Die Vereinten Nationen melden weltweit mehr als 9.700 bestätigte Fälle konfliktbedingter sexueller Gewalt und kritisieren, dass Frauen weiterhin weitgehend von Friedensverhandlungen ausgeschlossen bleiben. Die Zahlen wurden am Dienstag, dem 27. Oktober 2026, bei einer Debatte des UN-Sicherheitsrats in New York vorgestellt und beziehen sich auf das Jahr 2025. In 57 untersuchten Friedensprozessen stellten Frauen lediglich fünf Prozent der Verhandelnden. Besonders in afrikanischen Konfliktstaaten wie Sudan, der Demokratischen Republik Kongo und Somalia bleibt ihr Schutz und ihre politische Beteiligung eine Herausforderung.
Fast 80 Prozent der Friedensverhandlungen ohne Frauen
UN-Generalsekretär António Guterres warnte vor einer zunehmenden Gefährdung von Frauen und Mädchen in bewaffneten Konflikten. Die Welt erlebe die höchste Zahl gewaltsamer Konflikte seit dem Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig nehme die dokumentierte sexuelle Gewalt in Kriegsgebieten erheblich zu.
Im vergangenen Jahr verifizierten die Vereinten Nationen mehr als 9.700 Fälle konfliktbedingter sexueller Gewalt. Die Zahl umfasst dokumentierte Vorfälle und bildet nicht zwangsläufig das gesamte Ausmaß der Übergriffe ab.
Während Frauen besonders häufig von den Folgen bewaffneter Konflikte betroffen sind, bleiben sie bei den Verhandlungen über deren Beendigung weitgehend ausgeschlossen.
Sima Sami Bahous, Exekutivdirektorin von UN Women, erklärte vor dem Sicherheitsrat, dass 2025 nahezu 80 Prozent der aktiven Friedensverhandlungen ohne eine einzige Frau am Verhandlungstisch stattgefunden hätten.
„Dieser Ausschluss ist kein Zufall“, sagte Bahous. Er sei Ausdruck institutioneller Hindernisse, ungleicher Machtverhältnisse und tief verwurzelter gesellschaftlicher Normen, die Frauen daran hinderten, Friedensprozesse mitzugestalten.
Auch die Inhalte internationaler Vereinbarungen zeigen nach Einschätzung der UN erhebliche Defizite. Keines der 13 im Jahr 2025 geschlossenen Waffenstillstandsabkommen enthielt substanzielle Bestimmungen über Frauen und Mädchen. Ebenso wenig untersagte eines dieser Abkommen ausdrücklich sexuelle Gewalt.
Guterres forderte deshalb, dass Frauen künftig mindestens ein Drittel der Teilnehmer an UN-geführten Friedensprozessen stellen sollen.
Sudan, Kongo und Südsudan im Fokus der Vereinten Nationen
Die anhaltenden Konflikte in Afrika gehörten zu den zentralen Themen der Debatte. Insbesondere die Demokratische Republik Kongo, Sudan und Südsudan wurden als Staaten genannt, in denen Frauen und Mädchen unter sexueller Gewalt leiden.
Die US-Vertreterin Tammy Bruce verurteilte das Ausmaß sexueller Gewalt in diesen Ländern und forderte besseren Schutz für Betroffene. Humanitäre Hilfe müsse insbesondere Überlebende sexualisierter Übergriffe erreichen.
In der Demokratischen Republik Kongo wird sexuelle Gewalt seit Jahrzehnten im Zusammenhang mit bewaffneten Auseinandersetzungen dokumentiert. Vor allem im Osten des Landes kämpfen staatliche Streitkräfte und verschiedene bewaffnete Gruppen um Territorien, politische Kontrolle und Ressourcen.
Im Sudan dauert der Krieg zwischen den sudanesischen Streitkräften und den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) an. Frauen und Mädchen sind dort neben Vertreibung und dem Zusammenbruch grundlegender Versorgungsstrukturen auch geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt.
Im Südsudan erschweren wiederkehrende bewaffnete Auseinandersetzungen und politische Instabilität ebenfalls den Schutz der Zivilbevölkerung.
Die Vertreterin der Demokratischen Republik Kongo forderte den Sicherheitsrat auf, die Auswirkungen bewaffneter Konflikte auf Frauen systematisch in den Mandaten von UN-Missionen zu berücksichtigen.
Außerdem sprach sie sich für eine stärkere Überwachung entsprechender Verpflichtungen der Mitgliedstaaten aus. Netzwerke von Friedensvermittlerinnen sollten durch Ausbildung, Mentorenprogramme und internationale Unterstützung ausgebaut werden.
Nigeria fordert besseren Schutz für Opfer terroristischer Gewalt
Nigeria richtete den Blick auf die Situation von Frauen und Mädchen, die von bewaffneten und terroristischen Gruppen verschleppt oder misshandelt wurden.
Der nigerianische Vertreter erklärte, Frauen müssten bei Friedensverhandlungen nicht nur anwesend sein, sondern tatsächlich Einfluss auf die Ergebnisse erhalten.
„Frauen müssen einen Platz am Verhandlungstisch und eine maßgebliche Stimme bei der Gestaltung der Ergebnisse haben“, forderte er.
