Bundestag untersucht Einnahmen der Terrormiliz ISWAP – Schutzgeld, Wirtschaft und Scharia

191,5 Millionen Dollar pro Jahr: ISWAP verdient an Fischerei, Landwirtschaft und Handel im Tschadseebecken. Die Finanzierung der Terrormiliz stammt vor allem aus erzwungenen lokalen Abgaben und nicht aus großen Auslandstransfers.

Die Terrormiliz ISWAP nimmt im Tschadseebecken nach einer Schätzung jährlich 191,5 Millionen US-Dollar durch erzwungene Abgaben ein. Die zugrunde liegende Untersuchung des Bundetags wurde am 3. Juni 2026 abgeschlossen und nun veröffentlicht. Die Einnahmen übersteigen demnach die jährlichen Steuereinnahmen des nigerianischen Bundesstaates Borno um mehr als das Zehnfache. Große Geldzuflüsse aus dem Ausland spielen bei der Finanzierung jihadistischer Gruppen in Nigeria dagegen offenbar nur eine geringe Rolle.

Die Organisation Islamischer Staat in der Provinz Westafrika, kurz ISWAP, finanziert sich vor allem über die Kontrolle von Menschen, Handelswegen und wirtschaftlichen Aktivitäten im Nordosten Nigerias und in den angrenzenden Staaten. Fischer, Bauern, Viehhalter und Händler müssen Gebühren und Abgaben entrichten.

Eine Ausarbeitung des Fachbereichs Europa und Völkerrecht der Bundestagsverwaltung beschreibt ein Finanzierungsmodell, das weit über einzelne Entführungen, Überfälle oder Spenden hinausgeht. ISWAP greift dauerhaft auf die reguläre Wirtschaft der Region zu und hat dafür ein organisiertes System aus Verwaltung, Geldeintreibern und lokalen Kommandostrukturen aufgebaut. Die Arbeit gibt die fachliche Einschätzung ihrer Verfasser wieder und ist keine Position des Deutschen Bundestages. 

Fischerei bildet die wichtigste Einnahmequelle

Besonders einträglich ist die Fischerei im Tschadseebecken. Mehr als 100.000 Fischer aus Nigeria arbeiten dort abhängig von der Jahreszeit. Viele von ihnen müssen Gebiete betreten, die ISWAP faktisch kontrolliert.

Die Organisation verlangt Markteintrittsgebühren, Fischereilizenzen, Viehabgaben und Zahlungen auf landwirtschaftliche Erzeugnisse. Auch der Handel mit Chilipfeffer und Erdnussöl wird abgeschöpft. Fisch und Chilis aus der Region trugen vor dem Aufstieg der Terrormiliz jährlich rund 48 Millionen US-Dollar zum nigerianischen Bruttoinlandsprodukt bei.

ISWAP verwendet für seine Abgaben Begriffe aus dem islamischen Recht. Nichtansässige müssen eine Gebühr für wirtschaftliche Tätigkeiten entrichten. Bewohner werden mit einer als Almosenabgabe bezeichneten Zahlung belastet. Daneben erheben lokale Kommandeure weitere Abgaben nach eigenem Ermessen.

Die geschätzten 191,5 Millionen US-Dollar beziehen sich allein auf drei Arten solcher Zahlungen. Einnahmen aus Entführungen, Schmuggel, Erpressung und anderen Quellen sind darin nicht enthalten.

Ein Zwangssystem mit Elementen staatlicher Verwaltung

ISWAP unterhält in Teilen des Nordens von Borno und im weiteren Tschadseebecken eine eigene Verwaltung. Die Organisation übernimmt dort Funktionen, die der nigerianische Staat nur eingeschränkt erfüllt.

Dazu gehören die Regulierung von Märkten, begrenzte medizinische Hilfe, Unterstützung beim Transport und die Bereitstellung von Wasser. Die Miliz tritt zugleich als Polizei und Gericht auf und verhängt Geldstrafen.

Die Zahlungen bleiben dennoch erzwungen. Wer sich weigert, muss mit der Beschlagnahmung von Waren, zerstörten Ernten, Entführungen oder tödlicher Gewalt rechnen. Die Höhe der Abgaben kann nach Ort, Jahreszeit und Entscheidung des jeweiligen Kommandanten variieren.

