UN-Organisation will Palantir-Vertrag trotz Warnungen verlängern

Das Welternährungsprogramm will weitere fünf Jahre mit Palantir zusammenarbeiten – obwohl ein interner UN-Audit ungelöste Datenschutzprobleme festhält. Die Software ist inzwischen tief in die weltweiten WFP-Lieferketten integriert.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) will seine Zusammenarbeit mit dem US-Softwareunternehmen Palantir um weitere fünf Jahre verlängern, obwohl ein interner Prüfbericht ungelöste Datenschutz- und Risikofragen festhält. Die Unterzeichnung soll nach WFP-Quellen im August erfolgen. Palantir stellt dem WFP mit dem Digital Operations and Transformation System, kurz DOTS, eine zentrale Plattform zur Steuerung seiner weltweiten humanitären Lieferketten bereit. Innerhalb der UN-Organisation wächst zugleich der Widerstand gegen die Partnerschaft.

Interner Audit sieht Probleme mit Datenschutz

Der interne Prüfbericht des Büros des WFP-Generalinspekteurs stammt vom August 2025. Darin ist von „unzureichendem Risikomanagement“ und fehlenden angemessenen Richtlinien für den Datenschutz im Verhältnis zu Palantir die Rede. Die Prüfer stuften das Problem als hohe Priorität ein.

„Seit Beginn der Partnerschaft wurden zentrale Datenschutzbedenken, die sowohl von internen als auch externen Beteiligten hinsichtlich der Nutzung von DOTS geäußert wurden, nicht angemessen behandelt“, heißt es in dem Bericht, über den PassBlue und France 24 gemeinsam berichten.

Das WFP bestätigte gegenüber beiden Medien, dass eine Verlängerung des bestehenden Fünfjahresvertrags vorbereitet werde. Umfang und Bedingungen sollen demnach im Wesentlichen dem Vertrag von 2019 entsprechen.

Palantir-System tief in WFP-Strukturen integriert

Palantir arbeitet bereits seit 2017 mit dem Welternährungsprogramm zusammen. 2019 wurde die Partnerschaft formalisiert. DOTS verbindet Daten aus unterschiedlichen Systemen und soll dem WFP helfen, Hilfslieferungen, Logistik und Lieferketten effizienter zu steuern.

Ein ehemaliger WFP-Mitarbeiter, der intensiv mit der Palantir-Software gearbeitet habe, erklärte gegenüber PassBlue und France 24, inzwischen würden rund 98 Prozent der WFP-Operationen DOTS nutzen. Ein Ausstieg könnte deshalb technisch schwierig werden.

Auch der interne Audit bemängelt, dass keine klar definierte Ausstiegsstrategie für DOTS existiere und mögliche Kosten eines Endes der Zusammenarbeit nicht ausreichend geklärt seien.

Das WFP widerspricht allerdings der Darstellung, von einem einzelnen Technologieanbieter abhängig zu sein.

Millionen Menschen in biometrischer WFP-Datenbank

Die Datenschutzdebatte erhält zusätzlich Gewicht durch die Datenbestände des Welternährungsprogramms. Das WFP verwaltet mit seinem System SCOPE eine der weltweit größten biometrischen Datenbanken. Darin befinden sich Informationen über Millionen Menschen, darunter Empfänger humanitärer Hilfe.

Nach Angaben früherer WFP-Verantwortlicher erhielt Palantirs System zwar Zugang zu Datensätzen über die Verteilung humanitärer Hilfe, nicht jedoch zu personenbezogenen Daten der Begünstigten. UN-Insider erklärten, biometrische SCOPE-Daten seien ausdrücklich von Palantir abgeschirmt worden.

Das WFP betont, sämtliche eigenen Daten selbst zu verarbeiten und zu kontrollieren. Technologieverträge enthielten strenge Vorgaben zu Datenschutz und Sicherheit.

