Die Vereinten Nationen warnen vor einer neuen Zuspitzung der Gewalt im Südsudan, während die UN-Friedensmission UNMISS wegen Finanzkürzungen deutlich eingeschränkt arbeitet. Im Sicherheitsrat schilderten UN-Vertreter eine wachsende Zahl von Toten, Vertreibungen und Angriffen auf Zivilisten, besonders im Bundesstaat Jonglei. Die Warnung ist auch deshalb brisant, weil das Mandat der Mission Ende April verlängert werden muss und mehrere Staaten UNMISS trotz knapper Mittel weiter für unverzichtbar halten. Für die Zivilbevölkerung steht viel auf dem Spiel, weil Schutz, humanitärer Zugang und politische Vermittlung zugleich unter Druck geraten.
Am Freitag befasste sich der UN-Sicherheitsrat in New York mit der Lage im Südsudan und der Zukunft von UNMISS. Es war der erste Bericht von Anita Kiki Gbeho als neue Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs und Leiterin der Mission seit ihrer Ernennung am 11. April.
Gewalt nimmt zu, Zivilisten zahlen den Preis
Gbeho zeichnete vor dem Sicherheitsrat ein Bild einer deutlich verschärften Sicherheitslage. Die Kämpfe zwischen den Regierungstruppen des Südsudan und der Sudan People’s Liberation Movement beziehungsweise Army in Opposition hätten sich vor allem in Jonglei intensiviert. Zugleich halte interkommunale Gewalt in anderen Teilen des Landes an.

Die neue Missionschefin sagte, Zivilisten trügen weiterhin die Hauptlast der Gewalt. Nach UN-Angaben stieg die Zahl der Todesopfer und Verletzten im Jahr 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent. In mehreren Landesteilen spielen dabei nicht nur Gefechte zwischen bewaffneten Akteuren eine Rolle, sondern auch Viehdiebstähle, Landkonflikte und Vergeltungsangriffe.
Besonders alarmierend äußerte sich auch das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte. Im Bundesstaat Jonglei seien bei Straßenarbeiten Leichen entdeckt worden. Die UN-Menschenrechtskommission für den Südsudan warnte deshalb, die tatsächlichen menschlichen Kosten der jüngsten Gewalt könnten deutlich höher sein als bislang bekannt.
UNMISS verliert bis zu 30 Prozent ihrer Einsatzfähigkeit
Parallel zur Eskalation der Gewalt ist UNMISS nach Angaben der Mission durch Haushaltskürzungen spürbar geschwächt worden. Gbeho sagte dem Sicherheitsrat, die operative Kapazität sei infolge eines Notfallplans um 25 bis 30 Prozent reduziert worden.
Das hat direkte Folgen für die Arbeit der Mission. Zwar konnten Blauhelme nach gewaltsamen Vorfällen in Akobo und Abiemnhom noch Zivilisten schützen. Eine dauerhafte Präsenz an solchen Orten sei unter den aktuellen Finanzbedingungen jedoch nicht tragfähig, machte Gbeho deutlich.
Auch andere Kernbereiche sind betroffen. Wegen geringerer Mittel kann UNMISS weniger Minen und explosive Überreste räumen, während zugleich Patrouillen und die Sicherung von Standorten weiterlaufen müssen. In Hochrisikogebieten wie Jonglei verzögert das nach UN-Angaben die Reaktion auf humanitäre Hilfsgesuche. Hinzu kommt, dass die Mission weniger Kontakt zu lokalen Behörden, traditionellen Autoritäten und Gemeinden halten kann. Das schwächt Frühwarnsysteme, Vertrauensbildung und die Sichtbarkeit der Mission vor Ort.
Gbeho formulierte das Dilemma offen. „Das Ausmaß und die Dringlichkeit der Bedürfnisse vor Ort entsprechen bisher nicht dem nachhaltigen Engagement und den Investitionen, die notwendig wären, um das gemeinsame Ziel eines dauerhaften Friedenswegs zu erreichen.“
Humanitäre Lage verschärft sich weiter
Auch UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher schilderte die Lage im Sicherheitsrat in drastischen Worten. Der Südsudan stehe „an einem gefährlichen Scheideweg“, sagte er. In diesem Jahr seien rund zwei Drittel der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen, während der humanitäre Plan der UN über 1,46 Milliarden Dollar bislang nur zu 22 Prozent finanziert sei.

