Die Rebellenallianz AFC/M23 festigt trotz laufender Friedensprozesse ihre Kontrolle über Gebiete im Osten der Demokratischen Republik Kongo und baut dort parallele Verwaltungsstrukturen aus. Der UN-Sicherheitsrat beriet darüber am Freitag, 26. Juni 2026, in New York. Der neue Leiter der UN-Mission MONUSCO, James Swan, warnte vor einer weiterhin „komplexen, volatilen und verheerenden“ Sicherheitslage. Zugleich verschärfen fast 27 Millionen Menschen ohne ausreichende Ernährung, unterfinanzierte Hilfsprogramme und ein Ebola-Ausbruch die Krise.
Swan forderte die Demokratische Republik Kongo, Ruanda und die M23 auf, die Vereinbarungen der Friedensprozesse von Washington und Doha umzusetzen. Die diplomatischen Fortschritte hätten die Gewalt bislang nicht beendet.
„Bleiben Sie auf Kurs zu einem dauerhaften Frieden“, appellierte der UN-Sonderbeauftragte an die Konfliktparteien.
M23 baut parallele Verwaltung aus
Im Osten des Landes dauern die Kämpfe zwischen der Allianz des Kongoflusses und der Bewegung 23. März, kurz AFC/M23, auf der einen sowie der kongolesischen Armee und verbündeten Milizen auf der anderen Seite an. In einzelnen Gebieten kämpfen auch die Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas an der Seite der kongolesischen Kräfte.
Die AFC/M23 wird nach Angaben der Vereinten Nationen von den ruandischen Streitkräften unterstützt. Die Gruppe habe sich zwar teilweise aus einzelnen Orten zurückgezogen, festige jedoch weiterhin ihre Herrschaft in den kontrollierten Gebieten.
„Sie konsolidiert dennoch weiterhin parallele Verwaltungsstrukturen in den von ihr kontrollierten Gebieten“, erklärte Swan vor dem Sicherheitsrat.
Damit schafft die Rebellengruppe eigene politische und administrative Strukturen neben den staatlichen Institutionen der Demokratischen Republik Kongo. Die Regierung in Kinshasa wirft der AFC/M23 vor, besetzte Gebiete dauerhaft ihrer Kontrolle zu entziehen und weitere militärische Vorstöße vorzubereiten.
In Nord- und Süd-Kivu wird weiterhin an mehreren Fronten gekämpft. Auch rund um Rubaya, eines der bedeutendsten Coltan-Abbaugebiete im Osten des Landes, kam es zuletzt zu Auseinandersetzungen.
USA sehen Verstöße auf beiden Seiten

„Unsere Botschaft an die Parteien ist klar: Geben Sie das gefährliche Streben nach einer militärischen Lösung dieses Konflikts auf und bekennen Sie sich vollständig und unverzüglich zu den vereinbarten Friedensrahmen“, sagte der US-Sonderberater für arabische und afrikanische Angelegenheiten, Massad Boulos.
Washington drohte mit weiteren Maßnahmen gegen Akteure, die die Umsetzung der Vereinbarungen behindern. Die USA verwiesen dabei auf bereits verhängte Sanktionen wegen der Unterstützung der M23 und des illegalen Handels mit Mineralien aus dem Ostkongo.
Die Vereinigten Staaten betrachten MONUSCO weiterhin als einen wichtigen Bestandteil der Friedensbemühungen. Die Mission könne Verstöße gegen Waffenruhen dokumentieren, Entwaffnung und Reintegration unterstützen sowie bei der Eindämmung des Ebola-Ausbruchs helfen.
Überwachungsmechanismus soll Waffenruhe prüfen
Ein erweiterter gemeinsamer Überprüfungsmechanismus soll künftig kontrollieren, ob die Konfliktparteien ihre Waffenruhe einhalten. Die Regierung in Kinshasa und die AFC/M23 haben bereits Vertreter für das sogenannte Expanded Joint Verification Mechanism Plus benannt.
Das Instrument entstand im Rahmen des von Katar vermittelten Doha-Prozesses. Die Internationale Konferenz über die Region der Großen Seen soll an der Umsetzung beteiligt werden.
