Die USA und die Afrikanische Union treiben ihren neuen Infrastruktur- und Investitionspakt mit ersten konkreten Projekten in Mosambik, Namibia und der Demokratischen Republik Kongo voran. Rund sieben Monate nach dem Start der gemeinsamen Arbeitsgruppe nimmt damit ein Vorhaben Gestalt an, das amerikanisches Privatkapital gezielt in afrikanische Verkehrs-, Energie- und Digitalinfrastruktur lenken soll. Auf der ersten Projektliste stehen unter anderem der Ausbau des Hafens von Nacala, ein Wasserstoffzentrum in Walvis Bay und das seit Jahrzehnten geplante Inga-Wasserkraftprojekt. Das Institute for Security Studies sieht darin zugleich einen Test, ob die Afrikanische Union bei einer zunehmend kommerziell ausgerichteten US-Afrika-Politik tatsächlich eigene Prioritäten durchsetzen kann.
Die Strategic Infrastructure and Investment Working Group, kurz SIWG, war Ende Januar von AU-Kommissionschef Mahmoud Ali Youssouf und dem stellvertretenden US-Außenminister Christopher Landau vereinbart worden. Washington und die AU wollen damit amerikanische Finanzierungsmöglichkeiten und privates Kapital mit afrikanischen Infrastrukturplänen verbinden.
Die Initiative folgt ausdrücklich der Agenda 2063 der Afrikanischen Union, dem kontinentalen Infrastrukturprogramm PIDA und der Afrikanischen Freihandelszone AfCFTA. Die gemeinsame Erklärung vom Januar nennt Transportkorridore, Energienetze, kritische Rohstoffe, digitale Infrastruktur und bessere Handelsverbindungen als zentrale Felder.
Nacala, Walvis Bay und Inga auf der ersten Liste
Nach Recherchen des Institute for Security Studies haben beide Seiten die zunächst bewusst kleine Auswahl erster Vorhaben inzwischen festgelegt.
Dazu gehören der Ausbau eines Anlegers und des Hafens von Nacala in Mosambik sowie ein weiteres Petroleum-Terminal im Land. In Namibia soll der integrierte Wasserstoff-Hub von Walvis Bay unterstützt werden. In der Demokratischen Republik Kongo gehört das seit langem geplante Inga-Wasserkraftprojekt zur Auswahl. Hinzu kommt ein Rechenzentrum, dessen Standort in der Veröffentlichung nicht genannt wird.
Bis auf das Rechenzentrum stammen die Projekte aus dem bestehenden Infrastrukturprogramm PIDA der Afrikanischen Union. Damit greift die Zusammenarbeit überwiegend auf Vorhaben zurück, die afrikanische Staaten und Institutionen bereits selbst als Prioritäten festgelegt haben.
Gerade Nacala und Walvis Bay stehen für den Korridoransatz der AU. Häfen, Straßen, Schienenwege, Energieversorgung und digitale Netze sollen nicht isoliert geplant werden, sondern grenzüberschreitende Wirtschafts- und Handelsräume schaffen.
Afrika fehlen jährlich bis zu 108 Milliarden Dollar für Infrastruktur
Der Kapitalbedarf ist erheblich. Afrikas jährliche Finanzierungslücke bei Infrastruktur wird auf 68 bis 108 Milliarden US-Dollar geschätzt.
PIDA umfasst in seiner derzeitigen Phase 69 prioritäre Projekte. In der ersten Dekade des Programms wurden nach Angaben des ISS rund 82 Milliarden Dollar mobilisiert und damit mehr als das ursprüngliche Ziel von 68 Milliarden.
Für die zweite Phase werden jedoch rund 161 Milliarden Dollar benötigt. Privates Kapital floss bislang deutlich zurückhaltender als erhofft. Einen erheblichen Teil der Finanzierung mussten deshalb afrikanische Staaten selbst übernehmen, häufig über zusätzliche Verschuldung.
Genau hier setzt die neue amerikanisch-afrikanische Konstruktion an: Nicht neue Entwicklungshilfe soll die Lücke schließen, sondern privates Kapital, Kredite, Garantien und andere Finanzierungsinstrumente.
Washington baut eigene Investitionsstruktur auf
Auf amerikanischer Seite koordiniert das Afrika-Büro des Außenministeriums die Initiative mit der US International Development Finance Corporation und der Export-Import Bank der Vereinigten Staaten. Nach Angaben des ISS wird außerdem eine ressortübergreifende Struktur aufgebaut, an der auch amerikanische Unternehmen beteiligt werden sollen.

Die AU-Kommission organisiert ihre Arbeit direkt unter dem Vorsitz von Mahmoud Ali Youssouf. Beteiligt sind insbesondere die Bereiche Infrastruktur und Energie sowie Wirtschaftsentwicklung, Handel, Industrie und Bergbau. Die AU-Entwicklungsagentur soll die technische Umsetzung der PIDA-Projekte übernehmen.