Das System verschafft ISWAP regelmäßig wiederkehrende Einnahmen. Die Gruppe ist dadurch weniger von einzelnen Überfällen oder schwer planbaren Lösegeldzahlungen abhängig. Mit den Einnahmen finanziert sie Kämpfer, Waffen, Verwaltung und weitere militärische Operationen.

Schmuggelrouten bringen zusätzliche Einnahmen

Neben der regionalen Wirtschaft nutzt ISWAP grenzüberschreitende Schmuggelnetze. Die Miliz besteuert Transporte, die ihr Gebiet durchqueren, und schützt diese teilweise vor staatlichem Zugriff.

Damit entsteht eine Verbindung zwischen Terrorismus und organisierter Kriminalität. Schmuggler zahlen für den Zugang zu kontrollierten Routen, während ISWAP aus der Bewegung illegaler Waren weitere regelmäßige Einnahmen erzielt.

Entführungen bleiben ebenfalls Bestandteil des Finanzierungsmodells. Die Organisation setzt sie sowohl zur Beschaffung von Lösegeld als auch zur Durchsetzung ihrer Abgaben ein. Wer Zahlungen verweigert, kann verschleppt und erst gegen Geld wieder freigelassen werden.

Kryptowährungen und Hawala verschleiern Transfers

ISWAP nutzt zudem Kryptowährungen und informelle Überweisungssysteme, um Geld zu bewegen und Zahlungswege zu verbergen. Genannt wird insbesondere die Kryptowährung Monero, deren Transaktionen schwerer nachzuverfolgen sind als klassische Banküberweisungen.

Hinzu kommt das Hawala-System. Dabei wird Geld nicht direkt über Banken übertragen. Vermittler zahlen Beträge auf Grundlage persönlicher Absprachen und gegenseitigen Vertrauens an anderen Orten aus. Die eigentliche Verrechnung erfolgt außerhalb des herkömmlichen Bankensystems.

Die Kombination aus lokalen Einnahmen und schwer kontrollierbaren Transfers erlaubt es ISWAP, Gelder grenzüberschreitend zu verteilen. Eine zentrale Rolle spielt dabei das ursprünglich in Syrien gegründete Finanzorgan des Islamischen Staates, Maktab al-Furqan, das inzwischen in Nigeria angesiedelt sein soll.

Keine Belege für umfangreiche Auslandsfinanzierung

Belastbare Hinweise auf eine umfangreiche Finanzierung von ISWAP oder Boko Haram aus dem Ausland sind selten. Der dokumentierte Fall einer größeren ausländischen Unterstützung betrifft sechs Nigerianer, die in den Vereinigten Arabischen Emiraten verurteilt wurden.

Sie hatten in den Jahren 2015 und 2016 insgesamt 782.000 US-Dollar nach Nigeria überwiesen. Ob das Geld an die heutige ISWAP-Struktur oder an die später wieder als Boko Haram bezeichnete Abspaltung gelangte, bleibt unklar.

Nigerianische Sicherheitsvertreter haben wiederholt behauptet, die Terrororganisationen erhielten erhebliche Mittel aus dem Ausland. Die vom Bundestagsfachbereich ausgewerteten Quellen belegen diese Aussagen jedoch nicht. Das vorherrschende Modell beruht auf lokalen Einnahmen, territorialer Kontrolle und der gewaltsamen Abschöpfung wirtschaftlicher Aktivitäten.

Boko Haram setzt stärker auf Entführungen

Boko Haram verfügt im Unterschied zu ISWAP über kein vergleichbar gefestigtes Herrschaftsgebiet. Die Organisation operiert stärker aus wechselnden Lagern und finanziert sich vor allem durch Entführungen, Erpressung, Banküberfälle und Schmuggel.

Bei Massenentführungen von Schulkindern und der Verschleppung ausländischer Staatsangehöriger sollen teilweise Lösegelder in Millionenhöhe gezahlt worden sein. Die nigerianische Regierung bestreitet staatliche Zahlungen und verweist auf das gesetzliche Verbot, Lösegeld aus öffentlichen Mitteln zu entrichten.

