Wadephul sucht die Konfrontation mit Lawrow – und prägt so Deutschlands UN-Woche

Deutschlands UN-Woche verlief zunächst entlang bekannter Linien. Dann suchte Johann Wadephul überraschend das direkte Gespräch mit Sergej Lawrow – und konfrontierte Russland persönlich mit den deutschen Vorwürfen.

Außenminister Johann Wadephul hat Deutschlands Auftritt bei der UN-Generalversammlung mit einem überraschenden direkten Gespräch mit Russlands Außenminister Sergej Lawrow abgeschlossen. Am Samstag trafen sich beide in New York erstmals seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf Außenministerebene zu einem bilateralen Gespräch. Wadephul forderte Moskau zur Deeskalation gegenüber Deutschland und Europa auf und konfrontierte Lawrow mit deutschen Vorwürfen zu russischen hybriden Angriffen. Eine Annäherung blieb aus, doch ausgerechnet die offene Konfrontation mit Moskau setzte am Ende den stärksten deutschen Akzent einer Woche, in der Berlin zuvor vor allem bekannte Positionen vertreten hatte.

Wadephul hatte die deutsche Delegation bei der 81. UN-Generalversammlung angeführt, während Bundeskanzler Friedrich Merz nicht nach New York reiste. Neben dem Außenminister vertraten Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan und Umweltminister Carsten Schneider die Bundesregierung während der High Level Week. Die Bundesregierung hatte bereits vor Beginn der Reise betont, Deutschland sei damit hochrangig vertreten.

Deutschland setzt zunächst auf UN-Reform und künstliche Intelligenz

In den ersten Tagen bewegte sich die deutsche Diplomatie weitgehend entlang bereits etablierter außenpolitischer Linien. Gemeinsam mit Brasilien, Indien und Japan bekräftigte Wadephul im Kreis der G4 die Forderung nach einer Reform des UN-Sicherheitsrats. Die vier Staaten verlangten eine Erweiterung sowohl der ständigen als auch der nichtständigen Sitze und sprachen sich ausdrücklich für eine stärkere Vertretung Afrikas aus.

Gemeinsam mit Ghana und Singapur organisierte Deutschland zudem eine Ministerrunde zur Zukunft der Vereinten Nationen. Dabei ging es um effizientere Strukturen, die Rolle der nächsten UN-Spitze und eine Organisation, die stärker zur Lösung von Konflikten beitragen soll.

Auch in seiner Rede vor der Generalversammlung stellte Wadephul die Reform internationaler Institutionen ins Zentrum. Einen eigenen Schwerpunkt setzte er bei künstlicher Intelligenz. Deutschland forderte gemeinsame Sicherheitsanforderungen für besonders leistungsfähige KI-Modelle. Anbieter sollten solche Systeme vor ihrer Veröffentlichung testen und schwere Sicherheitsmängel melden.

Wadephul verband die technologische Frage mit einem größeren deutschen Argument über internationale Macht. Unternehmen mit dem größten Anteil der weltweiten KI-Patente seien in lediglich zwei großen Staaten konzentriert. „Wenn Macht global wird, muss auch die Verantwortung global werden“, sagte der Außenminister.

Außenpolitisch blieben die deutschen Positionen dagegen zunächst vertraut. Wadephul stellte sich hinter die Ukraine, verlangte Verhandlungen von Russland und warb für eine Reform des Sicherheitsrats. Im UN-Sicherheitsrat hatte er bereits einen sofortigen Waffenstillstand, einen umfassenden Gefangenenaustausch und eine Rückkehr an den Verhandlungstisch gefordert.

Das Treffen mit Lawrow verändert den deutschen Auftritt

Erst am Ende der Woche kam es zu einer Begegnung, die über die üblichen multilateralen Formate hinausging. Wadephul traf Lawrow zu einem gut 20-minütigen Gespräch. Es war das erste bilaterale Treffen der Außenminister Deutschlands und Russlands seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine 2022.

Die Initiative ging nach russischer Darstellung von Deutschland aus. Wadephul erklärte anschließend, Vertreter mehrerer Staaten hätten ihm zuvor signalisiert, dass Moskau zu einem Gespräch bereit sei. Daraufhin habe er die Gelegenheit genutzt. „Mit Freunden muss man nicht verhandeln, mit Gegnern muss man verhandeln“, sagte Wadephul später in den Tagesthemen.

Damit verband Berlin Gesprächsbereitschaft mit einer direkten Konfrontation. Wadephul forderte Russland auf, seinen aus deutscher Sicht gefährlichen Eskalationskurs gegenüber Deutschland, Europa und der NATO zu beenden. Auch die deutschen Vorwürfe zu hybriden russischen Operationen brachte er zur Sprache.