Streit über mögliche Nutzung von Daten

Zusätzliche Fragen wirft eine Klausel des ursprünglichen Vertrags auf. Ein mit der Vereinbarung vertrauter Experte erklärte gegenüber den beiden Medien, Formulierungen zur Nutzung von Daten zur „Verbesserung der Systemleistung“ könnten theoretisch ermöglichen, Informationen zur Weiterentwicklung von Algorithmen zu verwenden.

Palantir weist eine solche Nutzung zurück. Das Unternehmen erklärte, Kundendaten weder für eigene Zwecke zu verwenden noch zu speichern oder zu verkaufen. „Wir verwenden Kundendaten nicht zum Trainieren von Modellen“, teilte ein Sprecher mit.

Das Unternehmen erklärt auch auf seiner eigenen Plattform, Kundendaten grundsätzlich nicht zum Training seiner Modelle einzusetzen, sofern Kunden dies nicht ausdrücklich verlangen.

Widerstand innerhalb des Welternährungsprogramms

Innerhalb des WFP wird die Zusammenarbeit zunehmend kontrovers diskutiert. Im April 2026 fragte ein Mitarbeiter bei einer Sitzung in der WFP-Zentrale in Rom: „Warum arbeiten wir immer noch mit Palantir zusammen?“ Die Frage wurde nach Angaben von UN-Insidern mit Applaus von Mitarbeitern aufgenommen.

Bereits zuvor hatten UN-Beschäftigte in einem Schreiben an die damalige WFP-Leitung Bedenken geäußert, die Partnerschaft könne im Widerspruch zu menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten der Organisation stehen.

Auch die Kommunikation über Palantir war intern umstritten. Pedro Garbellini, der bis Ende 2025 in der Technologieabteilung des WFP arbeitete, beschrieb eine ungeschriebene Regel innerhalb der Organisation mit den Worten: „Nie über Palantir sprechen.“ Grund seien mögliche Reputationsrisiken gewesen.

Palantir verweist auf Effizienzgewinne

Die technologische Abhängigkeit ist innerhalb des WFP ebenfalls umstritten. Während ein Mitarbeiter die Software gegenüber den recherchierenden Medien als wenig innovativ bezeichnete, bewertete ein anderer ehemaliger Nutzer DOTS als das beste verfügbare Werkzeug seiner Branche.

Die Plattform ermögliche es, unterschiedliche Datensätze zusammenzuführen, eigene Anwendungen zu entwickeln und die gesamte Lieferkette zu optimieren. Ein Wegfall des Systems würde nach seiner Einschätzung die WFP-Lieferkette schwer beeinträchtigen.

Palantir erklärte, stolz auf die Zusammenarbeit mit dem Welternährungsprogramm zu sein.

Der ursprüngliche Vertrag von 2019 hatte einen angegebenen Wert von 45 Millionen US-Dollar und wurde als Pro-bono-Vereinbarung geschlossen. Das UN-Beschaffungsportal weist zugleich für den Zeitraum von 2017 bis 2024 Zahlungen an Palantir von insgesamt mehr als 10,5 Millionen Dollar aus. Das WFP erklärte, auch bei kostenlos bereitgestellter Software entstünden Kosten für Cloud-Infrastruktur, Hosting und zusätzlichen technischen Support.

Frankreich beendet Zusammenarbeit mit Palantir

Die Debatte über Palantir reicht inzwischen weit über das WFP hinaus. Frankreichs Inlandsgeheimdienst DGSI beendete im Juni seine Zusammenarbeit mit dem US-Unternehmen und wechselte zu einem heimischen Anbieter. Als Gründe wurden unter anderem Datensouveränität und digitale Widerstandsfähigkeit genannt.

Auch der deutsche Inlandsnachrichtendienst hat dem Bericht zufolge seine Zusammenarbeit mit Palantir beendet.

In Großbritannien steht die Nutzung der Technologie ebenfalls unter Druck. Der National Health Service musste im Mai einräumen, dass bestimmte Palantir-Mitarbeiter Zugriff auf identifizierbare Patientendaten haben können.

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