Steinmeier: Deutschland ist ein „Land mit Migrationshintergrund“

Deutschland, unser Land, ist ein Land mit Migrationshintergrund“: Bundespräsident Steinmeier spricht über die Realität der Einwanderungsgesellschaft. Gleichzeitig fordert er klare Regeln: Wer bleiben darf, soll dazugehören können – „wer gehen muss, muss tatsächlich gehen“.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Deutschland ausdrücklich als ein von Einwanderung geprägtes Land bezeichnet und eine Debatte über Migration verlangt, die sowohl gesellschaftliche Vielfalt als auch bestehende Belastungen anerkennt. Am 25. August 2026 sprach er bei der ersten Publikumsveranstaltung im neuen Amtssitz am Berliner Spreebogen über Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt. „Dann ist Deutschland, unser Land, ein Land mit Migrationshintergrund“, sagte Steinmeier mit Blick auf den hohen Anteil von Menschen mit internationalen Wurzeln. Zugleich stellte er klar: „Wer gehen muss, muss tatsächlich gehen.“ 

Unter dem Titel „Zuhause in Deutschland. Wie wir miteinander leben“ eröffnete Steinmeier den neuen Amtssitz mit einer Veranstaltung zur Einwanderungsgesellschaft. Der Bundespräsident beschrieb die Debatte über Migration und Integration als verhärtet und teilweise gesellschaftlich spaltend.

Menschen mit Migrationsgeschichte berichteten ihm zunehmend von Ausgrenzung und der Sorge, ob sie weiterhin in Deutschland zu Hause sein könnten. Gleichzeitig höre er von Menschen, die seit Generationen in Deutschland leben, Befürchtungen über überlastete Kommunen, volle Schulen und ein wachsendes Gefühl der Fremdheit im eigenen Land. Politik müsse solche Probleme angehen, statt sie zu ignorieren. 

Steinmeier: Zuwanderung bringt Kraft und kostet Kraft

Der Bundespräsident warb für einen aus seiner Sicht realistischen Umgang mit Migration.

„Zuwanderung bringt Kraft. Und Zuwanderung kostet auch Kraft“, sagte Steinmeier. Deutschland benötige Einwanderung, damit Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und große Teile der Wirtschaft funktionieren könnten. Gleichzeitig bedeute Zuwanderung Veränderung, Anpassung, Reibung und Konflikte. 

Als Beispiele nannte Steinmeier ausländische Ärzte, Pflegekräfte, Beschäftigte im Baugewerbe, in Hotels und Gaststätten sowie Ingenieure. Zugewanderte Menschen könnten außerdem der Alterung der Gesellschaft entgegenwirken und Kenntnisse, Energie und Aufstiegswillen mitbringen.

Kommunen müssten zugleich Unterkünfte bereitstellen, Sprachkurse organisieren, Verwaltungsleistungen erbringen und Regeln durchsetzen. Auch Menschen, die neu nach Deutschland kommen, müssten Sprache, Arbeit und Wohnungen finden sowie die Regeln der freiheitlichen Demokratie kennenlernen und akzeptieren. 

„Wer gehen muss, muss tatsächlich gehen“

Steinmeier sprach sich zugleich für eine gesteuerte Migration und die Durchsetzung ausländerrechtlicher Entscheidungen aus.

Deutschland müsse darüber diskutieren, wie viel Zuwanderung bewältigt werden könne, „ohne alle Beteiligten zu überfordern“. Menschen mit Bleiberecht sollten tatsächlich dazugehören können und Zugang zu Schulen, Wohnraum und medizinischer Versorgung erhalten.

„Und wer gehen muss, muss tatsächlich gehen“, sagte der Bundespräsident. Der Staat müsse den Menschen zugewandt, zugleich aber handlungsfähig sein. 

Steinmeier wandte sich auch gegen die Vorstellung, gesellschaftliche Vielfalt bedeute, Praktiken wie Kinderehen, Diskriminierung von Frauen oder Paralleljustiz hinzunehmen. Toleranz bedeute nicht, alles zu akzeptieren. Maßstab seien die deutschen Gesetze. 

Knapp ein Drittel hat Wurzeln außerhalb Deutschlands

Seine Bezeichnung Deutschlands als „Land mit Migrationshintergrund“ begründete Steinmeier mit der demografischen Entwicklung.

Knapp ein Drittel der Menschen in Deutschland habe Wurzeln außerhalb des Landes, die meisten davon seien hier geboren. Bei Schulkindern liege der Anteil derjenigen mit Vorfahren aus einem anderen Land bei 42 Prozent.

Deutschland sei spätestens seit den Anwerbeabkommen der 1950er- und 1960er-Jahre mit südeuropäischen Staaten und der Türkei von Einwanderung geprägt. Die über lange Zeit wachsende deutsche Wirtschaft habe Menschen aus anderen Ländern angezogen und deren Arbeitskraft benötigt. 

Steinmeier weist ethnischen Begriff des Deutschseins zurück

Deutlich positionierte sich Steinmeier gegen ein ethnisches Verständnis deutscher Staatsangehörigkeit. Das Grundgesetz kenne weder Staatsbürger erster und zweiter Klasse noch eine „Volksgemeinschaft gleichen Blutes“ oder besondere staatsbürgerliche Rechte für sogenannte „Biodeutsche“.

„Nicht das Blut, das in unseren Adern fließt“, bestimme darüber, wer Deutscher sei. Entscheidend seien unter anderem Staatsbürgerschaft, gemeinsame Sprache, das friedliche Zusammenleben und die Verfassung.

Wer staatsbürgerliche Rechte nach Gruppenzugehörigkeit verteilen wolle, greife die Verfassung an und stelle sich außerhalb der demokratischen Ordnung des Grundgesetzes, erklärte Steinmeier. 

Der Bundespräsident formulierte zugleich einen weiter gefassten Anspruch an gesellschaftliche Zugehörigkeit: „Dieses Land gehört eben allen, die rechtmäßig hier leben, die es täglich gestalten, die hier groß und alt werden, lernen und arbeiten, hoffen und streiten.“ 

Gemeinsame Verantwortung für die deutsche Geschichte

Zur gesellschaftlichen Integration zählt Steinmeier auch die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte. Alle Menschen, die in Deutschland leben, stünden in der Verantwortung des „Nie wieder“.

„Wer in Deutschland lebt, der muss die Geschichte von Auschwitz kennen und die Verantwortung, die daraus für uns erwächst“, sagte der Bundespräsident. 

Zum Abschluss wandte er sich gegen „Phantasien von völkischer Abschottung“ und gegen ein gesellschaftliches Denken nach dem Muster „Wir gegen Die“. Deutschland sei heute so vielfältig wie die Menschen, die dort lebten. 

An der anschließenden Diskussion nahmen unter anderem Ryyan Alshebl, Bürgermeister der baden-württembergischen Gemeinde Ostelsheim, die stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrats für Integration und Migration Birgit Glorius sowie HateAid-Mitgründerin Anna-Lena von Hodenberg teil.

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