Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa ist zum BRICS-Gipfel in Neu-Delhi eingetroffen und will dort mehr Handel innerhalb der Staatengruppe, stärkere Industrialisierung und zusätzliche Investitionen in afrikanische Infrastruktur vorantreiben. Der 18. BRICS-Gipfel findet am 12. und 13. September 2026 unter indischem Vorsitz statt. Südafrika will insbesondere Projekte unterstützen, die mit der Afrikanischen Freihandelszone AfCFTA verbunden sind. Gleichzeitig dürfte der Gipfel von den Kriegen im Nahen Osten und in der Ukraine sowie den Spannungen zwischen mehreren BRICS-Mitgliedern und den USA geprägt werden.
Ramaphosa wurde nach seiner Ankunft am Indira-Gandhi-Flughafen von dem indischen Staatsminister Jayant Singh empfangen. Die südafrikanische Präsidentschaft stellte vor dem Gipfel klar, dass Pretoria wirtschaftliche Themen mit afrikanischen Interessen verbinden will.
Dazu gehören ein höheres Handels- und Investitionsvolumen innerhalb der BRICS-Gruppe, mehr industrielle Wertschöpfung in den Mitgliedstaaten und die Mobilisierung von Kapital für afrikanische Infrastruktur.
Afrika soll stärker von BRICS-Kapital profitieren
Südafrika verbindet die BRICS-Mitgliedschaft zunehmend mit der Frage, wie mehr Investitionen auf den afrikanischen Kontinent gelenkt werden können.
Im Fokus stehen Verkehrswege, Energieversorgung und andere grenzüberschreitende Infrastruktur, die den Handel innerhalb Afrikas erleichtert. Solche Investitionen sollen zugleich die Umsetzung der AfCFTA unterstützen, die einen gemeinsamen afrikanischen Markt schaffen soll.
Dabei könnte auch die New Development Bank eine größere Rolle übernehmen. Die von den BRICS-Staaten gegründete Entwicklungsbank finanziert Infrastruktur- und Entwicklungsprojekte in Mitglieds- und Partnerstaaten.
Auch in anderen afrikanischen BRICS-Ländern werden ähnliche Erwartungen formuliert. Der äthiopische Medienmanager Dawit Mesfin verwies vor dem Gipfel auf Häfen, Eisenbahnen, Straßen und internationale Transportkorridore als Bereiche, in denen BRICS-Finanzierung die wirtschaftliche Integration Afrikas beschleunigen könnte.
Er sieht zudem Potenzial bei Landwirtschaft und digitalen Plattformen sowie beim stärkeren Einsatz nationaler Währungen im grenzüberschreitenden Handel.
Ramaphosa erwartet Streit über globale Konflikte
Die wirtschaftliche Agenda dürfte jedoch von geopolitischen Konflikten überlagert werden.
Ramaphosa sagte dem südafrikanischen Sender SABC, die Staats- und Regierungschefs würden sich mit den gegenwärtigen internationalen Spannungen und den Kriegen im Nahen Osten sowie mit Konflikten in anderen Regionen befassen.
Auch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dürfte zur Sprache kommen.

Ramaphosa räumte zugleich ein, dass innerhalb der BRICS unterschiedliche Positionen bestehen. Ziel sei dennoch, sich auf eine gemeinsame Haltung zu verständigen, die anschließend in die Gipfelerklärung einfließen könne.
„Es wird immer unterschiedliche Ansichten, Herangehensweisen und Perspektiven geben“, sagte der südafrikanische Präsident. Diese müssten so behandelt werden, dass am Ende eine gemeinsame Position entstehen könne.
Indien will BRICS nicht zu einem antiwestlichen Block machen
Gastgeber Indien versucht gleichzeitig, den Schwerpunkt wieder stärker auf Wirtschaft, Entwicklung und die Interessen des Globalen Südens zu legen.
Nach einer Analyse des Londoner Thinktanks Chatham House verfolgt Neu-Delhi dabei eine schwierige Balance. Indien will BRICS als nichtwestliche Plattform stärken, gleichzeitig aber verhindern, dass die Gruppe zu einem ausdrücklich gegen den Westen gerichteten Bündnis wird.
Gerade diese Frage trennt wichtige Mitglieder.
Indien und Brasilien betrachten BRICS stärker als wirtschafts- und entwicklungspolitisches Forum. China und Russland nutzen die Gruppe dagegen stärker als geopolitische Plattform und als Instrument zur Veränderung der internationalen Machtordnung.