Bereits drei Tage zuvor hatte Wadephul im Sicherheitsrat erklärt, Russlands hybride Angriffe gegen Unterstützer der Ukraine hätten ein neues Ausmaß erreicht. Als Beispiel nannte er den mutmaßlichen Versuch vom 4. August, am Flughafen Leipzig zwei Frachtflugzeuge mit einer sprengstoffbestückten Drohne zur Explosion zu bringen.

Lawrow antwortet mit Angriffen auf Deutschland

Moskau wies Wadephuls Forderungen zurück. Das russische Außenministerium erklärte zunächst knapp, beide Seiten hätten über die bilateralen Beziehungen und die Ukraine gesprochen. Wadephul habe dabei die bereits bekannten Positionen der Bundesregierung wiederholt.

Lawrow verschärfte den Ton anschließend öffentlich. Wadephul habe kurzfristig um das Gespräch gebeten und anschließend lediglich deutsche Positionen vorgetragen, die Moskau bereits kenne. „Es gab für mich nichts Neues zu hören“, erklärte der russische Außenminister sinngemäß vor Journalisten.

Zugleich griff er Deutschland wegen seiner Ukraine-Politik an und bestritt die deutschen Vorwürfe zu russischen hybriden Operationen. Eine Einigung über die von Wadephul angesprochene Sicherheit der Schifffahrt im Schwarzen Meer wurde ebenfalls nicht erreicht.

Die Konfrontation hatte bereits kurz vor dem Treffen die UN-Generalversammlung erreicht. In seiner Rede hatte Lawrow Deutschland und anderen europäischen Staaten „Russophobie“ vorgeworfen und sich ausdrücklich gegen einen zusätzlichen deutschen Sitz im Sicherheitsrat ausgesprochen. Russland unterstütze zusätzliche Sitze für Afrika, Asien und Lateinamerika, nicht jedoch für Deutschland oder Japan.

Damit prallten in New York zwei gegensätzliche Vorstellungen von UN-Reform unmittelbar aufeinander. Deutschland wirbt gemeinsam mit Brasilien, Indien und Japan für eine Erweiterung des Sicherheitsrats und unterstützt zugleich eine stärkere afrikanische Repräsentation. Russland unterstützt zusätzliche Sitze für Staaten aus Afrika, Asien und Lateinamerika, lehnt einen deutschen ständigen Sitz aber ausdrücklich ab.

Wadephul verbindet Gesprächsbereitschaft mit Abschreckung

Das Treffen produzierte keinen diplomatischen Durchbruch. Wadephul erklärte anschließend selbst, in zentralen Fragen bestehe weiterhin keine Übereinstimmung. Russland zeige derzeit keine Bereitschaft zu einer konstruktiven Verhandlungsposition.

Gerade darin unterschied sich die Begegnung jedoch von einem großen Teil des deutschen Programms während der Generalversammlung. Berlin hatte die Woche mit dem Anspruch begonnen, die „beklemmende Sprachlosigkeit“ zwischen Konfliktparteien zu überwinden. Mit dem Gespräch mit Lawrow wurde dieser Anspruch erstmals unmittelbar gegenüber Moskau umgesetzt.

Dabei rückte Wadephul nicht von der bisherigen deutschen Linie ab. In seiner Rede vor der Generalversammlung bezeichnete er Deutschland als größten Unterstützer der Ukraine bei deren Verteidigung gegen die russische Aggression und rief die UN-Mitgliedstaaten auf, Moskau gemeinsam zu Verhandlungen zu bewegen. „Über die Zukunft wird am Verhandlungstisch entschieden und nicht durch das Töten von Menschen in Städten und Dörfern“, sagte er.

Das Gespräch mit Lawrow fügte dieser Position eine zweite Ebene hinzu: Deutschland beschränkte sich nicht darauf, Russland vor dem Sicherheitsrat und der Generalversammlung öffentlich zu kritisieren, sondern trug dieselben Forderungen unmittelbar an den russischen Außenminister heran.

Lawrows demonstrative Zurückweisung zeigte zugleich die Grenzen dieses Ansatzes. Das erste bilaterale Außenministertreffen seit dem russischen Großangriff endete ohne Annäherung, ohne gemeinsame Erklärung und ohne erkennbare Vereinbarung. Der direkte diplomatische Kanal zwischen Berlin und Moskau war für gut 20 Minuten wieder geöffnet.

