UN-Generalsekretär António Guterres hat ein Ende der illegalen Ausbeutung natürlicher Ressourcen gefordert, mit deren Erlösen bewaffnete Gruppen und kriminelle Netzwerke finanziert werden. Die Forderung erhob er am 22. Juli 2026. Bei einer offenen Debatte des UN-Sicherheitsrats verwies Guterres besonders auf die Demokratische Republik Kongo und den Sudan. Rohstoffreiche Staaten müssten einen größeren Anteil der Wertschöpfung behalten und ihre Ressourcen zur Finanzierung von Entwicklung und Frieden einsetzen können.
„Keine Ausbeutung mehr. Keine Plünderung mehr“, sagte Guterres in New York. Einnahmen aus dem illegalen Abbau und Handel mit Rohstoffen verlängerten Konflikte, stärkten bewaffnete Akteure und verringerten deren Bereitschaft zu politischen Kompromissen.
Die Demokratische Republik Kongo hatte die Debatte während ihres Vorsitzes im Sicherheitsrat auf die Tagesordnung gesetzt. Außenministerin Thérèse Kayikwamba Wagner leitete die Sitzung. Vertreter aus rohstoffreichen Staaten, internationalen Organisationen und Mitgliedsländern des Sicherheitsrats berieten darüber, wie mineralische Ressourcen stärker mit Friedenspolitik, transparenter Regierungsführung und lokaler Wertschöpfung verbunden werden können.
Rohstoffboom verschärft geopolitischen Wettbewerb
Lithium, Kobalt, Nickel, Kupfer, Graphit und Seltene Erden gehören zu den zentralen Rohstoffen der Energie- und Technologiewende. Sie werden für Elektrofahrzeuge, Batterien, Windkraftanlagen, Solartechnik, elektronische Geräte und Rüstungstechnologien benötigt.
Die weltweite Nachfrage nach kritischen Mineralien könnte sich nach Angaben der Vereinten Nationen bis 2030 verdreifachen und bis 2040 vervierfachen. Gleichzeitig konzentrieren sich Abbau und Verarbeitung auf wenige Länder. Indonesien stellte 2025 rund 67 Prozent der weltweiten Nickelproduktion. China kam auf 69 Prozent der geförderten Seltenen Erden und 78 Prozent des natürlichen Graphits. Australien, Chile und China erzeugten gemeinsam 72 Prozent des weltweit gewonnenen Lithiums.
Guterres sieht darin wirtschaftliche Chancen für rohstoffreiche Länder, aber auch wachsenden Druck auf Lieferketten. Der Wettbewerb um strategische Ressourcen verschärfe geopolitische Spannungen und könne Konflikte mit schweren humanitären Folgen befeuern.
Besonders groß sei die Lücke zwischen dem formalen Recht eines Staates auf seine Rohstoffe und seiner tatsächlichen Fähigkeit, deren wirtschaftlichen Wert zu nutzen. „Nirgendwo ist dieses Souveränitätsdefizit größer als in Afrika“, sagte der UN-Generalsekretär. Koloniale Strukturen und Schwächen staatlicher Institutionen erschwerten es vielen Ländern, Einnahmen zu sichern und in die eigene Entwicklung zu investieren.
Kongo liefert Rohstoffe für die Energiewende
Die Demokratische Republik Kongo steht im Zentrum des weltweiten Rohstoffwettbewerbs. Das Land verfügt über große Vorkommen von Kobalt, Kupfer, Coltan, Lithium und Seltenen Erden. Nach Angaben der Vereinten Nationen befinden sich dort rund 60 Prozent der weltweiten Coltanreserven. Der Kongo liefert zwischen 50 und 70 Prozent des globalen Kobalts und ist der zweitgrößte Kupferproduzent der Welt.
Trotz der milliardenschweren Rohstoffwirtschaft zählt das Land weiterhin zu den am wenigsten entwickelten Staaten. Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung leben nach UN-Angaben in extremer Armut. Im Index der menschlichen Entwicklung belegt der Kongo Platz 171 von 193 Staaten.
Im Osten des Landes profitieren bewaffnete Gruppen seit Jahren vom illegalen Bergbau und Schmuggel. Einnahmen aus Gold, Coltan, Zinn, Tantal und Wolfram finanzieren Milizen und ermöglichen die Fortsetzung bewaffneter Auseinandersetzungen. Zugleich durchlaufen die Rohstoffe internationale Lieferketten und gelangen über Nachbarländer auf globale Märkte.
Außenministerin Kayikwamba Wagner forderte deshalb eine „neue internationale Doktrin“, die Rohstoffpolitik als Bestandteil der internationalen Friedens- und Sicherheitsordnung behandelt. „Es kann keinen wirklich gerechten Übergang zur Energiewende geben, wenn er auf Ungerechtigkeit gegenüber den produzierenden Völkern beruht“, sagte sie.
Produzentenländer verlangten Partnerschaften, die industrielle Verarbeitung im eigenen Land, Beschäftigung und höhere öffentliche Einnahmen ermöglichen. Sichere Lieferketten seien ohne Sicherheit der Staaten und Gemeinden, aus denen die Rohstoffe stammen, nicht erreichbar.
Gold finanziert den Krieg im Sudan
Auch im Sudan treiben Rohstoffe den Konflikt an. Guterres nannte insbesondere Gold und Gummi arabicum als Einnahmequellen, die den Kampf um politische und territoriale Kontrolle verschärfen.