Fletcher berichtete von seinem Besuch in Jonglei, wo ihm Frauen von extremer Gewalt erzählt hätten. Ihre Häuser seien niedergebrannt worden, Menschen seien „wie Ziegen abgeschlachtet“ worden. Seit Dezember 2025 seien durch die erneuten Kämpfe in Jonglei mehr als 250.000 Menschen innerhalb des Landes vertrieben worden. Weitere 110.000 Menschen seien nach Äthiopien geflohen.
Nach Daten der Weltgesundheitsorganisation haben in Jonglei 1,35 Millionen Menschen den Zugang zu medizinischer Versorgung verloren, nachdem 26 Gesundheitseinrichtungen zerstört wurden oder schließen mussten. Zugleich breiten sich Cholera und Masern weiter aus. Für die kommende Hungerperiode von April bis Juli werden in allen zehn Bundesstaaten des Landes Notlagen bei der Ernährungssicherheit erwartet. Mehr als 7,5 Millionen Menschen sollen in diesem Jahr Nahrungsmittelhilfe benötigen.
Sicherheitsrat ringt um Auftrag und Mittel der Mission
Mehrere Mitglieder des Sicherheitsrats bezeichneten UNMISS trotz der Einschränkungen als unverzichtbar. China warnte, jede Schwächung des Mandats würde Frieden und regionale Stabilität untergraben. Pakistan nannte die Mission mit Blick auf die für Dezember geplanten Wahlen „unverzichtbar“. Liberia drängte darauf, den Auftrag klar auf den Schutz von Zivilisten, humanitären Zugang und die Umsetzung des Friedensabkommens zu konzentrieren. Die Demokratische Republik Kongo, die auch für Liberia und Somalia sprach, forderte, die Finanzierung müsse der Bedrohungslage angepasst werden.

Aus den Vereinigten Staaten kamen zugleich Forderungen nach enger gesetzten Prioritäten. Washington sprach sich für ein realistischeres und umsetzbares Mandat aus, das sich auf den Schutz von Zivilisten, humanitäre Hilfe, Menschenrechtsberichte und Rechenschaftspflicht konzentriert.
Der britische Vertreter erklärte, die „einzige Lösung“ für die Krise sei ein sofortiger Stopp der Kämpfe und eine Rückkehr zu einem inklusiven Dialog mit allen Beteiligten. Dazu müsse auch die Sudan People’s Liberation Army in Opposition des Ersten Vizepräsidenten Riek Machar gehören.
Regierung weist Vorwürfe gegen Juba zurück
Der Vertreter des Südsudan, Sabino Edward Nyawella Amaikwey, widersprach im Sicherheitsrat dem Eindruck, seine Regierung behindere systematisch die UN-Mission. „Es gibt keine Politik, die Arbeit von UNMISS zu behindern“, sagte er. Die Regierung sei zum Schutz der eigenen Bevölkerung verpflichtet und entschlossen, in allen Teilen des Landes wieder Stabilität herzustellen.
Zugleich wies er Empfehlungen des Generalsekretärs zurück, die aus Sicht Jubas über den Kernauftrag von UNMISS hinausgingen. Fragen der Regierungsführung und nationalen Politik seien Sache des souveränen Staates und würden durch innerstaatlichen Dialog geregelt.
Eigensinniger Präsident verschärft die Krise

Hintergrund der Debatte ist eine zunehmend fragile politische Lage. Nach dem jüngsten Bericht des UN-Generalsekretärs wird die Landschaft des Landes unter anderem durch einseitige Entscheidungen von Präsident Salva Kiir belastet. Dazu zählen Absetzungen von Amtsträgern ohne vorherige Konsultation, was nach UN-Darstellung gegen das revitalisierte Friedensabkommen von 2018 verstößt.
Gleichzeitig wächst die Unsicherheit rund um die für Dezember 2026 geplanten Wahlen. Finanzielle Engpässe und politische Verzögerungen bremsen den Übergangsprozess. Die Nationale Wahlkommission hatte nach UN-Angaben bis zum 11. März erst vier Prozent ihres beantragten Budgets erhalten.
Auch das Friedensabkommen selbst wirkt zunehmend ausgehöhlt. Der Bericht des Generalsekretärs verweist auf politische Zersplitterung, schärfere Rhetorik und eine wachsende militärische Eskalation. Währenddessen dokumentierte UNMISS im Berichtszeitraum 139 Vorfälle mit schweren Verstößen gegen Menschenrechte und humanitäres Völkerrecht, von denen 1.063 Zivilisten betroffen waren, darunter 639 Todesopfer. Hinzu kamen 34 Fälle konfliktbezogener sexueller Gewalt mit 64 Überlebenden.
Entscheidung über UNMISS steht bis Ende April an
Der Sicherheitsrat muss nun über die Verlängerung des UNMISS-Mandats entscheiden, das am 30. April ausläuft. In der Debatte wurde deutlich, dass die Mission weiterhin als zentraler Stabilisierungsfaktor gesehen wird, ihre Handlungsmöglichkeiten aber bereits jetzt durch Geldmangel, Sicherheitsrisiken und politischen Widerstand enger geworden sind.