MONUSCO unterstützt den Aufbau des Mechanismus. Swan forderte dessen raschen Einsatz, damit Verstöße unabhängig geprüft und Verantwortlichkeiten festgestellt werden können.

Vertreter Frankreichs, Großbritanniens, Panamas, Bahrains und Kolumbiens unterstützten die schnelle Aufnahme der Überwachung. Pakistan betonte zugleich, dass MONUSCO dafür Bewegungsfreiheit, sicheren Zugang und die Zusammenarbeit aller Konfliktparteien benötige.
„Die Sicherheit der Friedenskräfte ist eine unverzichtbare Voraussetzung für den Erfolg“, erklärte der pakistanische Botschafter Muhammad Usman Iqbal Jadoon.
In von der M23 kontrollierten Gebieten wird die Bewegungsfreiheit der UN-Mission weiterhin eingeschränkt. Auch die Schließung von Banken und des Flughafens in Goma behindert Einsätze und humanitäre Lieferungen.
632 zivile Todesopfer seit März dokumentiert
Die Zivilbevölkerung trägt weiterhin die Hauptlast der Gewalt. MONUSCO dokumentierte seit dem 19. März mindestens 632 Todesfälle infolge bewaffneter Auseinandersetzungen in Nord-Kivu und Ituri.
Hinzu kommen Entführungen, Zwangsrekrutierungen, Hinrichtungen und konfliktbedingte sexualisierte Gewalt. Die UN-Mission verstärkte ihre Patrouillen und richtete zusätzliche mobile Einsatzbasen ein.
Neben der M23 bedrohen weitere bewaffnete Gruppen die Bevölkerung. Die Allied Democratic Forces töteten nach Angaben Swans seit der vorherigen Unterrichtung des Sicherheitsrats mindestens 28 Zivilisten.
Liberia verurteilte im Namen der Demokratischen Republik Kongo und Somalias Angriffe auf Zivilisten, Entführungen und Zwangsrekrutierungen. Es gebe keine militärische Lösung des Konflikts.
Ein möglicher Rückzug von MONUSCO müsse deshalb schrittweise, verantwortungsvoll und an die Sicherheitslage gebunden erfolgen. Die Mission müsse weiterhin Zivilisten schützen, staatliche Institutionen stärken und die Rückkehr staatlicher Autorität unterstützen können.
Kinshasa fordert Rückzug ruandischer Truppen
„Das ist auf höchster Ebene der Vereinten Nationen eine festgestellte Tatsache“, erklärte er.
Die Resolution 2773 des Sicherheitsrats verlangt, dass die M23 ihre Kampfhandlungen beendet und sich die ruandischen Streitkräfte aus dem Gebiet der Demokratischen Republik Kongo zurückziehen. Zugleich soll die Unterstützung anderer bewaffneter Gruppen eingestellt werden.
Frankreich bezeichnete die Souveränität und territoriale Unversehrtheit des Landes als „nicht verhandelbar“. Ein wirksamer Waffenstillstand sei notwendig, um die Bevölkerung zu schützen und den Friedensbemühungen eine Chance zu geben.
China forderte ebenfalls eine sofortige umfassende Waffenruhe und die vollständige Umsetzung der Resolution. Große Staaten außerhalb der Region sollten die kongolesischen Rohstoffe nicht als „Verhandlungsmasse“ behandeln.
Russland erklärte dagegen, die bisherigen diplomatischen Bemühungen hätten noch keine Ergebnisse auf dem Schlachtfeld hervorgebracht. „Diese Waffenruhe funktioniert nicht“, sagte die stellvertretende russische UN-Botschafterin Anna Jewstignejewa.
Rohstoffe finanzieren den Krieg
Die Regierung in Kinshasa verbindet den Konflikt eng mit der illegalen Ausbeutung natürlicher Ressourcen. M23 und verbündete Netzwerke sollen Mineralien aus besetzten Gebieten abtransportieren und über Nachbarstaaten auf internationale Märkte bringen.
„Die im Osten geplünderten Mineralien finanzieren den Krieg“, sagte der kongolesische Vertreter.
Die Region verfügt über große Vorkommen an Coltan, Gold, Zinn und weiteren Rohstoffen, die unter anderem für Elektronik, Batterien und moderne Energietechnik benötigt werden.
