Mit Gerhard Schröder in China: Peking wirbt für eine neue Weltordnung und sucht Verbündete in Afrika

Gerhard Schröder sitzt beim chinesischen Global Governance Forum in der ersten Reihe. Während Peking eine eigene Vorstellung des Multilateralismus vorantreibt, sollen afrikanische Staaten mehr Einfluss auf die Weltordnung erhalten – und zugleich politische Partner Chinas werden.

China hat auf einem internationalen Forum zur Reform der Weltordnung seine eigene Vorstellung von Multilateralismus vorgestellt und dabei gezielt um Unterstützung aus Afrika und dem Globalen Süden geworben. Das Global Governance Forum wurde am Freitag, dem 23. Oktober 2026, in der chinesischen Modellstadt Xiong’an eröffnet. Unter den Gästen befand sich auch Altbundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der gemeinsam mit Außenminister Wang Yi zur Eröffnungsfeier erschien. Peking fordert eine stärkere Beteiligung von Entwicklungsländern an internationalen Entscheidungen und will zugleich eigene politische Grundsätze in der Reform der Vereinten Nationen, der internationalen Finanzordnung und globaler Menschenrechtsstandards verankern.

Schröder nahm in der ersten Reihe Platz, hielt jedoch keine Rede. Bereits am 18. Oktober hatte er den Vorsitzenden des Chinesischen Volksinstituts für Auswärtige Angelegenheiten, Wu Ken, getroffen. Nach Angaben des Instituts sprachen beide über die deutsch-chinesischen Beziehungen sowie internationale und regionale Konflikte.

Der ehemalige Bundeskanzler hält sich damit bereits seit mehreren Tagen in China auf. Anfang Oktober hatte er zudem Russlands Präsidenten Wladimir Putin in Moskau besucht. Dieser Besuch hatte innerhalb der SPD erneut Kritik an seinen Beziehungen zur russischen Führung ausgelöst.

China stellt eigene Grundsätze für den Multilateralismus vor

Bei der Eröffnung des Forums übermittelte Außenminister Wang Yi eine Botschaft von Staatspräsident Xi Jinping und erläuterte die chinesische Global Governance Initiative. Mit ihr will Peking die politischen Grundlagen internationaler Zusammenarbeit stärker nach eigenen Vorstellungen gestalten.

Xi hatte die Initiative im September 2025 auf einem Gipfeltreffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Tianjin vorgestellt. Sie beruht auf fünf Grundsätzen: souveräne Gleichheit der Staaten, Achtung des internationalen Rechts, Multilateralismus, Orientierung am Menschen und praktische Ergebnisse.

Peking verbindet diese Prinzipien mit der Forderung, internationale Entscheidungen stärker auf zwischenstaatliche Konsultationen, gemeinsame Verantwortung und gegenseitigen Nutzen auszurichten. China beansprucht dabei, insbesondere die Interessen von Entwicklungs- und Schwellenländern stärker zur Geltung zu bringen.

Wang Yi stellte zwei aus chinesischer Sicht gegensätzliche Vorstellungen internationaler Ordnung gegenüber. Die eine beruhe auf Machtpolitik, Eigeninteressen, monopolisierten Entscheidungsbefugnissen und doppelten Standards. Die andere orientiere sich an Multilateralismus, staatlicher Gleichberechtigung, gegenseitigem Respekt und internationalem Recht.

China ordnet seine Global Governance Initiative ausdrücklich der zweiten Vorstellung zu.

Der chinesische Ansatz knüpft damit an bestehende Grundsätze der UN-Charta an, verbindet sie jedoch mit eigenen politischen Prioritäten. Dazu gehören ein stärkerer Schutz staatlicher Souveränität, eine größere Rolle des Globalen Südens und die Betonung wirtschaftlicher Entwicklung als Bestandteil internationaler Menschenrechtspolitik.

Peking kündigt Reforminitiativen für UN, Menschenrechte und künstliche Intelligenz an

Wang Yi stellte auf dem Forum mehrere konkrete Maßnahmen vor, mit denen China seine Vorstellungen international institutionell voranbringen will.