Gleichzeitig müssten nationale Justizsysteme die Verantwortlichen für konfliktbedingte sexuelle Gewalt strafrechtlich verfolgen. Dafür sei gegebenenfalls internationale Unterstützung erforderlich.
Besonders hob Nigeria die Bedürfnisse von Frauen und Mädchen hervor, die sich nach einer Gefangenschaft bei terroristischen Organisationen wieder in ihre Gemeinschaften eingliedern müssen.
„Überlebende, darunter Frauen und Mädchen, die zuvor von terroristischen Gruppen gefangen gehalten wurden, müssen Zugang zu medizinischer Versorgung, psychosozialer Unterstützung und wirtschaftlichen Möglichkeiten erhalten, um ihr Leben wiederaufzubauen“, erklärte der Vertreter.
Nigeria kämpft insbesondere im Nordosten des Landes seit Jahren gegen die islamistischen Organisationen Boko Haram und den Islamischen Staat in Westafrika (ISWAP). In dem Konflikt wurden zahlreiche Frauen und Mädchen entführt, misshandelt und zur Flucht gezwungen.
Liberia und Somalia verlangen stärkere Beteiligung an Friedensprozessen
Liberia verwies auf die Erfahrungen aus seiner eigenen Bürgerkriegsgeschichte. Frauenorganisationen hatten in dem westafrikanischen Staat eine wichtige Rolle bei den Friedensbemühungen gespielt, die 2003 zur Beendigung des zweiten Bürgerkriegs beitrugen.
Der liberianische UN-Vertreter Lewis Garseedah Brown II stellte die Frage, weshalb Frauen zwar zur Beendigung eines Krieges beitragen könnten, anschließend jedoch Schwierigkeiten hätten, Einfluss auf die politische Friedensordnung zu gewinnen.
Liberia schlug vor, Friedensvereinbarungen stärker daran zu messen, ob Frauen Einfluss auf die ausgehandelten Regelungen haben, deren Umsetzung kontrollieren können und dauerhaft Unterstützung erhalten.
Somalias UN-Botschafter Abukar Dahir Osman forderte unterdessen, die Vorbeugung bewaffneter Konflikte stärker mit der Beteiligung von Frauen zu verknüpfen.
„Konfliktprävention muss im Zentrum der Agenda für Frauen, Frieden und Sicherheit stehen“, erklärte er.
Dazu müssten auch politische Ausgrenzung, Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen als Ursachen anhaltender Konflikte berücksichtigt werden.
Osman verlangte, Frauen unmittelbar in Verhandlungsdelegationen aufzunehmen und sie auch als leitende Vermittlerinnen einzusetzen.
Somalia befindet sich weiterhin im Kampf gegen die islamistische Al-Shabaab-Miliz. Zugleich bestehen politische Spannungen zwischen der Bundesregierung, einzelnen Bundesstaaten und oppositionellen Kräften über die föderale Ordnung und künftige Wahlen.
UN fordern mindestens ein Drittel Frauen bei Friedensverhandlungen
Die Debatte fand 26 Jahre nach der Verabschiedung der Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrats statt. Mit dem Beschluss aus dem Jahr 2000 verpflichteten sich die Vereinten Nationen erstmals ausdrücklich, Frauen stärker an Friedensprozessen und sicherheitspolitischen Entscheidungen zu beteiligen.
Die Resolution verbindet den Schutz von Frauen und Mädchen in bewaffneten Konflikten mit ihrer Beteiligung an politischen Entscheidungen, der Konfliktprävention und dem Wiederaufbau nach Kriegen.
Inzwischen haben mehr als 110 Staaten nationale Aktionspläne zur Umsetzung der Agenda „Frauen, Frieden und Sicherheit“ verabschiedet.
Die anhaltend geringe Beteiligung von Frauen an Verhandlungen zeigt jedoch, dass die politischen Zusagen bislang nur teilweise umgesetzt wurden.
UN-Generalsekretär Guterres verlangte deshalb neben einer Mindestbeteiligung von einem Drittel an Friedensprozessen auch Geschlechterparität bei Führungspositionen innerhalb der Vereinten Nationen. Zudem soll die Zahl der Frauen in UN-Friedensmissionen verdoppelt werden.
UN Women forderte darüber hinaus, mindestens 15 Prozent der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit in konfliktbetroffenen Ländern gezielt zur Förderung der Geschlechtergleichstellung einzusetzen.

Die Organisation drängt außerdem auf eine stärkere finanzielle Unterstützung von Frauenorganisationen und Friedensinitiativen sowie wirksamere Sanktionen gegen Verantwortliche sexueller Gewalt.
Die Forderungen fallen in eine Phase steigender weltweiter Militärausgaben und rückläufiger internationaler Entwicklungshilfe. Nach Einschätzung der Vereinten Nationen fehlen insbesondere Frauenorganisationen in Konfliktgebieten verlässliche finanzielle Mittel.
Der für UN-Friedensmissionen zuständige Untergeneralsekretär Jean-Pierre Lacroix bezeichnete die Beteiligung von Frauen an sicherheitspolitischen Entscheidungen als praktische Voraussetzung erfolgreicher Friedensarbeit.
„Wenn Frauen mitwirken, Führungsverantwortung übernehmen und Entscheidungen gestalten, ist Friedenssicherung wirksamer und Frieden dauerhafter“, erklärte Lacroix.

