Marokkos designierte Regierungschefin Fatima Ezzahra El Mansouri hat mit drei weiteren Parteien eine Koalition vereinbart und verfügt damit über eine Mehrheit im Parlament. Die Einigung wurde am Montag, dem 12. Oktober 2026, in Rabat offiziell bekannt gegeben. Das Bündnis aus der Partei für Authentizität und Modernität (PAM), der Istiqlal-Partei, der Sozialistischen Union der Volkskräfte (USFP) und der Partei für Fortschritt und Sozialismus (PPS) verfügt über 207 der 395 Sitze im Repräsentantenhaus. Damit liegt die Koalition neun Mandate über der absoluten Mehrheit und ebnet den Weg für Marokkos erste Regierungschefin.
Sozialisten kehren in die Regierung zurück
Mit der Einigung endet die knapp zweiwöchige Suche nach einer parlamentarischen Mehrheit. El Mansouri hatte nach dem Wahlsieg ihrer PAM bei den Parlamentswahlen vom 23. September von König Mohammed VI. den Auftrag zur Regierungsbildung erhalten.
Die neue Koalition vereint unterschiedliche politische Traditionen. Während die PAM als modernisierungsorientierte Partei gilt, steht die nationalkonservative Istiqlal für die historische Unabhängigkeitsbewegung. Die USFP vertritt sozialdemokratische Positionen, der PPS hat seine Wurzeln in der marokkanischen kommunistischen Bewegung.
Mit Istiqlal, USFP und PPS schließen sich drei Parteien zusammen, die bereits in der historischen Reformallianz Koutla zusammengearbeitet hatten. Die USFP und der PPS kehren nach fünf Jahren in der Opposition in die Regierungsverantwortung zurück. Die Istiqlal gehörte bereits der bisherigen Regierungskoalition an.
Der bisher regierende Nationale Zusammenschluss der Unabhängigen (RNI) wechselt dagegen in die Opposition. Die Konstitutionelle Union (UC) und die Demokratische und Soziale Bewegung (MDS) haben angekündigt, die künftige Regierung kritisch zu unterstützen, ohne selbst Ministerposten zu übernehmen.
Vier Parteien verständigen sich auf gemeinsame Reformpolitik
In ihrer gemeinsamen Erklärung begründen die Koalitionspartner die Einigung mit politischer und ideologischer Nähe sowie einer gemeinsamen Reformagenda.
Das Bündnis strebt nach eigenen Angaben eine „starke und geschlossene politische Regierung“ an, die den innenpolitischen Herausforderungen und internationalen Rahmenbedingungen gerecht werden soll.
Als zentrale Ziele nennen die Parteien die Verbesserung der Lebensbedingungen, soziale Gerechtigkeit, den Abbau regionaler Ungleichheiten, den Schutz von Rechten und Freiheiten sowie die Stärkung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit.

Die Regierung soll sich zudem an dem vom König vorgegebenen Ziel einer gleichmäßigeren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung orientieren. Im Mittelpunkt stehen dabei bessere Regierungsführung, wirtschaftliche Modernisierung und die Verringerung regionaler Entwicklungsunterschiede.
PPS entscheidet sich nach internen Beratungen für Regierungsbeteiligung
Die Beteiligung des PPS war bis zuletzt Gegenstand parteiinterner Beratungen. Am Montag stimmte das Politbüro der Partei dem Eintritt in die Regierung zu.
Die Entscheidung fiel nach Gesprächen mit El Mansouri über die Grundzüge des Regierungsprogramms und die politische Zusammensetzung der Koalition. Der PPS begründete seine Zustimmung mit einer weitgehenden Übereinstimmung bei den Reformvorhaben und einem Vertrauensverhältnis zwischen den Verhandlungspartnern.
Die Partei betrachtet ihre Regierungsbeteiligung als Möglichkeit, auf Sozialpolitik, demokratische Reformen, öffentliche Verwaltung und wirtschaftliche Entwicklung Einfluss zu nehmen.
Ministerposten und Regierungsprogramm noch offen
Nach der Einigung über die parlamentarische Mehrheit beginnen die Verhandlungen über die konkrete Zusammensetzung des Kabinetts. Die vier Koalitionsparteien sollen Kandidatinnen und Kandidaten für Ministerämter vorschlagen.
In ihrer gemeinsamen Erklärung verpflichten sie sich, bei der Auswahl auf fachliche Kompetenz, politische Erfahrung, Integrität und persönliche Zuverlässigkeit zu achten. Das Regierungsprogramm soll zeitnah ausgearbeitet werden.
Verfassungsrechtliche Grundlage der Regierungsbildung ist Artikel 47 der marokkanischen Verfassung. Danach ernennt der König den Regierungschef aus der Partei, die bei den Wahlen zum Repräsentantenhaus die meisten Sitze gewonnen hat. Die weiteren Regierungsmitglieder werden auf Vorschlag des Regierungschefs vom König ernannt.
Neue Regierung steht vor sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen
Die neue Koalition übernimmt die Regierungsverantwortung in einer Phase erhöhter gesellschaftlicher Erwartungen. Besonders die Beschäftigung junger Menschen, die Bildungs- und Gesundheitsversorgung sowie regionale Unterschiede gehören zu den zentralen innenpolitischen Themen.
Jugendproteste hatten bereits 2025 Unzufriedenheit mit den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen sichtbar gemacht. Im Sommer 2026 rückte zudem die Migrationskrise an der Grenze zur spanischen Exklave Ceuta die wirtschaftlichen Perspektiven junger Marokkaner erneut in den Vordergrund.
Gleichzeitig bereitet sich Marokko auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2030 vor, die das Land gemeinsam mit Spanien und Portugal ausrichtet. Das Investitionsprogramm für die Vorbereitungen hat ein Volumen von rund 20 Milliarden US-Dollar.
Die marokkanische Monarchie verfügt weiterhin über weitreichende Kompetenzen, insbesondere in der Außen- und Sicherheitspolitik. Die Regierung ist für wesentliche Bereiche der Wirtschafts- und Sozialpolitik verantwortlich.