Im Norden Nigerias hat sich zugleich eine Entführungswirtschaft entwickelt. Kriminelle Banden verschleppen Menschen und übergeben sie gegen Bezahlung an Boko Haram. Umgekehrt verkauft die Terrorgruppe Opfer an Kriminelle oder Menschenhändler weiter.

Auch Boko Haram erzielt Einnahmen aus dem Handel mit Treibstoff, Lebensmitteln, Kleinwaffen, Drogen und Altmetall. Wie ISWAP nutzt die Organisation inzwischen Kryptowährungen und Hawala zur Verschleierung ihrer Finanzströme.

Gewalt bewaffneter Fulani-Gruppen ist nicht einheitlich organisiert

Die Ausarbeitung untersucht außerdem bewaffnete Gruppen, deren Mitglieder der Ethnie der Fulani angehören. Anders als Boko Haram und ISWAP bilden sie keine einheitliche Organisation.

Die Milizen entstanden überwiegend aus Konflikten zwischen Viehhaltern und sesshaften Bauern um Land, Wasser und Weideflächen. Bevölkerungswachstum, Wüstenbildung, schrumpfende Weidegebiete und die Verbreitung von Kleinwaffen haben diese Auseinandersetzungen verschärft.

Von rund 14,5 Millionen Fulani in Nigeria sollen etwa 30.000 bewaffneten Gruppen angehören. Eine Gleichsetzung der gesamten Bevölkerungsgruppe mit Terrorismus oder Gewaltkriminalität ist daher nicht haltbar.

Einige Milizen finanzieren sich durch Schutzgelder, Viehdiebstahl, Erpressung und Abgaben auf Ernten. Was zunächst als freiwillige Zahlung von Gemeinden zum Schutz vor Angriffen begann, entwickelte sich in mehreren Regionen zu einem erzwungenen System.

Viele Opfer im zentralen und südlicheren Nigeria sind christliche Bauern. Im überwiegend muslimischen Nordwesten richten sich Angriffe dagegen häufig gegen muslimische Hausa-Gemeinschaften.

Religiöse Erklärung greift zu kurz

Christliche Dörfer, Kirchen und Krankenhäuser werden in Nigeria gezielt angegriffen. Boko Haram und ISWAP verwenden zudem jihadistische und antichristliche Rhetorik.

Die Gewalt lässt sich dennoch nicht allein als Konflikt zwischen Muslimen und Christen beschreiben. Auch muslimische Gemeinden und islamische Einrichtungen werden angegriffen. Die meisten Opfer von Boko Haram sind Muslime.

Schwache staatliche Institutionen, Korruption, Armut, Landkonflikte, Ressourcenknappheit und organisierte Kriminalität prägen die Sicherheitslage ebenso wie religiöser Extremismus. Bewaffnete Gruppen breiten sich besonders in Gebieten aus, in denen staatlicher Schutz, Verwaltung und wirtschaftliche Alternativen fehlen.

Nigeria setzt auf Sanktionen und Vermögenssperren

Nigeria verfolgt mutmaßliche Terrorfinanziers, sperrt Vermögen und untersagt Finanztransaktionen. Zu den zuständigen Institutionen gehören die Kommission für Wirtschafts- und Finanzkriminalität, die nigerianische Finanzaufklärungseinheit und das nationale Sanktionskomitee.

Das Sanktionskomitee führt 48 Personen und zwölf Organisationen auf. Die Vorwürfe betreffen überwiegend Geldtransfers und Geldwäsche. Direkte Finanzierungen von Boko Haram oder ISWAP lassen sich nur in wenigen Fällen eindeutig zuordnen. Zahlungen an bewaffnete Fulani-Gruppen sind auf der Liste nicht erkennbar.

Nigeria wurde 2023 wegen Defiziten bei der Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorfinanzierung auf die sogenannte Graue Liste der internationalen Financial Action Task Force gesetzt. Nach der Umsetzung vereinbarter Reformen wurde das Land im Oktober 2025 wieder von der Liste gestrichen. 

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