Auch in der internationalen Finanzordnung sieht die chinesische Regierung Reformbedarf. Die Beteiligungs- und Entscheidungsrechte des Globalen Südens müssten erweitert und bestehende Ungleichgewichte abgebaut werden.

Für die Menschenrechtspolitik kündigte Wang Yi eine stärkere Gewichtung des Rechts auf Entwicklung an. China will dazu ein internationales Fortbildungsprogramm zu wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechten organisieren.

Weitere Initiativen betreffen die Regulierung künstlicher Intelligenz, die internationale Zusammenarbeit bei Weltraumaktivitäten und den Schutz der biologischen Vielfalt auf hoher See.

Darüber hinaus kündigte Peking ein neues Global Governance Research Center an. Die Einrichtung soll einen eigenen Index für globale Regierungsführung entwickeln, Jahresberichte veröffentlichen und Forschungsarbeiten zu Reformen internationaler Institutionen koordinieren.

China will außerdem die sogenannte Gruppe der Freunde der Global Governance stärken. Nach Angaben Wang Yis haben sich ihr inzwischen mehr als 60 Staaten angeschlossen. Die chinesische Regierung spricht zudem von über 160 Ländern und internationalen Organisationen, die ihre Initiative unterstützen. Eine unabhängige Aufschlüsselung der unterschiedlichen Unterstützungsformen wurde auf dem Forum nicht vorgelegt.

Afrika soll in der Reform des UN-Sicherheitsrats mehr Gewicht erhalten

Wang Yi stellte die Beteiligung afrikanischer Staaten ausdrücklich in den Zusammenhang einer neuen internationalen Machtverteilung.

Die Reform des UN-Sicherheitsrats müsse die Repräsentation von Entwicklungsländern erhöhen. China wolle dabei afrikanische Forderungen besonders berücksichtigen und unterstützt nach Darstellung des Außenministers spezielle Regelungen zur stärkeren Vertretung des Kontinents.

Afrikanische Staaten verlangen seit Langem eine umfassende Reform des Sicherheitsrats. Die Afrikanische Union fordert unter anderem mindestens zwei ständige Sitze mit Vetorechten sowie zusätzliche nichtständige Sitze.

Peking unterstützt das Anliegen einer stärkeren afrikanischen Repräsentation, legte auf dem Forum jedoch keinen konkreten Vorschlag zur Sitzverteilung oder zur Ausgestaltung möglicher Vetorechte vor.

Die chinesische Regierung betrachtet die zunehmende politische und wirtschaftliche Bedeutung des Globalen Südens als grundlegende Veränderung der internationalen Ordnung. Neben den Vereinten Nationen sollen nach ihrer Vorstellung auch Zusammenschlüsse wie BRICS und die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit eine größere Rolle bei internationalen Entscheidungen übernehmen.

Wang Yi bezeichnete den Aufstieg des Globalen Südens als die bedeutendste Veränderung der internationalen Kräfteverhältnisse seit dem Zweiten Weltkrieg. China wolle diese Entwicklung nutzen, um internationale Entscheidungsstrukturen zu verändern.

In Guinea wirbt China bereits für seine Vorstellung der Weltordnung

Wie Peking afrikanische Staaten für seine Global Governance Initiative gewinnen will, zeigt ein Gastbeitrag des chinesischen Botschafters in Guinea, Sun Yong.

Der Diplomat veröffentlichte Ende September in mehreren guineischen Medien einen ausführlichen Beitrag über die chinesische Initiative. Darin stellte er die Position Pekings als Angebot an afrikanische und andere Entwicklungsländer dar, ihre politische Mitsprache im internationalen System zu stärken.

Sun Yong bezeichnete China und Guinea als Partner innerhalb des Globalen Südens, die gemeinsam für die Reform der internationalen Ordnung eintreten könnten. Dabei warb er ausdrücklich für eine engere politische Abstimmung zwischen Peking, Conakry und anderen Entwicklungsländern.

