UNHCR: Weniger Vertriebene weltweit – doch 118 Millionen Menschen bleiben auf der Flucht

118 Millionen Menschen bleiben weltweit auf der Flucht. Der neue UNHCR-Bericht zeigt zwar einen Rückgang – doch viele Menschen kehrten nicht in Sicherheit zurück, sondern in weiterhin von Konflikten geprägte Länder wie Sudan oder die Demokratische Republik Kongo.

Die Zahl der weltweit Vertriebenen ist laut UNHCR erstmals seit zehn Jahren gesunken, bleibt aber mit knapp 118 Millionen Menschen auf einem sehr hohen Niveau. Der jährliche Weltflüchtlingsbericht wurde in Genf vorgestellt. Der Rückgang bedeutet dabei nicht zwangsläufig eine Entspannung der Lage: Viele Menschen kehrten in Länder zurück, die weiterhin von Konflikten, Unsicherheit und zerstörter Infrastruktur geprägt sind.

Ende 2025 waren nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen 117,8 Millionen Menschen durch Verfolgung, Krieg, Gewalt, Menschenrechtsverletzungen oder schwere öffentliche Unruhen vertrieben. Das waren 5,4 Millionen weniger als Ende 2024, ein Rückgang um vier Prozent. Weltweit war damit etwa jeder siebzigste Mensch auf der Flucht.

Rückgang durch Rückkehr in fragile Länder

Der Rückgang geht vor allem auf eine starke Zunahme von Rückkehrbewegungen zurück. UNHCR registrierte 2025 insgesamt 14,7 Millionen Rückkehrerinnen und Rückkehrer unter Flüchtlingen und Binnenvertriebenen. Viele dieser Bewegungen erfolgten jedoch nicht in stabile Verhältnisse.

Besonders Afghanistan, die Demokratische Republik Kongo, Sudan und Syrien prägten die Entwicklung. UNHCR weist darauf hin, dass zahlreiche Menschen in Regionen zurückkehrten, in denen weiterhin Gewalt herrscht oder grundlegende Versorgung fehlt. Der statistische Rückgang der Vertriebenenzahlen steht damit in einem Spannungsverhältnis zur tatsächlichen Lage vieler Betroffener.

Fast 4,4 Millionen Flüchtlinge kehrten 2025 in ihre Herkunftsländer zurück. Mehr als 90 Prozent dieser Rückkehrbewegungen entfielen auf Afghanistan, Syrien und Sudan. Zusätzlich wurden 10,3 Millionen Rückkehrerinnen und Rückkehrer unter Binnenvertriebenen registriert.

Sudan und Kongo prägen afrikanische Fluchtdynamik

Afrika bleibt stark von Vertreibung betroffen. In der Demokratischen Republik Kongo wurden 2025 rund 3,9 Millionen Menschen neu innerhalb des Landes vertrieben. Zugleich kehrten fast 3,6 Millionen Binnenvertriebene zurück. Viele dieser Rückkehrbewegungen standen im Zusammenhang mit der Schließung von Vertriebenensiedlungen rund um Goma und Nyiragongo nach der Machtübernahme lokaler De-facto-Autoritäten.

Trotz der hohen Zahl an Rückkehrern blieben Ende 2025 in der Demokratischen Republik Kongo 5,7 Millionen Menschen innerhalb des Landes vertrieben. Die Sicherheitslage im Osten verschlechterte sich weiter, insbesondere in Nord- und Südkivu. Die Friedensabkommen von Washington und Doha haben sich bislang kaum in einer spürbaren Verbesserung für die Zivilbevölkerung niedergeschlagen.

Auch Sudan bleibt eine der größten Fluchtkrisen weltweit. Die Zahl der Binnenvertriebenen sank zwar von 11,6 Millionen Ende 2024 auf 9,1 Millionen Ende 2025. Der Rückgang hängt jedoch vor allem mit Rückkehrbewegungen nach Khartum und in östliche Landesteile zusammen, während die Kämpfe andernorts weitergingen. Allein durch die Eskalation in Nord-Darfur wurden 2025 erneut rund 492.400 Menschen vertrieben.

Flucht findet meist in der Nachbarschaft statt

UNHCR betont, dass die meisten Flüchtlinge nicht in weit entfernte Industriestaaten gehen. Rund 65 Prozent der Flüchtlinge und anderer Menschen mit internationalem Schutzbedarf lebten Ende 2025 in Nachbarländern ihrer Herkunftsstaaten. Niedrig- und Mitteleinkommensländer beherbergten 68 Prozent dieser Gruppe.

Zu den sechs größten Aufnahmeländern weltweit zählen zwei afrikanische Staaten. Uganda beherbergte 2,7 Millionen Flüchtlinge und andere Schutzbedürftige, Tschad 1,5 Millionen. Beide Länder tragen damit eine große Last in Regionen, die selbst von Armut, Unsicherheit und knappen Ressourcen geprägt sind.