Russland versucht zudem, seine Beziehungen zum Globalen Süden auszubauen, während es wegen des Krieges gegen die Ukraine von westlichen Staaten politisch und wirtschaftlich isoliert wird. China wiederum nutzt BRICS, um eigene Vorstellungen einer neuen internationalen Ordnung stärker zu verankern.
Verhältnis zu den USA wird zum Belastungstest
Hinzu kommen die schwierigen Beziehungen mehrerer BRICS-Mitglieder zu Washington.
Südafrika selbst hat in den vergangenen Jahren wiederholt diplomatische Konflikte mit den Vereinigten Staaten erlebt. Auch Brasilien geriet mit Washington aneinander.
Indien verfolgt dagegen weiterhin eine Politik strategischer Eigenständigkeit und versucht, gleichzeitig Beziehungen zu den USA, Russland und China aufrechtzuerhalten.
Nach Einschätzung von Chatham House hat Neu-Delhi zuletzt seine Kontakte zu Moskau und Peking wieder intensiviert, während das Verhältnis zur zweiten Regierung von US-Präsident Donald Trump schwieriger geworden ist.
Diese Balance dürfte auf dem Gipfel besonders sichtbar werden. Mehrere BRICS-Mitglieder könnten auf eine schärfere gemeinsame Position gegenüber amerikanischen Militäreinsätzen und der US-Außenpolitik drängen.
Indien dürfte dagegen versuchen, eine Erklärung zu vermeiden, die BRICS ausdrücklich als Gegenpol zu Washington positioniert.
Auch Indien und China nähern sich wieder an
Ein weiteres Gipfelthema liegt außerhalb der offiziellen Tagesordnung: die Beziehungen zwischen Indien und China.
Nach jahrelangen Spannungen haben beide Staaten zuletzt ihre politischen Kontakte intensiviert. Ein Treffen zwischen Premierminister Narendra Modi und Chinas Präsident Xi Jinping am Rande des BRICS-Gipfels gilt deshalb als besonders bedeutsam.
Bereits der BRICS-Gipfel 2024 in Russland hatte ein Treffen beider Politiker ermöglicht, das den späteren Annäherungsprozess beschleunigte.
Chatham House erwartet, dass ein erneutes Gespräch zwischen Modi und Xi diesen Prozess fortsetzen könnte. Fortschritte gab es zuletzt auch bei Gesprächen über den seit Jahren umstrittenen Grenzverlauf zwischen beiden Staaten.
Elf Staaten und unterschiedliche Interessen
Die Erweiterung der BRICS-Gruppe hat deren wirtschaftliches und politisches Gewicht vergrößert, zugleich aber die internen Gegensätze verstärkt.
Zur Gruppe gehören inzwischen elf Staaten. Neben den Gründungsmitgliedern Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika sind weitere Länder aus Afrika, dem Nahen Osten und Asien hinzugekommen.
Damit treffen innerhalb des Forums auch Rivalen aufeinander. Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate verfolgen im Nahen Osten teilweise gegensätzliche Interessen. Ägypten und Äthiopien streiten seit Jahren über den äthiopischen Nil-Staudamm. Auch zwischen den Golfstaaten bestehen Differenzen über regionale Sicherheits- und Israelpolitik.
Eine weitere große Erweiterungsrunde gilt deshalb derzeit als wenig wahrscheinlich. Stattdessen dürfte es zunächst darum gehen, die jüngeren Mitglieder enger in die bestehenden BRICS-Strukturen einzubinden.
Handel in nationalen Währungen statt gemeinsamer BRICS-Währung
Auch die lange diskutierte Abkehr vom US-Dollar bleibt ein Konfliktpunkt.
Russland und Brasilien haben in der Vergangenheit stärker für alternative Zahlungssysteme geworben. Indien versucht dagegen, die Debatte weniger konfrontativ zu führen.
Neu-Delhi betont, dass BRICS derzeit keine gemeinsame Reservewährung schaffen wolle. Stattdessen sollen Mitgliedstaaten häufiger in ihren eigenen Währungen handeln und digitale Zahlungssysteme nutzen, um Kosten bei grenzüberschreitenden Geschäften zu senken.
Für afrikanische Staaten könnte dieser Ansatz besonders bei zunehmendem innerafrikanischem und BRICS-Handel eine Rolle spielen. Südafrika verbindet ihn mit dem Ziel, nicht nur Rohstoffe zu exportieren, sondern einen größeren Teil der Verarbeitung und industriellen Wertschöpfung auf dem Kontinent zu halten.

