 Millionen Euro für die Einführung von SAP S/4HANA, davon mehr als 60 Millionen Euro für externe Berater, sowie auf Schwierigkeiten bei Zahlungen, Rechnungen und Projektabläufen.
Alabali Radovan sagte, dem BMZ seien die Probleme bekannt, ihr Haus stehe dazu in engem Austausch mit der GIZ. Die Einführung eines neuen IT-Systems liege in der unternehmerischen Verantwortung der GIZ, sagte die Ministerin auf eine Frage der Grünen-Abgeordneten Schahina Gambir. Die Organisation arbeite gemeinsam mit SAP daran, die Probleme zu lösen.