Für die AU ist diese Konstruktion ungewöhnlich. Das ISS bezeichnet SIWG als erste große kommerzielle Partnerschaft der Kommission mit einer Weltmacht, bei der privates Kapital unmittelbar eine tragende Rolle spielt.
Die Grenzen der AU-Strukturen bleiben dabei bestehen. Die Kommission kann politische Prioritäten setzen und Staaten zusammenbringen, sie kann Großprojekte in den Mitgliedsländern aber nicht wie eine nationale Regierung selbst durchsetzen.
Mitgliedstaaten müssen den Projekten folgen
Die ausgewählten Vorhaben reichen teilweise über nationale Grenzen hinaus oder beeinflussen regionale Korridore. Ohne die Regierungen der beteiligten Staaten lassen sie sich deshalb nicht beschleunigen.
Das ISS sieht darin eine mögliche neue Rolle der AU-Kommission: Staaten, die grenzüberschreitende Vorschriften harmonisieren oder Reformen entlang der Korridore schneller umsetzen, könnten bevorzugten Zugang zu Finanzierung und technischer Unterstützung erhalten.
Damit könnte die Kommission erstmals wirtschaftliche Anreize stärker mit Zielen wie regionaler Integration und der Afrikanischen Freihandelszone verknüpfen.
Das setzt allerdings voraus, dass Mitgliedstaaten, regionale Organisationen und betroffene Gemeinden hinter den Projekten stehen. Gerade größere Verkehrs-, Energie- und Rohstoffvorhaben berühren Landrechte, lokale Wirtschaftsinteressen und Lebensgrundlagen.
Afrikanisches Kapital soll ebenfalls eingebunden werden
Eine zweite offene Frage betrifft die Rolle afrikanischer Unternehmen und Finanzinstitutionen. Bisher steht vor allem die Mobilisierung amerikanischen Privatkapitals im Vordergrund.
Das ISS plädiert dafür, auch afrikanische Unternehmen sowie Institutionen wie die Afrikanische Entwicklungsbank, Afreximbank, Africa Finance Corporation und Africa50 systematisch einzubeziehen. Sie könnten gemeinsam mit amerikanischen Partnern investieren und Risiken abfedern.
Damit würde die Finanzierung nicht ausschließlich von Washington und US-Unternehmen abhängen.
Die Frage nach afrikanischer Kontrolle geht damit über die Auswahl einzelner Projekte hinaus. Entscheidend ist, wer Kapital bereitstellt, Risiken trägt, Verträge gestaltet und bestimmt, welche Infrastruktur tatsächlich gebaut wird.
US-Investoren bleiben vorsichtig
Auch auf amerikanischer Seite bestehen Hürden. Private Investoren reagieren auf Projekte in Afrika weiterhin zurückhaltend, besonders wenn Rechtsstaatlichkeit, Vertragsbeständigkeit oder politische Risiken als unsicher gelten.
Das betrifft selbst strategisch begehrte Bereiche wie kritische Mineralien.
Washington versucht deshalb, Investitionen stärker abzusichern. Das ISS verweist auf ein neues US-Africa Strategic Investment Program mit einem Volumen von 500 Millionen Dollar. Zuschüsse von bis zu 50 Millionen Dollar sollen helfen, Risiken privater Vorhaben zu reduzieren.
Damit konkurrieren die USA zugleich mit chinesischen und türkischen Unternehmen, deren staatlich gestützte Finanzierungsmodelle häufig schnellere Entscheidungen und eine höhere Risikobereitschaft erlauben.
Washington setzt stärker auf Geschäft statt Entwicklungshilfe
Die SIWG steht für einen breiteren Umbau der amerikanischen Afrikapolitik. Washington spricht in der gemeinsamen Erklärung ausdrücklich von „dauerhaften, profitablen Investitionen“ anstelle klassischer Auslandshilfe.
Die im März veröffentlichte Analyse des indischen Thinktanks Observer Research Foundation beschreibt die Entwicklung als Wechsel von einem Hilfsmodell hin zu einem stärker transaktionalen Investitionsansatz. Infrastruktur, Rohstoffketten und private Geschäfte treten stärker in den Vordergrund.
Dabei überschneiden sich afrikanische und amerikanische Interessen, sind aber nicht identisch. Verkehrs- und Energienetze können den innerafrikanischen Handel stärken. Kritische Rohstoffe und sichere Lieferketten dienen zugleich strategischen und industriellen Interessen der Vereinigten Staaten.
Das offizielle Mandat der Arbeitsgruppe umfasst deshalb ausdrücklich beide Seiten: Arbeitsplätze, Wohlstand und wirtschaftliche Sicherheit in den USA ebenso wie in Afrika.