Nach chinesischer Darstellung sollen die Staaten des Globalen Südens nicht nur stärker an bestehenden internationalen Institutionen beteiligt werden, sondern gemeinsam Einfluss auf deren künftige Regeln nehmen.

Der Botschafter stellte die Global Governance Initiative dabei in eine Reihe mit drei weiteren chinesischen Initiativen für Entwicklung, Sicherheit und internationale Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften.

Diese Programme bilden inzwischen einen wesentlichen Bestandteil der chinesischen Außenpolitik. Sie verbinden wirtschaftliche Kooperation und Sicherheitsfragen mit dem Anspruch, die Grundsätze internationaler Zusammenarbeit mitzugestalten.

Die politische Ansprache afrikanischer Staaten beschränkt sich somit nicht auf Gipfeltreffen zwischen Regierungen. China verbreitet seine Positionen auch durch diplomatische Beiträge in nationalen Medien und über seine Botschaften.

Wirtschaftsbeziehungen werden mit politischen Interessen verknüpft

Neben der institutionellen Reform stellte Wang Yi die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Afrika heraus. China gewähre inzwischen afrikanischen Staaten, mit denen es diplomatische Beziehungen unterhält, umfassenden zollfreien Zugang zum chinesischen Markt.

Der Außenminister führte diese Maßnahmen als Beispiel für Chinas Beitrag zu einer offeneren internationalen Wirtschaftsordnung an. Nach Darstellung Pekings sollen insbesondere Entwicklungsländer bessere Möglichkeiten erhalten, am Welthandel teilzunehmen.

Die wirtschaftspolitischen Zusagen ergänzen Chinas bereits umfangreiche Handels- und Investitionsbeziehungen zu afrikanischen Staaten. Diese umfassen Infrastruktur, Rohstoffe, Industrie, Energieversorgung und digitale Technologien.

Die Global Governance Initiative erweitert diese Beziehungen um eine ausdrücklich politische Ebene. Peking wirbt bei afrikanischen Partnern nicht nur für wirtschaftliche Kooperation, sondern auch für gemeinsame Positionen zur Reform internationaler Institutionen.

Dabei überschneiden sich chinesische Forderungen mit seit Langem bestehenden afrikanischen Anliegen. Dazu gehören die stärkere Vertretung des Kontinents im UN-Sicherheitsrat und Veränderungen an internationalen Finanzinstitutionen.

Die chinesische Initiative geht jedoch darüber hinaus, indem sie diese Reformforderungen mit Pekings eigener Vorstellung staatlicher Souveränität, internationaler Sicherheit und Menschenrechtspolitik verknüpft.

China will seine Vorschläge in internationalen Organisationen verankern

Die chinesische Regierung verfolgt ihren Ansatz innerhalb bestehender internationaler Institutionen. Wang Yi betonte ausdrücklich, dass die Vereinten Nationen weiterhin die zentrale Organisation der globalen Zusammenarbeit bleiben sollen.

Zugleich will China den politischen Einfluss neuer Staatengruppen ausbauen. Die Gruppe der Freunde der Global Governance soll künftig zusätzliche Veranstaltungen organisieren und die von Peking formulierten Reformprioritäten vorantreiben.

Auch das neue Forschungszentrum und der angekündigte Global Governance Index gehören zu diesem Vorhaben. Damit soll neben diplomatischen Initiativen eine wissenschaftliche Infrastruktur entstehen, die sich mit internationalen Entscheidungsprozessen und deren Bewertung beschäftigt.

Das Forum in Xiong’an dauert vom 23. bis 25. Oktober. Rund 400 Gäste aus mehr als 90 Ländern nehmen nach Angaben der Veranstalter teil. Neben Vertretern aus Politik und Diplomatie sind Wissenschaftler, Wirtschaftsvertreter, Medienfachleute und junge Führungspersönlichkeiten eingeladen.

Auf dem Programm stehen 22 Gesprächsrunden in fünf Themenbereichen sowie weitere Veranstaltungen. Diskutiert werden unter anderem die Zukunft der Vereinten Nationen, internationale Handelsregeln, Klimapolitik und künstliche Intelligenz.

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