Marokko hat die spanische Debatte über die Massenübertritte nach Ceuta frontal zurückgewiesen und Madrid aufgefordert, irregulär eingereiste Marokkaner sowie unbegleitete Minderjährige zurückzuführen. Die Erklärung veröffentlichte das Außenministerium in Rabat am 10. September 2026. Rabat weist jede staatliche Beteiligung an der Migrationskrise Ende Juli zurück und greift zugleich politische, mediale und institutionelle Akteure in Spanien ungewöhnlich scharf an. Ein inzwischen freigegebener Bericht des spanischen Militärgeheimdienstes stützt den Kern der marokkanischen Darstellung teilweise: Eine aktive Förderung der Migrationsbewegung durch die marokkanischen Behörden hält er für „hochgradig unwahrscheinlich“, wirft ihnen in Ceuta allerdings Nachlässigkeit und Passivität vor.
Damit erreicht der politische Streit über die Ereignisse an der spanisch-marokkanischen Grenze eine neue Phase. Wochenlang stand in Spanien die Frage im Raum, ob Rabat die massive Bewegung Richtung Ceuta zumindest geduldet oder politisch instrumentalisiert habe. Marokko dreht diese Debatte nun um und verlangt Antworten von spanischer Seite.
„Warum wird die Anklage gegen Marokko aufrechterhalten, obwohl keine Information, keine Tatsache und kein Bericht irgendeine Beteiligung der marokkanischen Behörden belegt?“, fragt das Außenministerium.
Rabat stellt zwei weitere Fragen hinterher: Warum würden irreguläre Migranten nicht zurückgeführt, obwohl Marokko sich offiziell zu ihrer Wiederaufnahme bereit erklärt habe? Und weshalb würden unbegleitete Minderjährige weiterhin von ihren Familien ferngehalten, obwohl Marokko ihre Rückkehr verlangt habe?
„Die Antwort auf diese Fragen ist nicht in Marokko zu suchen, sondern bei den betroffenen spanischen Akteuren“, heißt es in der Erklärung.
Spanischer Militärgeheimdienst sieht keine gesteuerte Migrationswelle
Besondere Bedeutung bekommt die marokkanische Stellungnahme durch Dokumente, die die spanische Regierung kurz zuvor freigegeben hatte. Darunter befindet sich eine Analyse des militärischen Nachrichtenzentrums der spanischen Streitkräfte, CIFAS, zur Krise von Ceuta.
Der Bericht vom 30. Juli bezeichnet die Situation als „Migrationschaos“. Die spanischen Militäranalysten kamen jedoch nicht zu dem Schluss, dass Marokko die Bewegung gezielt ausgelöst habe.
Nach einer von Europa Press veröffentlichten Darstellung hielt CIFAS es für „hochgradig wahrscheinlich“, dass die marokkanischen Behörden die Migrationswelle nicht aktiv gefördert hätten.
Damit widerspricht die Einschätzung der weitreichendsten Variante des Vorwurfs, Rabat habe Migranten bewusst Richtung spanisches Territorium geschickt.
Eine vollständige Entlastung enthält der Bericht allerdings nicht.

Die Informationen über das Verhalten marokkanischer Sicherheitskräfte seien widersprüchlich gewesen. In Melilla hätten sie aktiv an der Grenzsicherung mitgewirkt. In Ceuta habe dagegen eine „passive Haltung“ gegenüber dem starken Zustrom vorgeherrscht, wodurch Grenzübertritte über Land und Meer möglich geworden seien.
CIFAS sprach deshalb von „Nachlässigkeit und Passivität“.
Feiertage schwächten offenbar die marokkanische Präsenz
Der spanische Militärgeheimdienst nennt dafür auch eine mögliche praktische Erklärung. Die Ereignisse fielen mit den Feierlichkeiten zum marokkanischen Thronfest zusammen.
Sicherheitskräfte seien während dieser Zeit in andere Städte verlegt worden. Dadurch habe sich die Präsenz rund um Ceuta verringert.
Diese Einschätzung unterscheidet zwischen einer bewusst herbeigeführten Krise und einer zeitweisen Schwäche der Grenzkontrolle. Genau an dieser Trennlinie entzündet sich inzwischen der politische Streit.
Marokko akzeptiert den Vorwurf einer staatlichen Mitverantwortung nicht. Spanien verfügt dagegen über eine eigene nachrichtendienstliche Bewertung, die zwar keine aktive Steuerung erkennt, das Verhalten der marokkanischen Sicherheitskräfte in Ceuta aber deutlich kritisiert.
Geheimdienst sieht Urteil des Obersten Gerichts als Auslöser
CIFAS verweist zudem auf einen Faktor innerhalb Spaniens.
Das spanische Oberste Gericht hatte am 29. Juni eine Entscheidung getroffen, die am 8. Juli veröffentlicht wurde. Demnach konnte allein die Einreise durch Schwimmen auf spanisches Staatsgebiet keine unmittelbare Zurückweisung an der Grenze rechtfertigen.
Für die spanischen Sicherheitskräfte habe dies ihre Handlungsmöglichkeiten erheblich eingeschränkt, heißt es in der Geheimdienstanalyse.
CIFAS brachte die zunehmenden Einreiseversuche ausdrücklich mit dieser Entscheidung in Verbindung.
Damit liegt ein möglicher Auslöser der Migrationsbewegung zumindest teilweise in einer veränderten rechtlichen Lage auf spanischer Seite. Informationen über das Urteil konnten sich schnell verbreiten und die Erwartung fördern, dass eine Einreise nach Ceuta schwieriger unmittelbar rückgängig zu machen sei.
