Die Türkei bietet Ägypten ein neues Abkommen über Seegrenzen im östlichen Mittelmeer an und stellt Kairo nach eigenen Berechnungen mehr als 15.000 Quadratkilometer zusätzliche maritime Nutzungsrechte in Aussicht. Das türkische Verteidigungsministerium bekräftigte das Angebot am Mittwoch, dem 28. Oktober 2026. Ägypten hat allerdings bereits ein Abkommen mit Griechenland geschlossen und lehnt die türkischen Ansprüche vor der libyschen Küste weiterhin ab. Der Konflikt betrifft mögliche Erdgasvorkommen, wirtschaftliche Nutzungsrechte und den wachsenden politischen Einfluss Ankaras in Libyen.
Ankara stellt Ägypten größere maritime Wirtschaftszone in Aussicht
Das türkische Verteidigungsministerium erklärte bei seiner wöchentlichen Presseunterrichtung, Ankara sei bereit, mit Ägypten eine Vereinbarung zur Abgrenzung der maritimen Zuständigkeitsbereiche im Mittelmeer zu unterzeichnen.
Nach türkischer Darstellung könnte Ägypten dadurch mehr als 15.000 Quadratkilometer zusätzliche Seegebiete erhalten, verglichen mit einer möglichen Vereinbarung mit Griechenland.
„Wir bekräftigen erneut, dass wir bereit sind, mit Ägypten ein Abkommen über die Abgrenzung der maritimen Zuständigkeitsgebiete auf Grundlage gegenseitiger Interessen zu unterzeichnen“, erklärte das Ministerium.
Die genannte Fläche entspricht ungefähr der Größe Schleswig-Holsteins. Sie betrifft allerdings keine Übertragung von Staatsgebiet, sondern die wirtschaftlichen Nutzungsrechte an Meeresgebieten, insbesondere am Meeresboden und seinen möglichen Rohstoffvorkommen.
Die Berechnung stammt ausschließlich von türkischer Seite. Eine gemeinsame Festlegung entsprechender Seegrenzen mit Ägypten liegt nicht vor. Auch hat Kairo bislang keine Bereitschaft erklärt, seine bestehende Vereinbarung mit Griechenland zugunsten eines türkischen Angebots zu ändern.
Ankara hatte bereits zuvor für eine solche Grenzziehung geworben. Verteidigungsminister Yaşar Güler brachte die mögliche zusätzliche Fläche am 24. Oktober öffentlich ins Gespräch.
Ägypten und Griechenland haben bereits ein Abkommen geschlossen
Das türkische Angebot berührt einen seit Jahren andauernden Streit über die Aufteilung der ausschließlichen Wirtschaftszonen im östlichen Mittelmeer.
Ägypten und Griechenland unterzeichneten im August 2020 eine Vereinbarung, mit der sie Teile ihrer maritimen Zuständigkeitsbereiche festlegten. Die Abgrenzung ist allerdings nicht vollständig und lässt weitere Seegebiete offen.

Die Türkei erkennt diese Vereinbarung nicht an. Ankara vertritt die Auffassung, dass bestimmte griechische Inseln bei der Festlegung maritimer Wirtschaftszonen nicht dieselbe Wirkung entfalten dürfen, die Griechenland für sie beansprucht.
Im Kern geht es darum, wie die Küstenlinien des türkischen Festlands und die griechischen Inseln, insbesondere Kreta und die Inseln des Dodekanes, bei der Abgrenzung berücksichtigt werden.
Das UN-Seerechtsübereinkommen von 1982 erkennt grundsätzlich auch Inseln maritime Rechte zu. Bei sich überschneidenden Ansprüchen müssen die betroffenen Staaten jedoch eine gerechte Abgrenzung vereinbaren. Die Türkei ist dem Übereinkommen nicht beigetreten, während Griechenland und Ägypten Vertragsparteien sind.
Die unterschiedlichen Rechtsauffassungen haben bislang eine umfassende Einigung verhindert.
Griechenland und Ägypten wollen ihre bestehende Vereinbarung inzwischen ausweiten. Außenminister Giorgos Gerapetritis und sein ägyptischer Amtskollege Badr Abdelatty vereinbarten am 22. Oktober, Gespräche über eine weitere Abgrenzung in Richtung Zypern fortzusetzen.
Damit verfolgen Kairo und Athen einen diplomatischen Ansatz, der den türkischen Vorstellungen in wesentlichen Punkten widerspricht.
Libysches Parlament stärkt türkische Position im Mittelmeer
Das im Osten Libyens ansässige Repräsentantenhaus billigte ein bereits 2019 zwischen der Türkei und der damaligen Regierung in Tripolis geschlossenes Abkommen über maritime Zuständigkeitsbereiche.
Das Abkommen sieht eine Seegrenze zwischen der Türkei und Libyen vor, obwohl Griechenland geltend macht, dass die dazwischenliegenden griechischen Inseln bei einer solchen Grenzziehung berücksichtigt werden müssen.
Die Vereinbarung war bislang politisch besonders umstritten, weil sie 2019 von der international anerkannten Regierung in Tripolis geschlossen worden war, während die rivalisierenden Behörden im Osten Libyens sie ablehnten.
Mit der Zustimmung des östlichen Parlaments hat sich diese Ausgangslage verändert. Die Entscheidung wurde auch von Vertretern der Regierung in Tripolis und aus dem Umfeld des ostlibyschen Militärkommandeurs Khalifa Haftar begrüßt.
Der türkische Außenminister Hakan Fidan bezeichnete das Abkommen als politisch und rechtlich legitim. Präsident Recep Tayyip Erdoğan verteidigte die Entscheidung des libyschen Parlaments ebenfalls und wies die Kritik anderer Staaten zurück.