Die zunehmende internationale Nachfrage nach kritischen Mineralien verstärkt die wirtschaftliche und geopolitische Bedeutung des Ostkongo. Gleichzeitig erschweren bewaffnete Kontrolle, Schmuggel und intransparente Lieferketten eine legale Nutzung der Vorkommen.
Fast 27 Millionen Menschen ohne ausreichende Ernährung
Neben der militärischen Gewalt verschärft sich die humanitäre Krise. Fast 27 Millionen Menschen im Land gelten als von Ernährungsunsicherheit betroffen. Das entspricht mehr als einem Viertel der Bevölkerung.
Der humanitäre Hilfsplan für 2026 konzentriert sich auf 7,3 Millionen besonders gefährdete Menschen. Dafür werden rund 1,4 Milliarden US-Dollar benötigt. Bislang ist der Plan zu 53,3 Prozent finanziert.
Die Schließung von Banken und Flughäfen sowie Einschränkungen der Bewegungsfreiheit behindern die Versorgung. Hilfsorganisationen erreichen viele Gemeinden nur eingeschränkt.
MONUSCO leidet zugleich unter der Liquiditätskrise der Vereinten Nationen. Sparmaßnahmen haben ihre Kapazitäten in den Bereichen Aufklärung, Überwachung, Frühwarnung, medizinische Versorgung und Beobachtung der Menschenrechtslage reduziert.
Ebola breitet sich in Konfliktgebieten aus
Der Ebola-Ausbruch stellt die bereits überlasteten Gesundheitsstrukturen im Osten der Demokratischen Republik Kongo vor zusätzliche Belastungen. Besonders betroffen sind Ituri, Nord-Kivu und Süd-Kivu.
Der Hauptausbruch liegt nach Angaben Swans in einem aktiven Konfliktgebiet und betrifft auch städtische Räume. Gesundheitseinrichtungen verfügen dort nur über begrenzte personelle und materielle Kapazitäten.
„Die Lage des Hauptausbruchs in einem Gebiet mit aktiven Kämpfen und in städtischen Regionen mit bereits überlasteten Gesundheitsstrukturen birgt erhebliche Risiken einer weiteren Ausbreitung“, warnte der MONUSCO-Leiter.
Vertreter Dänemarks, Griechenlands und Lettlands verwiesen im Sicherheitsrat auf die Verbindung zwischen Unsicherheit, Vertreibung und der Ausbreitung der Krankheit. Eingeschränkter Zugang, Misstrauen gegenüber Behörden sowie Falschinformationen erschwerten die Eindämmung.
MONUSCO unterstützt die Maßnahmen gegen Ebola, während die Mission zugleich ihre Aufgaben beim Schutz von Zivilisten und bei der Stabilisierung der Konfliktgebiete fortführt.
Washington, Doha und Afrikanische Union koordinieren Prozesse
Die Friedensbemühungen laufen auf mehreren diplomatischen Ebenen. Die Demokratische Republik Kongo und Ruanda verhandeln im Rahmen des Washington-Prozesses. Parallel führt Katar Gespräche zwischen der kongolesischen Regierung und der AFC/M23.
Die Afrikanische Union unterstützt einen afrikanisch geführten Prozess unter Leitung des togolesischen Politikers Faure Gnassingbé. Vertreter der verschiedenen Vermittlungsinitiativen trafen sich Anfang Juni in Lomé, um ihre Arbeit enger abzustimmen.
Der gemeinsame Überwachungsausschuss des Washington-Prozesses kam am 24. Juni in London zusammen. Beteiligt waren die Demokratische Republik Kongo, Ruanda, die Vereinigten Staaten, Katar, Togo und die Kommission der Afrikanischen Union.
Die Teilnehmer erörterten die verschlechterte Sicherheits- und Versorgungslage sowie die Umsetzung der bisherigen Verpflichtungen. Kinshasa und Kigali informierten über ihre jeweiligen Schritte im Rahmen des Abkommens.
Swan forderte alle Beteiligten auf, bereits unterzeichnete Protokolle umzusetzen und offene Fragen, darunter humanitäre Vereinbarungen, weiterzuverhandeln.