Kein belegter Zusammenhang mit Sánchez-Besuch in Algerien
Auch eine weitere politische Vermutung findet in der spanischen Analyse keine klare Bestätigung.
Ministerpräsident Pedro Sánchez hatte am 20. Juli Algerien besucht. Wegen der angespannten Beziehungen zwischen Algerien und Marokko wurde anschließend darüber spekuliert, ob Rabat auf die Reise mit einer Lockerung der Grenzkontrollen reagiert haben könnte.
CIFAS stellte jedoch fest, der Besuch sei in Marokko „offenbar nicht schlecht aufgenommen“ worden.
Ein gewisses Unbehagen im Umfeld von König Mohammed VI könne zwar nicht ausgeschlossen werden. Einen Zusammenhang zwischen Sánchez’ Algerien-Reise und der Migrationskrise stellte der Bericht jedoch nicht her.
Auch hier stärkt das Dokument damit zumindest teilweise die Position Rabats.
Marokko warnt zugleich vor möglicher politischer Nutzung der Krise
Der Bericht enthält allerdings noch eine andere Einschätzung, die der marokkanischen Argumentation weniger entgegenkommt.
CIFAS hielt es für möglich, dass Marokko versuchen könnte, die Lage in Ceuta im weiteren Verlauf „im Dienste seiner strategischen Interessen“ zu nutzen.
Das ist nicht dasselbe wie die Behauptung, Rabat habe die Krise ausgelöst. Die spanischen Militäranalysten unterschieden vielmehr zwischen dem Ursprung der Ereignisse und einer möglichen späteren politischen Nutzung.
Marokko weist gerade diesen Verdacht nun entschieden zurück.
Besonders scharf kritisiert Rabat Teile der spanischen Politik und Medien. Einige Akteure würden Marokko für innenpolitische Ziele instrumentalisieren. Auch „historische Parteien“, die über Regierungserfahrung verfügten, seien in eine populistische Eskalation geraten.
Namen nennt die marokkanische Erklärung nicht.
Auch Parlament und Justiz geraten in Rabats Kritik
Ungewöhnlich ist, dass die Kritik nicht bei Parteien und Medien endet.
Marokko äußert auch Unmut über Initiativen spanischer gesetzgebender und gerichtlicher Institutionen. Diese könnten das gegenseitige Misstrauen vertiefen, heißt es.
Rabat spricht von einer Entwicklung, bei der nüchterne Analyse durch Anklagen und Differenzierung durch Vereinfachung ersetzt werde. Dahinter sieht das Außenministerium eine „Strategie der Angst“.
Diese Wortwahl verschärft den diplomatischen Ton erheblich, ohne dass Marokko die strategische Partnerschaft mit Spanien grundsätzlich infrage stellt.
Im Gegenteil: Die Erklärung beginnt mit einem ausführlichen Bekenntnis zu den Beziehungen zum nördlichen Nachbarn.
Rabat hält an Partnerschaft mit Madrid fest
Marokko verweist auf die gemeinsame Erklärung vom 7. April 2022, mit der beide Regierungen nach einer längeren Krise einen politischen Neustart vereinbart hatten.
Rabat stellt heraus, dass diese Annäherung konkrete Ergebnisse gebracht habe.
Spanien ist inzwischen Marokkos wichtigster Wirtschaftspartner. Umgekehrt ist Marokko nach Darstellung des Außenministeriums Spaniens zweitgrößter Handelspartner außerhalb der Europäischen Union.
Auch die Sicherheitskooperation hebt Rabat hervor. Gemeinsame Maßnahmen hätten Menschenleben gerettet sowie Terror- und kriminelle Netzwerke zerschlagen. Marokkanische Sicherheitskräfte hätten dabei teilweise selbst personelle und materielle Verluste erlitten.
Gerade vor diesem Hintergrund betrachtet die Regierung die spanischen Vorwürfe als Belastung einer Partnerschaft, die sich in den vergangenen Jahren politisch und wirtschaftlich stark vertieft hat.
Migration wird zum Belastungstest der neuen Partnerschaft
Marokko bezeichnet die bisherige Migrationszusammenarbeit mit Spanien als koordiniert und effizient. Die Ereignisse vom Juli müssten dennoch gründlich untersucht werden.
Rabat fordert dabei eine Klärung der Umstände, möglicher Einflussnahmen und gezielter Manipulationen. Konkrete Akteure, denen eine solche Einflussnahme zugeschrieben wird, nennt das Außenministerium in der Erklärung nicht.
Die spanische Geheimdienstanalyse hält ihrerseits weitere Versuche an kleineren spanisch kontrollierten Inseln und Felsen vor der nordafrikanischen Küste für möglich. Besonders die Chafarinas-Inseln wurden als potenzieller Schwerpunkt genannt.
Während der Krise erwartete CIFAS zudem, dass sich die Lage in Ceuta so stark verschlechtern könnte, dass kurzfristig spanische Streitkräfte aktiviert werden müssten.
Die Frage nach dem Verhalten der marokkanischen Sicherheitskräfte bleibt damit Teil der Auseinandersetzung. Der inzwischen veröffentlichte Geheimdienstbericht liefert jedoch keine Grundlage für die weitergehende Behauptung, Marokko habe die Migrationswelle aktiv ausgelöst.
Rabat zieht daraus eine politische Forderung an Spanien: Die Partnerschaft dürfe nicht zum Instrument innenpolitischer Auseinandersetzungen werden.
„Geografische Nachbarschaft ist eine unveränderliche Tatsache“, erklärt das Außenministerium. Politische Verantwortung entscheide darüber, ob daraus Zusammenarbeit oder dauerhaftes Misstrauen entstehe.