Die türkische Regierung betrachtet das Abkommen als Ausdruck gemeinsamer Interessen mit Libyen und als Grundlage für ihre Ansprüche im östlichen Mittelmeer.
Die Zustimmung des libyschen Parlaments bedeutet allerdings nicht, dass die umstrittene Grenzziehung von anderen Anrainerstaaten anerkannt wird.
Kairo lehnt türkisch-libysches Abkommen ausdrücklich ab
Ägypten reagierte auf die parlamentarische Entscheidung in Libyen mit einer deutlichen Zurückweisung.
Außenminister Badr Abdelatty erklärte bei einem Treffen mit seinem türkischen Amtskollegen Hakan Fidan am 23. Oktober in Istanbul, Kairo erkenne das türkisch-libysche Abkommen nicht an.
Das ägyptische Außenministerium bezeichnete die Vereinbarung als rechtlich unwirksam und erklärte, sie verletze die souveränen Rechte Ägyptens an seiner ausschließlichen Wirtschaftszone und am Festlandsockel.
Ministeriumssprecher Nader Zaki stellte einen Tag später klar, dass die Zustimmung des libyschen Parlaments nach ägyptischer Auffassung keine rechtlichen Folgen für sein Land habe.
Zugleich betonte Abdelatty die Unterstützung seines Landes für die territoriale Einheit und politische Stabilität Libyens.
Fidan erklärte seinerseits, er verstehe die ägyptischen Bedenken. Beide Außenminister vereinbarten, ihre Konsultationen über Libyen und regionale Sicherheitsfragen fortzusetzen.
Die türkisch-ägyptischen Beziehungen haben sich in den vergangenen Jahren nach einer längeren Phase diplomatischer Spannungen wieder verbessert. Präsident Erdoğan und Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi bemühen sich um eine engere politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit.
Die unterschiedlichen Positionen zu den Seegrenzen bleiben jedoch bestehen.
Europäische Union und weitere Staaten stellen sich gegen Ankara
Auch Griechenland, Zypern und die Europäische Union lehnen die türkisch-libysche Grenzziehung ab.
Am 26. Oktober veröffentlichten Griechenland, Ägypten, Zypern, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und die Europäische Union eine gemeinsame Erklärung bei den Vereinten Nationen.
Darin bezeichneten sie das Abkommen als rechtlich unwirksam und warnten vor Auswirkungen auf die regionale Sicherheit sowie die internationale Rechtsordnung.
Die beteiligten Staaten argumentieren, dass die Vereinbarung die geografischen Gegebenheiten und die Rechte anderer Küstenstaaten missachte. Ihre Anerkennung könnte nach ihrer Auffassung einen problematischen Präzedenzfall schaffen.
Griechenland hatte bereits zuvor in einem Schreiben an UN-Generalsekretär António Guterres gegen die Entscheidung des libyschen Parlaments protestiert.
Die Vereinigten Staaten verfolgen einen zurückhaltenderen diplomatischen Ansatz. Das US-Außenministerium bezeichnete die erneuten Spannungen als kontraproduktiv und rief die beteiligten Staaten dazu auf, ihre Streitigkeiten durch Verhandlungen zu lösen.
Washington muss dabei auch die Beziehungen zwischen den NATO-Partnern Türkei und Griechenland berücksichtigen. Zugleich verfügen amerikanische Unternehmen über Interessen an der Erkundung möglicher Energiequellen im östlichen Mittelmeer.
Türkei baut Beziehungen zu beiden Machtzentren Libyens aus
Der Streit über maritime Grenzen fällt mit einer Veränderung der türkischen Libyenpolitik zusammen.
Während Ankara früher vor allem die Regierung in Tripolis militärisch und politisch unterstützte, hat die Türkei ihre Kontakte zur rivalisierenden Führung im Osten Libyens erheblich ausgebaut.
Zu den neuen Gesprächspartnern gehört Saddam Haftar, der Sohn des ostlibyschen Militärkommandeurs Khalifa Haftar. Er gilt als ein wichtiger Akteur bei den Bemühungen, die politischen und militärischen Machtstrukturen Libyens neu zu ordnen.
Türkische Regierungsvertreter bestätigten am 28. Oktober, dass in Ankara Gespräche zwischen Vertretern der östlichen und westlichen libyschen Lager stattgefunden haben. Dabei ging es zunächst vor allem um eine mögliche Zusammenführung der bislang getrennten militärischen Strukturen.
Eine Einigung wurde noch nicht erzielt.
Ankara übernimmt damit eine Vermittlerrolle zwischen politischen Kräften, die sich über Jahre militärisch gegenüberstanden.
Auch die Vereinigten Staaten bemühen sich unter Präsident Donald Trump um eine politische Verständigung zwischen den rivalisierenden libyschen Machtzentren. Der amerikanische Berater Massad Boulos arbeitet an einem Prozess zur institutionellen und politischen Wiedervereinigung des Landes.
Die türkische Annäherung an die ostlibyschen Behörden verändert zugleich die diplomatische Ausgangslage für Ägypten. Kairo unterhält seit Jahren enge Beziehungen zum Lager Khalifa Haftars und unterstützte dessen politische und sicherheitspolitische Positionen.
Durch die Zustimmung des ostlibyschen Parlaments zum maritimen Abkommen mit Ankara vertreten nun auch langjährige ägyptische Partner eine Position, die Kairo ausdrücklich ablehnt.
Im östlichen Mittelmeer überschneiden sich damit die Bemühungen um eine politische Einigung in Libyen mit den konkurrierenden Interessen an Seegrenzen und möglichen Energievorkommen.