Der illegale Goldhandel verbindet bewaffnete Akteure im Sudan mit regionalen und internationalen Handels- und Finanznetzwerken. Die Europäische Union kündigte deshalb an, den Kauf, die Einfuhr und die Weitergabe von Gold aus dem Sudan zu verbieten. Zugleich sollen Ausfuhren von Quecksilber und Zyanid untersagt werden, die beim Goldabbau eingesetzt werden.
Guterres forderte Kontrollen entlang der gesamten Lieferkette. Rohstoffe würden häufig in einem Land abgebaut, über ein zweites Land transportiert, in einem dritten verarbeitet und anschließend auf internationalen Märkten verkauft. Maßnahmen allein am Ort des Abbaus reichten daher nicht aus.
Produzenten-, Transit- und Verbraucherländer müssten Informationsaustausch, Herkunftsnachweise und unternehmerische Sorgfaltspflichten miteinander verbinden. Rechtliche Lücken zwischen nationalen Systemen ermöglichten es bewaffneten Gruppen und kriminellen Netzwerken, Rohstoffe in legale Handelswege einzuschleusen.
Mehr Wertschöpfung soll in Afrika bleiben
Guterres formulierte vier Schwerpunkte für eine neue Rohstoffpolitik: gerechtere wirtschaftliche Erträge, die Unterbindung illegaler Finanzströme, die friedliche Beilegung rohstoffbezogener Konflikte und die stärkere Berücksichtigung klimatischer Veränderungen.

Rohstoffreiche Staaten sollen nach seinen Vorstellungen Bergbauverträge besser aushandeln, Verarbeitungskapazitäten im eigenen Land aufbauen und öffentliche Einnahmen transparenter verwalten können. Unternehmen müssten Umwelt- und Menschenrechtsstandards einhalten. Betroffene Gemeinden sollten unmittelbar an den wirtschaftlichen Erträgen beteiligt werden.
Die Generaldirektorin der Welthandelsorganisation, Ngozi Okonjo-Iweala, bezeichnete die steigende Nachfrage nach kritischen Mineralien als eine historische wirtschaftliche Chance für Afrika und andere rohstoffreiche Regionen. Sie könne industrielle Entwicklung beschleunigen, neue Einnahmen schaffen und den Lebensstandard von Millionen Menschen erhöhen.
Schwache Institutionen, Korruption und ungleiche Verteilung könnten Rohstoffreichtum jedoch in einen Treiber von Gewalt und Armut verwandeln. Okonjo-Iweala forderte deshalb eine Handelspolitik, die afrikanischen Staaten mehr Verarbeitung und industrielle Produktion ermöglicht.
Afrikanische Staaten verlangen Kontrolle über eigene Ressourcen
Mehrere Teilnehmer der Sicherheitsratsdebatte betonten die staatliche Souveränität über natürliche Ressourcen. Indonesiens stellvertretender Außenminister Arrmanatha Christiawan Nasir verwies auf die koloniale Ausbeutung seines Landes während des internationalen Gewürzhandels. Heute konzentriere sich der Wettbewerb auf Nickel, Kobalt und weitere kritische Mineralien.
„Wem dient dieser Reichtum tatsächlich?“, fragte Nasir. Die natürlichen Ressourcen Indonesiens gehörten der Bevölkerung und müssten zu deren Wohlstand beitragen.
Auch Russland warnte vor einer Fortsetzung kolonialer Wirtschaftsstrukturen. Rund 20 afrikanische Volkswirtschaften seien stark vom Export unverarbeiteter Mineralien abhängig. China forderte ein offenes und kooperatives System der Rohstoffpolitik und wandte sich gegen die politische Instrumentalisierung von Lieferketten.
Kolumbien warnte vor einem neuen globalen Rohstoffboom, bei dem Umwelt- und Sozialkosten im Globalen Süden verbleiben, während ein großer Teil der wirtschaftlichen Erträge im Globalen Norden anfällt. In vielen rohstoffreichen Regionen überschneiden sich Mineralvorkommen mit besonders artenreichen Ökosystemen und den Lebensräumen indigener Gemeinschaften.
Regionale Herkunftsnachweise sollen Schmuggel erschweren
Die Internationale Konferenz der Region der Großen Seen verwies auf ihr Zertifizierungssystem für Zinn, Tantal, Wolfram und Gold. Es soll dokumentieren, wo Rohstoffe abgebaut wurden und ob ihre Erlöse bewaffnete Gruppen finanzieren.
In der Demokratischen Republik Kongo seien in den vergangenen Jahren mehr als 33.000 Zertifikate ausgestellt worden, erklärte der Exekutivsekretär der Organisation, Mutiba Luwabelwa. Die Zertifizierung müsse durch die Formalisierung des Kleinbergbaus, Zugang zu Finanzierung und eine stärkere Beteiligung lokaler Gemeinden ergänzt werden.
Die Vereinten Nationen unterstützen die Demokratische Republik Kongo, Mosambik, Uganda und Sambia beim Aufbau regulatorischer Strukturen, bei der Verhandlung von Bergbauverträgen sowie bei der Verarbeitung und Veredelung von Rohstoffen. In Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik, dem Tschad und der Demokratischen Republik Kongo fließen Klima-, Umwelt- und Rohstoffrisiken zudem in die Frühwarnsysteme der Vereinten Nationen ein.

