Spanien und Algerien besiegeln Neustart nach Westsahara-Krise

Vier Jahre nach dem Bruch wegen der Westsahara ordnen Spanien und Algerien ihre Beziehungen neu. Im Zentrum stehen Gas, Investitionen, Migration und Sicherheit.

Spanien und Algerien wollen ihre nach der Westsahara-Krise schwer beschädigten Beziehungen mit einem Regierungsgipfel und einer engeren Energie- und Wirtschaftspartnerschaft neu ordnen. Die achte hochrangige Regierungskonsultation soll im Oktober 2026 stattfinden. Darauf verständigten sich der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez und Algeriens Präsident Abdelmadjid Tebboune bei einem Treffen in Algier. Beide Regierungen wollen zudem ihre Zusammenarbeit bei Migration, Sicherheit und der Stabilisierung der Sahelzone ausbauen.

Sánchez sprach von einer „neuen Etappe“ in den bilateralen Beziehungen. Spanien betrachte Algerien nicht nur als Nachbarstaat, sondern als strategischen Partner und befreundetes Land.

„Es ist grundlegend, den politischen Dialog zwischen Spanien und Algerien zu stärken“, sagte Sánchez nach dem Treffen. Der Dialog bilde die Grundlage für alle weiteren Bereiche der Zusammenarbeit.

Regierungsgipfel soll politische Beziehungen festigen

Der für Oktober geplante Gipfel ist die achte hochrangige Zusammenkunft beider Regierungen. Ihm sollen politische Konsultationen vorausgehen, die den Abschluss neuer Vereinbarungen vorbereiten.

Auf der Agenda stehen die Steuerung von Migration, die Bekämpfung des Terrorismus, die kulturelle Zusammenarbeit und der Austausch zwischen beiden Gesellschaften. Spanien und Algerien wollen zudem ihre Positionen zu regionalen und internationalen Konflikten enger abstimmen.

Sánchez traf während seines Besuchs auch den algerischen Ministerpräsidenten Sifi Ghrieb. Es war der erste Besuch eines spanischen Regierungschefs in Algier seit 2020 und die ranghöchste spanische Reise seit Beginn der bilateralen Krise im Frühjahr 2022.

Die algerische Seite bezeichnete den Aufenthalt als Arbeits- und Freundschaftsbesuch. Beide Regierungen wollten die Bereiche ihrer Zusammenarbeit erweitern und den politischen Austausch intensivieren.

Westsahara-Kurs löste schwere Krise aus

Auslöser der diplomatischen Krise war die Änderung der spanischen Position im Westsahara-Konflikt. Madrid unterstützte im März 2022 erstmals offen den marokkanischen Autonomieplan für das umstrittene Gebiet.

Algerien, das die Polisario unterstützt, reagierte mit scharfer Kritik. Die Regierung setzte den 2002 geschlossenen Vertrag über Freundschaft, gute Nachbarschaft und Zusammenarbeit mit Spanien aus.

Auch der bilaterale Handel wurde erheblich eingeschränkt. Ausgenommen blieben insbesondere algerische Gaslieferungen nach Spanien. Die politischen und wirtschaftlichen Kontakte lagen anschließend fast zwei Jahre weitgehend auf Eis.

Eine schrittweise Annäherung begann im November 2023. Im März 2026 reaktivierte Algerien den Freundschaftsvertrag. Der Besuch von Sánchez soll die Normalisierung nun auf Regierungsebene absichern.

Der spanische Ministerpräsident vermied bei seinem Auftritt in Algier eine erneute öffentliche Positionierung zum Westsahara-Konflikt. Er stellte stattdessen die gemeinsamen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen in den Vordergrund.

Algerien bleibt Spaniens wichtigster Gaslieferant

Die Energiebeziehungen bilden weiterhin das wirtschaftliche Fundament der Partnerschaft. Algerien war nach Angaben von Sánchez in den ersten Monaten des Jahres 2026 Spaniens größter Lieferant von Erdgas.

„In einem Moment außergewöhnlicher Unsicherheit auf den internationalen Märkten schätzen wir Algeriens Position als strategischen und verlässlichen Partner besonders“, sagte der Regierungschef.

Algerisches Gas gelangt vor allem über die direkte Medgaz-Pipeline nach Spanien. Die Verbindung verläuft durch das Mittelmeer und umgeht Marokko. Daneben wird Flüssigerdgas per Schiff geliefert.

Spanien will sich zugleich stärker an der Modernisierung des algerischen Energie- und Industriesektors beteiligen. Sánchez reiste deshalb gemeinsam mit leitenden Vertretern spanischer Energieunternehmen nach Algier.

Die Kooperation solle über klassische Gaslieferungen hinausgehen. Genannt wurden die Energiewende, technologische Innovationen und die Digitalisierung der Infrastruktur.

Spanische Unternehmen sollen wieder stärker investieren

Sánchez sagte spanischen Unternehmen politische Unterstützung bei Investitionen in Algerien zu. Neben der Energiewirtschaft nannte er Industrie, Infrastruktur, Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion, Dienstleistungen und Digitalisierung als mögliche Wachstumsbereiche.

„Unsere Privatwirtschaft und unsere Unternehmen werden bei diesem neuen Impuls für die Beziehungen zwischen Algerien und Spanien eine grundlegende Rolle spielen“, erklärte Sánchez.

Die spanische Vizeregierungschefin und Ministerin für den ökologischen Wandel, Sara Aagesen, traf parallel Vertreter spanischer Unternehmen, die bereits in Algerien tätig sind. Sie verwies auf deren technische Erfahrung und ihre Möglichkeiten, Arbeitsplätze und lokale Wertschöpfungsketten aufzubauen.

Spanien war wenige Wochen vor dem Besuch Ehrengast der Internationalen Messe von Algier. Tebboune hatte dort den spanischen Gemeinschaftsstand besucht und sich über Projekte der beteiligten Unternehmen informiert.

Zusammenarbeit bei Migration und Sicherheit

Spanien und Algerien wollen auch bei der Bekämpfung irregulärer Migration enger zusammenarbeiten. Die westliche Mittelmeerroute führt von Algerien und anderen nordafrikanischen Staaten nach Spanien.

Beide Regierungen wollen neben der Grenz- und Migrationskontrolle den Kampf gegen Schleusernetzwerke und terroristische Organisationen verstärken. Algerien besitzt dabei durch seine Grenzen zu Mali und Niger eine besondere Stellung.

Sánchez bezeichnete das Land als wichtigen Akteur bei der Stabilisierung der Sahelzone. Die dortigen Konflikte, Militärputsche und Aktivitäten bewaffneter Gruppen betreffen auch die Sicherheit im westlichen Mittelmeerraum.

Die Kooperation soll zugleich in die spanische Afrika-Strategie für die Jahre 2025 bis 2028 eingebettet werden. Madrid will seine politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zum afrikanischen Kontinent ausbauen und sich als Verbindung zwischen Europa und Afrika positionieren.

„Nur wenn wir zusammenarbeiten, können wir die Herausforderungen bewältigen, die unsere Gesellschaften am stärksten beschäftigen“, sagte Sánchez. Dazu zählte er steigende Lebenshaltungskosten, Sicherheit und die Folgen des Klimawandels.

Verwandte Beiträge
Total
0
Share