Verwandte Beiträge
Mehr lesen

Bundestag nimmt Südafrikas Rüstungsindustrie in den Blick

Bundestag nimmt Südafrikas Rüstungsindustrie in den Blick Eine Delegation des Haushaltsausschusses des Bundestages reist nach Südafrika und setzt dabei einen Schwerpunkt auf Verteidigungsindustrie, Sicherheitspolitik und bestehende industrielle Kooperationen. Die Reise ist vom 28. September bis 2. Oktober 2026 geplant. In Pretoria, Kapstadt und Stellenbosch sind Gespräche mit Regierung, Parlament, Militär und Wirtschaft sowie Besuche bei internationalen Rüstungsunternehmen vorgesehen. Südafrika ist zugleich Deutschlands wichtigster Handelspartner in Afrika und ein zentraler politischer Partner südlich der Sahara. Gespräche mit Finanz- und Verteidigungsministerium Die vierköpfige Delegation wird von Andreas Mattfeldt von der CDU/CSU geführt. Ihr gehören außerdem Thomas Ladzinski von der AfD, Andreas Schwarz von der SPD und Sebastian Schäfer von Bündnis 90/Die Grünen an. Erste Station ist Pretoria. Dort wollen die Abgeordneten mit Vertretern des südafrikanischen Finanz- und Verteidigungsministeriums über die wirtschaftliche und finanzpolitische Lage des Landes sowie aktuelle Sicherheits- und Verteidigungsfragen sprechen. Auch geldpolitische Themen stehen auf dem Programm. Damit verbindet die Reise die klassischen Aufgaben des Haushaltsausschusses mit Fragen der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit. Der Ausschuss ist im Bundestag für die Kontrolle der Einnahmen und Ausgaben des Bundes zuständig. Die Reise fällt zugleich in die laufenden Beratungen über den Bundeshaushalt 2027. Der Etat des Bundesverteidigungsministeriums soll am 8. Oktober im Haushaltsausschuss beraten werden. Unternehmen und Rüstungsindustrie auf der Agenda Einen auffälligen Schwerpunkt bildet die südafrikanische Verteidigungsindustrie. Die Bundestagsdelegation will sich bei mehreren Unternehmen über deren Strukturen und über bestehende industrielle und technologische Kooperationen informieren. Welche Firmen besucht werden, teilte der Bundestag zunächst nicht mit. In Kapstadt stehen Gespräche mit dem für Verteidigung und Militärangelegenheiten zuständigen Ausschuss des südafrikanischen Parlaments sowie Treffen mit Vertretern aus Politik, Militär und Wirtschaft auf dem Programm. Geplant sind außerdem Besuche bei internationalen Rüstungsunternehmen. In Stellenbosch informiert sich die Delegation an der Military Academy der Universität Stellenbosch über die sicherheits- und verteidigungspolitischen Strukturen Südafrikas. Die Reise dient damit nicht allein der parlamentarischen Haushaltskontrolle. Sie führt die Abgeordneten gezielt zu Akteuren der südafrikanischen Sicherheits- und Verteidigungsarchitektur sowie zu Unternehmen, die Teil industrieller Kooperationen sein können. Südafrika ist Deutschlands wichtigster Wirtschaftspartner in Afrika Die Gespräche finden vor dem Hintergrund enger Wirtschaftsbeziehungen statt. Deutschland bezeichnet Südafrika als seinen wichtigsten Partner in Afrika südlich der Sahara. Das bilaterale Handelsvolumen liegt bei mehr als 20 Milliarden Euro. Für Südafrika ist Deutschland der zweitwichtigste bilaterale Handelspartner. Mehr als 600 deutsche Unternehmen sind nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Südafrika aktiv. Die deutschen Direktinvestitionen lagen 2023 bei knapp acht Milliarden Euro. Deutsche Unternehmen beschäftigen dort rund 100.000 Menschen unmittelbar und schaffen nach Schätzung des Auswärtigen Amtes eine ähnlich große Zahl indirekter Arbeitsplätze. Beide Staaten verfügen zudem seit 1996 über eine Binationale Kommission als festen Rahmen ihrer Zusammenarbeit. Bei deren jüngster Sitzung im April 2026 berieten Außenminister Ronald Lamola und Johann Wadephul neben wirtschaftlichen Themen auch über Frieden und Sicherheit in Afrika, Europa und dem Nahen Osten. Sicherheitspolitik gewinnt in den Beziehungen an Gewicht Auch bei der deutschen Außenpolitik gegenüber Südafrika hat das Thema Sicherheit zuletzt an Bedeutung gewonnen. Außenminister Wadephul reiste im Juli nach Südafrika. Das Auswärtige Amt stellte die Reise in einen größeren Zusammenhang engerer europäisch-afrikanischer Zusammenarbeit in politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Fragen. Die Reise des Haushaltsausschusses vertieft diese Kontakte nun auf parlamentarischer Ebene. Neben der wirtschaftlichen Lage und der Finanzpolitik rücken insbesondere die Verteidigungsindustrie, militärische Strukturen und technologische Kooperationen in den Fokus der Gespräche zwischen deutschen und südafrikanischen Akteuren.
Total
0
Share