Die Bundesregierung hatte vor der massenhaften Migration nach Ceuta Ende Juli keine konkreten Hinweise auf die bevorstehende Entwicklung und will die Zusammenarbeit mit Marokko dennoch weiter vertiefen. Das geht aus einer am 30. September übermittelten Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion hervor. Berlin bewertet die seit 2024 bestehende deutsch-marokkanische Migrationspartnerschaft ausdrücklich positiv und verweist vor allem auf gestiegene Rückführungszahlen. Aus der Ceuta-Krise zieht die Bundesregierung vor allem die Konsequenz, Frühwarnung, Grenzschutz und die Zusammenarbeit mit Rabat auf deutscher und europäischer Ebene enger zu verzahnen.
Ende Juli war es an der marokkanisch-spanischen Grenze bei Ceuta zu einer außergewöhnlichen Massenbewegung gekommen. Innerhalb kurzer Zeit gelangten nach Angaben spanischer Behörden Zehntausende Menschen in die spanische Exklave. Die Bundesregierung erklärte nun, ihr hätten zu den akuten Entwicklungen vorab keine spezifischen Erkenntnisse vorgelegen.
Berlin hatte keine Hinweise auf bevorstehende Grenzöffnung
Die Bundesregierung steht nach eigenen Angaben fortlaufend mit der Europäischen Union, EU-Agenturen und den Mitgliedstaaten über die Migrationsentwicklung an den Außengrenzen in Kontakt. Auch die deutschen Auslandsvertretungen berichten regelmäßig über migrationspolitische Entwicklungen in ihren Gastländern.
Zusätzlich verfügt die EU über Frühwarninstrumente wie das Migration Preparedness and Crisis Blueprint Network und Systeme der EU-Asylagentur. Dennoch erreichte Berlin vor den Ereignissen in Ceuta keine konkrete Warnung, die auf die unmittelbar bevorstehende Massenbewegung hindeutete.
Auch Hinweise auf eine mögliche Lockerung der marokkanischen Grenzkontrollen oder eine verstärkte Mobilisierung in Richtung des Grenzübergangs Tarajal lagen der Bundesregierung nicht vor.
Zu der Rolle sozialer Medien und möglicher Gerüchte als Auslöser der Bewegung verfügt Berlin nach eigenen Angaben ebenfalls über keine eigenen Analysen, die über Medienberichte hinausgehen.
Bundesregierung bewertet Migrationspartnerschaft weiter positiv
Trotz der fehlenden Vorwarnung stellt die Bundesregierung ihre Zusammenarbeit mit Marokko nicht infrage. Die seit 2024 bestehende Migrationspartnerschaft wird weiterhin positiv bewertet.
Berlin verweist dabei insbesondere auf die Entwicklung der Rückführungszahlen. Im Jahr 2023 wurden 153 Menschen nach Marokko zurückgeführt. 2024 waren es 319 und 2025 bereits 785. Im ersten Halbjahr 2026 wurden 332 Rückführungen registriert.
Die Bundesregierung erklärt, sie stehe angesichts der dynamischen Migrationslage regelmäßig und vertraulich mit Marokko im Austausch.

Die bilaterale Zusammenarbeit umfasst unter anderem den Strategischen Dialog zwischen den Außenministern und die Permanent Mixed Migration Group. Hinzu kommen Projekte des Bundesentwicklungsministeriums und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit sowie Kooperationen mit internationalen Organisationen.
Ceuta-Krise führte zu europäischer Krisenreaktion
Die Bundesregierung führt die außergewöhnliche Entwicklung in Ceuta auf das Zusammenspiel mehrerer Faktoren zurück. Genannt werden rechtliche Rahmenbedingungen und deren Auslegung, digitale Kommunikationskanäle sowie die geografischen Besonderheiten der Grenze.
Solche Faktoren könnten innerhalb kurzer Zeit große und dynamische Migrationsbewegungen auslösen.
Berlin verweist zugleich auf die Reaktion Spaniens, die Zusammenarbeit mit Marokko und die europäischen Krisenmechanismen. Die Lage wurde unter anderem im EU-Krisenreaktionsmechanismus IPCR, im Ausschuss der Ständigen Vertreter der Mitgliedstaaten und bei einem Sondertreffen der EU-Innenminister am 4. August behandelt.
Nach Einschätzung der Bundesregierung konnte dadurch eine dauerhafte Destabilisierung verhindert werden.
Für Deutschland selbst habe wegen der besonderen Regelungen des Schengener Grenzkodexes zu keinem Zeitpunkt eine unmittelbare Bedrohung der inneren Sicherheit oder der deutschen Asylinfrastruktur bestanden.
Deutschland setzt auf engere Zusammenarbeit mit Rabat
Aus den Ereignissen zieht die Bundesregierung keine Konsequenz in Richtung einer Einschränkung der Kooperation mit Marokko. Vielmehr soll die Zusammenarbeit weiter ausgebaut werden.
Berlin kündigt an, sich für einen lückenlosen Schutz der EU-Außengrenzen und eine konsequentere Bekämpfung der Schleuserkriminalität einzusetzen. Dabei richtet sich der Blick ausdrücklich auch auf digitale Netzwerke, über die irreguläre Migration organisiert oder verstärkt werden kann.
Die Kooperation mit Marokko soll sowohl bilateral als auch auf europäischer Ebene enger werden.
Unmittelbar nach Beginn der Krise nahm die Bundesregierung nach eigenen Angaben auf mehreren Ebenen Kontakt zu Spanien, Marokko und EU-Stellen auf. Deutschland sicherte Solidarität zu und unterstützt einen von der EU-Kommission beim Sonderinnenrat vorgelegten Fünf-Punkte-Plan.
Keine Aufnahme aus Ceuta nach Deutschland geplant
Eine Aufnahme von Menschen aus der Ceuta-Krise nach Deutschland ist derzeit nicht vorgesehen.
Die freiwilligen humanitären Aufnahmeprogramme des Bundes sind ausgesetzt. Auch über den Solidaritätsmechanismus des im Juni in Kraft getretenen Gemeinsamen Europäischen Asylsystems sind im ersten Zyklus keine Übernahmen aus diesem Personenkreis geplant.
Parallel setzt Deutschland seine migrationspolitischen Programme in Marokko fort. Dazu gehören die Zentren für Migration und Entwicklung, Projekte zur regulären Arbeitsmigration zwischen Nordafrika und Europa sowie Maßnahmen zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration.
Für ein regionales Projekt des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen in Marokko stellte Deutschland 2025 zudem 138.000 Euro bereit.
Die Bundesregierung beobachtet nach eigenen Angaben grundsätzlich auch, ob Drittstaaten Migration für politische Zwecke instrumentalisieren. Für die Ereignisse in Ceuta legt sie jedoch keine eigene Feststellung einer gezielten staatlichen Instrumentalisierung durch Marokko vor.