Insgesamt waren Ende 2025 nach UNHCR-Angaben 41,6 Millionen Menschen Flüchtlinge oder gehörten vergleichbaren Schutzgruppen an. Hinzu kamen neun Millionen Asylsuchende, deren Verfahren noch nicht abgeschlossen waren. Binnenvertriebene stellten mit 68,7 Millionen Menschen die größte Gruppe der gewaltsam Vertriebenen.

Kinder sind überproportional betroffen

Kinder machen 39 Prozent der Flüchtlinge, Menschen in flüchtlingsähnlichen Situationen und anderer international schutzbedürftiger Gruppen aus. Ihr Anteil liegt damit deutlich über ihrem Anteil an der Weltbevölkerung. Für viele von ihnen bedeutet Vertreibung den Verlust von Schule, familiärer Stabilität und sicheren Lebensbedingungen.

Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan verwies darauf, dass hinter den Zahlen individuelle Schicksale stehen. „118 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Hinter dieser dramatischen Zahl stehen 118 Millionen Schicksale: Menschen, die ihre Heimat verlieren, weil sie in Schutt und Asche liegt. Familien, die lebenslang auseinandergerissen werden. Kinder, die ihre Kindheit verlieren und ohne Perspektive aufwachsen“, erklärte sie.

Entwicklungszusammenarbeit als Teil der Fluchtpolitik

Für die Ministerin zeigen die aktuellen Zahlen zugleich, dass sinkende Vertriebenenzahlen allein kein Erfolgskriterium sind. Viele Menschen kehrten in Länder zurück, die weiterhin von Konflikten und Instabilität geprägt sind. Deshalb müsse die internationale Gemeinschaft stärker an den Ursachen von Flucht ansetzen.

„Für mich ist klar: es reicht nicht aus, nur auf die Folgen von Flucht zu reagieren. Wir müssen gemeinsam bei den Ursachen ansetzen“, erklärte Alabali Radovan. Entwicklungszusammenarbeit könne dazu beitragen, Perspektiven in Herkunfts- und Aufnahmeländern zu schaffen – etwa durch Bildung, Gesundheitsversorgung, Beschäftigungsmöglichkeiten und den Ausbau kommunaler Infrastruktur.

Gerade für afrikanische Aufnahmeländer wie Uganda oder Tschad gehe es nicht nur um humanitäre Hilfe, sondern auch um langfristige Investitionen in Schulen, Gesundheitsdienste und lokale Wirtschaftsentwicklung. „Denn dort, wo Menschen Perspektiven auf eine Zukunft bekommen, muss niemand fliehen“, sagte die Ministerin.

Resettlement bricht ein

Ein weiterer Befund des UNHCR-Berichts betrifft sichere Aufnahmewege. Die Zahl der Flüchtlinge, die über Resettlement oder Sponsoring-Programme in Drittstaaten aufgenommen wurden, fiel 2025 um mehr als die Hälfte. Insgesamt wurden 81.800 Menschen über solche Wege aufgenommen.

Dieser Rückgang steht einem deutlich höheren Bedarf gegenüber. UNHCR hatte für 2025 rund 2,9 Millionen Flüchtlinge mit Resettlement-Bedarf geschätzt. Die wichtigsten Aufnahmeländer in diesem Bereich waren Australien, Kanada, Frankreich und die Vereinigten Staaten.

Für Länder in Afrika, die große Flüchtlingsgruppen über viele Jahre aufnehmen, verschärft die geringe Zahl internationaler Aufnahmeplätze den Druck. Viele Fluchtsituationen dauern inzwischen über Jahre oder Jahrzehnte an. UNHCR beziffert die Zahl der Flüchtlinge in langanhaltenden Situationen auf 24,9 Millionen.

Hilfe allein beendet Vertreibung nicht

Vertreibung bleibt eine langfristige Herausforderung. In Ost- und Südafrika verbringen registrierte Flüchtlinge und Asylsuchende im Median fast 16 Jahre im Asylsystem. Familien mit fünf oder mehr Mitgliedern bleiben im Schnitt noch deutlich länger in einer solchen Lage.

UNHCR leitet daraus die Notwendigkeit ab, Flüchtlinge stärker in nationale Systeme einzubeziehen. Dazu gehören Bildung, Gesundheitsversorgung, Arbeitsmärkte, Ausweisdokumente, soziale Sicherung und lokale Wirtschaftsentwicklung.

Alabali Radovan sieht darin auch einen politischen Auftrag für die internationale Gemeinschaft. „Das ist gelebte Solidarität – und es ist eine Frage strategischer Vernunft: Wer Fluchtbewegungen nachhaltig verringern will, muss in Stabilität, Entwicklung und Partnerschaften investieren“, erklärte sie. Eine gerechtere und sicherere Welt entstehe nicht an Grenzen, sondern durch gemeinsame Verantwortung weit darüber hinaus.

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